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Neue Zeitung · 1906-09-19 · Heft 3 (19.9.1906) · p. Seite 3

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 3 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Neue Zeitung Seite 3 von Zloczow und Brody sollten sich eines solchen Verbrechens schuldig machen können? . . . Und Die Pessimisten sind überrascht. «sie sehen, wie das sogenannte galizische . Zentralkomitee für „Wahlraub und Wahlschwindel" alles daran setzte, um sich diesen „redlich" erworbenen „Ehrennamen", wieder zu verdienen. Sie hörten die Drohungen der gesamten polnischen Presse. Hatte jasogar das Organ der den Polenklub nicht angehörenden Volkspartei die Kühnheit, den Juden die Entziehung der spärlichen, ihnen im Wahlreformentwurf zugedachten Mandate anzudrohen und das Organ der Allpolen, welchen sich auch Dr. Gold anschloß, die Frechheit, den Juden zu erklären, sie würden durch die Wahl eines Nationaljuden zu erkennen geben, daß'sie ähnliche Verhältnisse wie in Rußland herbeisehnen. Dann die alten Landsleute, die längst verstorben sind oder bereits das amerikanische Bürgerrecht erlangt haben und denen der gütige Zloczower Vizebürgermeister und Kandidat beim Verfaßen der Liste das Wahlrecht verlieh, um mit ihrer Hilfe gewählt zu werden und das Polentum zu retten!,Und schließlich weiß man ja auch, was es für die Wähler der dritten Kurie bedeutet, gegen den -Machthaber zu stimmen. Magistrats-Kommissionen können plötzlich der' Widerspenstigen Häuser baufällig, die Dächer feuergefährlich, die Geschäfte den Anforderungen der Hygiene nicht entsprechend, die Viktualien gesundheitsschädlich finden. Und bei der Steuerkommission macht man sich gewiß nicht beliebt, wenn man gegen die regierende Partei votiert. ' Dennoch fanden sich über vierhundertundfünfzig jüdische Bürger, die sich unerschrocken für das Ideal der nationalen Bollberechtigung der Juden einsetzten und durch ihren Stimmzettel den Machthabern zu erkennen gaben,. daß sie schon müde seien, die Wirtschaft der Verleugner und Schädlinge des Judentums weiter zu.ertragen. - Werfen wir auf die Wagschale zu den Stimmen, die Adolf Stand erhielt, die Hindernisse, unter welchen sie abgegeben wurden, so sieht man -den Erfolg, der wohl nur ein moralischer, aber nichtsdestoweniger ein glänzender ist. Die Mehrheit-der jüdischewStimmen Entfiel auf den ^Jüdischnationalen und nur' die polnischen Zettel über- . wogen zugunsten des Gegners. Diese. Tatsache, die dem Streber, dessen Ehrgeiz befriedigt wurde, ganz gleichgiltig ist,' ist für uns ein Trost und eine Zuversicht für die Zukunft. Die Arbeit der letzten Jahre war nicht vergebens: Das Judentum hat in Galizien, seit den letzten Wahlen, welche vor sechs Jahren stattfanden, einen solchen Aufschwung genommen, daß es die Wahlmacher von damals heute nicht wieder erkannten. Erbitterter Wahlkampf in Zloczow--Brody .jwischen dem Kandidaten der Jüdisch-Nationalen und dem die - üdischen Polenklub-Gefolges. Der letztere siegt, der erstere trägt aber einen großen moralischen Erfolg davon. Trepow stirbt, oder — wird gestorben. Angeblich wegen liberaler Häutung. Es ist nicht schade um ihn. Der Zar fährt auf der See spazieren und geht auf die Jagd! . . . Eine einzige Entschuldigung: Er muß vielleicht. . . Das österreichische Parlament wird eröffnet. Große Erwartungen knüpfen sich an die Session, die das allgemeine Wahlrecht bringen soll. Unser Verhältnis zu den anderen in Galizien