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Neue Zeitung · 1906-09-07 · Heft 1 (7.9.1906) · p. Seite 6

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 1 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Neue Zeitung Nr. 1 - Aus der jüdischen Oeffenliichkeit. Am 28. August und den folgenden Tagen fand in Köln die zionistische Jahreskonferenz oder der „kleine Kongreß", wie sie gewöhnlich genannt wird, statt. Teilnahmeberechtigt an dieser Konferenz waren die Präsidenten des letzten Kongresses, die Mtglieder des großen Aktionskomitees, die Vorsitzenden der ständigen Kommissionen, der Vorsitzende der Landes-Organisationen und. Förderationen, die Mitglieder des Kongreßgerichtes, der Kongreß-Anwalt und die Revisoren. Aus Oesterreich waren erschienen:- die .Herren Dr. Kremenetzky, Architekt Marino re k und Dr. Isidor Schalit. Es gelangen folgende Anträge zur Annahme: 1. Antrag Professor Dr. W arburg: Die Jahreskonferenz erachtet es zur Förderung der jüdisch - kulturellen Institutionen in Palästina, wie Nationalbibliothek, Museum, Versuchsstation rc., für wünschenswert, daß ein vom A. C. verwalteter Palästinakulturfonds begründet werde. 2. Antrag Professor Dr. Marburg: Die Jahreskonserenz erachtet es zwecks Weiterführung der praktischen Palästinaarbeit für wünschenswert, daß die nötigen Fonds soweit als möglich nicht von dem Schekel, sondern durch besondere Beiträge bestritten werden und empsiehlt den Föderationen und Ortsgruppen, gemäß dein Vorgehen der deutschen Förderation, die Mitglieder der zionistischen Organisation zu steiwilligen Palästinabeiträgen heranziehen. Antrag Dr. Tschlenow: Die Jahreskonferenz beschließt, der Nationalfonds solle in Jerusalem so viel Boden kaufen, als für ein passendes Gebäude für den Bezalel notwendig ist. Das für das Gebäude notwendige Geld soll der N. F. der Anglo - Palestine Company auf eine bestimmte Aiizahl von Jahren leihweise zur Verfügung stellen und diese soll den Bau ausführen. Antrag Bezalel Jaffe: Die Jahrcskonferenz spricht dem verdienstvollen Leiter des Bezalel, Herrn Professor Boris Schatz, für seine segensreiche Tätigkeit ihren Dank aus. Am Mttwoch vormittag fand auch eine ordentllche und Mttwoch nachmittag eine außerordentliche Generalversammlung der „I ü d i s ch en K o l o n i a l b a n k" statt. Die ordentliche befaßte, sich mit dem Bericht des Bankdirektoriums, den dessen Vorsitzender, .Dr. Katzenellensohn erstattete. Die Diskussion war stellenweise sehr erregt. Bei der ordentlichen wurde eine Statutenänderung, welche die Sicherung der Bank für Palästina bezweckt, mit.9673 gegen 697 Aktienstimmen angenommen. August 1906. Kw m m i l i t o n e n! Seit langem ist sich die zionistische Studentenschaft der Aufgaben bewußt, die ihrer gemeinsamen Arbeit harren, seit langem ihrer Pflicht, durch stramme Organisation ihre brachliegende Kraft zu heben. Neue, in das jüdische Volksleben tief eingreifende Ereignisse haben' zumal die mährischschlesische Studentenschaft vor neue Aufgaben gestellt. Beruht doch die zionistische Organisation Mährens und Schlesiens zum ^allergrößten Teile auf studentischn Korporationen. Deshalb sieht sich die jüdische-akademische Verbindung „Jvria" Wien veranlaßt, für Samstag den 8. September d. I., 11 Uhr vormittags, im Straßmann'schen Bräuhaussaale nach Mährisch - Ostrau eine Zusammenkunft der jüdischen Studentenschaft Mährens und Schlesiens einzuberufen. Aus der von 'der „Jvria" vorgeschlagenen und in einer Besprechung der Vertreter der studentischen Korporationen- Mährens und Schlesiens gebilligten Tagesordnung ist der Beweis für die Notwendigkeit einer solchen Zusammenkunft erbracht, und dürfte wohl ein einmaliges Appellieren an das zionistische Pflichtgefühl der Korporationen und jedes Einzelnen genügen, um in dem Zeichen studentischer Disziplin und Opferwilligkeit an nationaler Arbeit direkten Anteil zu nehmen! Tagesordnung: 1. ' Begrüßung; . 