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Neue Zeitung · 1906-09-14 · Heft 2 (14.9.1906) · p. Seite 6

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 2 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Neue Zeitung Nr. 2 Ja, sein Weib ist rätselhaft. Als sie seine Braut war, voll Heiterkeit und Freude wie ein fteies Vöglein — auch nach der Hochzeit besceligte sie ihn noch lange mit ihrer Herzensfröhlichkeit. Doch plötzlich verstummte der Gesang, das Lächeln schwand von ihrem Angesicht, es ward ganz anders, blaß und dunkel unter den Augen, welche niedcrsanken, um sich nicht mehr zu heben. Kein Funke von Glanz mehr in ihnen, auf ihrer zarten Stirne Wolken. — Vergebens fleht er: „Was ist dir, Miriam, was ist dir?" „Nichts", sagt sie, „gar nichts." Seit damals glich sie sich nicht mehr, verwandelte sich in ein Bild des Kummers, in ein Bild seiner verstorbenen Mutter. Ja — so denkt er voll Bitternis — meine Btutter war unglücklich, ein schwer bedrücktes Weib, krank und gequält,' mein 'Vater warf beständig seinen Schrecken über sie, zertrat ihre Ruhe bis-zum letzten Tag. Meine Atutter war . keine Herrin, nur eine elende Magd des Hauses,, doch sie war gut und die Freude aller Armen. Und ihr Mann, sein Vater, haßte sie mit seinem vollen Haß und uwchte nie gütig mit ihr sprechen. Sie schlich wie ein Schatten, bis sie kummervoll ins Grabstieg, in der Mitte ihrer Jahre. — Doch sein Weib? Was wird mit ihr werden? Auch sie ist guten Herzens, auch sie versteht die Armen, auch ihr Haus ist geöffnet zur Freude der Bedrängten, auch sie ladet jeden Darbenden, daß er „komme und esse". Aber sind ihr nicht auch alle Wünsche befriedigt, ist sie nicht Herrin und Finkelmann, -der Raubfisch, ihr gefesselter Knecht, ihr Fußschemel, er, dem jedes Wort ihrer Lippen heilig, ihr Wunsch Gesetz ist, der ihr erfüllt, noch ehe sie fordert — was sollte ihr fehlen? „Sie liebt mich eigentlich nicht!" Aber sie liebte ihn doch sehr, als er, ihr Bräutigam, zu ihren Eltern kam. Wie zog ihn da ihre Herzlichkeit an. Und als er sie einmal heimlich küßte. Dann trafen sie sich im Garten unter einer Eiche, dort kündete sie ihm, daß er ihr Erwählter sei, der ihrer Seele gefällt, da nannte er sie das Bild seiner guten und ftommen Bditter und schwor ihr ewige Treue: Er wird nicht in den Wegen seines, .engherzigen Vaters . wandeln, hüten, wird er, ihre Rosenwangen, daß sie nicht welken/ähre KorallMipPep, >daß sie nicht erbleichen, sihre blauen ÄW'ü/"Laß H,e sich nicht röten, hüten wird er ihre, klare . Stirne vor allem schmerzsichen Gewölk und ihr reines Herz vor allem Seufzen. . . Hat er sein Wort nicht gehalten? Hatte er eine Schuld? Er erinnert sich keiner- Ihre Eltern gaben ihr die Atitgist nicht. Wäre sein Vater am Leben gewesen, dann wäre das Verlöbnis gelöste worden'. Warum, aber lebte seine Mutter nicht mehr? Warum verdiente sie es nicht, zu sehen, wie er Wechsel cm Geldes Statt nahm. Daß sie es nicht sehen konnte, wie er seinen Götzen von sich warf, das schmerzte ihn. Und er tröstete sich nur damit, daß sie, im Schatten des Allmächtigen sich bergend, es aus den Höhen schaut, und ihm zum schirmenden Engel wird. Mehrere Jahre später/ während sie beim Frühstück saßen, kam ein Bote mit der Meldung, daß