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Neue Zeitung · 1906-09-19 · Heft 3 (19.9.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 3 (19.9.1906)
Date
1906-09-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 N eu e- Z eitun g Nr. 3 Wie wir uns auch die Zukunft der Judenheit vorstellen mögen, — darin sind wir doch alle einig, daß wir uns die lebendigste Voraussetzung dieser Zukunft, die Juden selbst, erhalten müssen. Das wissen wir alle, daß mit jedem hundert russischer Juden, das man uns da droben im Lande der Huligane abschlachtet, ein Stück dieser Zukunft schwindet. Wollen wir wirklich so ein Stück nach dem andern schwinden sehen, ohne uns zu rühren? ... Rühren wir uns! - Vereinigen wir uns, die ganze Judenheit, zu einer gewaltigen, unwiderstehlichen Kundgebung, die unsere und der Völker Gewissen erwecken soll. Entsenden wir unsere Vertreter zu 'einer großen Versammlung, die irgendwo in einer Stadt des fteien Europa baldigst zu tagen hätte! Sprechen wir dort über alles, was sich zur Rettung unserer Brüder tun ließe! Vor allem aber rufen wir, als ein geeintes, ein ganzes Volk, unser „Wir klagen an!" in die Welt hinaus! Illid wir werden nicht umsonst rufen! Was war es denn, das Zolas berühmten Ausruf „Ich klage an", so erfolgreich machte, wenn nicht die Wucht, mit der die Anklage aus solchem Akunde kam, wenn nicht die Macht des Genius, der die Scham der Menschen aus ihrem Verstecke hervorholte? Me könnte sich aber der größte Einzelgenius mit dem Genius eines ganzen Volkes messen, das in einer mächtigen feierlichen Kundgebung der Welt sein Leid, aber auch seinen Willen und sein Urteil offenbart? O, lassen wir diesen Genius für uns sprechen! Schaffen wir für all den Schmerz, der uns durchwühlt, für Me die.Entrüstung,, die uns durchzittert, einen großen, einen geschichtlichen Ausdruck! Und auch wir werden Erfolg haben. Mr werden unsere Kräfte. erkennen und sanuneln. Und wir werden die Scham der Völker und Regierungen hervorlocken, auf daß sie ihr Pflicht- und Machtwort sprechen, von der sich die heruntergekommene russische Mordregierung wird beugen müpen. Ueberlegen wir. nicht lange! Siedlce liegt hinter uns, vor uns liegen'-- —- V-: .■ .''-t! .■*->■!■ sÄääs-ISs russischen Pogromen zu befaffen hätteangesichts der Wichtigkeit und Dringlichkeit der Sache, heute nochmals vertreten zu sollen. Was die technische Ausführung betrifft, so nwchte ich hinsichtlich Einberufung, Zusammensetzung und Tagesordnung folgende Anregungen geben:" Ein erstes Anregerkomitee fordert autoritative Persönlichkeiten und Vertreter großer Gesinnungs- und Arbeitsgruppen innerhalb der Judenheit auf, in das Einberuferkomitee zu treten und erwirkt, eventuell verstärkt, von diesem die Ermächtigung zur Exekutive und die nötigen Geldmittel. Die Diaspora wird in 300 Wahlbezirke eingeteilt. Jeder Wahlbezirk entsendet einen Delegierten. Große Gemeinden zerfallen , in mehrere Wahlbezirke. Kleine werden in einen zusammengelegt. In den größeren Orten werden wählende Versammlungen abgehallen. Ist der Ort zugleich Wahlbezirk, so ist der Gewählte Delegat. In Wahlbezirken, die sich über russischen Pogromen in den Jahren 1881 und und 1882 aus Rußland über New-Iork ergoß. Speziell aus Südrußland kamen sie zu zehntausenden gleichzeitig nach Amerika. Und das Wandern so vieler Juden wirkte auch auf die Polen in Lithauen, Polen und Galizien beispielgebend. Die letzten Jahre mit ihren Drangsalierungen in Rumänien und Verfolgungen in Rußland, führten wieder tausende und abertausende Juden über das große Wasser, — bis die heutige ungeheure jüdische Einwohnerzahl New-Iorks erreicht war, — und sie wächst fortwährend, trotzdem die Einwanderung erschwert ist.. Jüdischerseits denkt man schon lange über das Problem nach, .wie man den gestauten Massen einen Abfluß nach dem Innern des Landes verschaffen könnte. Denn es ist ein furchtbares Elend in diesem jüdischen New-Iork, — dank der Hast und Planlosigkeit, mit welcher die Einwanderungen bisher vor sich gingen. Möge das Problem eine beftiedigende Lösung finden! t. ganze Länder oder Landstriche ausdehnen, wählen die Ortsversammlungen für je 800 Teilnehmer einen - Wahlmann. Ortsversammlungen, die weniger als 500 Teilnehmer aufweisen, können nur'dann