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Neue Zeitung · 1906-09-07 · Heft 1 (7.9.1906) · p. Seite 2

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Journal
Neue Zeitung
Volume
1906
Issue
Heft 1 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 1 Neue Zeitung Formen die einzelnem Existenzen widerstandsfähiger zu machend Kurz,. eine großangelegte und' weitausschauende, aber auch auf jedes Detail bedächte, Wirtschaftstätigkeit ist .nötig. Unablässig werden wir sie fordern, doch auch immerfort betonen, daß diese Arbeit nicht das Privilegium einzelner begüterter "Menschen bleiben dürfe. Sie sollen natürlich nicht ausgeschaltet werden, wenn sie Lust und Liebe zur Sache und Tüchtigkeit mitbringen. Wer a l l e i n sollen sie. nicht weiter walten. Sie können beim besten Willen nicht alle Schmerzen des Volkes ken.nen. Und obendrein begründen sie eine Art Vormundschaft, die das Gefühl der Verantwortlichkeit und das Selbstgefühl im Volke.erstickt. Vielleicht ist es auch mit aus diese Vormundschaft zurückzusühren, daß die jüdische Jugend weiter Kreise aufwächst, ohne die großen geistigen Güter des jüdischen Volkes auch nur einigermaßen kennen zu -lernen. Woher soll sie dann Respekt vor der jüdischen Vergangenheit, woher Glauben an eine jüdische Zukunft gewinnen-? Wie soll sie lernen ihr Judentum vor Freund und Feind würdig zu vertreten? Ist es nicht eine Schande, daß viele nur mehr in ihren Schwächen und Mängeln, aber nicht mehr in ihren Vorzügen und Leistungen jüdisch sind? Das darf nicht so bleiben, und wir werden immer und immer unsere warnende ' Stimme gegen diesen Verfall erheben. Wir werden unsere besondere Aufmerksamkeit der Schule zuwenden, die aufhören muß, eine Anstalt zu sein, in der die jüdischen Kinder.ihrem Volke entfremdet werden. Die moderne Schule verlangt diese Selbstpreisgäbe von keinem Volke, warum sollte sie sie von uns verlangen? Endlich einmal muß dafür gesorgt werden, daß das jüdische Kind ein jüdischer Mensch-werde, d. h. ein Mensch, der mitten in der Menschheit und mitten in seinem Judentum steht. . Wch nach außen hin müssen die Juden, ihre Interessen selbst in die Hand nehmen. Die Emanzipation 'muß erst wahr werden, und die Juden selbst müssen sie-wahr machen. Sie dürfen sich nichtwie bisher, durch ihr Versteckenspiel, durch das berüchtigte Sichnichtzuerkcnnengeben, selber schädigen. Sie müssen sich von der häßlichen Schmn ftei machen, die sie.'hindert, als Juden auf- und den Feinden entgegenzutreten, als Juden sich zusammenzuschließen, als Juden Freunde zu werben. Mt aller Entschiedenheit werden wir; für den Gedanken selbständiger jüdischer Organisationen in der kommunalen, Landes¬ und Reichspolitik kämpfen. Wir werden die Juden Österreichs, die diesem Staate treu ergeben sind und ihm stets leisten, was ihm gebührt,, ohne Unterlaß daran erinnern, das; sie dafür ihre vollen Rechte zu fordern haben. Fordern, nicht demütig crwinseln! Wir werden ihnen zurufen: Nichts, keine Unbill, keine Beleidigung, und von niemandem, dürft chr euch gefallen laßen, — wenn ihr wahrhaft gleichberechtigt und gleich geachtet werden wollet in diesem Völkerstaate! ■ •... Selbstverständlich dürfen die jüdischen Lebens¬ und Organisationsfragenfür Österreich nicht dazu führen, den Zusammeichang der österreichischen mit der gesamten Judenheü -zu lockern. Der österreichische Jude darf keinen Augenblick darauf vergessen, daß