2. Wahl des Bureaus; 3. Politische Erziehung des jüdischen' Studenten; 4. Betätigung des zionistischen Studenten in Mähren und Schlesien; 5. Die materielle Lage des jüdischen Studenten; 6. Organisation der. Ferialverbindungen und ihre alten Herrn; 7. Eventualia. Jüd.-akad. Verbindung „Jvria" — Wien I. A. d. A. C. eandrjur. Hugo Löwy cand. jur. Hermann Löwy der Bukowina haben die Juden nicht daran gedacht, sich rechtzeitig ihrer Haut zu wahren. Jetzt sind sie auf die Connivenz maßgebender Kreise angewiesen, die sich ihr zeitweiliges „EinAuge zudrücken" mit — Wahlstimmen bezahlen lassen. Hoffentlich bleibt es nicht immer, so. Vielleicht kennen wir doch einmal den Wert politischer und wirtschaftlicher Solidarität begreifen. Zuschriften sind zu richten an jur. Hermann Löwy, M.-Osträu, Gaswerk. Die jüdisch-akademische Verbindung „Jvria" feiert aus Anlaß ihres 30 semestr. Bestandes am 8. und 9. September im Fcstsaale des Deutschen Hauses in M.-Ostrau, ihr Stiftungsfest- Samstag den 8. September Festkommers. Sonntag den 9. September Akademie und Tauzkränzchen. " . Die jüdisch-akademische Ferialvereinig u n g „ C h e r m o »i a" in R a d a u tz (Bukowina) veranstaltet am 9. September in den Lokalitäten des . Schützenhauses einen Gründungs-Kommers. Die jüdische Jugend in S n ia ty n hat einen Jüdisch- Nationalen Bercin „E.sra" gegründet. Derselbe' steht auf dem Standpunkt des' „Baseler Progrannns" und bezweckt durch Auflegung zweckdienlicher Zeitschriften, Broschüren und Zeitungen, durch Anschaffung einer einschlägigen Bibliothek, durch Abhaltung jiidisch-wiffenjchaftlicher Vorträge, durch die Feier jüdisch-historischer Ereignisse, durch Erlernung der hebräischen Sprache, die Hebung des jüdisch-nationalen Bewußtseins, die Pflege der jüdischen Geschichte, Literatur und Sprache, und die Förderung der zionistischen Lösung der Judenstage. Der Verein hatte am 97. August 'seine erste Generalversammlung, bei welcher Dor. Kauer die Ziele des Vereines darlegte, und die Vereinslciülng gewählt wurde. Das Ergebnis der Wahlen ist: Ausschuß die Herren: Dor Kauer, Leib Händel, M. Sinnreich, G. Kohn, M. Niesing. Ersatz die Herren: I. Händel, Al. Feuer, Heinrich Singer. Revisoren die Herren: M. Berler, I. Benowicz. .Chaim Geller. Wirtschaftliche Uottzen. Die jüdischen Dicristummier in Wien. Von gut unterrichteter Seite erfahren wir: Bekanntlich ist den sogenannten Dienstmännerinstituten die Konzeffion entzogen - worden. Mit Recht. Denn wie kamen diese dazu, sich von den Dienstmännern einen täglichen Zins zahlen zu kaffen, der unerbittlich eingetrieben wurde? Allein für die Inden unter den Dienstmännern drohte diese eminent suriale Maßregel eine Gefahr zu werden. Man schrieb nämlich dem Magistrat, von dem jetzt die Vergebung der Einzelkonzession an die Dienstniänner abhängt, die Absicht zu,' die jüdischen Gesuche abzulehnen. Diese Gefahr scheint nur Gott sei Dank vorüber , zu sein. Nicht, daß nicht , im Magistrat einige Lust vorhanden gewesen wäre. Aber die Statthalterei wußte den Magistrat eines