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Neue Zeitung · 1906-09-07 · Heft 1 (7.9.1906) · p. Seite 7

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 1 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Nr. 1 Neue Zeitung Hofrestaurants zu Haben sind; am Schweinefleisch findet er-besonderes Wohlgefallen. Und trotzalledem wird Max Berliant -von Feind und Freund als : Jude angesehen. Man erkennt ihn wie eine ,,schlechte Münze", wie.den verfluchten, .herumirrenden Kain, und läßt ihm auft Schritt und Tritt wissen, wer und was er ist.. Kurz — Gott möge sich seiner erbarmen. - II. Hatte sich Max Berliant schon vor den Kischinewer Greueln unglücklich gefühlt, nach „Kischinew" war er es noch mehr. Er litt einen schweren, , inneren Schmerz und schämte sich' seiner — das ist eine Pein, die-nur der begreifen kann, der sie selbst erlebt hat. Kischinew machte ihm Schande, als ob Kischinew sein wäre! . Und. als ob man es darauf abgesehen hätte, gerade damals mußte er in jene Gegend, nach Bessarabien. Er fühlte, daß da ein Leben voll neuer Pein für ihn beginne, — eine Hölle. Max wußte, daß er vieles werde hören müssen: Jammer, Stöhnen, und Seufzer seiner Leute, Sticheleien und derbe Scherze der anderen. Und je mehr. er sich Kischinew näherte, desto -eistiger sann et auf Mittel, um-all diesen unangenehmen Dingen zu entrinnen. Erst dächte er, ganz allein im Coupe zu bleiben. Nachher besann er sich aber eines anderen, stieg, gleich anderen Reisenden, aus dem Coupe, schritt majestätischen Schrittes dem Restaurant zu, ließ sich einen Schnaps reichen, aß darauf von allen den „güten. Sachen", die den Juden verboten sind, trank ein Glas Bier, steckte sich eine .Zigarre an und ging in ein Zimmer/ nebenan, /wo den Fahrgästen verschiedene Bücher und Zeitungen angebvteu werden. Sein Blick siel auf das bekannte antisemitische Blatt des bekannten Herrn Kruschewan, das den bekannten Titel „Bessarabetz" 'führt. 'Es lag in. heiliger Ruhe da. Denn dort, wo es erscheint, nimmt.es niemand mehr in die Hand. Die Juden Zesen es nicht, weil es ihnen widerlich ist, die Nichtjudeu haben es bereits satt. - - MaxwarderEinzige,dersich einen „Bessarabetz" kaufte. Warum er das tat? Vielleicht'aus demselben Gründe, aus dem er Krebse aß? Vielleicht wollte er auch bloß sehen, was so ein Kerl über die Juden zu schreiben habe. Man sagt, daß die Mehrzahl antisemitischer ' Blätter von Semiten gelesen wird. . . . . Die Herausgeber wissen das sehr gut, sie denken sich: Der Jude, selbst ist „treife", sein Geld aber ist „koscher" . ... ■ III. ' Unser Max ging nun'mit seinem „Bessarabetz" in den Wagen zurück, streckte sich auf der Bank aus und deckte sich mit dem Zeitungsblatt zu, so etwa, wie man sich mit einer Decke zudeckt. Dabei durchzuckte folgender Gedanke sein Gehirn: Wenn da ein Jude hereinkommt, und einen Menschen ausgestreckt sieht, mit einem „Bessarabetz" zugedeckt? Der wird doch keinen Juden in ihm vermuten. Wahrlich, eine glänzende Idee, ein ausgezeichnetes Mittel, die. Leute zu vertreiben und die Nacht hindurch ganz allein zu bleiben. . ... So dachte unser Held, und deckte sich das Gesicht .zu, die Nase, die Augen, das Haar, das ganze Ebenbild Gottes. Und stellte sich" wieder vor, wie in der Nacht ein Jude mit vielem Gepäck in den Wagen kommt, ein Plätzchen sucht, /. . plötzlich die mit dem „Bessarabetz" zugedeckte Gestalt erblickt. ... o, ein Antisemit vielleicht gar Kruschewan selbst! . . . . sich entsetzt davonmächt, dreimal ausspuckt, er, Max, aber allein bleibt, allein, wie ein Graf, allein auf der Bank, . . . ha, ha, ha! - Und als ein Mensch, der zu viel gegessen, ein Glas Bier getrunken, eine Zigarre geraucht hat- und in der Nacht allein wie ein Graf auf einer Bank ausgestreckt liegt, beginnt er bald zu schlummern und schlummert so lange, bis er fest einschläft. Pst! Unser Held Max Berliant, der Reisende, der von Lodz nach Moskau und von Moskau nach Lodz fährt, liegt ganz allein auf einer. Bank, mit einem „Bessarabetz" . zugedeckt und schläft; wollen wir ihn »licht stören .... IV.