Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 11 (22.2.1907)
- Date
- 1907-02-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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RlltimcheitM f .— .. — .■ Redaktion: IX/1, Wasa gaffe 81« Telephon Nr. 14723. Lpi rchstunden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. ::oftnb«[fe: „Nationalzettnng", Wien IX 1. Bt-.chtverden wegen verspäteter oder »ar nicht erfolgter Zustellung erbitte» wir n»s dringend. — Manuskripte »verden nicht zuriickgestellt. Boirlparkasstnkonto 47037. Ta« Abonnement kann täglich beginnen. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. lipli« lim Stjltlil. - ßkMsMk (Ml (ItfrtMInt: Salat ilreesz. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneverg. M. DnkeS Nachfolger, Haafenstein & Bögler, Rudolf Masse, M. Pozsonyi, A. Schalei in Wien, ferner alle Annoncenexpeditionen im Auslande. Einzelnummer in Wien 15 Heller. 1 Administration: I Telephon 9 AbonnemeutSpreiSr Nlir Wien u. Oesterreich- Ungarn f. Frankozusiellung r G-nNShrlich. . . . K 12 — Halbjährlich . . . . „ 0 — Vierteljährlich ...» ftiiv d. gesamte Ausland r ^Ganzjährltch . . . K 15.12 -■ x/1, SVafagaffe 81. »k. 14723, Preis der Anzeige«» Die iimal gefpalt. Nonpareillezeile oder deren Raum 12 l». „Etngefendet^ die Sspaltige Nonparetllezeile 60 h. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. verschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien. I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, I., Jakoberg. 7. Ur. 13, Wien, Freitag den 22. Februar 1907 (8. Adar 5607). IX. Jahrgang. An die geehrten Abonnenten und Leser der „Nalionalzeilirilg". Ich veeyre mich, den geehrten AVonnenlen Lesern nndIreunden der „Wationakzeitnng" die Mitteilung zu wachen, daß ich mit heutigem Fage mein Eigentumsrecht auf die „Mationalzeitung" aufgegeven und meine Stelle eines Ehefredalitenrs vei demselben Blatte niedergelegt habe. Mom 1. März d. I. angefangen wird diese Zeitschrift in geändertem Jormate und größerem Umfange als „Wene Wationalzeitung, unabhängige jüdische Wochenschrift" in neuem Besitze erscheinen. Es ist mir ei« tiefgefühttes Bedürfnis, aus diesem Ankasse allen Abonnenten, Inserenten, Lesern, Irennden und Mitaröeitern des Blattes, die mich während meiner langjährigen Gütigkeit mit Wat und Gat unterstützten, meinen tiefempfundenen Pank ansznsprechen. Meinen engeren Parteifreunden von der „Jüdischen Wolkspartei", in deren Mitte es mir vergönnt war, durch viele Jahre für die unveräußerlichen nationalen Möchte der Inden Hesterreichs zn Kämpfen, und meinen territorialtstifchen Gesinnungsgenossen, mit denen mich die gleiche Melierzeugung öezüglich der Lösung der allgemeinen Iudennot verbindet, rufe ich auch auf diesem Wege zu: „Auf Wiedersehen bei der praktischen, zielvewufzten Arbeit für unser bedrücktes verfolgtes und geknechtetes jüdisches Molk!" Wien, den 22. Aebruar 1907. Jakob Krausz. Kandidatenrummel. I. Kr. Wien hat zwei jüdische Reichsratsmandate zu vergeben: eines in der Leopoldstadt und eines am Kai. Das war, man möchte fast sagen, das Dogma des Gesetzes über die Wahlkreiseinteilung. Besonders Leopoldstadt I ist ein jüdischer Wahlbezierk kat exochen, und wenn die^Bnden des- Bezirkes nicht rechtzeitig zur Besinnung gelangen, so wird wohl der Bezirk nicht aufhören ein jüdischer Bezirk zu sein, aber er wird das schmachvolle Beijpiel liefern für die Tatsache, daß ein Bezirk, in welchem die Juden in jeder Beziehung das Uebergewicht hoben, von einem Abgeordneten vertreten wird, dessen erstes und oberstes politisches Prinzip in der politischen, sozialen und wirtschaftlichen Unterdrückung der Juden, also auch des großen Teiles der Wähler desjenigen Bezirkes besteht, der ihn ins Parlament entsendet hat. Die Leopoldstadt ist ein jüdischer Wahlbezirk und muß ein jüdischer bleiben, nicht durch den Zufall — der Wahlmache, auch nicht durch den „Zufall der Geburt des Kandidaten", sondern bewußt, weil die jüdischen Wähler es so wollen, und weil sie ein Recht, ja, die Pflicht haben, bem einzigen prononziert jüdischen Bezirke der Reichshaupt- und Residenzstadt auch einen prononziert jüdischen Abgeordneten zu geben. Nicht weniger als vier jüdische Kandidaten bewerben sich um dieses „sichere" jüdische Mandat, und wollen wir aufrichtig sein, so müssen wir es offen gestehen, daß einem überzeugten Nationaljuden in diesem Falle besonders mit Rücksicht auf die gesetzliche Wahlpflicht die Wahl buchstäblich „wehtun" muß Zwei „bewußte" Juden stehen zwei Assimilanten gegenüber, und wenn nicht rechtzeitig Vernunft in die Köpfe der jüdischen Wähler einzieht, so ist die