Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1907-02-15 · Heft 10 (15.2.1907) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1907
Issue
Heft 10 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2429839-2429930-2429940--729-2430873
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

'Seite 4 Nationatzeitung Nr. 10 Wie dem Gottesdienste im eigentlichen Sinne des Wortes, so wurde auch den Kultusangelegenheiten überhaupt, insbesondere dem zeremoniellen Teile derselben bei frohen wie bei trüben Anlässen volle Aufmerksamkeit zugewendet. In Uebereinslinimnng mit dem Herrn Nabbiner Dr. Oppenheim wurde eine Regelung der diesbezüglichen Gebühren durchgeführt, ° wobei abermals das Prinzip sistgehalten wurde, daß der Minderbegnterte nicht allzusehr belastet werde. Zur Errichtung einer Ansbildungsschule für israelitische RcligionSlehrer midmete die Gemeinde eine Jahiessnbventioii von 50 K. Es ist zweifellos, daß der Zweck einer derartigen Schule nicht hoch genug veranschlagt werden kann, namentlich wenn e»wogen wird, wie wenig derzeit der Unterricht auf diesem Gebiete zumeist infolge eines ungenügenden Unterrrichtsplanes unseren Wünschen entspricht. W r erreichten im verflossenen Jahre jedoch mindestens das eine, daß nufer langjähriger und verdienter Religivnslehrer, Herr Reiniger, als solcher fix angestellt wurde, was für eine spätere Zeit auch eine Entlastung der Gemeinde zur Folge haben wird. Herr Religionslehrer Reiniger und Herr Rabbiner Dr. Oppenheim haben es bereits vor längerer Zeit übernommen, uns einen neuen Lehrplan für den Religionsunterricht vorznlegen, durch welchen sich ein besserer Unterrichtsersolg in der Religionslehre erzielen ließe. Die Herren haben diesen Plan bisher jedoch noch nicht vorgelegt. Es erscheint allerdings auch fraglich, ob ein neuer Lehrplan, selbst wenn er die erforderliche Genehmigung der Schulbehörde erhielte, bessere Erfolge brächte. Diese hängen in erster Linie von der häusliche» Erziehung' ab. In diesem Punkte gäbe es manches zu verbessern. Wir erfahren dies ans dem unentgeltliche» Unterrichtskurse, den die Gemeinde mit Opfern erhält, ohne daß der Erfolg diestn Opfern entspräche. Die Zahl der Teilnehmer an diesem Unterrichte. den Herr Rabbiner Dr. Oppenheim erteilt, ist trotz aller Mühe, die wir uns gegeben haben, Teilnahme für denselben zu wecken, eine äußerst geringe. Hier müßten Haus und Familie die Gemeinde in ihren Bemühungen unterstützen. Ebenso gering ist die Benützung der von der Gemeinde errichteten, von Herrn Dr. Oppenheim sorgsam verwalteten Bibliothek. Diesel!»« enthält zahlreiche, gute wissenschaftliche Werke, könnte also viel zur Belehrung über das Judentum, seine Entwicklung und Bedeutung beitragen; sie enthält literarische und schöngeistige Werke jüdischer Autoren. Allein sie wird viel zu selten ausgesucht. Alljährlich werden neue treffliche Bücher angeschafft, der Leserkreis aber will nicht wachsen. 'Man kann darüber nur aufrichtiges Bedauern und den Wunsch aussprechen, daß auch hier ein Wandel zum Bessern eintreten möchte, damit die Mühen der Verwaltung. Gutes zu schaffen, ihren Lohn in der fleißigen Benützung des Geschaffenen fänden. Für dalaufende Schuljahr wurden die He. reu Rabbiner Dr. Oppenheim und Dr. B a d e r l e zu Schulinspektoren, erfterer auch zum Examinator für die jüdischen Religivnsprüfungen an der hiesigen Lehrerbildungsanstalt bestellt. Auch für den Religionsunterricht in Sternberg wurde nach dem Ableben des dortigen Religionslehrers Herrn S ch r e y e r gesorgt. Herr Rabbiner Dr. Oppenheim hat dort den Unterricht in liebenswürdigster Weise, gegen mäßige Entschädigung, übernommen. Während der verflossenen Verwaltungsperiode trat unser langjähriger Schächter Herr Moritz Drucker nach vierzigjähriger Tätigkeit in den Ruhestand, in welchem >r einen Ruhegehalt von 600 K. bezieht. An seine Stelle trat eine junge Kraft, Herr Friedländer, der seit Jqhresfrist als Schächter und Borbeter tätig ist und einen Gehalt von 1000 K.. nebst den üblichen Emolumenten, bezieht. Ueberaus bedeutsam gestaltet sich die Wirksamkeit des Ausschusses in der letzten Verwaltnngsperiode auf dem Gebiete des Humamtätswesens. Hier haben wir zunächst der zwei großen Spendensammlungen