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Nationalzeitung · 1907-02-15 · Heft 10 (15.2.1907) · page 1

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1907
Issue
Heft 10 (15.2.1907)
Date
1907-02-15
Page
– (sequence 1)
Language
German
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MtmchmNz Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. * «edalrtion: IX/I, Wsssgasse 81. 1 *elet>boti Nr. 14723. Eprechstniideu: «In Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzeitung". Wie» IX/I. Beschwerde» weg'» verspäteter oder gar nicht ers-lgtir Zustellung erbttten wir u»s dringend. — Mannst» ipte »»erden nicht znrHikgestrUt. Boltfparkassenkouto 47037. Ta« Abonnement kann täglich beginnen. Erscheint jeden Dienstag und Freitag. Kigkiltllitt kiuerSsjiltilt. - HerausuM iiitü MtiMeur: Sofoö ffrausz. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberg, M. Du!eS Nachfolger, Haasensteln * Vogler. Rudolf Masse, M. Pozionhi. A. Schale! iu Wien, ferner »Ile Annoncenexpeditionen im A»Ua»de. Einzelnummer in Wien 15 Heller. i 1 Administration: I Telephon 9 Abonnementspretsr Hiir Wie» ». Oesterreich- Ungarn s. FraiikoMellungr Gaiizjährlich. . . . K 12.- Halbjsährltch . „ st — Bieneljährllch . . . „ 3.— ftiiv d. gesamte Ausland r ^Gaiizjäbrltch . . . K 15.1» X/l, Wafagasse 81. fr. 14788. Preis der Anzeige», Die Kmal gespalt. Nonpareillezette oder deren Raum 12 h. „Eiugefendet" die Slvaltlg- Nonparetllezeile 60 n. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Aenchleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wim, I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, 1., Jakoberg. 7. Ar. 10* Wien, Freitag den 15* Februar 1907 (24* Sev»it 5667). IX. Jahrgang. „Die Judenschutztrnppe". Die bevorstehenden Reichsratswahleu stellen die österreichische Jndenschaft vor die Frage: welcher Partei können wir uns anschließen? Naturgemäß n>äre es die sozialdemokratische Partei. Nicht nur weil sie das radikalste, freisinnigste Progrannn vertritt, sondern auch weil sie ja von gegnerischer Seite nur die „Jnd e nf ch u tz t r n p p e" genannt wird. — Eine vernünftige jüdische Politik kann heute natürlich nur eine s e l b st ä » d i g e sein und wenn noch irgendeinem naiven Politiker der Gedanke eilies Zusammengehens mit den Sozialdemokraten plausibel erscheint, so sind die jüngsten Norsülle die neue Bestätigung einer alten Wahrheit: Der Antisemitismus ist bei seinen geaichten Vertretern nicht besser aufgehoben wie bei den Sozialdemokraten; im G runde genommen besteht kein Unterschied zwischen der „Jndenschutztrnppe" und der Inden besch mn tztrnppe .... Die sozialdemokratische Parteileitung hat ihre Kandidaten für die bevorstehende Neichsratswahl bereits nominiert. Den Außenstehenden mag die Ruhe und Einigkeit, die die jüngsten Beratungen der Pmteiexekutive auszeichnete, sehr imponiert haben und erst der vorwöchentliche Brief des Brunner „R o v n o st" a» Doktor Viktor Adle r mag in ihnen einige Bedenken erregen. Nun, daß die nationalen Gruppen der internationalen Sozialdemokratie, was Chauvinismus betrifft, es mit jedem Magyaren auf- Feuilleton* Auf dem Wege nach Lchemcnetz. Skizze von Schalom Asch! Aus dem Jargon übertragen durch N. Chameides. (Schluß). Ich beginne mich heimischer zu fühlen, fand ich doch einen