- . Max Berliant ist wohl ein gescheiter Mensch. Doch -diesmal hat - er sich gründlich getäuscht. Wohl stieg ein Passagier ein, ein starker, keuchender Mann mit vielen Paketten und Schachteln, ging -auch auf Max zu, betrachtete ihn, wie er dalag,- mit dem „Bessaxabetz" zugedeckt, — aber er spuckte nicht dreimal aus und sprang nicht ab. Er stand nur da und betrachtete lächelnd den Antisemiten mit der semitischen Nase. (Während des Schlafens hat sich nämlich das Blatt heruntergeschoben, und die „Schande", die Nase unseres Helden nämlich, zeigte sich in der ganzen Pracht und Herrlichkeit.) Dann legte. er sein Gepäck auf die Max gegenüberstehende Bank und dachte über den Fall nach. „Isis ein Christ, ein Antisemit? Woher die semitische Nase?! — Isis ein Jude? Woher das antisemitische Blatt? Was ist er denn? Nun doch nichts anderes, als ein ganz gewöhnlicher Jude, der den „Bessarabetz" nur deshalb liest, weil offenbar etivas ganz Besonderes drinsteht. Man intlß sich also auch den „Bessarabetz" kaufen" . . Und der behäbige Reisende stieg stir einige Minuten ab, kam mit einem Blatte zurück, öffnete seinen Koffer, entnahm ihm einen Reisepolster, ein Paar Morgenschuhe und ein Fläschchen Lau de Cologne, richtete sichs häuslich ein, streckte sich auf der Bank aus, rauchte und las den „Bessarabetz" — so lange, bis er zuerst ein Auge, dann das andere schloß, schlummerte, schnarchte^ wie er es gewöhnt ist, wenn man. in der Nacht mit der Eisenbahn fährt, der Wagen sich wiegt und die Räder gleichmäßig klopfen: tiderrachtach! tiderrachtach! .... Wir lassen unsere beiden „Bessarabzes" schlafen und wollen den Leser mit dem neuen Reisenden bekannt machen. Es ist ein General ....... Aber kein General der Armee, auch kein General-Gouverneur, sondern bloß ein General-Inspektor, der Agent einer Gesellschaft. Sein Familienname ist Niemczak, sein Vorname Chaim, er nennt sich aber Albert und sein Kosenamen ist Feti. Das kommt einem sehr ungewöhnlich vor. Wie aus Chaim Albert wird,- läßt sich noch begreifen; denn wie wird z. B. aus Wolf Wladimir, aus Israel Isidor, aus Abraham Aladar? Aber aus Chaim Feti! Da muß man schon genaue Untersuchungen anstellen und die Etymologie studieren: Vor, allem lassen wir von Chaim das „CH" weg, dann bitten wir das „ai" und das „m" um Entschuldigung und hängen ein „A", ein „l", ein „b", ein „e", ein „r" und ein „t" an; macht das nicht „Albert"? Nun, aus Albert wird ohnehin schon Alberti, Berti, Beti, -Feti.... Sic transit gloria mundi, so, heißt es, wird aus einem Floh ein Elefant. Also, unser Mann heißt Feti Niemczak und ist General-Inspektor. Aber trotzdem ist er ein guter Jude, sieht Juden gern, liebt einen jüdischen Schabbes, jüdischeFische, jüdischeFrauen und jüdische Anekdoten—echt jüdische Anekdoten! Wegen dieser genießt er einen Weltruf. Nur will er sic alle selbst erlebt haben, beschwört es mit allen möglichen Schwüren. Jedesmal verlegt er die Handlung nach einem anderen Ort; er vergißt nämlich iinmer, wo er sie das letzte Mal spielen ließ. Die Leute sagen, er liebe die Unwahrheit. Ein Lügner also, wenn ich mich so derb ausdrücken'darf? Aber wozu denn? Ein Agent! Doch lassen wir nun den Antisemiten Nr. 2, Feti Niemczak, und kehren wir wieder zum Antisemiten Nr. 1 zurück, d. h. zum Reisenden Max Berliant. Max hätte eine schlechte Nacht .... Wahrscheinlich hatten die Speisen, die er im Bahürestaurant genossen, zu „reden" begonnen. Er hatte absonderliche Träume. Es schien ihm z. B., daß er nicht Max Berliant, sondern Kruschewan sei; ferner kam ihm vor, daß er nicht auf der Eisenbahn fahre, sondern auf einem Schweine reite und von der Ferne eine weinende Stimme rufen höre: Kischenew, Kischcnew! Er glaubte ein Rascheln von Blättern zu hören.... Er möchte ein Auge öffnen — er kann nicht! Er tastet nach der Nase, — keine Nase