Neue Zeitung
- Journal
- Neue Zeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 1 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2430890-2430891-2430892--005-2430967- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Galați 1× ep/1002400
OCR text
Nr. 1 ' Neue Zeitung . man bisher nachgelaufen ist! Die emporkommenden Völker Verlangens auch nicht. Nein! Auf eigene Füße sich stellen! .Mit eigenen Kräften sich halten, mit eigenen Waffen um sich schlagen, wenns nottut/ mit 'eigenen Freunden sich verbünden, wenn sichs so fügen muß!' Selöst sein! Wir österreichischen Juden sind ein glücklicher Teil des jüdischen Volkes.. Das soll keine'banale Phrase jenes billigen Patriotismus sein, der ja bei jüdischen Spießbürgern so beliebt ist, wie bei christlichen. Das ist der Ausdruck einer tiefenUeberzcugung. : Denn was kann den überall eingestreuten Juden besseres begegnen,, als in ein Land verschlagen 'zu sein,- wo. sie von der Staatsidee besser geschützt sind als anderwärts; wo sie am meisten Aussicht haben, über das Geschütztsein zum gleichberechtigten -Staatsfaktor - hinauszuwachsen s Lassen wir nns daher nicht unsere Hellen jüdischen Schädel von den .chauvinistischen Phrasen der Oesterreichzertrünunerer oderOesterreichteiler aller Art verdunkeln. Lassen' wir es unsere Pflicht. sein, für. das aus' einem alten in ein junges-sich wandelnde Österreich, für das große. Oesterreich aller Völker, ..die sich j hier;; ein .Rendez-vous gegeben haben, für die- Freiheit, und die - Selbstbestimmung aller -dieser Völker einzutreten. Nicht in fremden Reihen, . sondern in unseren eigenen!. Wenn wir diesen Weg beschreiten, werden-. wir .den „Messias der christlichen. Völker Oesterreichs" allerdings nicht -mehr belächeln; wir werden'aber auch nicht mehr vor ihm zu zittern brauchen, In Oesterreich, im großen, freien Oesterreich wird auch ein. Platz füruns^ Volk, werden. Und. dann am Ende werdest wir lächeln dürfen. Denn er/ der Messias wird auch mitgeholfen l haben uns diesen Platz zu .sichern. Vielleicht wirds ihm dann sogar wohltun im Grabe-/. . . er soll doch ein Judenfrcund sein. . ' B.. Der Organisationsrahmen der oftösterreichifchen Judenschast. Die Wahlreform war ein glückliches Reagens, das unter stürmischen Wirbel die politischen Kraftwerte im ostösterreichischen Judentum zur Kristalllisierung brachte; das dabei entstandene Sediment ist' jedoch sehr gering Es unterliegt keinem Zweifel, daß . die ostösterreichischen Juden nur über eine noch sehr 'mangelhafte politische Organisation verfügen und' daß sie deswegen vorläufig keine besonderen Resultate erzielen werden und auch die Versuche ihrem Willen Geltung zu verschaffen, noch verzweifelt vergebliche sind. . Als eine primittve Organisationsform können die Minjonim angesehen werden, deren Mitglieder zweimal täglich Zusammenkommen und neben'dem Gebete auch die laufenden städtischen und jüdi: scheu Fragen zu besprechen. Gelegenheit finden. - Mit Rücksicht darauf,-daß die Leute durch gleiche, religiöse Anschauungen und persönliche Neigungen, die Chassidien unter ihnen auch noch die Begeisterung. llir ihre respektiven Rebbes verbunden sind, stellen die Minjonim. hochwichtige, politische Machtmittel dar und jeder städtische oder Landespolitiker. Hat allen Grund, sich bei. gewissen, po- Die Juden Marokkos. Dem soeben in London erschienenen Buche von Eugen 9ht5 in ,,'Morocco of To-day" entnehmen wir die nachstehenden interepanten Einzelheiten über die marokkanischen Inden:'Die jüdische Kolonie