einen Wahlmann wählen, wenn sie mindestens 100 Besucher.anfweiien. Die Wahlmänner treten zur Wahl des Delegaten zusammen, den sie auch aus ihrer Mitte entnehmen können. Die Wählorversammlungen finden auf der ganzen Erde in ein und derselben Woche statt. - Außer den gewählten Delegaten gibt es solche der größeren Knltusgemeindeii und der großen jüdischen Bünde — und zwar soll jede solche Körperschaft eingeladen werden, für je 20.000 Mitglieder einen Delegaten zu nominieren. Zur Nominierung eines Delegaten genügen 5000 Mitglieder. Für russische Juden, die sich im.Auslande aufhalten — Rußland selbst kommt ja ' nicht in Betracht — muß noch ein Teilnahmemobus gefunden werden. Tagesordnung: Wahl des Bureaus. Darstellung der Lage. Appell an die Nationen. Wahl einer Kommission für die Verfaffnng des Motivenberichtes. Beratung anderer Mittel und eventuell Wahl von Kommissionen für. die Ergreifung derselben. - Ich halte diesen oder einen anderen Plan für ausführbar. Alles hängt von der Tüchtigkeit der Exekutive urid davon ab,. ob_ ihr genügende Geldmittel zur Verfügung stehen. Treffen' diese beiden Voraussetzungen zu, dann kann die Versammlung einen' Atonal nach dem Beginn der Arbeit stattfinden.' (Von Besuchen aus den allerentferntesten Gegenden, etwa Australien, müßte allerdings abgesehen werden.) « B. In Hinsicht auf die obigen Ausführungen und Vorschläge-wird vielleicht unser Leser folgende Nachricht, die wir in dem Warschauer jiddischen Tagblatte „Der Weg"' lesen, interes- „ Wie man uns aus guter Quelle mitteilt, interessieren sich die ausländischen diplomatischen Kreise, sehr für die Siedlceer Ereignisse. Die hiesigen Konsulcn erhielten von ihren betreffenden Regierungen Ordre, das Materiale genau zu sammeln und dem Ministerium des Aeußern zu übermittelm" j - Wahlkreise. . Von Dr. Max Diamant, Czernowitz. Als wir in ganz Galizien und Bukowina in hunderten Versammlungen für den jüdischen Kataster agitierten, waren alle altbewährten Schützer des/,/Judentums!! inj - cheynGesahr" «bei-der.Hand und alle winden, uns. freundschaftlich ab. „Um Gottes Willen! Sie wollen, daß man die Juden wieder ausscheidet aus den Völkern, Sie wollen das Ghetto".. Wir aber, die wußten/ was wir wollen und klar sehen, was wir. von unseren Forderungen erreichen können, schwiegen dazu. - Wir waren uns klar, daß. wir Heloten nur dann ein W e n i g bekommen werden, wenn wir Alles laut fordern. - Die Juden, die Angst vor dein Ghetto haben, sind auch von einer fürsorg-, lichen Geschichte vom. Kataster bewahrt geblieben, aber das Ghetto haben^sie bekommen. Nach einem A u s n a h m s r e ch t hat man sie behandelt, als die Kammerknecht e geschuhriegelt. Was man allen gegeben hat als ihr R e ch t, als Selbstverständlichkeit, den. Juden wurde' es geweigert. Und als man ihnen doch etwas geben mußte, gab man ihnen nicht Wahlkreise, wo.sie verfügen können, sondern politische Ansiedelungsrayone, wo sie als Wähler existieren dürfen. Man gab allen mit vollen Händen, allen Nationen, allen Parteien, allen Klaffen, allen Ständen, allen und dann warf man auch etwas den Juden zu. Man berücksichtigte die Kroaten und.. die Großgrundbesitzer, die Industriellen und die Konservativen, die Sozialdemokraten und die Protestanten, und für alle schuf man Wahlkreise in einer Zahl, welche ihrer Bedeutung, ihrem Einflüsse entspricht. Was man für die Juden tat, ist in klassischer Offenheit seinerzeit von dem „ostgalizischen Gelehrten" und Abgeordneten G l o.m b i n s k i im „Slowo Polskie" erzählt worden. Die Juden, die sich nicht zu den Polen zählen, hätten keinen Anspruch auf Mandate in Galizien — fallen .schon 200.000 weg, den übrigen gebühren 10—12, nach Glombinski allerdings, nach anderen 17—18. Der Abgeordnete Dr. Byk begnügte sich mit 8, nur 6 hat aber der Wahlreformausschuß zugestanden und übrigens dürste noch in manchen dieser sechs Wahlweise ein Christ gewählt werden. Es fteut auch den Herrn Glombinski sehr, wie' er in seinem Artikel berichtete, daß sich, tatsächlich in Stanislau, einem der sechs Kreise, die Juden für einen Christen einsetzen. Noch erkennbarer ist bei der Wahlkreiseinteilung in der Bukowina die Behandlung .der Juden als Menschen zu minderem Rechte. Die Juden sind für die Bukowina ein