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Nationalzeitung · 1907-02-22 · Heft 11 (22.2.1907) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1907
Issue
Heft 11 (22.2.1907)
Date
1907-02-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11 Nationalzeitung Seite 3 Dr. M a n d e l st a m m zu Vizepräsidenten der Redakteur des „Jewreisky Golos" Dr. Leon PaPeri n-Odessa und Ingenieur T r o p- Baku gewählt. Es wurden folgende Referate behalten: „Die Lage der ,Jto' in Rußland" von Herrn I o s 'e l'e rv, Sekretär des russischen „Jto"-Zentralkomitees. „Die Vereinigung der „Jto"-Gruppen in eine Partei" und „Ueber das Emigrations-Departement" von Dr. Leon P a p e r i u und Dr. I o ch e l in a u u „Ueber die politischen Verhandlungen" von Dr. I o ch e l m a n u-London und schließlich „Ueber die Parteipresse" von N. F i n k e lst e i n-Warschau. Dem Präsidenten des Londoner Konseils, Israel Z a n g w i l l, sotvie den übrigen Mitgliedern des Konseils wurde für ihre geschickte und energische politische Tätigkeit das Vertrauen votiert. Die Errichtung eines Departements zur Regulierung der Austvanderung ivurde von der Konferenz 'zustimmend zur Kenntnis genommen, und ein „Jto"-Komitee. zur Regulierung der Auswanderung mit dem Sitze in Kiew eingesetzt. In dieses Komitee wurden die Herren Dr. M a n d e l st a m m, Iochelman n, Ingenieur L i p e tz und R a b i n o w i t s ch gewählt. Es wurde die Schaffung einer allgemeinen territorialistischen Organisation beschlossen, welche alle territorialistisch gesinnten Schekelzahler umfassen, und sowohl die „S. S." wie auch die territorialistische Arbeiterpartei mit der allgemeinen „Jto"-Organisation enger verknüpfen soll. Zn diesem Zwecke hat innerhalb dreier Monate eine Spezial-Konferenz der Delegierten der genannten Gruppen stattzufiuden. Herrn Dr. Jochelmann wird für seine bisherigen Leistungen der einstimmige Dank ausgesprochen und er zum offiziellen Vertreter des russischen Zentralkomitees für den Londoner Konsnl ernannt. Nach einem eindrucksvollen Schlußworte des Präsidenten wurde die Konferenz geschlossen. Am darauffolgenden Tag fand eine gemeinsame Versammlung aller Kiewer „Jto"-Grnppen statt, welche nach Anhörung der lehrreichen Reden des Herrn Dr. Jochelmann und Ingenieur Lipetz beschloß, das -itoistische Bureau zur Regelung der Auswanderung mit allen Mitteln zn fördern. __ Die Jndenkolonien in Palästina. (Bericht des k. u. k Konsulates in Jerusalem.) Jerusalem, in» Herbst 1908. Unter dem Ansdrucke „Jndenkolonien" werden nicht nur die verschiedenen landwirtschaftlichen Ansiedlungen der Inden in Palästina, sondern auch einzelnen jüdischen Eigentümern gehörige Landgüter sowie die Wohnungsvereine, beziehungsweise die denselben gehörigen Häusergruppen in der Nähe von Jerusalem verstanden, weshalb es zweckmäßig erscheint, zuerst deil obigen Begriff abzugrenzen. Im engeren Sinne, in dem das Wort „Jndenkolonieu"' hier gebraucht ist, sind darunter durch Großkapitalisten oder Gesellschaften aus rein humanitären und national-religiösen Gründen veranlaßte Ausied-- lungen von Juden auf käuflich erworbenen Grundstücken zu verstehen zum Zwecke landwirtschaftlicher und in geringerem Maße auch kommerzieller und industrieller Tätigkeit. Die ersten dieser Kolonien, wozu Rischon-le-Zion, Ekron, Gederay und Petach-Tikvah gehören, wurden von Alphouse Baron Rothschild, dem Chef des Pariser Hauses, gegründet, doch nach kaum 10 Jahren von demselben mit ganz außerordentlichen Geldopsern wieder abgesivßeu, d. h. einem Liquidatiouskomitee der Jewish Kolonisation Association zur Uebernahme in eigene Verwaltung übergeben. Diese Transaktivit ist noch nicht vollkommen zum Abschlüsse gelangt; sowohl die frühere Organisation als das Personale der Verwaltung unterliegeit fortwährenden Veränderungen, so daß man sich über die Rentabilität dieser Kolonien noch kein abschließendes lli teil bilden kann. Das Bestreben geht dahin, die Kolonisten auf eigene Füße zn stellen; der kostspielige Verwaltungsapparat soll vereinfacht und die finanzielle Verwertung der landwirtschaftlichen Produkte verbessert werden. Die größten Schwierigkeiten bieten diejenigen Kolonien, welche sich fast ausschließlich mit dem Weinbau befassen. Die großartig angelegten Kellereien in Rischon-le-Zivn liefern gegen 50.000 bl Weilt jährlich, wovon aber kaum 15.000 hl ohne Verlust abgesetzt werden können. Die Spesen stellen sich für je einen nach Hamburg verkauften bl Wein — der meiste Wein geht dorthin folgendermaßen: Traitsport bis an Bord Jaffa . 