Glaubensgenossen in christlicher Behausung: Schalom allechem Vetter! Allechem Schälora a Jüd! Sind gewiß gekommen, Gerste kaufen? O nein, ich bin bloß auf der Durchreise. Wohin? Nach Schemenetz! Sv, nach Schemenetz, ich bin ja selbst ein Schenzenetzer! Ich wurde es auch so gewußt haben, denn in den schweren Falten seines alten Gesichtes war ja Schemenetz geradezu eingeprägt. Jede russische Judengemeinbe hat schon ihren Stempel, der den Einwohnern anhastet. Was macht Ihr da? frage ill>. um nur den Faden des Gespräches weiter',uspinuen. Ihr seht doch! war seine Alltwort. Ist denn daheim keine Arbeit zu finden? Neue Moden, seufzte der Alte. Ein Kerl von aller Teufelsgrgend daher gelaufen, mit ei nein achtkantigen Barett auf dem Kopfe — ein Warschauer Schneider gibt er vor zu sein —, ihm laufen die Kunden zu und ich muß ans meine alten Tage auf den Dörfern herumziehen oder, wie man sagt, herumnähen. nehmen können, ist dem psychologischen Beobachter nicht mehr neu. Und dennoch hat Herr D a s z i n s k y gegen eine j ü d i s ch n attonale Gruppe so entschieden Front gemacht. Es wäre irrig, anznnehinen, daß es Gründe taktischer Natur sind, die ihn dazu veranlaßtcn. Es gibt in der vsterr. Sozialdemokratie genug „Einsichtsvolle", die sich der antisemitischen Strömung in den breiten Schichten ihrer Anhänger wohl bewußt sind. Die jüngsten Ereignisse sind ein sprechender Beleg für diese Tatsache. Die Wähler eines Mariahilfer Wahlkreises hatten Herrn Viktor Stein die Kandidatur angetragen. Herr Viktor Stein zählt zu den tüchtigsten Arbeitern der sozialdemokratischen Sache, ist ein unermüdlicher Propagator und guter Redner, der sich um die Wiener Organisation große Verdienste erworben hat. Er befragte Dr.' Viktor Adler, ob er seine (des S t e i n) Kandidatur in diesem Bezirke für geeignet halte. Herr Dr. Adler verneinte dies entschieden, ebenso Herr Ferdinand S k a r e t. die als einzigen Grund für ihre Ansicht nur einen Fehler des Herrn Viktor Stein hervorhoben: e r i st I u d e. Aus diesem Grunde entschied auch der engere Parteivorstand gegen eine Kandidatur des Herrn Viktor Stein. Herr Karl Pick, der Obmann des Handlungsgehilsenverbandes ist ein in allen Kreisen der Partei geschätztes Mitglied, dessen Verdienst es ist, daß der größte Teil der Er macht neue Moden, ich aber nähe so, wie ich es bei meinem Vater gelernt habe; und auch so, wie mein Vaters Vater diesen gelernt hat. Ueberkünste faim ich nicht) Aber, ich komme jeden Freitag zu nreinem Weibe nach Hanse. Bah. überall Gottes Welt und seine Geschöpfe! Nach einigem Nachdenken setzt er fort: Wer sollte denn sonst Gott danken für seine große Gnade den Menschen erschaffen zu haben, wenn nicht ein Jude, der sich einm'.l just hieher verirrt hat? . . . Draußen ist es inzwischen immer Heller und Heller geworden, die Sonne scheint wieder mit voller Kraft durchs Fenster in die Bauernhütte hinein. Ist es noch weit nach Schemenetz? frage ich. Ungefähr drei Werst, der Weg führt geradeaus dorthin, wurde mir Bescheid. Ich dankte der Wirtin für mir gebotene Gastfreundschaft, nahm Abschied von dem alten jüdischen Schneider, der, mir nachblickend, schwerlnütig hinausstoß: „Hellte erst Montag" und befand mich bald wieder auf der Heeresstraße, um meinen Weg nach Schemenetz fortzusetzen. — Der Himmel prangte in