mehr! Keine Spur von einer Nase! An ihrer Stelle der „Bessarabetz" l.... Er weiß nicht, wo er sich befindet .... Er will sich umwenden, er kann nicht! Er willschreien, unmöglich! Er fühlt, daß alles ein Traum ist, aber er kann den Schlaf nicht überwältigen — er kann nicht! Er liegt da und leidet schreckliche Qualen, es ist ihm, wie wenn er im Scheintod läge-: ... Er spürt, daß ihm die Kräfte schwinden. Endlich sammelt er alle seine noch vorhandene Kraft und stößt einen leisen Seufzer aus, den nur er selbst hören kann. Er öffnet langsam ein Auge, da erblickt er einen Lichtstrahl und die Gestalt eines Menschen, der, ebenso wie er, ganz allein auf einer Bank liegt und ebenfalls, ganz wie er, mit einem „Beffarabetz" bedeckt ist-- Er gerät außer Fassung! Er. scheint ihm, als sehe er sich selbst auf jener Bank liegen,, und er kann durchaus nicht begreifen, wie er, Max, 'auf die andere Bank geraten , sein könne? Und wie sich ein Mensch sebst ohne Spiegel zu sehen vermöge? Die Haare stehen ihm zu Berge und eine Gänsehaut überläuft ihn. Allmählich aber beginnt unser Max zu begreifen, daß der Mann auf der zweiten Bank nicht er, Max, sei, sondern ein anderer. Er kann aber nicht verstehen, wie und woher dieser Reisende gekommen ist, gerade ihm gegenüber und just auch mit einem „Bessarabetz"? Was soll das bedeuten? .... VI. Aber Nachdenken hilft nichts. Unser Held Max Berliant entschließt sich, wagt es, sich" zu regen und beginnt mit dem Blatte zu rascheln. Plötzlich hört er, wie sich.' der andere ebenfalls rührt und mit dem Blatte raschelt. — Da bleibt er ruhig und sieht sich sein Gegenstück an. So liegen sie einander gegenüber, die beiden Antisemiten, sehen sich an und schweigen. Jeder möchte gerne wissen, wer der andere ist; jeder kämpft mit sich und schweigt. Da kommt dem Feti eine Idee: Er beginnt leise die bekannte Melodie zu pfeifen: Ofn pripetschik brent a fajerl ... Max fällt ebenfalls pfeifend ein: Un in schtub is hejß . . . Unsere beiden Antisemiten stehen auf, werfen die Blätter weg und endigen die bekannte jüdische Weise, aber nicht mehr pfeifend, sondern mit Worten: Un der rebe lernt klejne kinderlech Doß alefbejß.*) Humor und Satyre. (Das ostjüdische davon mühselig ins Deutsche übersetzt) Grund rur Freude. Bert ist sehr guter Laune. S ch in e r l (fragt ihn) Warum freust Du Dich so ‘i Berl: Weil mich nieine Mutter geboren hat und . nicht eine fremde Frau. Logik. B o r e ch (ertappt Sorechs Hand in seiner Tasche): Was hast du in meine Tasche zu greifen? S o r e ch: Warum nicht? In meine Tasche, in die du nicht greifen darfst, darf ich greifen: um wievielmehr also in die Tasche, in die du greifen B o r e ch weiß nichts zu erwidern. Die Schlachriren. Auf dem Dache sitzen Und zwirbeln ihre langen Schnnrrbartspitzen Melancholische Schlachzizcn. Denken an alte Zeiten, Ta sie noch drinnen sahen Und stolz, mit schöner Geste, Das Vaterland vermaßen. Ter Bauer durfte draußen stehen, Ter Jude mußte tanzen. Die Welt war schön und friedlich Und ohn' Extravaganzen. Vorbei, vorbei für immer, Die Wahlrechtsflnten steigen. Die Bauern sind verrückt geworden. Die Juden wollen auch geigen... - Vorbei, vorbei für immer — So seufzen die Schlachzizen Und zwirbeln ihre langen Schnurrbartsvitzen. *) Ein bekanntes jüdisches Lied von Warschawski. Die oben zitierte erste Strophe lautet in deutscher Uebersetzung: „Stuf dem Herde brennt ein Feuerchen, Im Zimmer ist es heiß. Und der Rebbe lehrt die kleinen Kinder Das Alefbejß. (Rebbe. hier gleich Lehrer. Alefbejß, jüdisches Alphabet.) Ausschneiden und unfrankiert in den nächsten Postkasten werfen! Unterfertigter abonniert hiemit die ,,NEUE ZEITUNG“, Wien, XIII/1, Steckhovengasse ty, f ür die Zeit vom..ipo bis...ipo...., Betrag K... folgt per . Adresse. Um deutliche Schrift wird gebeten! Über Wunsch senden wir Erlagschein der Postsparkasse zu. — Postsparkassen-Nr. S7377.

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