Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 10 (15.2.1907)
- Date
- 1907-02-15
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seile 2 Rr. 10 der Juden. Der Jiidischsozialen. Das alles sind Erkenntnisse, die keines agitatorischen Nachdruckebedürfen, um sich endlich in jedem Juden, sei er nun „internationaler Sozialdemokrat", oder „internationaler Indifferenter", durchzuringen. Und wenn wir diesen Vorfall behandeln, so leitet uns vor allem der Gedanke, daß die jüdischen Stimmen von den Sozialdemokraten sehr gerne gebraucht werden. Schamloser und niederträchtiger hat noch keine Partei das Dogma aufgestellt: die Juden können nur für uns stimmen! Der sozialdemokratische Antisemitismus ist kein zufälliger, er ist ein typischer. Die jüdischen Wähler bilden im II. Leopoldstädter Wahlkreise und in M a r i a h i l f das „Zünglein an der Wage". Und nichts wäre verwerflicher für uns Juden, als wenn die sozialdemokratischen Kandidaten in verschiedenen Bezirken die jüdischen Stimmen mit Recht ins Kalkül ziehen dürften. Dieser Artikel soll eine Anregung sein. Wir stehen bald vor der Wahl. Und man sollte doch endlich eine Antwort wissen auf die alte Frage:wie werden sich dieJuden im N e i ch s r a t s w a h l k a m p f e verhalten? Max S ch a ch e r l. Enthüllungen über den Numänenbesuch in Wien. Unter dem Titel „Hinter den Kulissen" berichtet der Wiener Korrespondent des rumänischen liberalen Blattes „Adeverul,, über bisher unbekannt gebliebene Vorgänge vor und während des Besuches der rumänischen Deputation in Wien. Dem Berichte entnehmen wir folgendes: Es ist bekannte Tatsache, daß der Besuch unter schwer überbrückbaren Hindernissen zustande kam. Die christlichsoziale Partei ist keine Regierungspartei — denn sie verfügt außerhalb Wiens über keine Majorität, so daß sie hier als regierungsfeindliche, als Oppositionspartei angesehen wird, die nur hier in Wien ein ungewaschenes'Maul hat, draußen aber sozusagen das Maul hält. Denn ihre Wünsche decken sich keineswegs mit den Wünschen der Regierung, mit den Wünschen der Diplomatie. Namentlich der jetzige Rumänenbesuch bereitete der Regierung und der Diplomatie schlaflose Nächte. Beide fürchteten, daß der Besuch dazu benutzt werden wird, um Hetzreden gegen Ungarn und gegen die Juden zu halten, ein Umstand, der sowohl die kaiserlich österreichische Regierung als auch die königlich rumänische Regierung in gleich hohem Maße berührt hätte. Nacht bricht heran, es beginnt sehr unheimlich zu werden. Vor einer Wirtschaft, an der ich nun vorbeikomme, steht ein mit Pferden bespannter Wagen, auf demselben lag ein gebundenes Kalb. Knaben umstehen das Fuhrwerk und haben ihre sichtliche Freude an den schönen Pferden. Die dazutretenden beiden Juden lenken sofort ihre Aufmerksamkeit dein Kalbe zu. Während der eine das Kalb betastet und mit seinem Kennerblick genau besieht, feilscht der andere mit dem Bauer um den Preis. Der Bauer aber, eine große breitschultrige Gestalt, läßt den Juden ruhig reden, macht indessen kräftige Züge an seinem Pfeifentschibuk, bläst starke Rauchwolken aus und lacht. Das Ziel meiner Wanderung nahet, Schenienetzer Häuser kommen zum Vorschein. Niedrige morsche bucklige Hütten, eine von der andern' weit abgerückt. — In Schemenitz sind Baugründe billig. — Weiber sitzen auf den Türschwellen und diskurieren. Kinder trelben sich auf der kleinen steinernen Brücke, die über den ansgetrockneteu Bach führt, herum. Vor einem Ladtii steht ein Mädchen mit frisch gekämmten Haar und weißer Schürze, sie blickt in eine Gasse, rvo andere Mädchen aut und ab spazieren und mit dem Gehilfen des Baders, der vor der Offizin steht, liebäugeln. Lauter Weiber und Kinder die ich hier sehe. Wo sind denn die Männer? „Jisgadal wejiskadasch“, tönt es aus dem Leth-IIaimdraseh heraus. Ja so, dort sind sie — und „amen jche scheme rabu“ erwidert die Gemeinde. Die Weiber erheben sich, zwischen die Hände an die Wand und murmeln leise: „umeu, .jede scheine rabu“ Schemenetz dawint! Und der silberhelle Mond lächelt freundlich auf diese Stadt herab, fast hört man ihn sagen: „Meine