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Neue Zeitung · 1906-09-14 · Heft 2 (14.9.1906) · p. Seite 4

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 2 (14.9.1906)
Date
1906-09-14
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Neue Z c i tu n g . Nr. 2 Juden mit ihrer Energie und Anpassungsfähigkeit nicht im einer oder zwei Generationen die Fähigkeit, den Boden zu bearbeiten, zurückerlangen folltcu. (Lebhafter Beifall.) Ich schlage ihnen zwei Pläne vor: Zunächst weise ich Sie auf die Möglichkeit hin, die Herrschaft über einen Teil des nördlichen Territoriums zu erlangen. Da ist eine Menge fruchtbaren Ackerlandes; das Klima ist gut, wenn auch heiß; Dürre ist vollkommen unbekannt. Wegen der hohen Bodenpreise in den südlichen Staaten halte ich es kaum für möglich, irgendwo anders eine Kolonie zu gn'inden. Man könnte zunächst mit der Ansiedlung einiger schottischer und italienischer Viehmästcr am lkoper Itiver im nördlichen Territorium einen Versuch machen. Das Land kostet 2>/, Schilling pro Morgen und wird ihnen auf 20—30 Jahre in Pacht gegeben. Diese weiten Landsrrecken muffen durch Weiße bevölkert werden, sonst wird Australien gegen asiatische Einfälle stets ungeschützt sein, und Pflicht der Regierung ist es, die Errichtung einer jüdischen Niederlassung zu unterstützen. Ein zweiter Plan könnte darin bestehen, ein paar Familien versuchsweise in Ncri-Süd-Wales anzusiedeln. 3000 Pfund Sterling sind, wenn ich recht verstanden habe, nach den letzten russischen Greueln hier gespendet worden. Wenn man für dieses Geld Land in Neu-Süd-Wales gekauft hätte, wären wir, durch auswärtige Hilfe unterstützt, imstande gewesen, ein Dutzend jüdischer Familien hierher zu schaffen. Weun ein Dutzend starker arbeitswilliger junger Leute sich erst hier niedergelassen haben, so ist der Grund zu einer kleinen jüdsschen Kolonie gelegt. (Beifall.) Man könnte Lehrer anstellen, um sie in der Bearbeitung des Bodens zu unterweisen. Ich hoffe zuversichtlich, daß die jüdische Gemeinde die Sache in Angriff nehmen und etwa? tun wird, um die Anregung auf einer praktischen Basis zü verwirklichen. (Lang anhaltender Beifall.)" In die vom Rate der I. T. 0. beschlossenen Kommission, die über die definitive Auswahl des Territoriums Vorschläge machen soll, sind unter anderem die Herren Dr. Paul N a t h a n (Berlin) und Oskar S t r a n ß (New-Iork) eingetreten. Aus der jüdischen Oeffeul- Lichkeit. Eine jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina veranstaltet der „Zionistische Zentralverein in Wien", (IX/l5 Türkenstraße 9). „Eine große jüdische Volksreise wollen wir veranstalten, die zugleich eine Vergnügungsreise in des Wortes edelstem Sinne sein und eine Fülle landschaftlicher Schönheiten des Orientes uns erschließen soll.. Hiezu laden-wir alle Juden und Freunde Palästinas ein" — heißt cs in dein Aufrufe, der zur Teilnahme an der Reise auffordert. Diese beginnt Ende Oktober 1906 und dauert bis in die zweite Hälfte November, die Reisezeit ist also eine günstige. Es ist eine interessante Reiseroute gewählt und fiir bürgerlichen Komfort gesorgt. Die technische Durchführung steht unter Leitung bewährter und erfahrener Fachmänner. Außerdem verspricht das Komitee den jüdischen, resp. zionistischen Charakter der Reise durchzusühren und zeigt an, daß die Verpflegung während der ganzen Reise unter streng ritueller Aufficht steht. Der Teilnehinerpreis beträgt ab Wien K 547.—, ab Budapest K 530.— (Reise, Logis, Sehenswürdigkeiten, Wagen, Führer, Trinkgelder eingeschlossen).