Furcht begründet, daß über die streitenden Juden, wie immer, der Antisemit den Sieg davontragen wird. Für uns, die wir auf Grund des Programmes der jüdischnationalen Volkspartei iii zielbewuhtem Kampfe die jetzige Aera der bewußtjüdischen Politik vorbereitet haben, haben gerade die Kandidaten, welche mehr oderweniger auf unserem Programme in den Wahlkampf ziehen wollen, ein besonderes Interesse. Das Schauspiel, das jetzt den Juden der Leopoldsladt geboten wird, entbehrt für den Eingeweihten sicherlich nicht der Pikanterie. Doktor Bloch und Dr. S ch a l i t fordern im Namen des Judentums die Stimmen der jüdischen Wähler jeder für sich, jeder gegen den andern. Es sind dieselben Dr. Bloch und Dr. Schalit, die vor nicht allzulanger Zeit getrennt marschiert, aber gemeinsam gegen eine jüdischnationale innerösterreichische Politik angekämpft, und zwar in schonungsloser Weise angekämpft haben; es sind dieselben Dr. Bloch und Dr. Schalit, die, als die Wahlreform einige jüdische Mandate Feuilleton. Viribus uuitis. (Betrachtungen eines Pessimisten.) Gedenken wir doch auch einmal der jüdischen Einigkeit, die von Einsichtsvollen und Klugen gepredigt wird und sich in der Praxis noch immer nicht bewähren will. Eine Einigkeit unter uns Inden. Eiri alle durchdringendes, alle belebendes Brudergesühl . . . wann wird es entstehen? Man wird mitleidig lächeln. Wird mir auf diese oder jene Bewegung Hinweisen und behaupten: dort finden sie Einigkeit. Die Platsvrm. Das ist's eben: für jedwede Richtung, die eine Unzahl von Verschiedenheiten in sich birgt, bemüht mau sich das richtige „Syndetikon" zu finden, und wenn die Gummierung von einem schwachen Regen, vou einem „Sichielbstregen" befeuchtet wird und das schöne Flickwerk 'auseinanderfällt, dann heißt es immer, das Mittel habe nicht getaugt. Dann ertönt der laute Ruf: Viribus unitis! Bleibet vereint! Es gibt gewisse Dinge, die in dem Munde aller, und in dem Herzen weniger sind. Die jüdische Einigkeit. Du lieber Gott, was haben wir nicht alles darüber gehört. Wo fände man heute nicht fünf Juden und einer von ihnen mahnte nicht zur „Einigkeit". Fünf Juden, das heißt fünf Anschauuungen. Vielleicht fünf Individualitäten. Vielleicht auch keine einzige. Jedesfatts aber fünf Ansichten. Und einer mahnt zur Kompensation. Der Komprouiißmensch. Derjenige, bei dem es festsieht, daß sich ans dem schwachen Ueberzengungssüpplein jedes einzelnen, ein kräftiges Ueberzeugungsbouillon aller brauen läßti Der die „Ptatformen" nur so ans den Aermeln schüttelt. Immer weiß er: mir ist's gelungen! Früher waren's fünf, jetzt ist's einer. Sein Werk. Die Kompromißkanaille . . . Auch eine moderne Spezialität. Ein iieuev Berufszweig, der mitunter seinen Mann ernährt. Die Fünf, aus denen plötzlich einer ward. Kunststück . . . Und die gehen nun im Namen der heiligen Fünfeinigkeit jeder ihrer Wege und denken etwa: schön hat er's uns gesagt, aber es bleibt beim alten; ich Hab' halt doch recht. Jeder einzelne vou ihnen hat recht. Ueberhaupt, alle haben recht. Deshalb vielleicht: will ich mehrere Ansichten vereinigen, so muß ich es fertigbringeu, jedem einzelnen ein Stückchen seiner vermeintlichen Jndivualität „abzuwicken". Es mag mir gelingen. In jedem wird aber später das Gefühl eines ihm geschehenen Unrechtes laut werden. Warum voll mir ein Stückchen? Warum nicht von den „Anderen" alles? Jin Kompromisse spielt der „Andere" überhailpt eine klägliche Rolle. Der „Andere" ist überhaupt niemand. Bei zartbesaiteteren Naturen mitunter auch „eine geistige Null". Man sieht: Gemeinplätze. Man erkennt: abgebrauchte Worte. Aber man empfindet, daß alles, was bisher von „jüdischer Einigkeit" gesprochen wurde, nichts gilt. Und doch, wir habe» es so oft gehört, habeil es selbst geglaubt, und haben es empfunden. Lange Zeit. Die längste Zeit. Aber es bedarf nur eines ganz kleinen Ereignisses und die Gegensätze prallen aneinander, man hört von „jüdischen Klerikalisnius", von „jüdischell Christlichsozialen", von soundsovielen Juden, soundsovielen Anschauungen. Das „Syndetikon" bewährt sich nicht. Man wendet ein Mittel an, für die v i e l e n Zwecke, die der Einzelne verfolgt . . . Die jüdische Einigkeit. Es gibt gewisse Dinge, die in dem Munde aller, und und irr dem Herzen welliger sind .... Bei vielen Phrase und bei sehr wenigen Wahrheit sind.... Und dennoch: es hat iyl jüdischen Leben Momente gegeben, lvo sich der Einzelne seines individuellen Rechtes begab, wo sich die Inden aller Länder eins fühlten, wo dem armen Juden vom New-Iorker Eastend e i n Gefühl mit dem jüdischen Finanzmann aus Berlin W. verband. Wo wir alle e i u Empfinden teilten: