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Neue Zeitung · 1906-09-14 · Heft 2 (14.9.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 2 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Neue Zeitung weit. Deshalb Pflegt man ja Griechisch und Latein und wird es sicherlich noch pflegen, wenn der letzte Verächter der alten Sprachen dahin sein wird. Und deshalb allein schon verdient auch Hebräisch gepflegt zn werden. Für uns aber hat es, „tot" oder „lebend", noch eine ganz besondere Bedeutung. Für uns ist es ein Teil jener Kraft, mit der lvir uns der Vernichtung unserer Eigenart und der Zertrümmerung unserer Gemeinschaft Widerschein Und was diese Widersetzlichkeit betrifft, so wage ich denn doch zu hoffen, daß die überwiegende Mehrheit der Juden gesund genug geblieben ist, um sie einfach als Notwendigkeit zu empfinden. Die lebende „Niehtfprarhc" oder der „Jargon", wie man sie zu nennen pflegt! Eine recht irreführende Bezeichnung. Die Leute, die „Jargon" sprechen, kennen den Namen entweder gar nicht oder haben ihn erst aus der „Jargon-Presse erfahren. Diese aber har sich ihn von Fernstehenden, die das Jüdische der östlichen Judeil mit dem jüdeln verwechseln, anfdispnliercn laffen. Gewiß, der „Jargon" hat einmal vor Jahrhunderten bei der eigentümlichen Mundart der früheren deutschen ^Juden, angefangen. Aber während diese allmählich zum Schmarotzer an der deutschen Sprache, eben 511111 Jüdeln hcrabsank, ist der „Jargon" von Generation zn Generation an Worten, an AnSdnicksfühigkeir und Selbständigkeit gewachsen. Heute ist er die Muttersprache von acht Millionen Inden — also mindestens dreiviertcl des Volkes — deren Wesen und Empfindungen er so genau wicdergibt, wie sie eben nur eine Muttersprache wicdcrzugcbcn veemag. Heute ist der „Jargon" in mehreren Staaten (Rußland, England und Nordamerika) .io facto" anerkannt, im Kaplande sogar als europäische Sprache rezipiert, verfügt über eine ausgedehnte TageSliteratnr, wie kaum eine andere von den jüngeren euronäischcn Sprachen, und über Literaten und Dichter, von welchen sich manche schon znm Weltruf anfgeschwnngen liaben. Daß der „Jargon" keine Grammatik hat, ist eine Fabel, die ja ftir den Kundigen schon von vornherein als solche kenntlich ist, weil der Begriff einer nngrammatikalischen Sprache ein Nonsens ist. — Westliche. Inden, die sich mit ihren östlichen Brüdern eins fiihlen und Zeit haben, sollten sich einige Kenntnisse iin Indischen (Jiddischen) zn erwerben suchen, da cs sicherlich kein besseres Mittet gibt, 1 Seelenleben der Ostjudcn verstehen zn lernen. Die russische« Jude». Die Antisemiten betrachten bekanntlich die Pogroms für wohlverdiente Strafen, welche der berechtigte Volkszorn über unsere Brüder in Rußland verhängt. Leider gibt es aber auch viele Inden, die, ohne bösen Willen allerdings, ganz ähnlicher Ansicht sind. Von Der Bcobachtnug ausgehend, daß im Westen Europas so furchtbare Ausschreitungen gegen die Inden, wie Nägel in die Köpfe treiben und Augen anSschlagcn, denn doch nicht Vorkommen, — , gelangen sie zu dem Schluffe, daß die russischen Inden die Wut der Nichtjndcn mehr reizen müssen, als wir hierzulande. „Wer weiß, was diese russischen Juden treiben?" hört man sie oft sagen. Manche von ihnen denken dabei an die revolutionäre Betätigung. Für diese habe ich nichts zu sagen! Wer die sittliche Berechtigung der Anflehnung gegen eine verbrecherische Regierung nicht begreift, oder andererseits die Tatsache nicht anerkennen will, daß die überwiegende Mehrheit des jüdischen Volkes in Rußland an der Revolution keine:'. Anteil, hat — dem können meine Worte nichts nützen. Was aber sonstige Gründe betrifft, so will ich die russischen Juden keineswegs als lauter Tugendbolde hinstellen. Gewiß, sie haben allgemein