Beffern zu belehren- Namentlich hat sich diesbezüglich Herr Bezirkshauptmann Naab große Verdienste erworben. Nur einige kriminell vorbestrafte Individuen dürften zum Opfer fallen. Es wird noch davon gesprochen,-daß den ungarischen Juden als Ausländern Schwierigkeiten werden 'gemacht werden. Das dürste aber nicht zutreffen. Das Gerücht dürste vielmehr darauf zurückzufirhren sein, daß sich die einheimisch-jüdischen Dienstniänner niit den christlichen verbanden, um die polnisch- und ungarisch-jüdischen Kollegen herauszudrängen. Was die Gefahr späterer Nichtaufnahme von Juden betrifft, so hat diese Frage deshalb wenig Bedeutung, weil es gegenwärtig doppelt soviel Dienstmänner gibt, als eigentlich notwendig sind, und der Beschluß gefaßt wurde, die Zahl durch natürliche Verminderung (Tod und Konzessionszurücklegung) auf den Normalstand von 800 kommen zu laßen. Außerdem wird die Dienstmännergeuoffenschaft später autonom sein und auch die jüdischen Dienstmänner werden mit einem Teil der christlichen immer die Majorität bilden. Es gibt 1020 Dienstmänner in Wien, davon sind über 400 Juden, von diesen zirka 250 polnische und zirka 70 ungarische Juden. Die jüdischen Dienstmänner haben einen israelitischen Krankenverein „Der Wiener Dienstmann" mit einer eigenen Synagoge und gehören zum großen Teile der. sozialdemokratischen Organisation an. Erwähnenswert ist noch, daß sie jetzt daran denken, dem Gründer des ersten und größten Dienstmänner-Fnstitutes, Dr. Folkmann — der ungleich seinen Erben human vorgieng, und dem diese bisher noch keinen Grabstein setzten. — einen solchen setzen zu lassen. Wir möchten diesem Berichte nur eine Warnung vor zu großen: Optimismus hinzufügen. Andererseits könne» wir uns schwer entschließen zu glauben, was von dem Bündnisse der einheimischen jüdischen mit den christlichen Dienstniänner gesagt ist. Ob da unser Berichterstatter nicht wieder zu schwarz sieht? Kerne obligatorische Sonntagsruhe wehr für Inden. Die parlamentarische Enquete über die Sonntagsruhe hat die jüdischerseits erhobenen Forderungen wenigstens teilweise berücksichtigt'.' Sie schlägt dem Plenum vor, für -Stadtteile, in welchen ein eigener jüdischer Wirtschaftsverkehr stattfindet, an den Sonntag Vormittagen die Sonntagsruhe, nicht durchzuführen; ebenso - nicht für jüdische Fleischbanken und Bäckereien, wo immer sie sich befinden. —' Wir sprechen natürlich von — England, beziehungsweise London. Denn in Oesterreich und' speziell in Galizien und Kohnbnwpfe. Seit einigen Tagen'sind die Lemberg er jüdisch e n S ch n e i .d e r a r beiter durch ihre jüdischen Arbeitgeber aus gesperrt. Die Ursache der Aussperrung ist ein Boykott, den die Arbeiter über die Werkstätte eines D a m e n - K o n f e k t i o n ä'r s wegen der ln seiner Werkstätte herrschenden Arbeitsbedingungen verhängte». Die Arbeitgeberorganisation legte eine „schwarze Liste!' an und verschickte dieselbe'unter die Arbeitgeber, damit diese ' die betreffenden Arbeiter nicht ausnehmen. Die Arbeiter verlangten nun in, einzelnen Werkstätten, wo wirklich Bedarf an. Arbeitskräften vorhanden, ist, die Aufnahme der ausgesperrten Fachkollegcn. Darauf stellten die Meister sofort die Arbeit ein.' Diejenigen,' die' es nicht tun wollten oder sogar die ausgesperrten Arbeiter ausnahmen, wurden-von den übrigen Meistern gezwungen, ausznsperren. Darauf klagten sämtliche Arbeiter und Arbeiterinnen den vierzehntägigen Löhn. Die Arbeiterschaft aber beschloß' in sehr gut besuchten