seinem hellen Blau, die Wolken zogen sich hinter die Berge zurück und ein siebenfarbiger Regenbogen spannte sich über den Horizont, „Gott ist barmherzig" will dies sagen. Die Sonne trocknet die Erde mit Lichtstrahlen der Liebe, lvie eine Mutter die Tränen von den Wangen ihres Kindes wegküßt. Auch mein Ge»uüt ist wieder heller und nlunterer, die Schritte leichter mib mutiger, ich lustwandle in Gottes schöner, freier Natur. Und der Tag Handlungsgehilfen heute sozialdemokratisch organisiert ist. Ihm war eine Kandidatur für den II. Leopold st ädter Wahlkreis angetragen, die aber laut Koiiferenzbeschiuß Herrn Emmerling übertragen wurde, der zwar an Fähigkeit und Befähigung für ein Mandat Herrn Karl P i ck nachsteht jedoch das eine voraus hat: ein Nichtjnde zu sein. Diese Vorfälle bilden jetzt das Tagesgespräch in engeren Parteikceifen, deren jüdische Mitglieder dem offenkundigen Antisemiten Franz S ch n h m e i e r schon lange nicht mehr die Hand reichen. Herr S ch u h m e i e r hat sich auch jüngst energisch dagegen verwahrt, daß iu seinem Wahlkreise jüdi sch e Vertrauensm ä n n e r fungieren sollten. Das Orgari des Herrn S ch u h m e i e r, die „Volkst r i b ü n e" steht an rüdem Antisemitismus dem „Deutschen V o l k s b l a t t e" nicht im geringsten nach. Und es ist ein Beweis non der hohen Auffassung, die den Juden iu der sozialdemokratischen Partei eigen ist, daß über diese Vorfälle bis nun nichts Näheres in die Oeffentlichkeit drang. Unser Gewährsmann meint, daß sich „sein jüdisches Gefühl empört habe", und daß ein großer Teil jüdischer organisierter Sozialdemokraten mit ihm empört sei. Es wäre ja zwecklos, an die Erörterung solcher Vorfälle Belehrungen zu knüpfen und immer wieder zu betonen, daß es für den Inden nur eine Partei geben könne: seine eigene. Die Partei rüstet zur Neige, die Sonne steht im Westen und wirft große, farbenreiche Strahlen zur Erde. Sie hat ihr Tagewerk vollbracht, ohne Erschöpfung, ohne Verbitterung grüßt sie die Welt, grüßt sie alles was da lebt und webt: Adie, adie, morgen w'eder! Hinter einem Vorhang gleichsam blickt der Mond hervor, er tritt seinen Dienst für die Nachtwache an. Die ihm umhüllenden Nebelschleier schwinden und das silberhelle Josuaantlitz wird sichtbar, matten Abendschein spendend. Mein Weg führt in einen kleinen Wald hinein. Durch denselben schreitend, habe ich den stillen Mond zum Begleiter. Aus der Ferne dringen klangvolle Töne an mein Ohr, und bald sehe ich einen kraftstrotzenden Bauernburschen, immer frohgemut aus voller Brust singend, vorbeischreiten, um ebenso rasch in einer Biegung meinrn Blicken zu entschwinden. Seine Stimme verhallt immer mehr und mehr. Am Waldesrande angelangt, ruhe ich eine Weile aus. Die weite Ebene überblickend, gewahre ich eine Rinderherde von der Weide heimwärts ziehen. Eine der schönsten Kühe trug eine Glocke um den Hals und bimmelte; ein zottiger, verwahrloster Hund ging, träg den Kopf hängend, nebenher, und rückwärts einen Zweig in der Hand tragend, schreitet eine dralle Bauernmagd, die Sennerin der Herde. Auch dieses Bild zog vorüber und ein anderes trat in die Erscheinung. — Zwei Juden gehen des Weges, ein jeder mit einem Bündel auf dem gekrümmten Rücken und einem großen Stock in der Hand. Die

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