in Marokko ist sehr alten Ursprungs. Schon die erobernden Araber fanden daselbst, als sie mit Feuer und Schwert in Nordafrika eindrangen, eine . zahlreiche jüdische Bevölkerung vor. In Fez waren sie in so., großer Anzahl ansäßig, daß sie im Xll. Jahrhundert die Verwaltung der . Stadt fast ganz in Händen hatten. Gegenwärtig mag die jüdische Bevölkerung des Landes auf etwa 200.000 Seelen geschätzt werden, von denen der größere Teil Eigentum des. Sultans . ist und als ^solches von Niemandem' angetastet werden darf. Für den ihnen gewährten Schutz haben die Juden' an den Ob'erherrn selbstredend eine bcfonberc Steuer zu entrichten, und es muß zugegeben werden, daß der Sultan stets redlich bemüht ist, seine Schutzherrnpflicht nach Kräften zu erfüllen. Leider reicht aber seine Macht nicht immer aus, und jeder gegen ihn sich erhebender Sturm trifft stets und in erster Reihe die Juden. Dann wird das „Mellah" (Ghetto) gestürmt und „das Eigentum des Sultans" maffenhaft . vernichtet. Außer den in den Städtenlebenden, wohnen,viele Juden auch ans dem flachen Laude, -wo sie sich vom Handwerk oder durch Hausieren ernähren. Endlich ist unter d'eu vom Oberherrn in Fez nahezu. völlig unabhängigen Stämmen,- die im Atlas-Gebirge Hausen, noch eine Anzahl ' Juden ansäßig, welche als Maultiertreiber, Taglöhner und Trödler ein kümmerliches Dasein fristen. Trotz des auf '. ihnen lastenden: politischen und sozialen Druckes, der-sie - vielfach zur Auswanderung zwingt, haben die Juden Marrokkos es dennoch verständen, einen großen Teil des , andels au sich zn reißen. Namentlich in Marakesch, litischen Ereignissen, besonders bei Wahlen, um ihre Gunst zu bewerben. In den direkten Dienst der Politik gestellt, könnten .sie aber sehr leicht schädlich werden, weil die Gegnerschaften, die zwischen ihnen herrschen, ein Zersetzungs- und Zersplitterungselement der Judenheit bilden würden. Da religiöse Bedürfnisse. von Jedermann nach eigener Art. beftiedigt werden können/bietet das religiöse Motiv naturgemäß eine besonders ungünstige Grundlage für eine 'politische Organi- Eine besondere Aufmerksamkeit verdienen die W o h l t ä t i g k e i t. s v e r e i n e. in .Galizien und der Bukowina. Es wäre von hohem Interesse, statistische Erhebungen zu treffen, wieviel insbesondere die wirtschaftlich so arme galizische Judenschast fiir wohltätige Zwecke ausgibt: Jedes Städtchen wimmelt förmlich von Wohltätigkeitsvereinen und oftkommt es vor, daß im selben Orte mehrere Vereine mit gleichem Zwecke entstehen, ckn ihrem Wirken sich durchkreuzen oder gar aus kleinlichen Gründen sich entgegenarbeiten. Es fehlt der höhere Zug, der zum Zusammenschluß führen und Segen für die Allgemeinheit stiften würde. — Die auswärtigen philantropischen Vereine üben eine anerkennenswerte Tätigkeit aus und es ist die.Hoffnung begründet, daß sie sich nach Ablegung des auswärtigen Charaktersund Erforschung der wirtschaftlichen,, insbesondere industriellen Möglichkeiten des - Landes, großen Unternehmungen, welche breiteren Massen - die Existenz erleichtern' könnten, zuwenden werden. Die Philantropie im Osten schreit nach Methode und Organisation. Sie muß -sich dabei den-Grundsatz vor Augen halten: Ausschluß jeder Politik. Wer die philantropischen Vereine zur politischen Tätigkeit heranziehen wollte, würde den Keim der Zerstörring und Vernichtung in sie tragen. Das Bedürfnis einer wirtschaftlichen Organisation wird instinktiv empfunden. Es gibt schon eine Menge Spar-, u n d V o r schußkas.sen, welche