Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 11 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Nationalzeitung Nr. 11 zu verheißen schien, sich mit der innerpolitischen Betätigung der Juden als Inden großmütig versöhnten und im geheimen Patte über die Verteilung der jüdischen Mandate berieten. Die Zionisten,' die noch beim Strancher-Kommers im Hotel Kontinental mit Emphase riefen, daß sie keine aridere Führung anerkennen, als den Geist des verstorbenen Führers Dr. Herz l, vergaßen und verziehe'.l dem Dr. Bloch alles, was er gegen Dr. Herzt „gesündigt" hat, weil ihnen die Unterstützung Dr. Blochs bei den verschiedentlieben Wahlen wertvoll erschien. Mandate sind wie Geld: non olont. Die jüngsten Knltuswahlen haben sich im Zeichen des politischen Freundschaftsbündnisses Doktor Bloch-Dr. Schalit vollzogen .. . i'nd nun stehen sich dieselben Dr. Bloch und Dr. Schalit mandatshnngrig als politische Gegner in der Leopoldstadt gegenüber, nachdem ihr Heißhunger in Galizien nicht gestillt werden konnte. Und der Obmann des zionistischen Landeskomitees Dr. Schalit zieht in den Wahlkamps ohne die Unterstützung der älteren zionistischen Wähler des Wahlkreises. Wer vermag es diesen zionistischen Wählern zu verübeln, daß sie sich bei diesem Entschlüsse nicht nur vom Gesichtspunkte einer leichteren Durchführbarkeit der Kandidatur Blochs, sondern auch von dem Rechte der freien Wahl lenen ließen und sich für d e n Dr. Bloch einsetzen, mit dem Zionisten noch vor ganz kurzer Zeit in guter Freundschaft lebten und der in einer zionistischen Wählerversammlung ex präsidio feierlichst begrüßt wurde? Wer kann es billig verlangen, daß die Zionisten sich just der älteren Vorgänge erinnern und die jüngeren Geschehnisse vergessen? Bei aller prinzipiellen und persönlichen Gegnerschaft gegen Dr. Bloch müssen wir wahrheitsgemäß feststellen, daß in dem Handel zwischen den Zionisten und Dr. Bloch, — der letztere seine Zusagen gehalten hat und wollen wir von unserer Gegnerschaft gegen Dr. Bloch für einen Moment absehen, so müssen wir ebenso wahrheitsgemäß zngeben, daß Dr. Bloch — wenn er sein Programm ehrlich und ernst zu nehmen gewillt ist — auch die Eignung besitzt dieses Programm zur Geltung zu bringen. . . . ' Vor ungefähr zehn Jahren wurde in der Leopoldstadt die „Jüdische Volkspartei" gegründet. Von Kurzsichtigen mißverstanden, von zionistischen Fanatikern bekämpft und in der Arbeit gehemmt, hat die „Jüdische Volkspartei" an der Heillehre gearbeitet, deren ein Punkt heute Gemeingut aller politisch denkenden Juden geworden ist und den heftigsten Gegnern der Volkspartei zu einem SÖiaubate in der Leopoldsladt verhelfen soll. Unser Programm ist noch nicht ganz erfüllt. Während Andere sich um die F> richte unserer Arbeit raufen, wollen wir weiter arbeiten an der Vertiefung unseres Programmes und an der Erfüllung aller seiner Punkte. Wir haben stets die Arbeit für uns gewählt und so wollen wir es auch in Zukunft halten. Eine jüdische Wühlerversamminng. (Die Kanditatur des Dr. Jose? S. Bloch.) Die Montag, den 18. d. M., im „Hotel Guth" abgehaltene Versammlung der jüdischen Wähler des II. Bezirkes, betreffs Aufstellung der Kandidatur des Herrn Dr. Josef Samnel B l o ch, verlief stellenweise sehr stürmisch. Der Vorsitzende Dr. Josef W i n t e r n i tz, eröffnete namens des Wahlkvmitees die Versammlung, und erteilte nach einigen, den Zweck der Versammlung erklärenden, einleitenden Worten Herrn Dr. Heinrich Schreiber das Wort. Redner meint, daß die innere Berechtigung einer rein jüdischen Kandidatur in diesem Wahlkreise wohl nicht erst erwiesen werden müsse. Es könne also nur mehr die Personenfrage in Betracht kommen. Nach emer Beleuchtung der Tätigkeit Dr. Blochs als seinerzeiti'gen Reichsratsabgeordneten, empfiehlt er dessen Kandidatur für die nächsten Reichsratswahlen. Hierauf hält Dr. Bloch seine Kandidatenrede, welche von seinen Freunden mit lebhaftem Beifall ausgenommen, von den anwesenden Zionisten, Sozialdemokraten und Anhängern Dr. Ofners jedoch durch ablehnende Zwischenrufe unterbrochen wurde. Die Rede Dr. Blochs schloß mit der Zusicherung, daß er für den Fall seiner Wahl ein j ü d i s ch e r Abgeordneter, der die Interessen des Judentums vcrtritt, sein werde. Ans der zeitweise stürmischen Debatte, seien die Ausführungen des Herrn E h r l i ch erwähnt, dessen Ausführungen in dem Wunsche ausklingen, .