wohnenden Nationen wurde durch diese Wahlen wieder grell beleuchtet. Es gibt unter den Polen keine einzige Partei, welche die jüdische Nationalität anerkennt und wird es so lange nicht geben, so lange die Juden zum Werkzeug der Ruthenenunterdrückung herabgewürdigt werden. Dabei sind die Polen alle viel zu judenfeindlich, um die Juden als gleichwertige Volksgenossen anzusehen. Die sich als „Polen betrachtenden Juden", wie sie köstlich das „Slowo polskie" nennt, sind nur tote Zahlen, welche die polnische Statistik benötigt. Was die Stellungnahme der Ruthenen betrifft, die einen eigenen Zählkandidaten ausstellten, und der nationaljüdischen Kandidatur ihre Unterstützung nicht zuteil werden ließen, so ist diese leicht zu erklären. Sie sind erbittert und mißtrauisch, weil die Juden, deren nationale Individualität sie voll anerkennen, deren Forderung um das Recht der Selbstbestimmung sie unterstützen, sich trotzdem von den Polen zu ruthenenfeindlichen Zwecken mißbrauchen lassen. Die. nationaljüdischen Parteien müssen Umschau halten, müssen endlich erkennen, wo sie die Feinde und wo die Freunde jüdischen Volkstums und jüdischer Interessen finden und daraus die Konsequenzen ziehen. L. S. Wochenschau. Die Judeilheit steht unter dem Eindrücke der furchtbaren Militär Pogrome von Siedle e, bei welchen man die Juden nicht aus der Stadt ließ, um sie besser massakrieren zu können. In B € j a (Tunis) fand auch eine Art M i l i t ä pogrom gegen Juden statt. Die Täter waren trunkene arabische Soldaten. Zur Uarlamenlseröffnung. Wien, den 18. September 1906. Der Wahlreformausschuß arbeitet, schon fast eine Woche, und das Parlament selbst beginnt heute seine Tätigkeit. Es wird, eine der inhaltsreichsten Sessionen werden, eine Veränderung der Grundzüge unseres staatlichen Lebens steht bevor. Das allgemeine Wahlrecht wird seinen Einzug bei uns halten — damit werden wir ein großes Stück aus dem Wege der Gesundung Oesterreichs vorwärts gekommen sein. Mer wer da glaubt, daß damit auch alles;etan sei, täuscht sich. Das wäre doch zu schablonenjaft gedacht. Die Tatsache, daß Oesterreich mit Ungarn auf eine ganz merkwürdige und unhaltbare Weise zusammenhängt, und die weitere Tatsache, daß hüben sowohl als drüben keine nationale Einheitlichkeit, sondern eine Vielheit von Stämmen vorhanden ist — diese beiden Tatsachen verlangen ihre selbständigen Lösungen. Das allgemeine Wahlrecht, einmal durchgeführt, wird diese Notwendigkeit nur noch mehr beleuchten. Das wird sein Verdienst sein. In der ungarischen Frage sind noch die Wenigsten richtig orientiert. Die Meisten glauben noch, daß sich alles zum besten wenden werde, sobald sich Oesterreich und Ungarn vollständig separieren werden. Und in der letzten Woche hat der Wgeordnete Grabmayr speziell gegen den großösterreichischen Gedanken gewütet. Der Mann ist allerdings zu verstaubt, um etwas davon zu verstehen. Aber auch die führenden Persönlichkeiten der Sozialdemokratie versagen meist noch in dieser Hinsicht; eS ist die Verachtung staatsrechtlicher und nationaler „Zufälligkeiten", die sie noch nicht überwunden-haben. Und-bedauerlich ist nur> daß gerade bei den Juden unter ihnen das Dogma am ungelockertsten ist. Bei den Nichtjuden sieht es da ganz anders aus. . Allerdings, wo die Wrechnung mit sich selbst nicht so schwer ist, wie in der ungarischen Frage — in der Frage der österreichischen Nationalitäten, — haben sich die Sozialdemokraten in anerkennenswerter Weise