sein Schwiegervater gefallen sei. „Sattle die Pferde!" rief er seinem Diener zu. „Was willst du tun?" ftagte ihn Miriam. „Mein Geld retten", .sagte er hastig, aber sie wendet sich von ihm, ihm scheint es, als verdunkle sich die Sonne, als verlösche der Tag, rasch wird er ein anderer. Er zerreißt den Schuldschein vor ihren Augen. „Ich gehe, ihnen zu helfen", ruft er crbarmungsvoll, 'kniet vor ihr hin, und küßt ihre kleine, kühle Hand. Da fiel sie ihm an den Hals und weinte. So ging es immer. Er wäre viermal so reich, wenn Miriam nicht gewesen wäre. Aber kein Handel, wenn sie mit mir ist. Der Verkäufer ist inein Bruder, der Käufer ein Stück von mir, jeder, der das Haus betritt, ein Liebling und Bekannter. Alle, sind willkommen, teuer und wert, denn ihre Augen wachen über der Wage, über dem Maß, dem Gefäß und der Schere. Aber er beruhigt 'sich nicht, er begehrt ihr Glück. Er will nicht, daß sie hinwelkc wie seine Mutter, in .der Mitte ihrer Jahre. Ihretwegen ist er Bürger unter Bürgern, ihretwegen künnnert er sich um die Gemeinde, ihretwegen opfert er deren Bedürfnissen, ihretwegen ist er bereit, die Träne aus jedem Angesichte zu löschen, die Waisen zu erheben, die Sache der Witwen zu führen und allen Hunger zu stillen. Was verlangt sie noch? Wunderlich sind die Frauen, ein schwaches Volk, Ameisen, und.doch ihre Hand in allem, und was sie begehren,' dahin lenken sie das Herz des Mannes. Aber es ist nicht immer so. Sein Vater herrschte über sein Weib mit erhobenem Arm, er hört manchmal von Männern, die ihre Frauen schlagen und züchtigen— und er ist ganz anders. Starke Naturen herrschen über ihre' Frauen, nur Nicht umsonst nannte mich mein Vater weichherzig, Hasenfuß, Weib. Trotzdem beruhigt er sich nicht. Doch, wenn sie ihr Sluge wegwendct, wenn sie nicht mehr bei ihm im Hause ist, dann schwindet das leichte Lächeln Mn seinen Lippen. Wendet sie ihr Auge weg, 'daun wird er zu Lehm, dann befällt ihn der Geist seines Vaters, der wahre Schachergeist bindet ihn an seine Flügel, dann wird ihm Silber zum Magnet, Gold zum Schatze seines Herzens. ,; ‘ ' Dann umfängt ihn Finsternis, sein Inneres ist dunkel, der Hölle -gleich, die Kaufleute sind wie grausige Gespenster, sie raufen miteinander mit Fäusten, mit List, mit Betrug, mit Blendwerk — das gilt ein. Wettringen auf Leben und Tod. Doch still! — Das Rascheln eines Kleides, der Tritt kleiner Füßchen an der Schwelle des Zimmers, — jedes "Antlitz lächelt, jedes Auge strahlt. Keine List, keine Gewalt, nur Redlichkeit! Die Liebe ist Königin, die Brüderlichkeit und Freundschaft. ~ Sie hat lange Zeit kaum einen Augenblick sein Zimmer verlassen darum wich schon lange von ihm der Geist seines Vaters, nur die Seele seiner Mutter gibt ihm Leben, seiner.Mutter oder Miriams Seele. Ans ihren guten Augen dringen Funken und ■ Strahlän in sein Herz, in sein Innerstes, in seinen Verstand sogar, ihm wird warm und licht — So ist es — er .erkennt es. klar. Ein ewiger Wechsel: einmal ist -"er die Verwandlung seines Vaters und einmal die seiner Mutter. „Und. mein Selbst,. wo ist meine Seele an sich? Bin ich als .leeres Gefäß erschaffen? Hat Gott um meinetwillen keine Seele seinem Schatze entnommen?" . Noch einmal gedenkt er verschiedener Dinge. Einmal hat er als Bräutigam seinen Nächsten bettogen.