— Dr. Bloch möge von seiner Kandidatur znrücktreten. Er begründet dies damit, daß ein „nur-jüdischer Vertreter unseren Interessen eher schade" (?) Herr L e m b e r g e r, der behauptet nicht nur Wähler dieses Bezirkes, sondern auch „zufällig" — Jude zu fein, erregt einen wahren Orkan des Unwillens. Die Herren Nathan Groß und Doktor E. M. Zweig lehnen von ihrem zionistischen Parteistandpunkte aus die Kandidatur Doktor Blochs ab. Herr Dr. Z w e i g tut dies auch aus dem Grunde, weil der Kandidat das allgemeine Wahlrecht für die Kultusgemeinde abgelehnt habe, und zur Wiener Kultnsgemeinde in einem Subventionsverhältnisse stehe. (Doktor- Bloch erklärt diese Behauptung in einem erregten Zwischenrufe als eine Verleumdung!) Herr P l a s ch k e s schildert in treffender Weise die Notwendigkeit einer jüdischen Kandidatur. Nur unter Vorbehalt und vom alljüdischen Standpunkt aus, könne er die Kandidatur des Dr. Bloch billigen. Die Ausführungen des Redners finden allseitige, lebhafte Zustimmung. Dr. Karl L i f c z i s lebhaft akklamiert, führt folgendes ans: die Abschaffung des Knrienparlamentes und die Erreichung des allgemeinen gleichen und direkten Wahlrechtes, haben schon jetzt die Erscheinung gezeitigt, daß sich bestimmte Gruppen um bestimmte Jnteressenvertreter scharen. Aber in diesem Staate gibt es noch eine bis jetzt wenig laut gewordene Klasse: Die es gibt arme Inden, Menschen, die im dumpfen Elend leben, dann reiche, übersättigte Inden, aber es gibt ein gemeinsames jüdisches Elend, unter dem wir alle seufzen, vor dem wir uns b.eugen, verkriechen.Das waren die unendlich traurigen Tage der Judenmassakres, das war in den Tagen, als uns der gellende Hilferuf in die Ohren drang . . . Und nichts kann so schaurig sein, als daß man bei längerem Betrachten gegen den Anblick nicht abgestumpft werden würde. Und heute ist es so vielen ganz gleichgiltig, wenn sie daran erinnert werden, durch Worte, durch neue Ereignisse . .. Uub nur die nicht zu überdenkende Potenz der Grausamkeit könnte sie aus ihrer Lethargie wecken. Unterdrückung und Judenmassakres, das war der Kitt, der die jüdische Einigkeit zur Wahrheit machte. Der alle psychologischen Begründungen über die Unmöglichkeit einer jüdischen Einigkeit über den Haufen warf und die Kerze der Philantropie anzündete, daß wir «ns des Glanzes freuten. Je billiger die Beleuchtung, desto früher verlöscht sie. Es ward dunkel. Es war ein Talmiglanz. Und doch Millionen. Der Schrecken dieser Tage ist vorüber, wir haben Zeit und Ruhe gewonnen, und streiten über Dinge, die in so vieler Munde und in so wenigeil Herzen stiid .... Doch sollen wir etwa jene schrecklichen Tage herbeiwünschen, damit wir noch einmal das erhebende Gefühl unserer Zusammengehörigkeit verspüren. Damit wir noch einmal die Häupter unserer Lieben zählen können? Fürivahr, es wäre ein doch zu teurer Preis! Und wie dennoch? ... Ich glaube, wir werden uns auf die Dauer nicht finden können. Mir können die vielen psychologischen Gründe, die vielen Nachweise einer innerlichen Verschiedenheit der einzelnen Juden nimmermehr als Nichtigkeit erscheinen. Auch das derzeit moderne Mäntelchen der Ideologie wird diese Erkenntnisse nicht verhüllssn können. In diesen Tagen der beschaulicheil Ruhe (warum nicht, es geht uns ja gut!?), in unseren Tagen der kleinlichen Rankünen und Kämpfe von Juden gegen Juden, erkennt der ehrliche und fühlende Jude mit Schmerz, wie leicht die Phrase zur Wahrheit, wie spielend leicht die Wahrheit zur Phrase wird ... Er schweigt. Denn er fühlt es: nur eine große Sache vermag diesen in Lethargie liegenden Volkskörper aufzurüttelu, vermag uns das Gefühl der Befreiung zu verschaffen, nur eine große und gerechte Sache vermab uns noch 311 begeistern. Und dann wird uns der Ruf „Viribus unitis!" schlagbereit fittden. Jll dieser Zeit des Winterschlafes, der „Kleinarbeit" aber, ist's Ironie unb lautet: Viribus unitis . . . aber jeder für sich . . . Max Schacherl. Inden! Man müsse es