3 Frcs. Steuer (Akzise).2 „ Abnützung des Fasses .... 2 „ Fracht Jaffa Hamburg . . . . 3___„ Totale. . 10 Frcs. Wenn man erivägt, daß die Spesen der Weiuproduktion in Rischon selbst 4 Francs pro bi betragen und daß sich der Wert der Trauben allein pro Kantar (gleich 300 kg) auf 18 Francs stellt, so kann man sich einen Begriff nkachen, mit welchen Verlusten die Kolonie arbeitet, die den Wein in der Regel um 10 Frcs. pro bl fob Hamburg verkauft. Die Kellerbilanz weist einen Verlust vor, 400.000 Francs jährlich auf. Daher die Schwierigkeiten, welche sich der schon lange beabsichtigteil Übergabe der Kellereien und des Weinverkaufes an die Kolonisten in deil Weg stellen und bereit Beseitigung nur mit neuen großen Geldopfern wird erkauft werden können.' Derzeit sind wegen dieser Frage Verhandlungen mit Baron Rotschild in Paris im Zuge. Viel günstiger gestalten sich die Aussichten der Kolonisten in Ekron und Maskereth-Bathia, wo sie sich auf den Acker- und Obstbau geworfen haben und sich bereits selbst erhalten lönnen. In der Kolonie Petach-Tikwah werden die Orangerien fortwährend vergrößert und viele Weingärten in Orangengärten umgewandelt. Die Orangerien bringen llach 6—7 Jahren 12 Prozent des Anlagekapitals ein, wenn nicht plötzlich eintretender Wassermangel die Produktion stört. Fast alle Judenkolonien in Palästina finb von der schon früher erlvähnten „Jewisch Kolonisation Association", kurzweg „Jca" genannt, mehr oder weniger abhängig,' die meisten sind von derselbe« gegründet worden, so daß es zum besseren Verständnisse dieser Verhältnisse angezeigt erscheint sich eingehender mit der genannten Bereinigung zu beschäftigen. Die „Jca" wurde im Jahre 1891 von Baron Hirsch mit einem Kapitale von 2 Mill. Pfund Sterling gegründet. Die 20.000 Aktien verteilte der Stifter wie folgt: Den jüdischen Gemeinden in Brüssel, Berlin und Frankfurt am Main je 3600, der „Anglo Jewish Association“ in Lonoon und der „Alliance Israölite“ in Paris je 4595 und 10 Aktien an Private. Nach bem Tode des Barons erhöhte sich das Kapital der „Jca" auf 6 Mill. Pfund Sterling. Zweck der „Jca" ist, die Ansiedlung von Juden ans Europa und Asien in was immer für außereuropäischen Gegenden zu fördern und durch Gnlndung und Unterstützung von Erziehungs- und Unterrichtsanstalten, Musterfarmen, Vorschußkassen, Faktoreien und ähnlichem zur Verwirklichung dieses Zweckes beizutragen. Wiewohl die Gesellschaft eine englische ist, ist doch deren Sitz in Paris. Der Verwaltungsrat besteht ans 11 Mitgliedern, von denen 3 von der „Alliance Israölite", 3 von der „Anglo Jewish Association“, je 2 von den jüdischen Gemeinden in Brüssel und Frankfurt am Main und 1 von der Berliner Gemeinde delegiert sind. Seit dem Tode des Baron Hirsch ist der jeweilige Präsident der Alliance gleichzeitig Vorsitzender der „Jca". Alle 11 Mitglieder des Verwaltungsrates sind zugleich Mitglieder des Zentralkomitees der Alliance und ebenso werden fast alle auswärtigen Posten in den Anstalten der „Jca" durch frühere Lehrer der Alliance besetzt. In den früheren Jahren trugen die Schulen in den Kolonien einen überwiegend französischen Charakter, entsprechend dem der Alliauceschnlen; mit der Verminderung der Zahl der Administrationsbeamten ist jedoch das Französt'che etivas zurückgedrängt worden. In Petach-Tikvah petitionierten die Kolonisten darum, daß neben dem Hebräischen auch der deutsche Unterricht einqeführt werde. Von den Tendenzen der „Jca" unterscheiden sich die sogenannten zionistischen Bestrebungen dadurch, daß letztere eine einheitliche national jüdische Kolonie in Palästina gründen wollen, während die „Jca" in allen nichteuropäischen Ländern, besonders in Nord« und Südamerika die Judenansiedlung begünstigt und mehr auf das wirtschaftliche als auf das nationale Möwen Gwicht legt. Jndenkolonien befinden sich in Judäa, Samaria, Galiläa