menschliche, speziell jüdische und vielleicht auch speziell russisch-jüdische Fehler. Doch just in der letzten Zeit, seitdem sie so zahlreich nach dem Westen kommen, hat man Gelegenheit gehabt, die Gediegenheit kennen zu lernen. durch die sich dieser'Menschenschlag im 'Allgemeinen auszeichiict. Man weiß jetzt auch, daß keine jüdische Gruppe einen so entwickelten Handwerkerstand besitzt, wie gerade die russische. Andere führen daher auch die Gransainkeit der Pogrome nicht auf sittliche Mängel der russischen Juden, foudern darauf zurück, daß sic.sich in ihrem Wesen so streng vor den Anderen unterscheiden. 'Auch diese 'Ansicht ist unrichtig. Erstens sind gegen Inden gerichtete Pogrome eine verhättnißmäßig junge Erscheinung in .Rußland, der Unterschied zwischen jüdischem und russischem Wesen aber war früher gewiß nicht geringer als jetzt. Zweitens ist ein Teil der russischen Inden der" russischen Bevölkerung äußerlich so weit angcähnlicht, wie wir im Westen der nichtjüdischen Bevölkerung; die Huligaue aber haben gegen diesen Teil nicht minder gewüict, als gegen diejenigen, deren Wesensverschiedenheit sich äußerlich mehr ansdrücki. Drittens gibt es auch bei uns in Oesterreich und anderwärts Juden von ebenso stark eigenartigem Gepräge, ohne daß es zu Nägeleintreibcn 11. dgl. kommt. ' __ Dieser letzte Gegengrund enthüllt aber auch schon den Fehler, auf dem alle hier wiederlegten Anschauungen in gleicher Weise beruhen. Daß mau nämlich die Ursache der größeren Grausamkeit gerade dort nicht sucht,' wo sic am wahrscheinlichsten ist — bei den Anstiftern und Verübern der Greuel. Nian beschuldigt die armen gemarterten Volks- und Glaubensgenossen oder man klagt wenigstens ihr stolzes Festhalten an der eigenen Art an, statt nach den rnffischen Polizeisniben, nach Sibirien oder ancki nach — AnchialoS hinznblicken. Denn Anchialos, die Batkan-Bandenkämpfe Überhaupt, die berüchtigten Ilriiieiiier-Ertränkiingen sprechen ebenso wie bie Missetaten der rupischen Bureaukratie gegen Russen selbst die russischen Inden frei. Diese können doch wahrlich nichts dafür, daß in den östlichen Völkern die rohesten Triebe noch nicht so weit gebändigt sind, wie in den westlichen. m. „Hajom" voll Verzweiflung über den Stillstand der hebräischen Literatur in der letzten Zeit klagt. Der Artikel des letzteren veranlagte einen Mitarbeiter der „Welt" (Nr. 31 vom 24. Aug.) zn dieser Erscheinung Stellung zu nehmen. Nachdem er den Artikel Brainins auszugsweise wiedergegeben, knüpft er folgende Schlußfolgerungen an ihn: „Wir wollen hier nicht ans die Ursachen der Erscheinung eingehen. Daß aber die hebräische Literatur wirklich vollständig darniederliegt, ist leider eine Tatsache. Auch die Jargonlitcratur leistet keinen Ersatz. Wo ist unser .Volksgeist':' Wo sind die Formen, in denen er seinen Ansdruck findet? Natürlich kann man von einem Volke, das unter solchen Bedingungen lebt, wie die Juden in Rußland, nicht verlangen, daß cs eine große Literatur erzeuge. Aber ist cs nicht eine traurige Erscheinung, daß in der Judenschaft der ganzen Welt sich kein Finger rührt, um die nationale Kultur zn erhalten? War es wirklich der letzte Nest,. die letzte Schar, die im Judentum eine Kultur schaffen wollten? Und all diesen Fragen steht eine klare Antwort gegenüber: Ohne Volkssteiheit — keine Bolkskultnr." Diese Sätze fordern unwillkürlich zu einer Erwiderung heraus. Man muß nicht gerade ans dem extremen Standpunkte Achad-Haam's stehen, um sie als übertrieben zn bezeichnen. „Ohne Bolksfreiheit — keine Volkskultur I" Mit wenigen Worten vernichtet der Schreiber dieser Zeilen die ganze jüdische Kulturarbeit, die im Wl geleistet wurde. Fragen möchte man aber: Ist etwa der babylonische Talmud in den Tagen der Freiheit oder nicht gerade in der Knechtschaft