er . dem ganzen jüdischen Volke angehort, — einem Volke der großartigsten Erinnerungen und von 'heute noch ünerschvpfter Lebenskraft, einem Volke.aber auch unendlicher Leiden, die nach Linderung und. Behebung rufen. Und' wir werden ihn nicht' darauf vergessen lassen. Wir werden ihn mit den großen alljüdischen Strömungen, die jede in ihrer Weise, auf die nationale Wiedergeburt. Israels, abzielen, bekannt machen. Wir werden ihn die verschiedenen Gruppen der Judenheit, die verschiedenen Eigenheiten, die sie entwickelt haben, sowie ihre verschiedenen Schicksale kennen lehren. Wir werden den Weg zumgegenseitigen Verständnis, zur wechselseitigen Hilfe bahnen helfen. Nichts, Jüdisches wird uns ablehnend finden. Der ganzen jüdischen Sache werden wir dienen. ' ' Der MMas Dr. Lueger Auf dem eben stattgehabten Katholikentage in Eger, bezeichnte ein Teilnehmer den Dr. Karl Lueger als „Messias der christlichen Völker Oesterreichs". Es ist dies etwas unvorsichtig von einem Christen, noch dazu von einem strenggläubigen, für den ja der Messias schon gekommen sein soll. Auch sehen die österreichischen Völker noch sehr wenig erlöst aus, und man merkt auch noch nicht, daß sie sich auf dem Wege zur Erlösung befinden. Die wirtschaftliche Bedrängnis der großen Massen — Bauern,, Kleinbürger undArbeiter — wächst mit jedem Tag. Und ein inneres Heil ist ihnen auchnicht wiederfahren. Liebe, Hingebung, Begeisterungsfähigkeit sind noch immer keineMassenartikel geworden. - . ' Allein im öffentlichen Leben kommt' es leider, vorläufig nicht darauf an, ob Einer Recht, s andern vielmehr darauf, ob er die-Macht hat. Die Messiasansprüche der „christlichen Völker Oesterreichs" mögen sich in noch so bescheidenen Grenzen halten, was nützt es, wenn sie mit Nachdruck und ., mit Glauben erhoben-werden? Und was nützt es insbesondcrs uns Juden...die wir sie zu fühlen bekommen? Allerdings). es gibt Leute, welche — uubctrpffen oder stumpfsinnig — versichern, der christliche Antisemitismus tue den. Juden nicht wehe. In Wien gibt es sogar Juden, die Anhänger des Dr. Lueger sind und ihn für einen Judenfreund, halten,' der nur aus-Macht- und' Ehrgeiz den-.) wenfeind spielen Vielleicht haben sie mit dem Echteren Urteil recht.Vielleicht ist cs auch richtig, lein Nachlassen der inneren Energie des österreichischen Antisemitismus, .auch des nationalen zu s. konstatieren. Aber alles das ändert nichts ' ar zwei Tatsachen: Erstens, daß Lueger noch inui.er best lieblichen Schneider bei sich hat, und Juden Und Judentu in Wien, und auch sonst in der Monarchie, täglich verhöhnt und geschädigt werden. Zweitens, daß wir. unseren Feinden stets selber neues Leben einblasen. Gerade jetzt sind wir auf dem bestenWege, dein Dr. Lueger Billige neue Messiastriumphe zu verschaffen.. Immer wenn wir über. Dr. Lueger zu lächeln vermeinten, hat-er über uns gesiegt. Auch, als er vor einigen Monaten . zu den Rumänen fuhr, um gegen die Magyaren zu demonstrieren, lachten wir. Wir hätten lieber uns und unsere Blindheit auslachen.sollen. Denn w ir lassen uns noch immer von unserer Presse und von unseren Großkapitalisten im Namen der „Freiheit" ahnungslvs dorthin lenken, wo der ^Liberalismusdie' nationalen Grundrechte ganzer-Volker, leugnet. E r über, der Dr. Lueger, hak. sich mit seinem feinen Spürsinn einer' Sache bemächtigt, die allerdings eines besseren ' Schutzherrn.'würdigwäre. Und nicht einen Augenblick