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Nationalzeitung · 1907-02-15 · Heft 10 (15.2.1907) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1907
Issue
Heft 10 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 10 Nalionalzeitung Seite 3 Belgien 7 Millionen; das sind aber die industriereichsten Staaten. Palästina aber könnte nach den vorhandenen Möglichkeiten bestenfalls das doppelte der gegenwärtigen Bevölkerung, also 1,200.000 Menschen ernähren! Wie aber werden die ökonomischen Verhältnisse beschaffen sein!? — Wenn man die ökonomischen und politischen Voraussetzungen in Erwägung zieht, dann kommt man zu dem Schluffe, daß Palästina für das Gros der Juden auch kein Z u k u n f t s l a n d ist. Die politischen Verhältnisse der Türkei bedingen eine Strömung, die jede Souderbestrebung unterdrückt. Industriell wird sich Palästina nie entwickeln. Es hat keine Kohle, kein Eisen, keine anderen für eine Großindustrie in Betracht konnnenden Rohmateriale. Wo aber das fehlt, ist eine Industrie unmöglich. Auch als Handelsstaat ist Palästina undenkbar. Wohl gibt es optimistische Zionisten genug, die annehmen, Jaffa wäre der Hafen Palästinas. Dabei wird übersehen, daß E n gl a n d und D e u t s ch l a n d den ganzen Handel in Jaffa an sich gerissen haben, so daß eine jüdische Konkurrenz einfach unmöglich erscheint, ja überhaupt nicht aufkommen kann. Die Löhne sind für den Juden niedriger wie überall, er muß sich dort auf ein Existenzminimum beschränken. Wie gesagt: Der Gedanke ist schön und ideal. Aber nur Träumer und nicht Praktiker werden an seine Realisierung glauben. Der Zionismus kann also die ökonomische Lösung der I u d e n f r a g e n i ch t bringen. Das ist klar. Und so stehen wir mit einemmale wieder vor der Frage: wo kann ein Volk Fuß fassen, wo kann es frei leben? Und wie die Autonomie, so muß auch der ganze Aufbau des neuen jüdischen Gemeinwesens dem Gesetze der Evolution unterliegen; der Gesamtplan, zuerst kleine Kolonien, Urbarmachung des Bodens, dann Dörfer, später Städte. Hier findet schon die Industrie ihre Möglichkeiten, es entstehen Fabriken, die Produkte werden verwertet, es blüht der Handel. So entwickeln sich Kulturstaaten. Es muß ein freies Land sein, ein Land wo noch keine Konkurrenz herrscht, und wo jedem, der erwerben will, die Möglichkeit hiezu gegeben ist. * Diese realen Erkenntnisse hat der Terri- 1 o r i a l i s m u s in sein Programm ausgenommen. Aus der Anzahl der vorhandenen Landanbote will er nach reiflicher Erwägung jenes wählen, in welchem die vorhin erwähnten Bedingungen zutreffen. Und an geeigneten .Territorien ist ja kein Mangel. West- und Südamerika, Canada, Argentinien, das alles sind Länder, die in ökonomischer und anderer Hinsicht ungemein geeignete Länder sind. Die „Jto" arbeitet unentwegt an der Realisierung ihres Programmes, in allen Ländern hat sie eine Schar begeisterter Anhänger gesunden, bedeutende Männer haben sich ihr angeschlossen. Mit doppelter Freude ist es aber zu begrüßen, daß sie der Gegenwart ihr notwendiges Recht werden läßt, daß sie parallel mit der Realisierung ihres Programmes, unseren armen, unglücklichen Brüdern eine Zufluchtstätte geschaffen hat. In seiner jüngsten Rede hat Israel Z a n g w i l l von der Schaffung eines Departements zur Regulierung der Auswanderung Mitteilung gemacht. In Galveston wurde ein Jnformationsbureau errichtet, und von Clort werden die Ankommenden nach geeigneten Plätzen ins Innere von Texas geschickt, wo für Arbeit und Erwerb vorher gesorgt wird. So wird es endlich möglich sein, einen weiteren Zufluß nach N e w - I o r k, das heute schon 700.000 Juden beherbergt, abzuhalten. In T e x a s werden weit höhere Löhne als in N e w - I o r k bezahlt; der Lohn ist viermal so hoch wie in Palästina. Mit der Regelung der Emigration wird die „Jto" ihrer hohen Aufgabe gerecht werden. Die „Jto" steht auf realem Boden, und ihrer großen Arbeit wird der Erfolg werden. Sie will die Juden aus einem dumpfen Golusleben zu einem besseren, freien Leben erwecken. Uns allen aber, die wir das Wohl des jüdischen Volkes sehnlichst wünschen, erwächst die Pflicht, durch tätige Mithilfe die großen und realisierbaren Ziele der „Jto" zu fördern. Äus den jüdischen Gemeinden. (Jahresbericht der Olmützer Kultusgemeinde.) Das jüdische Gefühl, das Bewußtsein einer weltgeschichtlichen Vergangenheit