zugunsten unserer su unmenschlich hart bedrückten Glaubensbrüder in Rußland zu gedenken, deren Leid und Elend zum Himmel schreit. Hunderte, ja Tausende unserer Glaubensbrüder fielen dort als eilt Opfer der grausamsten Willkürheirtchast oder des mit Absicht verhetzten, beutegierigen Pöbels. Unsäglich ist der Druck, der im Zarenreiche auf den Juden lastet, unsäglich das Leid, das sie bereits erduldeten. Die Seele bäumt sich ans bei dem Geläuten an das an ihnen verübte Unrecht, an die unmenschlichen Scheußlichkeiten, die hier unter den Augen der Obrigkeit, ja unter deren Begünstigung verübt wurden. Die Sturmglocke der Revolution, an deren Strängen das russische Volk mit der wahnsinnigen Leidenschalt gemärteter Sklaven zerrt, tönt von dort zu uiis herüber. Ihr Dröhnen zeigt uns, daß die Tage des Zusammenbruches der zarischen Selbstherrlichkeit nicht mehr ferne sind, und daß dann vielleicht unseren Glanbensbrüdern die Sonne der Freiheit und Gleichheit auch in Rußland lacht. Ueber die begangenen Greueltaten hat auch unsere Gemeinde in einer kräftigen Resolution ihre Entrüstung ausgesprochen Sic ließ es jedoch nicht bei dieser Kundgebung bewenden. Sie brachte zugunsten der Bedrängten, der hilflos Flüchtenden 3600 K. ans. die'de» Unglücklichen in Kischinew und den anderen russischen Flüchtlingen zugewendet wurden; sie spendete weiter zu gleichen Zwecken M)00 K. der Alliance isra^lite und sie sammelte nach der Kunde von den ungeheuerlichen Greueln in Bialystvk abermals 4000 K. unter den Gemeindemitgliedern, um sie den geknechteten Glaubensbrü'dern zuzuführen. Der Präsident der Gemeinde Dr. Eben und die Herren Max K a u f in a n n, Jakob K i r s ch n e r und Ignaz Zwei g hatten sich dabei in den Dienst der humanitären Sache gestellt. Die opferwillige, liebenswürdige Art, mit der sie auch von dem Aermsten in unserer Gemeinde, bei dem sie anklopften, reich beschenkt wurden, war ein glänn'ndes Zeichen dafür, daß dort wo die Menschlichkeit siegt, auch Israel seine größte» Triumphe feiert. Ueber der fremden Not wurden auch die heimischen Armen nicht vergessen, für welche bei freudigen wie bei traurigen Anlässen reiche Spenden einliefen. Solche liefen zumeist ein zum Andenken an unsere Verstorbenen, die wir durch Werke der Wohltätigkeit ehren. Zahlreiche Einläufe in die Haskara erfolgten; unter ihnen iei in erster Linie jenes der hochverehrten Witwe unseres unvergeßlichen Präsidenten Herrn Eduard Hamburger gedacht, die aus diese!» Anlässe 6000 K spendete, von denen nach den Haskarabestimmungen 1500 K. der Gemeinde. 4500 K. aber über Wunsch der Frau Adele H a mbur g er dem von ihrem Gemahl gestifteten Siechenhaussonde zugewendet wurden. Eine weitere Spende von 6000 K. erfolgte ans Anlaß des Ablebens des verstorbenen Herrn Baß von dessen Töchtern, den Damen Charlotte und Julie B r i e ß und Sophie H u s s e r l. und von seinem Enkelkinde Nelly L ö w. Allen diesen edlen Stifterinnen sei hier reichster Dank ausgesprochen. Dem Brünner jüdischen Waisenhilfsvereine, dessen wohltätiges Wirken nicht genug anznerkennen ist, ivurde eine Jahresunterstützung von 50 K. zugewendet und zahlreiche Mitglieder unseres Ausschusses traten dem Vereine als beitragende Mitglieder bei. Wir tragen damit nur einen Teil der Dankesschuld gegenüber diesem Vereine ab. der auch für die Waisen unseres Bezirkes aufs liebreichste sorgt, und wir erfüllen nur eine Pflicht, wenn wir an unsere Gemeinde- Mitglieder die Bitte richten, daß sie sich ebenfalls zu solchem Liebeswerke für den Brünner Wcwenhilfsverein entschließen mögen. Bei all diesem Tun herrschte Einmütigkeit in unserer Gemeinde, Einmütigkeit im Ausschüsse und Uebereinstimmnng auch zwischen ihm und den Gemeindemitglievern. Nicht das Gleiche läßt sich von der Stellnngnatnne zu den politischen Ereignissen behaupten. Hier konnte der Ausschuß dem' mitunter stürmischen Andrängen einzelner Elemente nicht Folge leisten, ohne daß er seine Kompetenz überschritten hätte; doch gab er nach der ersten Anregung, die hier erfolgte, sofort dem Gedanken Ausdruck, daß es mit Genugtuung zu begrüßen luäve, wenn die jüdische Wählerschaft offen und frei zu den allgemeinen Fragen Stellung nehmen würde. Als dies geschah. gab dann Herr Dr. Eben in