nun einmal verzeihen, daß die Juden es nicht als Unbescheidenheit empfinden, wenn sie nunmehr in diesem Wahlkreise, wo es eine kompakte, jüdische Majorität gibt, ihren eigenen Vertreter haben wollen. Das Proletariat wird die mächtige Vertretung der Sozialdemokratie haben, die Millionen von Deutschen werden geschützt sein, nur wir Juden sollen unsere Vertretung in fremde Hände legen? Das darf llicht sein! Dr. O f n e r, der Kandidat dieses Wahlkreises, sei sicherlich ein hochachtbarer und tüchtiger Mann, dem Redner die größte Hochachtung entgegenbringe. Er betont aber mit der ihm auszeichnenden Offenheit immer wieder, daß er ein Deutscher sei, daß er „schwarz-rvt-golv" trage. Nun, für deursche Ehre, für deutsches Recht tritt ein Millivnenvolk ein; für die Juden — niemand! Deshalb müssen die Juden ihre eigenen Vertreter entsenden. Redner könne nicht annehmen, daß einem bewußten, jüdischen Kandidaten ein jüdischer Gegenkandidat gegenübergestellt werden könne; wenn dies doch van einer Seite versucht werde, so hosfeRedner, daß unbedingt eine Einigkeit erzielt werde, die notfalls von den jüdischen Wählern selbst wird herbeigesührt werden. Redner verweist in seiner mit stürmischem Beifalle anfgenommenen Rede, auf die interessante Erscheinung, daß diejenigen, welche sich heute als jüdische Kandidaten um den jüdischen Wahlbezirk bewerben, dies auf Grund eine? Programmes tun, welches seit zehn Jahren von der ' „Jüdischen Volkspartei" mtb deren Begründer, Herrn Richard Rappaport geschaffen, und gerade gegen die heutigen Mandatswerber mit aller Energie und unter heftigen Kümpfen verfochten wurde. Da Dr. Bloch sich nunmehr zum großen Teile auf dieses Programm gestellt hat, tritt er für dessen Kandidatur ein. (Stürmischer Applaus) Nach der Rede des Herrn Dr. Lifczis brachte Dr. B r a d y die Resolution zur Verlesung, was unter stürmischen Szenen vor sich geht. In den: großen Tumult, den Zionisten, Sozialdemokraten und die Anhänger Ofners gemeinsam veranstalten, ennunziert der Vorsitzende die Annahme der Resolution, und somit die offizielle Nominierung des Dr. Josef Samuel B l 0 ch als Kandidat sür den 1. Leopvldstädter Wahlkreis. Die Resolution lautet: „In der ernsten nnb sicheren Voraussicht, daß in dem neuen Abgeordnetenhause des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechts mehr als je vorher für die österreichische Judenheit die Notwendigkeit sich Herausstellen wird, wenigstens einen einzigen Abgeordneten im Parlament zu besitzen, welcher mit den Fachkenntnissen und den historischen Wissen auch ein hinreichendes Talent und den energischen Willen verbindet. Allgriffe auf das Judentum, auf unsere Religion, auf unser Schrifttum, auf unseren Naiuen und unsere Ehre überzeugend zurückzuweisen, hat eine arn 18. Februar tagende Versammlung jüdischer Wähler des ersten Wahlkreises im zweiten Wiener Bezirke, obgleich sie sonst verschiedenen politischen Parteilagen angehören, in dem Entschlüsse sich geeignet, sür die bevorstehende Reichsratswahl in diesem Wahlkreise den ehemaligen Reichsratsabgeordneten Dr. Josef S. Bloch, Schriftsteller in Wien, welcher seinerzeit der Eilizige unter allen den Mut hatte, den Kampf mit Rohling aufzunehmen, und hiedurch den Juden der gesamten Welt einen moralisch unschützbaren Dienst erwies, für die bevorstehende Reichsratswahl in diesen Wahlkreis zu kandidieren. Die Versammlung gibt der Zuversicht Ausdrllck, daß alle diejenigen Wühler dieses Wahlkreises, welche bei ihren politischen Entschließungen auch die elementaren Interessen des jüdischen Volkes in Erwägung ziehen, sich einmütig um die Fahne dieser Kandidatur scharen werden." Nachdem sich noch kai s. Rat Med. Dr. K r ü g e r sehr warm für die Kanditatur Blochs eingesetzt hatte, schloß der Vorsitzende in vorgerückter Nachtstunde die bewegte Versammlung. N. Schn. Aus der territoriatistischen Bewegung. Jto-Konferenz in Kiew. Vorige Woche fand in Kiew eine Konferenz jüdischer Territorialisten statt, welche drei Tage dauerte. Die Konferenz, welche von Vertretern aller drei territoriatistischen Fraktionen Rußlands besucht war, wurde von Dr. I a s s i n 0 w s k i eröffnet; zum Präsidenten der Konferenz wurde