fällt es uns ein, daß wir'.die/Kosten, zu tragen haben werden, wenn sie für die christlichsvziale Partei' zu einer' neuen Kraftquelle werden wird. Nicht einen Augenblick denken, wir än die Erbitterung, die sich in den gequälten Völkern gegen - uns aufhäuft und berufen ist,' in- Zukunft neue jüdische Leiden, zu schaffen. Wir sehen nichts, wir hören''nichts. Wir trotten unseren Leithammeln nach. AuchünsereJntellektUellenhabenkeinEMpfinden däfür, daß sich in unserem Doppelreiche große Dinge vorbereitend Sie glauben schon sehr weise,' sehrfortgeschritten zu sein/ wenn sie die soziale Frage sehen, die eben - breit und groß 'vor ihren und aller Welt. Nasen liegt'. Daß' es. aber auch eine schwere' nationale- Frage gibt,' ein gewaltiges Menschheitsproblem,' zu' dessen ersten Beantwortungen gerade-Oesterreich rüstet, davon läßt sich ihre Weisheit-nichts träumen. Das steht eben nicht in ihren 'alten Büchern und Zeitungen. Und da sie sich abgewohnt haben, gleich anderen - Menschen, - ihre eigene Natur aüszübilden und auszuleben/.ärgert es sie fast, wenn sie an änderen Menschen und Völkern diesen gesunden und kulturfördernden Trieb wahrnehmen. Ja sie haben sogar die Empfindung, daß die Andern unrecht tun, die große Menschheitssache^ mit ihren gerechten Beschwerden zu stören. Es fehlt nicht viel, und sie rufen aus: Müßt ihr-denn gerade jetzt national unterdrückt sein? Noch ist es Zeit diese Fehler einzusehen,' noch gibt es Anschlüsse an ininder bedenkliche Vorkämpfer, wie Dr. Lueger und die Seinigen. Ueberall sind schon Keime da, die man hüten, und Pflegen kann, statt sie zu vernachlässigen -undsie' niederzutretein Ueberall, auch' in der Sozialdemokratie. .Noch'ist es Zeit, den alten Juden äuszutün/ den sorglosen und rechenschaftslosen politischen Nachbeter, — man muß mir wollen, man muß nur ein junger Jude, ein Jude neuen Schlages sein wollen.- - ' Das ist fteilich die Kunst, die gelingt nicht über .Nacht. Der böhmische Jude,, der bis heute' geglaubt hat, für ihn liege alles Heil im Prager Kasino, der polnische der,sich bis heute von, den Polen . zum Moszko erniedrigen. ließ, der ungarische 50 Kreuzer-Magyar von gestern, — sie alle. können nicht schon morgen junge Juden sein. Und die Litanei, die sie alle seit Jahrzehnten beten, — ungarische Freiheit, ungarische Ritterlichkeit, ungarischer Staat, —' können sie nicht .in vieründzwanzig Stunden vergessen.' Das muß länger dauern, das will Weile, haben, soll aber allerdings noch rechtzeitig, noch vor der großen Rache geschehen, die alle die Anbeter Dr. Luegers, alle die beleidigten Volker — die Tschechen, die Ruthenen, die Rumänen, die Slovaken, die Serben / — an ihnen nehmen'wollen. '. Nicht den Herrn wechseln! Nein! Nicht wieder denjenigen nachlaufcn, welchen man bisher nachgestellt hat und denjenigen .nachstellen, welchen Arbeitsfeier, der religiöse und soziale Ruhetag der Juden, wie es der Sonntag bei den Polen ist. Und der Sabbat ist geselliger, sogar politischer Zusammenkunststag. Gerade an diesem Tage sieht man wieder Gestalten, welche, die ganze Woche in der Stube, hinter der Gemara, hocken, oder Frauen, die sonst niemals die Gassen betreten, und gegen Mittag wandeln sie beschaulich aus den zahllosen Betstuben nachhause, eine fülle Welt für sich, verständnislos gegen die Geräusche der Ereignisse und gegen den Atem der Zeit. Uebrigens macht sich jetzt sogar in dem alten jüdischen