heilige jüdische Gemeinde! Bete nur, bete!" Die schwierigste Rolle fiel unserem Plenipotentiär Herrn Lahovary zu. Als Rumäne tvollte er an den Festlichkeiten, die zu Ehren seiner Landsleute veranstaltet wurden, teilnehmen, aber als akkreditierter Botschafter am österreichischen Hofe, wollte er jede Verantwortung von sich wälzen, und deshalb sah er sich in argem Dilemma. Zwar hat er dem Bürgermeister Dr. Lueger ausdrücklich sagen lassen, daß sowohl er, als auch das rumänische diplomatsche Korps nur als Privatpersonen erscheinen, und bloß — inoffiziell — an den Festen teinehmen werden, aber immerhin war es ihm höchst unangenehm, wenn irgend ein mißliebiger Zwischenfall in seiner Gegenwart sich ereignen sollte. Er verlange daher, bevor er sein Erscheinen und das des rumänischen diplomatischen Korps zusage, die bindende Zusicherung seitens des Bürgermeisters Dr. Karl Lueger, daß während der ganzen Dauer des Besuches der rumänischen Deputation weder ein nngarfeindlicher, noch ein antisemitischer Toast gehalten werden wird. Dr. Lueger, der sehr viel Gewicht darauf legte, den Besuch mit einem möglichst großen Nymbus von Glanz und Herrlichkeit zu umgeben, konnte auf das Erscheinen des Fürsten Lahovary nicht verzichten, sah sich daher nolen8 volens genötigt, sich ehrenwörtlich zu verpflichten, dem Wunsche Lahovarys sich zu beugen! Nun waren die Vorverhandlungen zu Ende, und das Programm wurde öffentlich angekündigt. Jetzt berief Lueger die Schar seiner Getreuen zu einer — vertraulichen — Sitzung und erzählte ihnen die gepflogenen Verhandlungen zwischen ihm und Botschafter Lahovary wortgetreu — von Alpha bis Omega. Diese machten vielleicht ein saures Gesicht dazu, aber das Ehrenwort Luegers muß unter allen Umständen gehalten werden, also es bleibt nichts übrig, als sich nach den gegebenen Instruktionen, „Schonzeit für Juden und Ungarn!" wortwörtlich zu halten; und sie versprachen es ebenfalls unter Ehrenwort. Nur eines einzigen Mannes war Lueger nicht völlig sicher und der war — Ernst Schneider! Kennt er ja doch zur Genüge Schneiders Schwächen. Deshalb ordnete Lueger an, daß zwei seiner allergetreuesten, zuverläßlichsten zur Rechten und Linken Schneiders ihre Plätze einnehmen sollen und diese zwei Trabanten sollen ihn (Schneider) nie verlassen, um ihn, falls er an das ausgegebene Losungswort „Schonzeit für Juden und Ungarn" vergessen sollte, quasi durch einen Fußtritt oder Aermel-Zupfen daran zu erinnern. Welch' schwierige Aufgabe den sogenannten „Trabanten" zusiel, das zeigte sich beim Rumänen-Kommers. Hier erhob sich Schneider und begann seinen Toast mit folgenden Worten: „Meine Herren! Als unsere Pa. tei ins Leben trat, war es ihr erstes Prinzip Gerechtigkeit .allen Nationen gegenüber walten zu lassen mit Ausnahme einer einzigen Rasse." Kaum hatte er dieses Wort gesprochen, runzelten die Zuhörer die Stirne, sie fürchteten rot zu werden und wurden deshalb rot, kurz sie waren in großer Verlegenheit. Die Trabanten erwiesen sich als unzuverlässig, denn Schneider schüttelte seine bekannten Phrasen wie ans dem Aerniel. Kaum hatte Schneider das letzte Wort gesprochen, als schon Herr Calincine, der das Präsidium führte, auf den Tisch, wo die Vertreter der Presse fassen, zuging, an die Herren in aller Höflichkeit das Ersuchen richtete, die Rede Schneiders — die bedauerlicherweise gegen alle Erwartung von ihm gehalten wurde — und durch welche er die Veranstalter des Kommerses in eine unangenehme, peinliche Situation gebracht h^t, der Oeffentlichkeit vorzuenthalten — und siehe da die Herren der Presse waren so freundlich seinem Wunsche zu willfahren und äs taoto ist sie in keiner Zeitung ausführlich wiedergegeben worden. Unserer Leute, fügt der Korrespondent des „Adevörul" hinzu, war Fürst Lahovary völlig sicher. Er kennt seine Pappenheimer und wußte, daß jeder von ihnen die Politik bei Seite lassen wird, was auch während der ganzen Dauer ihres Besuches geschah. Für jeden Fall, schließt der Korrespondent seinen Artikel, freut es uns konstatieren zu können, daß unsere Leute ein taktvolles Benehmen nach jeder