— Dem schönen Unternehmen ist voller Erfolg zu wünschen. Der „Jüdische ^Kolonisationsverein" in Wien, I., Scitenstcttengaffe 4, hat einen Aufruf zur Versendnng gebracht, in welchem unter Hinweis auf die Massenwanderungen der östlichen Juden in den letzten Jahren zum Beitritt aufgefordert wird Als Zweck wird .bezeichnet: „Allein oder in Verbindung mit anderen, gleiches Ziel anstrebeudcn Institutionen, die planmäßige Änsiedlung von Juden inPaläftina und seinen Nebenländern zu fördern, um notleidenden Juden als Ackerbau- und Gewerbetreibenden eine schlichte aber ruhige Existenz zu schaffen." Der Aufruf hebt noch hervor, daß der Verein ein rein humanitär erlist und mit Politik oder Parteitendenzen nichts zu schaffen hat. Das Zentralkomitee bilden die Herren: Wilhelm Stiaßny, Baurat, Vorsitzender.. Leopold Sachs kais. Rat, Stellvertreter, Emil Horner, Prokurist des Hauses S. M. von Rothschild, Kassierer, Dr. Ernst Franz W c i s l, Hof- und Gerichtsadvokat, Schriftführer, und Dr. Sigmund Zins, Hof- und Gerichtsadvokat, Stellvertreter. — Dem Vorstand gehören ferner an die Herren: Licco A dü t t, Vorsteher der türkisch-israelitischen Gemeinde, Schriftsteller Dr. Josef Bloch, llnivcrsitäts - Professor Dr. S. E h r m a n n, Kultusvorstand, Oberrabbiner Dr. M. G ü d e m a n n, David Ritter vou Gutmann, Dr. Edmund Kohn, Architekt Oscar M a r m o r e k, Universitäts-Professor Dr. Josef P o l l a k, Präsident des Humanitätsvcreines B. B., Richard Rapaport, Rabbiner Dr. Adolf S ch m i e d l, Ignaz Schiff, Schriftsteller Heinrich (Jork) Steiner, Dr. Alfred Ster n, Präsident der Israelitischen Kulmsgemeinde Wien, Dr. Bela T a u s s i g und Hoftat Sicgmund T a n s s i g, Kultusvorstand. — Das Sekretariat im Ehrenamt hat Herr Akiba R. H a r t m a n n, Direktor der „Karmel-Gesellschaft" übernommen. Wie uns der Jüdische V o l k s v e re i n in. Berlin mitteilt, ist Herr Isidor Wolff, Leiter des Auskunftsbureaus dieses Vereines von einer Reise nach Amerika zurückgckehrt. Er machte die Fahrt im Austrage seines Vorstaitdes an Bord der „Smolensk", eitles Dampfers der russischen freiwilligen Flotte, von Libau ans mit, tim alle für die jüdischen Auswanderer wichtigen Verhältnisse und besonders auch die neue russische Linie aus eigener Anschauung keimen zu lerrten, welche wahrscheinlich in der nächsten Zeit einen großen Teil der Emigranten befördert wird. Herr Wolff ist mit einem sehr reicheir Beobachtungsmaterial zurückgekehrt, aus denr wir in nächster Zeit eitriges veröffentlichen werden, so besonders auch die Behandlung der Auswairderer durch die Agenten und das Schiffspersvrral, betreffs der Handhabung der Einwanderungsgcsetzc :c. Als wichtigsten greifbaren Erfolg darf der jüdische Volksvereiir die Einführung einer Reihe von Verbefferurrgeir irn Interesse der Emigrauteu im Hafen und auf den Schiffen der russischen freiwilligen Flotte betrachten und die Zusicherung der Generaldirektion derselben in Petersburg, auch in Zukunft alle Verbesserungsvorschläge des Vereines auf den Schiffen zu respektieren. Wirtschaftliche Kothen. Gm «ertza«gmsvolles Urbrrseher» im ‘ Hauliergescstr. In dem kleinlichen, .sicherlich nicht aus - rein wirtschaftlichen Gründen geführten Vernichtungskampfe gegen die Hausierer sind es gewiß tiicht zuletzt auch die absichtlich oder zufällig gewählten Mittel, welche die Entrüstung aller billig Denkenden Hervorrufen (müßten, wenn man dieser Angelegenheit die gebührende Ausinerksamkeit znweildcn würde. So aber bleibt ein Vorgang in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 20. Juli 1906 ganz unbemerkt, der, vielleicht nur ein verhängnisvolles Uebersehen, eine Katastrophe für diese schwerbcdrückten armen Gcwcrbslente werden kann. Seit Jahrzenteu nahm in allen Hausiergesetzentwürfen und Beratungen das Handelsministerium für sich das Recht in' Anspruch, Beschlüsievon