Kleinbürgertum die Politik geltend. Man erzählt sich, daß in einigen Städten Polens die Wunderrabbis für die Duma agitierten und gerade während meiner Anwesenheit vollzogen sich nach gewaltsamer Agitation die Wahlen. Es war ein seltsamer Anblick in dem Wahllokal eines ganz jüdischen Bezirkes: mehrere hundert bärtige Juden, in Reih' und Glied posüert, wie sie in kindischem Bürgergefühl mit ihren Wahlzetteln. kamen und sie voll Angst versteckten. Wer jüdisches Leben in seiner inümsten Unmittelbarkeit sehen will, muß an einem Frühlingsnachmittag in einer der Sttaßen beobachten, wie sich die Häuser Syrien und.alles auf der Gaffe sich ausbreitet, arme, elende Frauen, Kinder in Wiegen, die lebhaft gestikulierende Jugend, Alte in Disput, Liebespaare,- spielende Kinder.. Und über diesem Gemenge von' Sonnenschein und menschlichem Elend, das sich nach. Sonnenschein drängt, liegt eine furchtbare Melancholie. In einer abgeklärten Gestalt zeigt sich mir dasselbe Leben beim Besuch, des jüdischen Theaters und eines '„Jargon"-Borleseabends. Die echt jüdische Intelligenz gruppiert'sich'um eine Schar jüdischer Schriftsteller, ihnen Voran der vielgeliebte Perez, von dem eben ein erstes Drama aufgeführt wurde, und der selbst einige seiner Skizzen vorlas. Und er offenbart uns die psychischen Tiefen und die ' inneren Kämpfe dieses Volkslebens »und umzieht die Gestalten des trüben Alltags. mit dem Hauch ihrer eigenen menschlichen Poesie. Die ruhig-stetige, wen auch sehr langsame Entwicklung in der nationalen und speziell in der/zionistischen Gesellschaft offenbart sich deutlich in der wachsenden Zahl neuer . jüdischer Privatschulen, in wachsenden pädagogischen.Jnteressen, die sich auch auf das Hebräische ersttecken. Ich wohnte dem Unterrichte in zwei Elementarschulen bei,- einer Mädchenschule, wo siebenjährige Mädchen in lebhafter Unmittelbarkeit hebräische Spiele aufführten und - einer Knabenschule, deren Leiter früher in Palästina lebte, wo die kleinen Knaben mit regster Neugierde dem ersten hebräischen Anschauungsunterrichte folgten. Nun ' ist allerdings dieses normale' Leben fortwährend, gehemmt durch den. Drück und die Spannung ' der Ereignisse. Und -die Jugend lebt die. revolutionäre Entwickelung mit, sei. es im sozialdemokratischen „Bund" sei es in den zionistischen Arbeiterorganisationen, sei es nur in persönlicher Anteilnahme.. Wie wenig offen solche Parteitätigkeit'auch sein kann, so hat sie.doch ihr charakteristisches Sttaßenbild, die sogenannte „Börse". Eine .Riesenpromenade zu bestimmten Stunden der Woche, in gewissen Sttaßen, welche, gleichsam . dieser oder jener Pater einzig - gehören, eine wandernde Versammlung bestiinmter Arbeiterkategorien — zum größten Teile Schneider — zur wirtschaftlichen .oderapolitischen Besprechung oder Beschließung. -— Und hier, .in der unmittelbaren Beobachtung des drängenden Pärteilebens offenbart sich - jüdisches Volk in einer uns Westeuropäern ganz ftemdartigcn.Gestalt. Und es ist doch jüdisches Volk, diese nervöse und doch geistig entwickelte Proletariat diese merkwürdige Mischung von blinder Aufgeregtheit und stillein Heldentum. Ein seltsames Mit- und Jneinan.derleben uralten und allerjüngsten Volkslebens!: Eine seltsame. Zeit, in der ungeahnte Mächte von außen und innen. Vergangenheit und hastige Gegenwart lang-' sam in neue Formen der Zukunft gießen!

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