-- Es.f-wstr mach-dem Tode seiner Mutter, aber auch seines Vaters, er war schon selbständiger Kaufmann,— der Betrogene zitierte ihn vor den Rabbi der Stadt, doch wer mag über den Stärkeren richten? Der Rabbi zittert und ängstigt sich, kommentiert und glossiert — und er ist fest wie Stpiu. Da ruft der Gegner, er werde die Sache seinem Schwiegervater erzählen. Da verwandelt .es sich plötzlich in ihm, er bezahlt seinen Prozeßgegner, Die Geschichte verbreitete sich unter den Kaufleuten : seit damals flößen sie ihm Furcht ein. . Ungefähr zwei Jahre nach der Hochzeit fuhr seine Frau ihre Eltxrn besuchen. Während sie dort weilte, hätten die kleinen Kaufleute keinen Frieden vor seinen Raubtierzähnen, alles ging ohne Recht und Richtet,' bevor sie kam, gab er den Raub zurück. Die Diener liefen hin und her, seine Wohnung vom Schmutze zu reinigen, so wie er sein Kaufmannsherz von aller Schuld. „Habe ich das wirklich getan?" stiehlt sich ikim eine verborgene Stümne aus den Tiefen der Erinnerung. : Kalter Schweiß bedeckt seinen Rücken, eine Episode steigt vor ihm auf. Rabbi Samuel starb, die Waisen waren kleinwußten nicht aus noch ein, konnten sich noch nicht beklagen — kurz nachher zerstreuten sie f sich in alle Winde: Die Witwe heiratete in einer anderen kleinen Stadt, die Waisen verdingten sich in der Hauptstadt — ich gab ihnen nichts zurück, obwohl ich nur fünfundzwanzig Rubel oder mehr schuldete. Ja, er für sich selbst ist ein leeres Gefäß, und daruur das eine Mal wie' eine Taube, das andere Mal wie ein Geier, jetzt wie ein Lamm, dann wie ein Tiger —; Plötzlich reißt der ' Faden seines Denkens, in feinem lastenden Hirn erwacht immer wieder die Frage: „Was stich, ein Unglück traf mich heute?" Wundern wir uns nicht über die Hartnäckigkeit der Frage, dje von Finkelmann nicht weichen will. An ihm stgnen sich ja alle Leute: „Gebe mir einer seine Sorgen, seinen Kopfschmerz, seine Speise, Trank und. Schlaf?" Finkelmann ist ein sprichwörtlicher Segen, sein Behagen die Hoffnung der Menschein Niemand fällt es ein, sich über Finkelmanns Hartherzigkeit zu beklagen, Er ist ein Herr, und sei er manchmal hart wie Stein, das'ist Geschäftssache. Wäre seine Hand allen geöffnet, dann würde er bald verarmen. „Eine Hand, geöffnet für Güter und durchlässig für Wasser." Sogar die Sündengegen Gott werden Herrn Finkelmann verziehen — um seines Reichtums willen. „Er ward fett und schlug aus." Auch dies der Lauf der Welt. Der Reiche muß doch mit den Leuten leben, vornehmen und einflußreichen Personen nahestehen, ihin nützte cs nichts, alle 613 Gebote 311 halten mit allen Besonderheiten und Kleinigkeiten. Darmn verziehen Herrn Finkelmann sogar die eifernden Gelehrten der Stadt, daß er Pflichten, und Gebräuche mit Füßen trat, sie kränkten sich nicht darüber, das sich in seinem feineir Mobiliar ein Klavier befand, daß er seine beiden Söhne in die Bezirksstadt studieren.schickte. Auch daran erinnerte er sich jetzt. Sie studieren in der Stadt, obwohl sie,, das weiß er, nicht'nach seinem Wunsche weggegangen sind. Er wollte' ihnen Lehrer aus Litauen und Gelehrte aus Warschau bestellen, sie aber beharrte darauf, sie in die Schule zu schicken — so erfüllte er ihren Wunsch. „Warum