entwickelt. Ganz richtig hat Dr. Adler im Wahlreformausschuß gelegentlich der polnischen Quertreibereien hervorgehoben, daß Oesterreich über die Länderautonomie zur nationalen Autonomie fortschreiten müsse. Den polnischen Machenschaften scheint er übrigens zu vertrauensvoll entgegenzukommen. Gar so unbedeutend ist die Aktion des Herrn von S t a r z i n s k i nicht. Die Schlachzizen wissen, was sie tun. Sie wissen, daß es nur ihnen zugute kommen kann, wenn die Landtagskompetenzen genauer abgesteckt werden. Die Kosten dieser Absteckung müssen dann die Juden und die Ruthenen bezahlen. Und Herr von Wassilko hat sehr Recht getan, den polnischen Herren sofort auf die Hühneraugen zu treten und das Prinzip der nationalen Autonomie anzurufen. Es ist ein hoffnungsvolles Symptom, daß sich in den letzten Zeitläuften immer mehr Politiker der verschiedenen Völker mit dem Gedanken der nationalen Autonomie vertraut machen. Speziell die Juden, die mit ihrer ganzen politischen und wirtschaftlichen Existenz auf den Sieg dieses Gedankens angewiesen sind, worüber wir noch eingehend sprechen werden. Zum bevorstehenden Jahreswechsel. Ein Wiener Leser schreibt uns: So oft ein Jahr seinem Ende zuneigt, erwacht i der jüdischen Volksseele ein vehementes Bedürfnis, sich Gott zu nähern, um sich mit ihm zu versöhnen. — Dieses Bedürfnis ist in der Tat ein solch intensives, daß es dem Einzelnen möglich wird, für eine kurze Weile den Flug zur Gottheit zu wagen. — Da aber alles Tun der Menschen notwendig greifbare Formen hervorbringen muß, so glauben sie auch dem Verkehr mit ihrem Schöpfer eine sichtbare Gestalt geben zu müffeii; und io werden, besonders in den großen Zentren, improvisierte Brücken aus Brettern und Holzlatten in aller Eile geschlagen, auf welchen die Hunderte und Tausende jüdischer Seeleu ihre Wallfahrt zum Himmel vollziehen. — Mit Recht wird gesagt, daß vom Tragischen bis zum Komischen bloß ein kurzer Schritt ist. Die religiösen Gefühle jedes Einzelnen wie insbesondere eines ganzen Volkes müssen gewiß respektiert werden; wenn man aber zusieht, welcher Mißbrauch mit diesen religiösen Empfindungen getrieben wird, und daß auch hier das merkantilistische Grundprinzip von Angebot und Nachfrage den Wert eines Sitzplatzes in einem Tingel-Tangel Lokal, einem Nachtrassee, oder sonst leerstehenden Gewölbe bestimmt, dann beschleichen den denkenden Menschen manche Zweifel, und so manche Frage drängt sich unserem Geiste auf. So indolent das jüdische Volk in bezug auf die Würde seines religiösen Arltus ist, ebenso indolent und mittlos ist dieses Volk, wo es gilt, seine Menschenrechte zu wahren und zu verteidigen... „Und vollends Tränen!" Mit den Tränen aber, die wir an den hohen Festtagen in den Wirts-Gotteshäusern gegen Eittree und unter Polizeibewachung um das in den letzten zwei Jahren in Rußland vergossene jüdische Blut weinen, wird den toten Opfern und den überlebenden Krüppeln, Witwen und Waisen wenig gedient sein; auch können weitere Pogroms dadurch kaum hintangehalten werden. Das jüdische Volk muß endlich aus seiner Lethargie erwachen und laut und vernehmlich von der ganzen ziviliierten Welt Schutz und Recht für die bedrückten und ver- 'olgten Glaubensbrüder fordeni. Das Horn des Widders reicht in solcher Zeit der niedrigsten Barbarei als Posaune nicht mehr aus, jetzt müssen andere Mittel gewählt werden, wenn unsere Stimme nicht ungehört verhallen soll. Was wir aber an den heiligen Tagen, in denen wir vor