lebt in tausendjähriger Überlieferung unter uns fort. Es wirkt' weiter auf dem ganzen Erdenrunde überall, wo auch nur ein kleiner Teil des einst in staatlicher Selbständigkeit lebenden, seit zwei Jahrtausenden nach pllen Winden zerstreuten jüdischen Volkes sich niedergelassen hat. Wir wollen nicht untersuchen, ob es inehr die Anhänglichkeit oder die Pietät für den uralten Glauben der Väter ist, die dieses jüdische Gefühl weckt, oder das ethische Motiv, welches das jüdische Volk aufrecht erhalten hat inmitten schwerer Drangsale und Verfolgungen, inmitten unsagbarer Leiden, die bis auf den heutigen Tag nicht aufgehört haben. Seit zweitausend Jahren befindet sich der Jude auf der Wanderschaft. Es gibt kaum einen Fleck auf der Erde, wo der Jude nicht schon eine schlaflose Nacht verbracht hat. Jedes Klima, voni Aequator bis zum Nordpol, hat er durchkostet, jede Form von Zivilisation durchlebt und in jeder Sprache hörte er sich verspottet und beschimpft. Nur in Amerika' -mag er sich heimisch und wohler fühlen. Amerika hat noch kein Vorurteil gegen ihn gezeigt. Er kann heute schon im Dollar lande ans einen angesehenen und respektablen Rekord Hinweisen. In Amerika ist er kein Fremder. Wir finden den Juden dort schon in jedem Gewerbe vertreten, unter den Finanzbaronen sowohl, als auch unter den Männern der Wissenschaft, in der Reihe der Kriegshelden, wie unter den Friedensstiftern. Wir sind nicht die Schwärmer, die da glauben könnten, es müsse nunmehr doch die inessianische Zeit kommen, in welcher edles, vorurteilsloses Menschentum alle Herzen erobern und endlich auch den Inden die volle soziale Gleichberechtigung, nicht bloß jene auf dem Papiere bringen wird, die durchaus nicht ins Leben dringen will. Aber wir haben das Bewußtsein, daß' wir vermöge der geistigen Höhe, auf der wir stehen, vermöge der ehrlichen Gesamtarbeit, die wir im wirtschaftlichen Leben der Völker leisten und vermöge der sittlichen Kraft, die insbesondere unser Familienleben durchdringt und in uns die edlen Tugenden allgemeiner Nächstenliebe und eines ausgebildeten Wohltätigkeitssinnes züchtet, dieser Gleichberechtigung mit anderen Nationen würdig geworden sind. Bei dem einen äußert sich dieses Bewußtsein in dem Streben aufzugehen, in der Volksmasse, in der wir leben, deren Kultur wir angenommen haben und deren Streben wir teilen, bei dem anderen wieder in dem heißen Verlangen, im enggezogenen Bezirke der eigenen Glaubensgenossen und in völliger Abschließung von andersgläubigen Mitbürgern die starke Geisteskraft, die sittliche Höhe, ans der wir stehen, und die wirtschaftlichen oder anderen Fähigkeiten, die uns zu Gebote stehen, zu erproben und wenn es sein muß, im harten Kampfe zu erringen, was man uns heute bald offen, bald versteckt weigert. Die einen wollen ruhigen Fortschritt, die anderen möchten im Sturme vorwärts. Ihr Idealismus will mit einem Sprung über alle Hindernisse hinweg. Wir haben hier zwei verschiedene Strömungen in unserem Volksleben vor uns, die dem gleichen Ziele zustreben. Dieses Ziel ist kein anderes als die stetige Erhöhung unseres eigenen sittlichen Wertes, unsere Veredlung, die Kräftigung unseres Selbstbewußtseins als freie Menschen und die Festigung unserer Position unter den Völkern der Erde. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, hier den Propheten spielen und Vorhersagen zu wollen, welche der beiden Strömungen, die gewaltigere, die sicherer dem Ziele zueilende Strömung sein werde. Wir wollen uns darüber auch nicht in theoretische Auseinandersetzungen einlassen. Wir wollen auf dem Boden der Tatsachen bleiben und auf dieser festen Grundlage das weiter bauen, was uns in unserer Gemeinde zum Ansbaue und zur Entwicklung, zur Fürsorge übertragen worden ist. Jeder Mitarbeiter, der in Frieden mit uns weiter bauen will, sei dabei willkommen. Doktrinärer Streit, der die Arbeit nur hemmt, bleibe uns ferne. Die Gemeinde soll nicht der Ort sein, wo die Kämpfe verschiedener Parteirichtungen ausgetragen lverden. Dies hieße die Zwietracht ins Gemeindeleben tragen, in welchem uns vollste Eintracht als unschätzbares Gut erscheint. Den Friedensstörer, den nur eigener Ehrgeiz treibt, den Heißsporn, der der Meinung ist, seine Theorie sei die allein seligmachende, können wir also bei unserem Werke nicht brauchen, das wir in friedlicher stetiger Arbeit aufgerichtet