Gemeindevertretungen aufAbschaffung des Hausierhandels zu genehmigen oder aufzuheben. Auch das Herrenhaus lehnte zweimal die vom Mgeordnetenhause angenommene Bestimmung, daß dieses. Recht der Landcsbehörde gegeben werde, ab. Als rum der Gewerbeausschnß sah, daß es auf diesem Wege nicht gehe, akkvmodierte er sich zwar der Kompetenz des Handelsministeriums, beschloß aber gleichzeitig, eine Frist von sechs Monaten zur Erledigung solcher Gemeindebeschlüsse in der Art, daß dieselben als genehmigt zu gelten haben, wenn die betreffende Gemeinde in dieser Frist nicht von der Verweigerung der Genehmigung verständigt wurden ist. Gibt es fiir einen, der mit dem Justauzeiizuge der politischen Behörden nur jemals zutrm gehabt hat, noch einen Zweifel, daß diese Frist viel zu gering ist, insbesondere aber, '-wenn man erfährt' daß das Gesetz noch wörtlich die Bestimmung enthält: „Solche Beschlüsse (auf Untersagung) bedürfen der Genehmigung des Handelsministeriums, zu welchem Zwecke sie der zuständigen politischen Behörde (1. Haltestelle) vorzulegen und von derselben im Wege der. politischen Landesbehörde (2. Haltestelle) an das Handelsministerium (3. Haltestelle) zu leiten sind. Dem Handelsministerium ist es Vorbehalten, die landwirtschaftlichen Vertrctungskörper (4. Haltestelle), die Handels- und Gewerbekammer (5. Haltestelle) und'dem Landesausschuß (6. Haltestelle) einzuvernchmen." Daß nicht einmal etwa eine besümmtc Absicht bei irgend einer Instanz vorherrschen muß, die sechsmonatliche Frist ohne Erledigung verstreichen, zu lassen, leuchtet jedermann ein. Nun hätte inan sicher glauben sollen, daß dieser Fristbestimmung in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 29. Juli 1906 doch wenigstens' kurz gedacht werden würde. -Der Berichterstatter hat jedoch in seinem übrigens nur.41 halbe Zeilen im Protokolle umfassenden Referate kein einziges Wort hierüber verloren, kein einziger „Volksvertreter" meldete sich zum Worte, debattelos wurde dieser Paragraph augeuvmuicu, sowie 7 andere uiodifiziert. Der^ Referent beantragte die sofortige Vornahme der dritten Lesung, niemand meldete sich zur Dringlichkeit des Antrages,' mit Zweidrittelmajorität des Hauses wurde die Dringlichkeit angenommen, hernach das Gesetz in dritter Lesung beschlossen... \ Dr. Arnold Ascher. Gin Wort an die industriefreundlichcn Inden Oesterreichs. . In der letzten Zeit wurde bekanntlich in Galizien seitens der Polen die Parole ausgegeben: Unterstützung und Nationalisierung der Industrie. Im Landtage wurden Gesetze geschaffen, um solche neuen Industrien voll den Landesabgaben zu befreien und außerdem wird im Landesbudget ein ziemlich.hoher Betrag zur Subveutonierung dieser Industrien. eingestellt. Die Landesbehörden haben von dem Landesausschuß die strikte Weisung bekommen, diejenigen Artikel, die im Lande erzeugt werden, von den betreffenden Fabrikanten zu beziehen und diese Weisung wird ' durch die „Hilfsliga für Handel und Jud'usftie" kontrolliert und demgemäß auch strenge durchgesührt. Welche Dimensionen diese Unterstützung auuimmt, beweist der Umstand, daß sogar empfohlen wird, manchen Artikel, welchen das außergalizische Oesterreich nach allen Ländern Europas zu exportieren in der Lage ist, von Cvnuatioualen in Warschau zu beziehen. So werden z. B. Bleistifte,. trotzdem ein hoher Zoll zu bezahlen ist, von vielen Kaufleuteu als nationales Fabrikat von dort bezogen. Wir könsien demnach unseren jüdischen Groß-Industriellen sehr empfehlen, den bis nun in bezug Errichtung von Industrien, bestandenen Boykott Galiziens aufzuhcben. Galizien hat die besten- Chancen zur Erhaltung seiner Industrien, der Bedarf ist kolossal, die finanziellen Verhältnisse