Richtung an den Tag gelegt haben und daß dieser einzige mißliebige Zwischenfall nicht von einen der Unserigen provoziert wurde. Soviel berichtet uns der rumänisch Korrespondent des „AdevSrul" und wir hätten dem Allem nur noch hiuzuzufügen, daß wieder einmal das Talmudwort sich bewährt, das da lautet: „ückssvhsnsvhrlas Jaiin jutzu Sod", oder wie der Volksmund treffend sagt: „Was bei einem Nüchtern auf der Lunge, ist bei einem Besoffenen auf der Zunge! — Sapisnti sat. Aus der territorialistischen Bewegung. Wien. Die Wiener Territorialisten veranstalteten Mittwoch, den 6. Februar einen Vortragsabend. Herr Jacques Jäger (Schriftsteller, Schriftführer derOesterr.-Ungar. Kolonial- Gesellschaft) sprach über „Auswanderung und Kolonisatio n". Es ist wohl überflüssig, zu erwähnen, daß das zahlreiche Publikum die interessanten Ausführungen des Vortragenden. der zu unseren, erfahrensten Männern auf dem Gebiete des Auswanderungswesens zählt, mit lebhaftem Beifall lohnte. Die Skioptikonbilder von Emigrantengruppen und besonders die von Texas fanden großes Interesse. — Schließlich hielt Herr Dr. Samuel y eine wirkungsvolle Ansprache, die in dem Wunsche ansklang, daß alle Teilnehmer dieses Abends über das traurige Problem der Auswanderung Nachdenken mögen. Sie werden dann sicherlich zur Einsicht kommen, daß jeder, der es mit uns Juden ehrlich meint, daß jede jüdische Bewegung unverzüglich an die Lösung dieser Aufgabe herantreten müsse. Jüdische Wanderungen. Wir berichteten bereits in der letzten Nummer über den unter diesem Titel gehaltenen Vortrag des Präsidenten der „Jüdischen Toynbeehalle" und der „K inderhort e", Herrn Dr. I. Samuely, und lassen nachstehend auszugsweise den Vortrag folgen. Einleitend befaßt sich der Redner mit den ersten Anfängen der jüdischen Emigration. Ahasver ist kein nichtiges Symbol. Seit der Zerstörung Jerusalems war das jüdische Volk immer auf der Wanderschaft. Früher war es meist Land, daß der Jude suchte. Durfte er doch damals noch hoffen in den ihm offenen Ländern sein Brot verdienen zu können. Heute sucht er Land und Brot. Nicht die Pogroms bewirken die Massenemigration. Sie sind nur die traurigsten und gewichtigsten Begleiterscheinungen; statistische Untersuchungen ergeben, daß in N u ß l a n d 43$ der Bevölkerung L u f t p r o l e t a r i a t ist. Nicht minder schrecklich ist die Lage in Galizien. So ist es denn das ökonomische M o m e n t, so ist es die traurige materielle und geistige Lage der Ostjuden, die diese Masienflncht bewirkt In Galizien hat ein Gesetz die Erwerbsmöglichkeit des Juden furchtbar begrenzt: Hausierverbot, Entziehung des Verschleißes voll Monopolartikeln, Tabak, Salz rc. Die Kinder müssen den Eltern im Erwerbe helfen, das Reichsvolksschulgesetz wird in Galizien sehr lax gehandhabt. Viele Kinder lernen die Schule überhaupt nicht kennen. Daher auch der geistige Tiefstand der östlichen Bevölkerung. Aus all diesen drückenden Verhältnissen flieht jeder, der nach Kraft hat zu fliehen. Und alles strebt einem Lande, vornehmlich einer Stadt zu: N e w - A o r k. So schaffen sie dort ein neues Ghetto, erzeugen neues Elend. Sie machen dem einheimischen' Element starke Konkurrenz, sie arbeiten, um nur das Leben fristen zu können, zu den niedrigsten Löhnen. Im Gefolge dieser planlosen Massel,flucht sind die beschränkenden Einwanderungsgesetze Englands („Alien- Bill") und Amerikas entstanden. So sieht sich denn jede Bewegung, die den ehrlichen Willen hat, für die jüdischen Bolksmassen etwas zu tun, vor die Frage gestellt: Wohin mit unseren Emigranten? Die Zionisten haben ihr Programm, an eine Einwanderung in Palästina ist aber hellte nicht zu denken. Der Zionismus ist außerstande, den wanderndelt Juden etwas zu bieten. Der zionistische Gedanke ist ein schöner uub idealer. Der gegenwärtige Moment ist aber zu ernst und zu traurig, um überpoetischen Träumen nachzugeh n. Aber auch in späteren Zeiten wird die Kolonisation Palästinas ein Traum bleiben. Palästina läßt sich der Größe nach z. B. mit Sachsen oder Belgien vergleichen: Sachsen ernährt 5 Millionen Einwohner,