entstanden? Haben die jüdischen Dichter und Denker des Mittelalters etwa in der Freiheit gelebt? Und was war dann die gewaltige Uablrnla-Epoche? Hat d i e keine Kulturarbeit geleistet? Oder sollen wir etwa — um von der Gegenwart zu sprechen — die letzte großartige achtjährige Entwicklungscpvche der neuhebräischen Literatur als ein bloßes „Ausflackern", als einen „Rest" bezeichnen? Bedeuten die Arbeiten eines -Achad- Haarn, Sokolow, Bernfeld, Brainin, die Dichtungen Bialiks, TschernichowSki's, Liboschetzki's, abgesehen von der riesigen Zcitschristenliteratnr, wirklich keine Kulturarbeit? Ilnd über die Literatur in jüdischer Sprache („Jargon" heißt sic in dem Aufsatz) wird gar in einen: kurzen Sätzchen der Stab gebrochen, ohne daß eine Begründung auch nur leise angedeutet wird. Der Autor widerspricht sich ja auch selbst, indem er darauf hinweist, daß seit. einem Jahre ungefähr, also parallel mit dem Wachsen der Revolution in Rußland jedes Geistesleben immer mehr zurückgedrängt und allmälig erstickt wurde. Er sagt ganz richtig, daß man von den russischen Juden derzeit eine große Literatur nicht verlangen könne. Daraus folgtaberdoch, daß wenn früher oder später wieder geregeltere Verhältnisse in Rußland eintrercn werden, die jüdische Kulturarbeit wieder einsetzen, also auch die hebräische Literatur eine neue Blütezeit erleben wird. Dies kann man einsehen, auch wenn man durchaus auf dem Standpunkt der Volkssteiheit, d. h. des eigenen jüdischen Bodens steht. Iwri. Jungjuden und Jung - Oesterreich von D r. Herma n'n Kadis ch. Herausgegeben von der Jüdischen ircinignng. 1905. Iler Essrog. Fun J. L. Koretz. — Wilna 5664. Fun Zaar uu Zorn. Fun Ch. N. Bialik. — Ferlag „Kadimah“. Odessa. Erzählungen. Fun Dowid Pinsski. In zwej bänd. Frachter band. Prejss 50 ssent. — Aroussgegeben fun di internazionale bibliotek ferlag, New-York. Klasstoriin (resebimojss uparzufim). M’ejss Jissroei Brüstiger. — Hojzoass Gerschom Bader. Lwow 5666. Jampolski-Uorlesnng. Nian schreibt uns aus Zalcszczhki: Einer unserer begabtesten Feulletouifteu in jüdischer Sprache, Jampolski, ist unter die Vorleser gegangen. 15t hat mit einer kleinen Stadt begonnen: Zaleszczyki, fand aber da eillverfläitdnisiiiniges Publitum. Es sind eben echte Inden, die jüdischen Humor und jüdischen Ernst zu würdigen wissen. Jampolski entpuppte sich auch als gediegener Vorleser. Tie anderen, kleineren und größeren jüdischen Städte Galiziens und der Bukowina sollten nichi zögern, diesen verdienten Kulturträger iiltd Fortentwickicr der indischen Svrache eiiizuladen. — Der Abend wurde von den Vereinen „Zion" und „Ratzel" veranstaltet. Der Präsident des ersten, Herr A. L. L e nst e in, stellte den Vorlesenden vor uttb verwies auf die Wichtigkeit solcher Vorleiungsabende. Eine Schreckensnacht. Aus dem Hebräischen des I. L. Perez. Herr Finkelmann. der glückliche, der den Handelsgewinn des ganzen Bezirkes an sich gebracht hatte, der Beherrscher des Marktes, der die Preise willkürlich drückt und hebt, der durch Kredit über die Kaufleute schaltet, sie ausrichtet und zu Boden wirst, er, der Handelshäuser kaust und niederreißt, der Mann des Kapitals und vieler Baulichkeiten, er, der Raubfisch in dem Teich des Städtchens — erwacht erschrocken um Mitternacht. „Warum erwache ich?" Es gibt viele Menschen im Städtchen, die ihren Augen keinen Schlaf gönnen, um nur ihre Familie vor Schande und Hunger zu retten, andere, die sich vom Abend bis zum Morgen nmherwälzen, denn morgen schon kann der Gläubiger mit dem Gerichtsbeamten kommen, sie zu pfänden. Nein, nicht zn diesen gehört Herr Finkelmann. Jhni braucht niemand zn borgen, er hat nichts zu stirchten, selbst wenn ihm bis zu seinem Tode nichts mehr gelingen sollte. Warum erwacht er also um Mitternacht? Finstere, dichte