schickte sie meine Kinder von mir?" Auch das ist eine alte Frage, die ihn nicht ruhen läßt, seit ihrer Abreise. Manchmal beschuldigt er sie, daß sie ihre Kinder nicht liebt. Unsinn! Kommt, ein Brief, von ihnen, dann weint sie vor Freude, trifft durch mehrere Tage keine Nachricht ein, weint sie und ist. krank vor Angst. Ihm scheint sogar, daß sie im Verborgenen immer weint. Jeden, morgen sind ihre Augen . rot und manchmal hört er nachts ihr tränendes Schluchzen. „Was ist dies mit mir?" : Die Gedanken, .die jetzt seine Ruhe verscheuchen, sind ihm nicht fremd. Tag um Tag erwachen sie in ihm wie ein Blitz und verschwinden sofort — jetzt aber weichen sie nicht von der Stelle und zermartern unaufhörlich sein Gehirn. Kein Zweifel: diese Nacht ist anders als alle anderen Nächte. Denn sein Gebein zittert auf eine fremdartige Weise, ihn hat gewiß ein Unglück getroffen. Um zu finden, was er da aus -seinem Gedächtnisse verloren hat, will er sich den gestrigen Tag-.iin -der-.- ganzen Reihenfolge-'zurückxüfenD vielleicht erinnert er sich dann der peinvollen Tatsache. Nein— der ganze gestrige Tag ist völlig vergessen, ausgelöscht, als wäre er nicht gewesen. Ein ganzes Blatt ist ausgerissen aus dem Buche seiner Erinnerungen. Auch an vorgestern erinnert er sich nicht. Das Letzte, was im hasttg ins Bewußtsein fällt, ist der erste Tag der Woche. Dieses Blatt liegt offen vor ihm, dann wird es öd und wüst in seinem Hirn. Sein Hirn ist wie eine Uhr, die damals an jenem Abend stehen geblieben ist. Ist das nicht merkwürdig und schrecklich? Mit krampfhaft gesteigerter Aufmerksamkeit verfolgt er alle Ereignisse jenes Tages, spürt alle Quellen auf, was man bis zu jenem Abend im Hause sprach und hörte — alles steht deutlich wie ein Buch eingeineißelt und jedes einzelne Wort steigt tönend vor ihm.auf. So bis zum Abend. Und dann, als sie beide beim Tee sitzen, hören sie in der Küche ein Glas zerschellen, - sein Weib zittert und erschrickt plötzlich, eine Blutwelle schießt in ihre Wangen, daß die Lilien zu Rosen werden — die Welle strömt zurück, ihr Antlitz ist weiß wie Kalk, dann wird es grünlich — ein Zittern und Kniewanken, sie droht zu fallen, er hält sie mit seinen Armen und legt sie aufs Bett, - sic klammert sich an ihn, sie lehnt ihren Kopf an seine Brust, ihn erfüllt endlose Wonne, gemengt mit furchtbarem Grauen. . „Fürchte nichts!" flüstert sie, „fürchte nichts, der Schreck ist vorbei!" Fürchte nichts! sie beruhigt ihn iunner wieder. „Aber schilt auch das Mädchen nicht, sie hat es nicht mit Absicht getan." ' „Beruhige dich", fügt , sie hinzu mit singender Stimme. „Warum pocht dein Herz so heftig? Es ist ja nichts, der Schreck ist vorüber, du, versprich mir nur, dem Mädchen nichts zu tun, und ihr den Schaden nicht vom Lohne abzuziehcn." Er versprach cs ihr, obgleich er sie nicht verstand: sie ist doch die Frau, ihr obliegen Ausgaben und Einnahmen, sie bezahlt. Warum verlangt sie das von mir? Und plötzlich bittet sie ihn mit der Süße ihrer Stimme, er-solle ihr etwas aus dem Leben seiner Mutter erzählen. - „Warum fragt sie plötzlich um meine Mutter?" so wundert er sich Fetzt. Damals aber hatte er keine Zeit zum Staunen. Er erzählt, wie seine'

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