und im Ostjordaulande. Das Hauptkontingent stellen Russen und Rumänen, die hier günstigere Existenzbedingungen zu finden hoffen als in ihrem Vaterlande. An tüchtigen Feldarbeitern ist noch großer Mangel; nur in Ekra sind Russen angesiedelt, die sich schon in ihrer Heimat mit dem Feldbau befaßten, während im allgemeinen die neu angekommenen Ansiedler sich erst in die ihnen fremde landwirtschaftliche Tätigkeit hineinfinden müssen. Das Palästinakomitee der „Jca" hat für Rechnung von Baron Rothschild Kolonien und Farmen in der Gegend von Tiberias gegründet, um hauptsächlich Üolonisiensöhne und bewährte Feldarbeiter zu kolonisieren. Die Arbeitslöhne stellen sich pro Tag für Inden auf l1/« bis 2 Francs, für arabische Männer auf Francs 1 bis 1'20, für arabische Frauen auf 50 bis 55 Centimes. Was die Ausdauer aubelangt, sind die gegen das heiße Klima abgehärteten Araber den Kolonisten bei weitem überlegen; zu einer landwirtschaftlichen Arbeit aber, die größere Sorgfalt und Intelligenz verlangt, können sie nicht verwendet werden. Im Hauran wird die Bebauung des BodenS ausschließlich den Fellachen überlassen. Die einzelnen Kolonien. I. Judäa. Rischonle-Ziou (Ayun-Kara). Gegründet 1882, I V, Stunden von Jaffa entfernt, zirka 1000 ha, zum größten Teile Weinbau, auch Mandel- und Orangenkultnr. Die im benachbarten Orte Bededjen augekauften Terrains sind noch nicht unter die Kolonisten verteilt. Knaben- und Mädchenschule, Krankenhaus, Gemeindehaus, Synagoge, große moderne Weinkellereien, Destillierhaus, Werkstätten, 2 Brunen. Die Verhältnisse wurden eingangs geschildert. Wadi Chanin (Hunin), gegründet 1903, zwischen Jaffa und Gaza, 152 Bewohner, 200 ha, wovon nicht ganz die Hälfte Weingärten; Synagoge, Knaben- und Mädchenschule. In neuerer Zeit wird mit dem Tabakbau begonnen. R e ch o w o t h (Duran), gegründet 1890, zwischen Rischon und Ekron, 332 Einwohner, ca. 1000 ha, wovon. 400 ha Weingärten, nebstdem Mandel- und Oliveupflanzungen, Synagoge, Schule, Bibliothek. Nur drei Viertel der Weingärten bringen Ertrag. Maskereth Bathia oder Ekron (A k r), eine Stunde von Ramleh, 305 Einwohner, 690 ha (1905), wovon die Hälfte Getreideboden. Ferner werden gepflanzt: Mandeln, Oliven, Maulberbäume Orangen und Zitronen. Der Boden ist dem Getreideanbau günstig, das Erträgnis war aber bisher ein schlechtes. G e d e r a h (K a t r a), in der Nähe der Küste, 5 Stunden von Jaffa, 3 von Rischon, gegründet 1884. 119 Einwohner, 300 ha, Hievon ein Drittel Weingärten, etwas Mandeln und Oliven. Gasometer, Schule. Hat unter der ausschließlichen Weinkultnr etwas gelitten. K a st i n j e (B e r T o b i a h), 3 Stunden von Sedjed, gegründet 1896 von der russischen Gesellschaft Chowawe Zion. 114 Seelen 500 ha, fast ausschließlich Getreidebau: Weizen, Sesam, Mais. Bohnen, Durra. Der Grund wurde schon 1887 von Baron Rotschild für bessarabische Familien gekauft, die jedoch bald wieder in ihre Heimat zurückkehrten. Artus, 7 Stunden von Jerusalem, in der Nähe der Eisenbahnstation Deier Abban. Gegründet" 1896 von bulgarischen jüdischen Vereinen, eine der ärmsten Kolonien, 75 Seelen, 400 ha, wovon etwa 250 ha für der Getreidebau geeignet sind. P e t a ch - T i k w a H (A m l a b ä s), 2 Stunden nördlich von Jaffa, von Bewohnern Jerusalems 1878 gegründet, 1311 Einwohner, 1930 ha. zur Hälfte mit Getreide bebaut, ein Zehntel Weiltgärten, auch Orangerien, Obstgärten, Eukalyptus, Maulberbäume. Älteste Judenkolonie Palästinas, die zweitgrößte nach Gederah. Die Orangenernte in der letzten Periode wird aus 400.000 Kisten geschätzt Im Jahre 1904 wurden 3641 Kantars Trauben im Werte von 107.867 Francs gekellert (1 Kantar gleich 290.4 kg); die abhängigen Kolonisten nahmen hieran mit 44.197 Francs, die unabhängigen mit 63 670 Francs teil. Im Jahre 1901 kam noch das Grit Kupfer Sabah dazu, welches die „Jca" von einem Herrn Epstein kaufte; der Boden ist nur für Baumpflanzungen geeignet. M i k w e h - I s r a e l (B u j a r a t Nette r), gegrünoet 1870 von Karl Netter im Aufträge der All. Jsr. Univ. 204 Zöglinge, 234 ha; inehr als die Hälfte ist mit Getreide, ein Achtel mit Rebeil bepflanzt. Agriknlturschule;

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