fähig wären, dem Mittelstand eine Stütze, ersten Ranges zu sein, sie werden aber in den meisten Fällen für Politik und. persönliche, selbstsüchtige Zwecke mißbraucht. Auch diese Institute haben sich, und vielleicht aus dem enannten Grunde, noch nicht zu einem Vcrande mit gegenseitiger Haftung ausgeschwungen. In einigen Städten wurden von den Handwerkern Jad charu*z i m fß e r c i n e gegründet, die nach dein Zusammenschlüsse zu einem Landesverbände eine fixy die Handwerkerschaft vielversprech ende Schöpfung und für die Judenschaft einen mächtigen Organisationspfeiler bilden werden. Zu großen Hoffnungen berechtigt die Organisation der Arbeiterschaft und Handelsjugend, besonders wenn die stärkere „P o a l e i Z i o n"- Gruppe und die nicht zu unterschätzende der j üd i s ch e n Sozialdemokraten für die Gegenwartsarbeit im Interesse 'des Proletariats einen modus vivendi finden sollten. Und nun noch einige Worte über jene Organisationen, die verpflichtet wären oder berufen sind, aus den Juden auch politisch etwas zu machen.; Mekincz und einigen Küstenstädten bilden die „Mellahs" den Mittelpunkt des Verkehres, sodaß die fteniden Postämter dahin verlegt werden mußten. Zur Sicherung ihres Lebens und Eigentums unterstellen sich zahlreiche Juden dem Schutze auswärtiger Mächte, namentlich Italiens, seit einigen Jahren auch Englands (die Mellah in Mogadar bildet fast eine englische Kolonie) und Frankreichs, wozu die Errichtung der Schulen der Alliance israeiite universelle in Mogador, Fez, Marrakesch, Larache rc. wesentlich beigetragen hat. lieber diese Schulen äußert sich Aubin wie folgt: „Frankreich ist den Schulen der Alliance zu sehr großem Dank verpflichtet. Sie verbreiten die Kenntnis der französischen Sprache nicht nur in den Hafenplätzen, sondern bis west in das Innere Marokkos hinein In vielen Handelshäusern wird jetzt nur noch Französisch korrespondiert, das selbst in dem früher englischen Mogador sich immer mehr einzunisten beginnt". Auch den innerpolitischen Verhältnisten der Juden widmet der Verfasser ein breites Kapitel. Die jüdischen Gemeinden werden völlig selbständig von einem, Maamad genannten Vorstande geleitet^ der die jüdischen Gerichte (Beth-Din) einsetzt, Steuern ausschreibt undgegen widerspenstige Mitglieder Geld-, ja sogar körperliche. Strafen verhängt. Das religiöse Leben der Juden ist von dem ihrer muhammedanischen Umgebung stark beeinflußt. Böse und gute Geister, die Seelen der Verstorbenen und sonstiger Aberglaube spielt eine hervorragende Rolle. Namentlich ist die an Anbetung grenzende Heiligenverehrnng unter den Juden Marokkos, wie unter denen des muslimischen Orients überhaupt, stark verbreitet. DieK ultusgemeinden, welche zwar von Zeit zu Zeit den Schlachzizen politische Hand-- langerdienste leisten und einzelnen jüdischen „Größen" als.Sprungbrett zu „hohen" Gemeinderats¬ und Bezirksratswürden dienen, haben dank ihrer leichtfertigen, verantwortungslosen Leitung jedes Ansehen bei der Bevölkerung verloren. Daran ändern nichts die von Dr. Byk einberufenenKonventikel einiger „Knltusgemeindevertreter", welche kläglich ergebnislos endeten und zu keinem Gemeindebunde führten. Die jüdischen Abgeordneten bilden keine Körperschaft; sie haben sich dem Polenklub mit Haut und Haar verschrieben. Das ist ein wahres Unglück' für die Judenschast, deren Interessenvertretung, der Kern politischer Gruppierung, darunter leidet, und deren Interesse fürs politische Leben dadurch abgeschwächt wird./,,/, Die Wiener