sind konsolidiert. Beweis ist, daß jetzt sämtliche österreichischen Banken, die früher dieses Gebiet sehr stiefmütterlich behandelten, daselbst jetzt. Filialen Und Expvsiturcn errichten. Nebenbei wird aber auch Arbeitsgelegenheit gegeben werden die sie sllust veriuießteu. Ein .Krakauer Kaufmann. Frankreich und Galizien. In Frankreich ist soeben das Gesetz Uber die Sonntagsruhe in Kraft getreten. Es ist nicht so streng, wie das englische, deutsche oder österreichische, da es allen nicht bei Fremden Bediensteten gestattet, auch des Sonntags zu arbeiten : ebenso allen kleinen Ladcnbesitzcrn und allen Handwertem, die allein oder nur mit Familienangchörigen arbeiten» Auch, enthält das Gesetz eine Vestiiniming, die, wenn die ostjüdische Kolonie in Frankreich anwächst, vielleicht von Bedeutnirg werden kann: daß statt des Sonntag ein anderer Tag als Ruhetag gewählt werden kann, wenn-der überwiegende Teil des Personales eines Geschäftes oder einer Fabrik cs als wünschenswert bezeichnet. Allein, de facto und de jure sind die gläubigem Juden gezwungen, an zwei Tagen zu feiern. Eine Vorstellung des Pariser Konsistoriums hat nur dazu geführt, daß ein Senator von einer jüdischen Gruppe sprach, die unter Anführung einiger Rabbiner die Proklamierung des Samstags als einzig gesetzlichen Ruhetages für ganz Frankreich gefordert habe — sonst aber nichts gefruchtet. - Das war übrigens voransznschen: Interessant ist nur, daß die . Vorstellung in einem Lande erfolgte, das nicht viel mehr jüdische Einwohner hat, als die Wiener Lcopoldstadt oder etwa Lemberg, während sich bei uns in Oesterreich und speziell in Galizien und in der Bukowina mit ihrer jüdischen Million, die fast durchwegs denSabbath feiert, keine Instanz fand, um für die fakultative Sabbathruhe einzntreten. Und-hier bei nnS — war der Mißerfolg nicht voransznsehen. Die Welt-Ernte ist in diesem. Jahre gut ausgefallen. Im Einzelnen sind die Erträge: Weizen: 940 Milli-- onen Rieterzentner (gegen 920-29 im Vorjahre.) Korn: 380.286 (gegen 390.047.) Gerste: 314.084 (gegen 307.023.) Hafer: 526.086 (gegen 533.055). Mais: 986.072 (gegen 917.037.) Im gauzett 3.157,706.000 gegen 3.078,091.000 im Vorfahre. Kleines Kemlron. Die „todte" Sprache. Es ist ja sehr löblich und für das Denken sehr förderlich, die Dinge und Erscheinungen unserer Welt mit Namen zu belegen. Aber es hat sich längst hcraiisgcstellt, daß diesen 'Rainen nicht allzusehr zu trauen ist, denn die menschliche Rede ist im Grande unzulänglich. Worte wandeln ihre Bedeutungen wie das Chamäleon seine Farben. Und dann gibt cs lange nicht so viele 'Ausdrücke als cs Unterschiede gibt. Sehen wir uns znm Beispiel die Begriffe lebende und todte Sprache an. Die üblichen Erklärungen sind sehr einfach: Lebende Sprachen sind diejenigen, »velche noch gesprochen werden, tvie etwa die deutsche, und todte solche, die nicht mehr gesprochenwerden, wie etwa die lateinische. Hm, ja! Allein, woher weiß man, daß die Worte „lebend" und „tot" von einer Sprache nur in diesem Sinne gebraucht werden können? Was tut inait mit einer Sprache, die zwar nicht mehr gesprochen wird,, aber literarisch sich fortcntivickelt und immer. neue Blütezeiten erlebt. Und nicht etiva bei Fremden, die sich zu wissenschaftlichen, politischen Zwecken mit ihr abgeben, sondern bei demselben Volke, das sie einstens sprach. Was tut man mit einer solchen Sprache? frage ich- Wo recht man sie ein? Und was hat man schon davon, wenn mau sie da oder dort einrecht? . Uebcrhaupt hat ja jede todte Sprache, auch die todteste, wenn sie während ihres Lebens Großes und Schönes zu sagen hatte, bleibenden und daneradeu 2Bcrt für die Nach-

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