Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 3 (19.9.1906)
- Date
- 1906-09-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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NEUE ZEITUNG Unabhängige Wische AochenlchrM. Eigentum einer Sozietät. Erscheint jeden Freitag. Herausgeber und Chefredakteur: Dr. IKatbNN WirnbNUM. Nr. 3. Wien, Mittwoch den i9- September M6. \. Jahrgang. Ktedahtlon und adminiltratlon: Wien, Xiii/1, Steckhovengasse I7. Sprechstunden des Chefredakteurs und in Admmistrationssacheu: Montag und Freitag, 11—12 Uhr vormittags, II/», Czerninga sse 11. Telephon Nr. 21803. Postsparkassen-Konto Nr. 87.377. 1 Druckerei-Telephon Nr. 1897. LboimeMittspreNe: In Oesterreich-Ungarn: Ganzjähr. K 6.—, Halbjahr. K 3.—, Vierteljahr. K. 1.60, monatlich 60 h. Im Ausland: Ganzjähr. K 9.—, Halbjahr. K 4.50. Das Abonnement kann mit jeder Stummer beginnen. Einzelnummer in Wien 16 h, außerhalb Wiens im Jnlande 20 h. Intertionspreile: Für die dreimal gespaltene Nonpareillezeile oder der Raum 12 b, bei Wiederholungen Rabatt. Inhalt: Der Appell an die Welt. — Wahlkreise. — Der Pyrrhussieg Moszkos. — Jüdisch-New-Zork. — Wochenschau. — Zur Parlamentseröffnung. — Zum bevorstehenden Neujahrsfeste. — Böhmisches Partekwesen. — Unglaublich! — Sehr merkwürdig. — Die Wahl in Zloczow-Brody. — Im Schlepptau der Deutschen. — Bilder aus Siedler. — Der Judenstämmling als Kolonialdirektor. — Die jüdischen Pogromsabrikanten in Philadelphia. — Zur Friedenskonferenz. Aus der jüdischen Qeffentlichkeit. — — Mejue lijtlcr. Jiddisches Gedicht von Abraham Reisen. — Freitag Abend. Gedicht von Thekla Blech. — Eine Schreckcnsnacht.(Schluß.) BonJ. L. P er ez. — Humor und Satyre. — Korrespondenz derRedaktion. Der Appell an die Mell. Der Fall liegt einfach genug: Entweder wir nehmen die Schandtaten der russischen Henkerregierung und das stille Gewährenlassen der ganzen Welt auch weiter ruhig hin. Oder wir mobilisieren endlich einmal alle unsere materiellen und. moralischen Mittel, um das Schweigen und Morden zu brechen. > Wehe uns, wenn wir uns noch einmal für das .Erste entscheiden,. wenn wir die nächste Massenabschlachtung und Massenmarterung unserer Brüder und Schwestern noch einmal mit zuckenden Achseln und verschränkten Armen erwarten! Wie wollen wir dann vor unserem inneren Richter bestehen? Wie wollen wir weiter leben mit tausenden Toten hinter uns, die uns nachjagen IKdrsch-Uem-Nork. In der Geschichte des jüdischen Volles sind große jüdische Zentren bekannt. In allen Ländern, in welchen Juden wohnten, hatten sie ihre Metropolen. Auch jetzt gibt es überall große jüdische Städte. In Lithauen Wilna, in Polen Warschau, in Südrußland Odessa, in Galizien Lemberg, usw. Aber niemals in der Geschichte hatten die Juden eine so große Metropole wie New-Iork. Wieviel Juden in New-Iork leben, kann man nicht genau sagenweil man in den Vereinigten Staaten nicht nach Religionen zähltj aber sicherlich zwischen dreiviertel und einer Million. Das sind anderthalbmal soviel als in Deutschland, viermal soviel als in Frankreich, geradesoviel wie in Galizien, mehr als doppelt soviel als in Rumänien ■ und beinahe dreimal soviel als in Warschau, das selbst die zweitgrößte jüdische Stadt der Welt ist. Es gibt tausend jüdische New-Iorks in dem einen großen jüdischen New-Iork. Tausend verschiedene kleine Welten, die man studieren sollte. ■ Es gibt da Juden aus allen Weltteilen: Russische, polnische, rumänische, deutsche, stanzösische, spanische, portugiesische, türkische und'andere. Man kann Leute von der äußersten Strenggläubigkeit und solche von weitestgehender Freigeistigkeit finden. und uns Nachrufen: Ihr wußtet, daß man unsere Kinder in Stücke reißen, unsere Frauen schänden, unseren Männern Hände und Füße absägen wird — und doch habt ihr nur eure kleinen Sorgen und Zwiste im Sinne gehabt! . . Wie wollen wir da'weiter leben? Und können wir etwa glauben, daß der Pogrom als dauernder Zustand ohne Einfluß aus unsere Lage bleiben wird? Erst jüngst haben amerikanische. Arbeiter einen kleinen Pogrom veranstaltet und dabei geschrien, daß sie es machen wollen, wie in — Europa. Sie meinten Rußland. Nun, s o wird es ja dort drüben nicht kommen und auch bei uns in Westeuropa nicht. Allein ist nicht jedenfalls soviel sicher, daß der starke und anhaltende Preisriickgang jüdischen Menschenlebens in Rußland für uns zumindest eine weitere Verringerung unseres. - gesellschaftlichen Anwertes zur Folge haben muß? Und gilt also nicht'auch in diesem Sinne: Wehe uns, wenn wir uns nicht endlich aufraffen . . .? Sagen wir nicht, daß schon genug geschehen sei und nur nichts