Oesterreichisch-J/raelitische Union hat in den meisten Städten Gäliziensund der Bukowina angesehne Mitglieder, die ihre Jahresbeiträge mechanisch cinzahlen, teils auch aus Anerkennung für das Rechtsschutzbureau des Vereines- und die Energie des Vereinssekretariats. Der Unionverein trägt zweifellos Keime einer bedeutenden Organisation in sich, die jedoch aus Mangel eines weiteren Gesichtskreises abzusterben drohen. Eine lähmende Wirkung übt auf das Vereinsleben auch der Umstand aus, daß die ganze Tätigkeit in die Hände der Vereinsorgane gelegt, der Mitgliederschast aber die Möglichkeit zur Betätigung genommen ist. Die z i o n i st ische Organisation besitzt vorzügliche Eigentümlichkeiten, die die übrigen Organisationen zu ihrem großen Nachteile vermissen lassen: Nationale Grundlage, weite Verzweigung, Reichs- und Distriktsverbände, Organisation aller Volksschichten, Arbeitervereine neben bürgerlichen und akademischen, Frauen- und Mädchenvereine, Institute zur geistigen und körperlichen Hebung der Juden, eine ansehnliche Presse in drei Sprachen, junge, tüchtige, begeisterte Agitatoren. Ihre besondere Tugend ist die Anpassungsfähigkeit an die Bedürfnisse des Augenblicks. Vor fünf Jahren haben bei der galizischen Konferenz in Lemberg neun Zehntel der Delegierten gegen jede politische Tätigkeit im Lande gestimmt, bei der diesjährigen österreichischen in Krakau setzten sie sich einstimmig für das polittsche Landesprogramm der Partei ein. Diese erfreuliche Entwicklungsfähigkeit verdankt die Partei ihrem demokratischen Gefüge, welches die Mitbetätigung eines jeden Organisationsmitgliedes zuläßt, sogar erfordert und ihm durch Wahl von Konferenzdelegierten die Möglichkeit bietet, seinen Wünschen und Ansichten Ausdruck zu verleihen. Es ist also ein recht großer Rahmen, den die ostösterreichischen Juden für eine kraftvolle Organisatton besitzen. Aufgabe der nächsten Zeit müßte es sein, sie mit dem Willen zum Zusammenhang zu erfüllen. L. S. Wochenschau. Großes B o m b e n a t t e n ta t in - der Villa des russischen Ministerpräsidenten S t o l y p i n. Der Zar „findet keine Worte, nm seine Entrüstung auszudrücken". Nach Kischinew und Bialystok und den sonstigen Greueln'seiner Getreuen hat er sie wirklich nicht gefunden. In Galatz gibt es einen Griechen Pogrom. Zum Unterschiede von Anchialos sind Rumänen die Täter. Und außerdem waren auch ein paar Juden zur Stelle, gegen die man sich ebenfalls wenden konnte. Es geht ja auch auf die Dauer nicht an — Pogroms ganz ohne Juden zu machen. Den Mogeleien des Polenklubs bezüglich der jüdischen Wahlkreise soll ein g a l i z i s ch - j ü d i s ch e r Gemeindetag entgegenarbeiten, den über Anregung des Abgeordneten Dr. Seinfeld die Lembergcr Kultus gemeinde einberufen will. Um das durch den Tod des Dr. Bhk erledigte Reichsratsmandat von Zloczow-Brody bewirbt sich Adolf Stand. Zum e r st e n M a l tritt einJude als solcher als Kandidat für das ö st e r r e i ch i s ch e Parlament auf, Ter mährische Landtag wird aufgelöst. Die Neuwahlen werden aus Grund nationaler Kataster der Deutschen und Tschechen stattfinden. Zionistische Jahreston seren z („Kleiner^ Kongreß") in Köln. Es werden Beschlüsse im Sinne kolonisatorischer Betätigung in Palästina gefaßt. Der mährische Landtag aufgelöst. Der mährische Landtag ist aufgelöst und die Wahl, welche demnächst schon stattfinden soll, ausgeschrieben. Es ist dies ein Ereignis, welches für die österreichische Allgemeinheit überhaupt, sowie fiir die österreichischen Juden im Beson-