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Neue Zeitung · 1906-09-07 · Heft 1 (7.9.1906) · p. Seite 5

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 1 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 1 N e u e Zeitung Seite 5 . Türkenanschließen möchten, so würden sie insge,amt sur Oesterreich stimmen. Griechenland könnte sich dabei geirost bis über de» Berg Athos ausdehnen, Bulgarien ' könnte - sich getrost seinen Hafen in Cavalla einrichten, wir würden den - Lebensnerv keiner Nation verletzen; nur würden wir einem Bölkcrsplitter, der durch Abstami ,niung, Sprache, Religio» und Sitte von 'den Balkanchristen verschieden ist, eine solche Zuflucht gewähren." Der galizischr Gemeindelag. | ' Lemberg, 3. Sept. 1906.! Also, Herr Rcichsratsabgeordneter Doktor Nathan Seinfeld hat sich spät, aber doch an das jüdische Interesse erinnert. Er hat . die Lemberger Kultusgemeinde aufgefordert, einen Gemeindetag einzuberufen, um gegen die Beschumelung, welche die Polen hinsichtlich der jüdischen Wahlkreise Vorhaben, Schritte zu unternehmen. Und die Lcinberger Kultusgemeinde tvill, heißt es, dieseir Gemeindetag auch wirklich für die zweite Hälfte des September einberufen. Alles sehr gut, - wiewohl es noch besser tväre,- wenn die Kultusgemeinden Galiziens demokratischer ausschauen würden, doch, lvas nicht ist, kann ja werden. Wenn nur ein Anfang gemacht wirdl Und einschläfen darf die Sache nicht, wie die „Gemcindetage" und ihre Kommissionen eingeschlafen sind, die vor dreißig und vor sechs Jahren gewählt .wurden! Der „Gemeindetag" soll sich etwa auch nicht mit der Angelegenheit, der er seine jetzige Einberufung verdankt, begnügen, sondern sich überhaupt in den Dienst der politischen Bewegung der galizischen, und dadurch in weiterer Linie der ganzen österreichischen Judenheit stellen. Dann werden gewiß alle, die schon in diesem Dienste stehen, gewiß sehr zufrieden sein. Allerdings darf nicht übersehen werden, daß der Bewegung vom Gemeindetage manche Gefahr droht. Denn die Kreise, die hier wahrscheinlich in den Vordergrund, rücken werden, stehen denn doch noch zu sehr im Banne der Polcnangst. Es wird sich ihnen immer noch darum handeln, den polnischen Schlachzizen noch ein paar Wahlkreise abzuschmeicheln oder auch „abzudrohen", während durch völlige Emanzipation von der schlachzizischen Vormundschaft und durch Verständigung mit den demokratischen Parteien — liberalen Polen, Sozialdemokraten, ganz besonders aber Ruthenen;;—; ein größeres, würdigeres und ' nachhaltigeres .Resultat zu erzielen ist. Sache derjenigen, die schon seit jeher ein bewußtes und selbstständiges Judentum vertreten, wird cs daher sein, die Anderen auf dem Wege einer großzügigen, und mutigen Politik vorwärtszustoßen, nicht sich etwa niederziehen zu lassen. D. Die Ersatzwahl^ in Zloczow-Drody. Wählet Adolf Stand! Brody, Ende August 1906. Bekanntlich hat das zionistisch-politische Zentralkomitee für das durch den Tod des Dr. Byk erledigte und am 14. September »nieder zu besetzende Mandat der Städte Brody und Zloczow Herr Adolf Stand, diesen verdienten Vorkämpfer jüdisch-nationaler Ideen, als Kandidaten ausgestellt. Die Kandidatur Stands hat hier, und wie man hört, auch in Brody eine sehr freundliche Aufnahme gefunden, nicht bloß bei den Zionisten, deren engerer Parteigenosse ja der Kandidat ist, sondern bei allen, die treu zu