Nacht, ats Hütte Gott Schwärze über alle Dinge der Welt gegossen, und Schweigen ringsum, als erwachte er unter Toten. „Was ist dies?" rvundert er sich unausgesetzt. Er empfindet eine Angst im Kopse und‘ ein Zittern des Körpers. „Bin ich krank?" denkt er voll Schrecken. Nein, er ist immer gesund und fest. Ein einziges Mal, als Knabe noch, im Vaterhause, war er krank, vor Furcht — seit damals kannte er kein Leiden. Plötzlich beschleicht ihn ein Zweifel: „Liege ich denn zuhause, in meinem Bette?" Wie er mit der rechten Hand die Wand betastet, ist sie nicht da, sondern links. „Liege ich'so, dann ist die Wand doch rechts. Träume ich denn?" Nein, alle seine Sinne sind wach, seine Augen sind offen, aber sie sehen nichts, weil die Finsternis sie überwältigt, seine Ohren gespannt, aber sie hören nichts, denn rings herrscht Todesstille. Er beißt zufällig in die Unterlippe und es schmerzt, er zieht den Fuß aus der Decke und ihn fröstelt, dann fällt ihm die Wand ein. Das macht ihn zittern. „Ich werde nicht beben, aber heute geschah mir eilt Unglück. Nicht ohne Grund schwindelt es mir im Kopse und ist er schwer wie Blei, nicht ohne Grund zittert alles in mir von verborgener Angst — das Herz kennt die Bitternis!" Ties, tief verbirgt sich die Tatsache, . das Unglück, das ihn getroffen hat — nur sein Gedächtnis, der Eimer, der in den Brntnren tauchen soll, ist verdorben, versagt heute seinen Dienst. Kein Zweifel. Heute hat ihn das Unglück getroffen, das er plötzlich vergessen hat. Wieso? Schon öfter geschah es, das; er irgend etwas vergaß, tvarten nmßte, bis es ihm einfiel — doch da vergißt er immer nur' den Namen und nicht die Sache, das Wort schwebt ans der Zunge, hartnäckig und kann nicht heraus, doch jetzt hat er die Tatsache vergessen. Hat sie mich gekränkt? Tuch diesen Gedanken verabscheut er — ist sie nicht Leben seines Geistes und feiner Seele? Sie schläft gewiß. Finkelmann schärst sein Ohr, tim den Atem Kunst mb Literatur. „Der leiste Uest." Czernowitz, im August 1906. In der letzten Zeit mehren sich die Klagen über den Rückgang und das Darniedcrliegen der hebräischen Spräche uüd ihrer Literatur. Hillel 3 eitlen mit seinen von tiefsten Pessimismus erfiillten Ausführungen über das Schlummern der hebräischen Literatur folgte kürzlich der bekannte hebräische Publizist R. B r a i n i n, der im j der Schlafenden zu hören, umsonst — Todesstille ' 1 in der!ist UM Miriain. Mühsam hebt er sein Haupt, sie ' a i??! 3U er schärst jeine matten Augen, jagt die Ätz-! gleichsam nach einer -pur von Licht, um sie auf jciausuer, zwei! dem Bette zn sehen. Umsonst. Nur ein mattweißer indischen Bewegung! Fleck zittert' vor ihm in der Lust. j „Furchtbare Nacht", kommt es auf seine . x. . * ... läppert, er wagt es nicht, zu sprechen, um sie Emgelaurene Zruckschrrnen. j nicht zu wecken. Vielleicht betraf das Unglück sie, (Besvrechmig Vorbehalten.) -warum will er ihr die Heilung rauben, den Kadimah. Kalender für das Jahr 5667 (IWI! 07),! Schlaf, den ihr der gute Gott in Erbarmen und hcrattSgcgeben^ von der. ziomstischen^ Lercimgint^ für Gnade sendet,— soll'sie schlafen, ruhen, die reine aube. Sie ist nicht gesund. Gott tveiß ihr Gedortigen V 0 lksunive Jüdische G e s ch i ch t g e s ch i ch t e vergetragen sicht, die sturfe D 11 b u 0 bekannten Gelehrten, die mitten Rußlands steheit, zu übertragen. Deutschland. Preis 50 Pfg. Verlag: Indische Rundschau - E. G. m. b. H. Berlin. Alt- und Neu-O.estcrrcich. Ein Beitrag zur - .f . . . - e -;• sung der ungarischen Krise. Von Berns. Freisoftalmiütze j lu "ircui onncrn Ntzl die verborgene Kram- Bibliothek. Heft 2. 1005. Falkenau a. E. ■ heit, in ihr nagt ein Schmerz-! brechen. Ihm ist sie wie ein verschlossenes Buch,

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