granitenes Fundament. Sie haben sich nächst der Regierung die größten Verdienste um die Entwicklung der Bukowina erworben. Sie haben durch "zähe Energie und! ruhelosen Fleiß -und hervorragende Intelligenz beinahe alles ge-, bracht, was dieses Land an wirtschaftlicher Entfaltung, an Zivilisation heute besitzt. Sie haben die Städte bevölkert, die Landstraßen mit Frachtwägen erfüllt, sie haben das Gewerbe belebt und die Kreditwirtschaft eingeführt, sie haben die Holzindustrie, die einzige im Lande, für die Zwecke des Landes entwickelt, sie sind in diesem Lande die Träger des politischen Fortschrittes, das regste Element des öffentlichen Lebens, sie schufen dem Lande, eine Presse, sie erhielten durch ein Menschenalter die junge Universität allein durch ihre Frequenz, sie sind, an allem Fortschritt, an aller Entwicklung im Lande im hervorragendsten Maße beteiligt. Und so sehr es unseren Judenfeinden wehe tut, sie können über die Juden hier nicht hinweg kommen. Nachdem aber die Debatte über die Bukowina im Wahlreformausschuß zu Ende war, sagte mir einer von der gewissen Sorte: „Zum ersten' Male, daß man unsere Juden nach Gebühr behandelt hat". Man hat uns nämlich nur politische Ansiedlungsrayone gegeben, Gebiete, wo wir auf die-Wahl Einfluß nehmen, als „Faktor" auftreten, .uns von den drei bei der Wahl streitenden Nationen wenigstens zwei zu Feinden machen können, während man jeder anderen politischen Gruppe im Lande eine Reihe unangefochtener Mandate sicherte. Wir' verlangten seinerzeit unser volles Recht als Nation. Das schien jenen Juden, die. für unser Recht nie einstehen, als das Geschrei nach dem Ghetto. Nun gebührt uns Juden in der Bukowina,. nicht als Nation, schon als politischer Individualität mit spezifischem Charakter,, als ausgeprägtem Faktor der Landesgeschichte ein unanfechtbares Recht auf Einflußnahme, auf den Gang des öffentlichen Lebens. Wo sind jene, die das Ghetto nicht wollten, welches wir ihnen angeblich zu bringen uns bemühten, um ihre Stimme zu erheben, wenn andereuns, nach/ Ghettorecht, behandeln?!. . 'i ^'WkÄiNwägen'diese' Betteidig'er^'des gleichen Rechtes für. die-Juden nicht au ch dieses-gleiche Recht gegen Anfechtung von n i ch t j ü bischer Seite zu verteidigen? Wir, sagen jene, wollen ins Ghetto zurück, s i e sind aber, sagen wir, mit dem Ghetto beladen, sie. können gar nicht hinaus. Eines ist gewiß. Wir werden diesen Zustand des geminderten Rechtes nicht demütig dulden, und weitsichtige Staatsmänner sind es auch nicht, die die Juden zur Unzufriedenheit erziehen. Es wird der Tag kommen, an welchem auch die Juden der politischen Ansiedlungsrayone zum Bewußtsein kommen werden, wo die 700.000 jüdischen Bettler Galiziens an den Staat die bange Frage richten werden. Warum gibst du uns Hungertyphus statt Arbeit und es. wird kein Sicherheitsventil da sein, die Explosivstoffe zu entfernen, die sich dann bilden werden. Klüger ist, wer vorsieht. Das russische Exempel ist gerade nicht ermunternd. Aus Frankreich hat sich die Revolution eine Generatton lang über Europa ergossen. Wie viele Generationen die Revolution in Rußland Dauern wird, ist schwer zu sagen. Provozierte, unzufriedene Elemente in Galizien, denen nicht einmal die Möglichkeit geboten ist, ihre Schmerzen auszuschreien, sind gerade keine guten politischen Isolatoren. Ich scheue mich gar nicht, es offen auszusprechen: Die jüdischen Massen in Galizien und der Bukowina, die ohnehin nicht zu den Saturierten gehören, treibt der Staat durch offensichtliche Verkürzung ihrer politischen Rechte in das Lager der Rev olution. Das ist. .die Konsequenz des ’ Ansiedlungsrayons. DerPyrrhnssreg desMofchlro. (Zum Wahlergebnis Zloczow-Brody.) Die Optimisten sind enttäuscht. In einem Augenblicke, wo das ganze österreichische Judentum das Bedürfnis empfindet, die Schmach der Fremdherrschaft von sich abzuschütteln, und sich nach einem Repräsentanten sehnt, der der Erbitterung der jüdischen Massen über die Unterdrückung ihrer Volksindividualität Ausdruck verleiht, — sollten die zwei jüdischesten Städte Galiziens nicht die Möglichkeit ausnützen, die Vertretung ihrer Interessen in die Hände eines bewährten Nattonaljuöen zu legen? Die jüdischen Bürger

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