und bis heute auch zu gleichmäßig schöner Entwicklung gebracht haben. Bon dieser Entwicklung soll Ihnen der nachstehende Bericht eingehende Kenntnis geben. Nicht ins Uferlose wollen wir steuern, sondern die örtlichen, die wirtschaftlichen und die kultnellen Angelegenheiten besprechen, die uns hier berühren. Wir brauchen deshalb nicht gerade gleichgiltig an der Entwicklung' rings um uns her 'vorüberzugehen. Das wäre auch wohl kaum möglich in einer Zeit, welche bei uns die gesetzlich gesicherte Gleichberechtigung dahin auslegt, daß wir wohl die gleichen Pflichten erfüllen dürfen, wie die anderen Staatsbürger, die uns aber bei jeder Gelegenheit unsere Ansprüche auf gleiche Rechte zu erfüllen sich weigert. Die humane Theorie des Gesetzes wird durch eine sophistisch inhumane Auslegung und Handhabung des Gesetzes illusorisch gemacht. Dies geschieht nicht nur dort, wo der Antisemitismus offiziell seine Herrschaft angetreteu hat, wie in der Reichshauptstadt, es fehlt nicht au Zeichen dafür, daß dies auch dort praktiziert wird, wo, wie bei uns, offiziell die Flagge des Fortschrittes gehißt ist. Immerhin ist es erfreulich, daß bei uns der Antisemitismus, trotz mannigfacher Versuche ihm Nahrung zuzuführen, nicht um sich zu greifen vermag, und daß das Oberhaupt unserer Stadt erst vor kurzem wieder der vor ihm erschienenen Deputation der hiesigen jüdischen Wählerschaft, die ihm ihr Vertrauen bekundete, die rückhaltlose Versicherung gab, daß es eine Aussaat von Zwietracht zwischen den Konfessionen nicht dulden und alles tun werde, um die Gleichberechtigung aller Staatsbürger, ohne Unterschied des Glaubens, in Olmütz zu wahren. Herr Bürgermeister B r a n d h u b e r gab bei dieser Gelegenheit auch seiner Ueberzeugung Ausdruck, daß die jüdische Wählerschaft wie bisher eine Stütze des Fortschrittes bilden werde. Wir werden diese Erwartung nicht täuschen. Wie die Pflanze zuni Lichte, so drängt das Judentum zum Fortschritte. Seine besten Kräfte, seine schönsten Eigenschaften entfalten sich im Sonnenlichte der Freiheit. Freie Völker teilen deshalb gerne die Segnungen fortschrittlicher Entwicklung mit den Juden, die überall freudig an Werken der Humanität teilnehmen, die mit Vorliebe au Akten sozialer Gerechtigkeit Mitwirken in jenem Geiste, wie er in der Lehre unseres großen Gesetzgebers Moses lodert und flammt. Von diesem Geiste ist auch unser Streben erfüllt. Die kleinen Steuerträger möglichst zu entlasten und die Lasten der Verwaltung im Uebrigen möglichst gerecht zu verteilen, das war unser stetes Ziel bei Aufbringung der Mittel für unseren Gemeindehaushalt. Wenn Sie objektiv unsere Steuerlisten prüfen, so werden Sie finden, daß wir diesem Ziele sehr nahe gekommen sind, und heute schon dürfen wir die Erwartung aussprechen, daß in absehbarer Zeit der kleine Mann vollkommen von einer Steuer für den Kultus wird befreit werden können. Die Lasten, die wir mit der Erbauung unseres herrlichen Gotteshauses auf uns genommen haben, sinken von Jahr zu Jahr, unser Schuldensland verringert sich sichtlich, und wir sind, dank der Opferwilligkeit aller Gemeindemitglieder — der Reichen wie der Armen — in der glücklichen Lage, daß wir alle unsere kulturellen Aufgaben leicht und aufs beste erfüllen können. Unser Gottesdienst ist ein geregelter, und wer denselben insbesondere an den hohen Festtagen besucht, wird seine feierliche Würde rühmen und erbaut die Stätte des Gebetes verlassen. Von der Kanzel hören wir in edler Auffassung die Erläuterung unserer religiösen Vorschriften, und in erhebender Weise wird der gesangliche Teil des Gottesdienstes von unseren beiden Kantoren, den Herren Schlesinger und S t ö ß l e r mit Unterstützung unseres trefflichen Chores zelebriert, in dessen Reihen eine Anzahl hiesiger Damen seit einem Dezennium überaus verdienstvoll tvirken. Es sei mir gestattet, denselben au dieser Stelle den vollsten Dank unserer Gemeinde auszusprechen. Ebenso herzlicher Dank sei auch unseren opferwilligen Tempelvorstehern, den Herren Fischet. Bernhard Kaufmann und Jakob K i r s ch n e r und den Herren Gabaim Max D i a m a n t, Jonas Fischer, Jakob K i r s ch n e r und Ignaz Zweig ausgesprochen. Ebenso gebührt voller Dank Herrn Dr. B a d e r l e, der zahlreiche Arme unserer Gemeinde ohne Entgelt aufs liebevollste behandelt.

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