dem Weltenrichter, dem Gotte unserer Väter, dem einzigen Gotte aller Menschen hintreten, tun sollen, ja tun müssen, ist die Vereinigung unserer Gebete zu einem Fluch auf all die Urheber und Vollstrecker der greulichen Bestialitäten in Rußland. kl. Ch. Sohrrrifches Parteiwesen. Prag, 15. September 1906. Seit Jahrzehnten ist die inner-österreichische Politik vorwiegend eine böhmische, die Kultivierung des deutsch-tschechischen Streites, die „brennendste Frage" der herrschenden politischen Kreise. Auch die Juden haben zu ihrem eigenen Schaden, sowie zum Schaden Gesamtösterreichs und aller Nationen sich in den Dienst dieser ebenso reichswie volksfeindlichen Politik der erbgesessenen parlamentarischen Koterien begeben und sie ernten nun auf deutscher und tschechischer Seite den — Antisemitismus nationaler und christlichsozialer Observanz. Der Scheinliberalismus, welcher in nationaler Hinsicht demagogisch, in politischen Fragen Pseudo-' freisinnig, in wirtschaftlichen kapitalistisch war, hat bei Deutschen und Tschechen abgewirtschaftet und sowohl in Böhmen wie Mähren dem Neu- Klerikalismus den Weg geebnet. Schon die nächsten auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes stattfindenden Reichsratswahlen werden den Bankrott der „Deutsch-Fortschrittler", der „Deutschen Volksparteiler" der Schönererianer, den Niedergang der Jungtschechen, sowie das rapide Anwachsen der deutschen Christlichsozialen und tschechischen Klerikalen (letzterer besonders in Mähren) erweisen. Der Katholikentag in Eger, einer bisherigen Hochburg der Schönererianer, ist ein deutlicher Fingerzeig der Entwicklung der deutschbürgerlichen Politik: Vom Pseudoliberalismus, via Deutschnationalismus, zum christlichen Sozialismus und Klerikalismus. Und ebenso ebnen die Jungtschechen und Tschechisch-Radikalen mit ihrem Nur- Nationalismus und Antisemitismus den tschechischen Klerikalen den Weg, soweit die Bevölkerung sich nicht der realistischen Masarykgruppe, der einzigen modernen und auch gegen die Juden gerechten Partei, den Agrariern oder den Sozialdemokraten anschließt. Das ganze bürgerliche und auch proletarische Parteiwesen ist in Gährung begriffen! (Die freisozialistische Fraktion in Westböhmen, die auf Franz Oppenheimer fußt, die tschechischsoziale und christlichsoziale Arbeiterftaftion, sind deutliche Beweise, daß die allgemeine Zerklüftung sich nicht auf die Bourgeoisie beschränkt, sondern auch auf das Proletariat erstreckt.) Das jüdische Lager nun bietet in seiner eigenen Mitte ein Spiegelbild des allgemeinen Tohuwabohu und nur die einzige erfreuliche Lichtseite, daß die Assimilation an Boden verliert. Immer lauter erhebt sich daher hier zu Lande der Ruf nach einer volkstreuen modernen jüdischen, die nationalen und wirtschaftlichen Interessen der Volksgesamtheit vertretenden Landesrespektive Reichsorganisation, die eintretend für die eigene Autonomie Hand in Hand mit allen jenen Gruppen gehe, welche' die politische Konsolidierung und wirtschaftliche Regenerierung des Gesamtreiches, ein national-föderatives Groß-Oesterreich erstreben. .Dr. F. Unglaublich! Man schreibt uns aus Eger: Am 12. und 13. September 1906 fand vor dem hiesigen Kreisgericht eine Schwurgerichtsverhandlung gegen einen polnischen Juden, Isaak Holländer wegen Diebstahls, Betrug und Falschmeldung statt. Da sich der Angeklagte mit Wahnsinn rechtfertigte (er war tatsächlich in der Wiener

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