Versammlungen/ einen allgemeinen Streik voxläufig zu oernieiden und ihn erst, wenn es binnen 14 Tagen zu keinem friedlichen Ausgleich kommen sollte, zu. arrangieren. Die, aufgestellten Forderungen sind: 1) Gleichmäßige Beschäftigung aller Arbeiter und Arbeiterinnen bis 1. März 1907; 2) Wiederaufnahme aller Streikenden; 3) Arbeitszeit von 8 Uhr früh bis 8 Uhr abends mit einer l'l, stüildigen Mittagspause; 4). Ueberstunden sind nur in Ausnahmsfälleii zulässig und wird für jede ein Normallohn von 60 .Hellern bestimmt. Auch für die jüdischen,Bäckerarbeiter Lembergs war der Boykott in einer Bäckerei, — wo der Lohn zu den geringsten gehört, die Arbeitszeit: 18 Stunden täglich ausmacht und auch Ohrfeigen ausgeteilt werden,' — Ursache der Aussperrung., Die Aussperrung durch die jüdischen Bäckermeister erfolgte am Samstag nachmittag. Die Arbeiter, größtenteils verheiratete Männer, wurden ohne vorherige 14tägig'e Kündigung entlassen. Die Arbeiter brachten die Klage wegen Entschädigung der 14tägigcn Kündigungsfrist ein. Amicus. Streik derGäuserupserinncn inLemberg. In Lemberg streiken die Gänserupserinnen. Das sind jüdische Frauen,- die . stir die Marktleute, welche geschlachtete Gänse als Ganze, in Hälften und Vierteln verkaufen, das Nnpfeil der Gänse besorgen. Dafür bekomme» sie drei Heller per Gans — und grobe Scheltworte, mehr als genug/Nun sind sie in den Ausstand getreten, vierzig an der Zahl. Angesichts der bevorstehenden Feiertage hoffen sie ihre Forderung durchzusetzen. UnddieseForderung?ZweiHellerperStückmehr. Wegen Raummangels können wir mit der Rubrik „Kunst und Literatur" sowie mit der Veröffentlichung lyrischer Beiträge erst von nächster Nummer ab beginnen. Iw GiseirlAhnroupe. Ein Bild von S ch o l e m - A l e j ch e m. Aus dem Jüdischen übersetzt von I. Hcllmann. I. Max Berliant ist eine „ausgerauchtePfeife"*); fährt _ er doch einige Male i,n Jahr von Lodz nach Moskau, und von Moskau, nach Lodz! Er kennt alle' Buffets. in den Bahnhöfen, ist mit allen Schaffnern „gut Freund", —' sogar in jenen tiefen Gouvernements, in welchen sich ein Jude nicht länger als 24 Stunden auch alten darf. Erwurde schon in alle Bezirksäinter zitiert, ist auf seinen Reisen Anrempelungen und Spötteleien ausgesetzt, hat sich schon viel geärgert und manche Beleidigung eingesteckt — und das alles des Judentumes wegen! . . . Nicht so sehr des Judentumes wegen, als vielinehr weil er selbst Jude 'ist. Und eigentlich auch deshalb nicht so sehr, weil er Jude ist, als vielinehr deshalb, weil er ein jüdisches Aussehen hat. Schwarze, glänzende, wahrhaft semitische Augen; schwarzes, gelocktes, echt semitisches Haar; eine Aussprache mit echtjüdischen Akzent, und obendrein eine Nase . . o! Diese Nase! ' „ Und wie absichtlich hat unser Held einen Beruf — er ist Reisender — der ihn zwingt, überallhin seine Nase mitzuführen, zu sprechen,- viel zu sprechen, damit man ihn sieht und hört. Kurz, er'.ist bemitleidenswert. Es ist wahr, er. rächt sich dafür an seinem. Bart,. kleidet sich modern, putzt sich heraus wie eine galante Dame, dreht sich seinen Schnurrbart nach oben ä;la „es ist erreicht", läßt sich einem langen Nagel wachsen und trägt einen'Schlips, wie ihn unsere Väter und Großväter nicht gesehen und geahnt haben!'. . . . Allmählich hat er sich auch an die Speisen-gewöhnt, btein 6en Bahn- ' *) Stehende Phrase und bedeutet soviel als: er-, fahruiigsreicher Mann. : Der Nebersetzer. ■

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