gefruchtet habe. Was ist denn geschehen? Die paar Protestversammlungen, die in einigen Städten gemacht wurden — ist das auch schon was? Diese abgerissenen Klänge, die einsam und ohne Resonanz hallten und verhallten! Oder meinen wir vielleicht die paar freundschaftlichen Unterredungen, die das einemal dieser, das anderemal jener jüdische Notabel mit diesem oder jenem Diplomaten ersten oder zweiten Ranges hatte. Als ob solche Besprechungen nach den üblichen Abschiedsverbeugungen bei dem liebenswürdigen Staatsmann mehr als einen dankbaren Bergessensstoff zurückließen! Oder wollen wir gar mit den Garantien paradieren, die sich die Anleihevermittler angeblich sicherten. Ebmlso Leute mit jüdischer Bildung und ohne In New-Iork gibt es'sieben oder acht verschiedene Judenviertel, Gegenden, in welchen nur Juden wohnen. Aber es existiert fast kein Häuserblock in der ganzen Stadt, in dem nicht wenigstens ein Jude wohnt. Man trifft Juden in den ärmsten, schmutzigsten Häusern und in den reichsten Palästen; man findet sie unter den Unglück lichsten und unter den glücklichsten Menschen der Gesellschaft. Es ist keine Uebertreibung, zu sagen, daß sich in New-Iork mehrere tausend jüdische Vereine, Gesellschaften und sonstige Organisationen befinden. Tausende Juden leben bloß vom jüdischen Kultus: Lehrer, Borbeter, Prediger usw. Es gibt ja auch tausende Bethäuser, Tempel und Betstuben. Und diese ganze große jüdische Ansiedlung entstand in verhältnismäßig kurzer Zeit: Im Jahre 1654 wunderten die ersten holländischen Juden in Neu-Amsterdam, wie das heutige New-Iork damals hieß, ein. Der Gouverneur Stavesant, welcher damals in diesem Städtchen herrschte, sah dies aber nicht gerne, und schrieb deshalb i)er „West Indian-Company“, ehe sie den russischen Finanzministern das Geld in die ewig empfangsbereiten Schnorrerhände zuzählten? Wer konnte je daran glauben? Und wer durste, wenn er schon so leichtgläubig war, auch nur einen Augenblick zweifeln, daß russische Minister es verstehen würden, ihre Zusagen mit kaltem Schurkenlächeln nicht zu halten? Nein, nichts ist geschehen! Nichts, durchaus nichts! Es sei denn, daß wir den Streit der tausend Meinungen, in dem wir leben, schon als etwas betrachteten. Oh, über diesen Streit! Nicht, daß die Menschen alle nach einer Fasson selig werden müßten oder könnten! Es ist ja-wahr: die einen müssen dahin, die andern dorthin wollen und erst die Entwicklung der Dinge führt alle die verschiedenen Willen zu einem Ergebnisse zusammen.- Ilber, soll es ein gutes, ein reiches kÄgebnis werden, dann müssen es reise und fruchtbare Willen sein. Reife Menschen müssen es sein! Die ihres Weges sicher sind und nicht fiirchten, der Gegner könnte ihn verlegen! Die sich nicht in Disput und Zank erschöpfen, sondern handeln! Jeder in seiner Gruppe, sofern und solange keine Ursache zur Gemeinschaft da ist; - alle zusammen, sobald die Not des Augenblickes an alle herantritt. Und auch das ist das Zeichen des reifen Menschen, des reisen Volkes, daß es erkennt, wann dieser Augenblick gekommen ist, daß es diesem Augenblicke nicht mit kleinlichen Mltagsgedanken, aber auch nicht mit der Eifersucht der Ideen gegenübertritt. Ein solcher Augenblick ist auch für uns Juden gekommen. Zeigen wir, daß wir reis sind! Lassen wir alle Meinungs- und Parteigegensätze vorläufig links liegen und vereinigen wir uns zur Tat, zu der Tat, die möglich und dringlich ist. daß er in „seiner" Kolonie keine Juden wünsche. Die Kompany kehrte sich aber nicht daran und zwang den judenfeindlichen Gouverneur, die Juden in der Stadt zu behalten. Im Jahre 1691 baute die portugiesische Judengemeinde die erste Synagoge in New-Iork. Nach 1700 fing eine neue jüdische Einwanderung an. Viele Juden aus England ließen sich in New-Iork nieder, so daß die Gemeinde stark wuchs. 1840, also vor 66 Jahren, waren im ganzen 2000 Juden in New-Iork. Die „Ilebreiv Benevolent Society“ hielt jährlich einen Ball in der „City Hall“ ab. Seit 1848 emigrierten Juden aus allen Ländern in Massen nach New-Iork, das sich zu einer Metropole der Judenheit zu entwickeln begann. Zuerst waren es deutsche Juden in großer Anzahl und ihre Gemeinde wurde immer größer und mächtiger, dann, als die Juden in den Sechziger Jahren durch die polnische Revolution beunruhigt wurden, große Massen aus Polen und- Posen. Durch die Hungersnot in Lithanen wurden ebenfalls tausende lithauische Juden nach Amerika getrieben. Ebenso veranlaßte die Tisza-Eszlar- Affäre viele ungarische, österreichische und galizische Juden zum Auswandern. Mer alles das war noch gar nichts, gegen den Einwandererstrom, der sich nach den großen