seinem, sowie im Namen der führenden Elemente der hiesige» Jndenschaft die präzise Erklärung ab, daß sie auf dem Standpunkte stehen, die jüdische Wählerschaft könne keinem anderen Kandidaten ihre Stimmen geben, als einem solchen, der rückhaltlos die volle Gleichberechtigung aller Staatsbürger im öffentlichen Leben anerkenne und darnach handle. Diese Erklärung fand damals die Zustimmung der Versammelten, hinderte aber nicht dir Einberufung einer weiteren Versammlung, bei tvelcher man merkwürdigerweise ans deren eigentlichen Zweck, die Landtagswahs, zu vergessen schien, bei welcher getaufte Inden und sozialdemokratische Führer das Wort führten, bei welcher man ausgezvgc» war, um zu fluchen und zu dem Segen eines Vertrauensvotums gelangte. Es sei ries hier nur angeführt, um darzntun, ans welche Irrwege man in bewegten Zeiten geraten kann, wenn man statt ruhiger Erwägung momentaner Erregung folgt, wenn man Entschlüsse und Kräfte nicht abwägt, soiidei» blind darauf losstürmt. Ohne Bitterkeit, ohne Ueberhebnng mag dieses Urteil gestatt, t rein, zur Lehre für kommende Zeiten. Mehr als anderstvo will auf poliuschein ebiete jeder Schritt und seine Folgen bedacht sein. Man u»irb nach dem. was hier geschah, es gewiß der Verwaltung unserer Gemeinde nicht verdenken, wenn diese sich scheute, das Gebiet politischer Agitation zu betreten und sich in ben Grenzen ihrer Kompetenz hielt, innerhalb derer der objektive Beurteiler ihrem ruhigen, zielbewußte» Wirken reichsten Erfolg nicht wird abstreiten können. Tempel-Verein für Wieden-Margarete». Die 33. Generalversammlung des israel. Tempel-Vereines für Wien-Margaraten in Wien fand am 10. Februar unter zahlreicher Beteiligung seiner Mitglieder in der Kanzlei des kais. Rates Lichtblau, 5. Bez., Wienstraße 12, statt. Obmann Adolf Hofmann begrüßte den Vertreter der israel. Kultusgemeinde. Herr kais. Rat Kauders und die Abordnungen mehrerer Tempel Vereine. Er teilte mit. daß zur Stunde, in welcher die Generalversammlung abgehalten wird, eines der besten und treuesten Mitglieder des Vereines. Herr Fabrikant Jakob Simon, zu Grabe getragen iv^rde, welchen' der Tod ferne von der Heimat, in Paris ereilte, von wo ec nach Wien, überführt und nun heute beerdigt werde. Die Versammlung vernimmt tiefbewegt diese Mitteilung und beschließt, der Trauer um den Verstorbenen auch im Protokolle Ausdruck zu geben. Der Jahres- und Kassenbericht wird ver- * lesen und genehmigt. Obmann Hofmann beklagt es, daß namentlich in der letztstattgehabten öffentlichen Sitzung des Vorstandes der Kultusgemeinde geringes Wohlwollen seitens einzelner Kultusvorsteher gegenüber den Tempel- Vereinen bekundet wurde, ein Umstand, der keineswegs geeignet sei, jene guten Beziehungen zu pflegen, welche die Tempel-Vereine beanspruche» müssen, weil sie einen Teil der Lasten der Kultusgemeinde: die Pflege und Erhaltung des geregelten Gottesdienstes in jenen Bezirken, in welchen keine Gemeindetempel bestehen, freiwillig übernommen haben. Der gewiß bedauerliche Konflikt der Kultusgeineiude mit dem Tempel- Brreine im 10. Bezirke darf die Vorstandsmitglieder der Knltnsgemeinde nicht zu Ausfällen gegen die Tempel-Vereine im allgemeinen veranlassen, zumal die Ursachen welche den genannten Tempel-Verein zu den von ihm eingeleiteten Schritten veranlaßten, ihre volle Berechtigung hätten, wenn auch diese Schritte selbst, in der Form einer Auflösung des Vereines, nicht gebilligt werden könne». Insbesondere könne er die Ansicht des Kultusvvrstandes, größte Sparsamkeit in der Erhaltung der Vereins- Tempel walten zll lassen, wenigstens bezüglich der Funktionäre nicht gelten lassen. Der Hauptzweck der Tempel, die Glaubensgenossen, insbesondere die Mütter und die Jugend zum fleißigen Besuche des Gotteshauses zu veranlassen, kann nur durch befähigte, sangesknndige Kantoren, ivohlgefchulteu Chor und durch redebegabte, geistig' hochstehende Prediger erreicht werden. Darin zu sparen, wäre eine ganz verfehlte Sache; in allen übrigen Zweigen der Tempelverwaltung werde ohnehin jede nicht unbedingt notwendige Ausgabe vermieden. echte Rcfonn-Schweihblatlcr HfftertB erftiltL mwm Waschbar! Wasserdicht! GeruchloSk ■feeaesft

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.