ihrem jüdischen Volke halten. Wir dürfen uns nicht verhehlen, daß es ein schwerer Kampf sein wird, aber nichts, ist ja leicht auf dieser Welt, und aus unserer Seite ist jener siegbringendc Schwung, der den 'Anhängern der anderen Kandidaten abgeht. Die anderen Kandidaten sind der hiesige Bürgermeister Dr. R i t t e l,' .Dr. Gold aus loczow und der Wiener Advokat Dr. Edmund örnfeld. In Ausführung eines Magistratsbeschlusses berief der Bürgermeister eine Versammlung des . Gemeinderats, der Handelskammer, des Kultusrates, der Vertreter der politischen und autonomen Behörden ein Es kam aber zu keinem Beschlüsse. Alle Kandidaten fanden Fürsprecher, Asessor L i f.s ch ü tz bekämpfte die Kandidatur Golds als die eines jüdischen Antisemiten. Bemerkenswert ist die Stellung der Ruthenen. Sie drückte zwar in manchen Versammlungen den Jüdisch-Nationalen. ihre Sympathien aus, werden auch vielleicht schließlich für Stand stimmen, haben aber vorläufig in der Person des 'Rats Bartalowycz einen Zählkandidaten ausgestellt. — Dazu hätte man es nicht kommen lassen sollen. Es scheint, daß man noch nicht die richtige Methode gegenüber den Ruthenen, mit welchen uns eine, "starke politische Interessengemeinschaft verbindet, gefunden hat. k\ Auf gegen die bnlrowirnsche Schulverwaltung! Czernowitz, im September 1906. Die Bukowinaer Judenheit besitzt bekanntlich ein verhälnisinäßig bedeutendes Maß politischen Verständnisses. Wenn ihr auch heute noch die Fähigkeit und kulturelle Kraft abgeht, bedeutende politische Ideen zu tragen, eignet ihr doch ein gewisses politisches Verständnis. So kommt es, daß unsere Juden bald erkennen, wo ihr Volksinteresse bedroht ist und dort mit mitunter stahlharter Energie einsetzen. Tie Verdienste des Abgeordneten Dr. S t r a u ch e r um diese Entwicklung sind zu sehr in aller Munde, als daß darauf hinzuweisen wäre. Die jüdische Bevölkerung beginnt nun die nationale Bedeutung der Schulsrage zu erkennen. Allerdings auffallende Dinge trageil sich zu. Unsere Mittelschulen haben nur beschränkten Raum, können daher dem enormen Andrange nicht entsprechen und nehmen Heuer in die erste Klasse nur eine beschränkte Schülerzahl auf. Gut. Daß aber nur Judenkinder draußen bleiben lnußten, war zu auffällig. Jeder Vater dein so etwas passierte, ist nun hingegangen und hat es alleir seinen Bekannten erzählt: „Sie wissen denn, was in der Schule vorgeht V Mit den Kindern fängt es an u.s.w." So wurde rnan aufmerksam Jetzt ereigilete sich ein Neues. Im aufblühenden Städtchen' Stvrozynetz ist der Direktorposten in einer - Volksschule zu besetzen. Nach dem Gesetze darf nur ein Lehrer inosaischer Konfession nach dem ft'infjährigen Durchschnitt der Schulkinder ernannt werden. Für die Juden gelten aber unsere Verwaltungsgesetze noch, nicht. Dagegen gibt es Protektionskinder, denen zuliebe unsere Gesetze umgangen werden. So wurde der Konkurs zur Besetzung des Direktorpostens in Storozyretz einem Lehrer namens Nikorowicz auf dem Leib ausgeschrieben. Man verlangte nämlich außer den Landessprachen vorn Bewerber noch die Kenntnis der polnischen Sprache — mosaische .Konfession nicht — die eben Nikorowicz hatte. Polnisch ist aber in Storozynetz ebenso nötig, als in St. Pölten tschechisch. Die ' jüdische Lehrerschaft protestierte gegen die Konklirsausschreibung. Die Regierung gieng darüber hinweg un.^ ernannte den Nikorowicz, dem einzigen dem Konkurse entsprechenden Bewerbern zuul Schuldirektor. Unsere Schulverivaltung dürfte in Kurzem die Juden neuerlich vor den Kopf stoßen. Die allgemeine 'Aufmerksamkeit ist bereits im erhöhten Maße auf die Schule gelenkt. Unsere Stoßkraft wird sich bald erproben können. Unsere Kulturinteressen werden dadurch nur gewinnen. Aus dem russischen MilUonenkrrker. Mau schreibt uns aus Rußland: Wie mau weiß, finden jetzt forlwähreud Ministerberaluugen statt. Die Iudeufrage bildet einen Hanptgegensiatld derselben. Natürlich sind sich die weisen und feinen Herrn klar darüber^ daß die Revolution eine jüdische Erfindung ist. Indexen privilegierte Gegner der Gleichberechtigung gibt cs nur zwei unter ihnen, die allerdings beide von großem Einfluß sind: W a s s i l t s ch i k o w und SofolDseui. Der elftere. der Ackerbauminisier, will, daß man die Juden nach rumänischem Muster als Ausländer erklärt, ihnen aber sonst Erleichterungen gewährt, wie sie ja auch schon Ministerpräsidcnl Slolipin dem Tr. Paul R a l h a n in Anssicht stellte, und es heißt augenblicklich, daß sein Vorschlag Aussicht auf 'Annahme hat. Die übrigen Minister sind für Gleichberechtigung, die aber nur allmählig gewährt werden soll, um das rnsiische Volk nicht aufzuregen. So sollen, vor 'Allem die AnsiedlnngDrayons nm 6 neue Gouvernements vergrößert und den Handwerkern Ansicdlungsrecht im ganzen Land erteilt werden. W a s s i l t s ch i k o w s Ansichten entsprechen so ziemlich den Forderungen einer neuen reaktionären Partei, welche sogar so weitgchen, die Juden vom Militärdienst ausschließen zu wollen. Die Judenfeinde ruhen natürlich nicht. In den Pogromen ist eine Panse eingetreien. (die Regierung kann sie wahrscheinlich für den 'Augenblick nicht brauchen). Umsomehr arbeiten die „schwarzen Hundertschaften" in „Aufklärung" des Volkes. Sie halten Versammlung ans Versammlung ab und überschwemmen das Land mit ihren niederträchtigen Lugschristen. Der „Verein zur Erreichung der Gleichberechtigmig fiir Juden" — im Volksmunde heißt er kurz: „Die Erreicher" — gedenkt dieser Agitation durch Verbreitung aufklärender Schriften entgegenzutreten; außerdem demnächst eine Beratung in Petersburg abzuhalten. . Bei dieser soll aber auch in erster Linie die auf der vorigen Konferenz schon so viel besprochene Frage, ob eine eigene Parlamentsfiaktion zu bilden sei, oder nicht,, besprochen werden. Die bundistische „Bolkszeitung" in Wilna-polemisiert gegen die Partisanentaktrk der polnische» sozialistischen Partei (der sogenannleu „P. P. S.") und verurteilt deren lebte Attentate auf die Polizisten. Es ist dies eine treffliche Illustration zu der Lüge, daß der Terror hauptsächlich von den Juden betrieben werde — einer Lüge, die in gleicher Weise von der russischen Bureaukratie und den polnischen 'Rational-,,Demokraten" praktiziert wird. (Und die natürlich von unseren Wiener Antiscmiieublättern pünktlich nachgelogen wird. Die Redaktion). Oesterreich jutfc PaläKma. Unter diesem Titel lvird uns aus Palästina geschrieben: Zu den merkioürdigsten Dingen, die sich hierzulande in letzter Zeit ereignet haben, gehört zweifellos die Einrichtting von komfortablen Hotels -. — durch die Hamburg-Amerika- Linie! D s ch e n i n ist ein muhammedanisches Dorf von zirka 1500 Einwohnern und liegt auf dem halben Wege zwischen Nablus und Nazareth am Eintrit in die Jesreel-Ebene. Die Wenigsten von tms haben je etwas von dem Orte gehört, aber die Hamburg-Anierika-Linie hat im vorigen Jahre dort einen stattlichen Steinbau errichtet, um ihren Touristen eine passende Unterkunft geben zu können. Außerdern unterhält sie ein ähnliches neues, eigenes Hotel in Nablus (Sichem), hat bereits bestehende Hotels in Nazareth und T i b e r i a s ausbauen und modern einrichten lassen, sie besitzt eigene Boote an den Hafenplätzen und ans dem Tiberias-See, Bureaus in den Hauptplätzen des Landes und geleitet Touristen kreuz" und quer iin Lande von der Küste bis zur Mekkabahn im Osten, von Petra im alten Edom bis Baalbek, der alten Heliopolis. Zwar ist die Provinz Palästina dem Jmperinin der Hambnrg-Amerika-Linie durch deren Uebernahme der weiland Karl Stangenschen Reisebureaus einverleibt worden. Aber charakteristisch ist es doch, daß die „Hapag"*) sich nicht im mindesten geniert, unter ihren occidentalen Firma im Orient gute Geschäfte zu machen, während die Juden sich genieren, mit Palästina zu tun zu haben und sich furchtbar fürchten, „ausgerechnet" hier ihre Gelder zu verlieren, die man in Rußland und Mexiko so nutzbringend und ruhmreich anlegen kann. Allerdings — woher soll man wissen, daß in Palästina etwas zu holen ist. Die Touristen bekommen außer den Heilgen Stätten der Christenheit nicht viel zu sehen, und der Besuch hat sich bei unseren Getauften noch zu wenig eingebürgert, als daß schon etwas von dem Gesehenen auf die noch ungetansten Verwandten und Freunde absärben könnte. Und Juden haben ja kaum Veranlassung, sich in Palästina nmznsehen, anr wenigsten noch solche, die dem Lande (und dabei sich selbst) Nutzen bringen könnten. Zlber wenn östereichische Juden kein praktisches Interesse cm Palästina nehmen wollen, so finden sich vielleicht einige jüdische Oesterreicher. — Oesterreich hat ganz bestimmt etwas in Palästina zu suchen. Es hat ein Handels-Prestige im -Orient 'zu wahren und gegen den Wettbewerb anderer zu verteidigen. Da winken also Anerkennung und blanker Nutzen. Was immer in Palästina von dieser Seite geschähe, würde auch den palästinischen Juden nützen. Den die Juden Palästinas sind der progressivste Teil der Bevölkerung, und es geht der großen Mehrzahl von ihnen dabei so schlecht, daß sie vorläufig ftoh wären, wenn jemand käme, der ihre billige und intelligente Arbeit „exploiteren" Jnteresiant ist es übrigens, darauf hinzuweisen, ein wie tüchtiges Verständnis die k. u. k. ö st erreichischen Postämter in der Levante der Position der Juden im Lande entgegenbringen. Die österreichischen Postanstalten in Jaffa befördern z. B. Briefe :c. zwischen Jaffa und den umliegenden jüdischen Kolonien völlig gratis, um sich bei der jüdischen Kundschaft, den Vorrang vor ben anderen „fremden" Postämtern zu sichern, und in der Tat befördert wohl der größte Teil, auch der r u s s i ch e n Juden Palästinas seine russische Post durch die österreichischen Aemter. Die reichsdeutsche Post konnte sich dieser Konkurrenz nur dadurch erwehren, daß sie das Entgegenkommen der Oesterreicher nachahmte. — Das eine aber haben die Oesterreicher noch immer vor ihren Konkurrenten voraus, daß sie in hebräischenLettern gedruckte S e g e l l i st e n der Postdampfer herausgeben. M. Ebenstein. *) Abkürzung für Hamburg-Amerikanische Paketfahrts- Aktiengesellschafr.

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