Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 9 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nationalzeitung Nr. 9 Italien haben dies längst erkannt, und sind eifrigst bemüht, den Absatzmarkt dort zu erobern. Argentinien umfaßt zufolge seiner räumlichen Ansdehnung Landstriche aller klimatischen Abstufungen. Für die deutsche Auswanderung kämen in Betracht die mittleren und südlichen Gebiete zwischen den 38. bis 50. Breitegrad. So verschiedenartig wie das Klima ist auch die Bodengestaltunz. Ackerland, Weideland, Wasser, Wald sind an den Süd- und Ostabhängen der Cordilleren in reichem Maße vorhanden. Die Pampa (-Fläche oder Flachland) nimmt den größten Teil des Landes ein und umfaßt in ihrem südlichen Teile Padagonien. Sie ist mit einem wunderbar fruchtbareil Allnvialboden bedeckt. Noch vor 30 Jahren galt die Pampa für völlig ungeeignet, auch nur einen Sack Getreide hervörzubringen, und, heute ist Argentinien dank seinen vorzüglichen Wasserverhältnissen die ohne große Mühen und Kosten eine künstliche Bewässerung ermöglichten, das erste Getreideland der Welt. C>e nach dem Klima und der natürlichen Gestaltung des Landes richtet sich in dessen einzelnen Teilen die wirtschaftliche Ausnutzung. Ueberall aber ist Viehzucht vorhanden und das beste. Biehzuchtland sind die Pampa und Patagonien. In den letzten Jahren hat Argentinien den Schwerpunkt seiner wirtschaftlichen Tätigkeit verschoben und ist aus einem Viehzuchtland zum Ackerbauland geworden, was kulturell einen Fortschritt bedeutet. Im Jahre 1891 gab es drei Mill. Hektar angebauter Fläche, 1905 aber schon 13. Davon entfielen 1901 eine, 1905 aber schon fünf Mill. Hektar auf den Anbau von Weizen. Bald wird Argentinien das größte und beste Weizenland der ganzen Welt sein. Der nördliche Teil Argentiniens ist für Plantagenbau geeignet, der mittlere und südliche Teil sind das beste Feld für den europäischen Ansiedler. Die Verkehrsverhältnisse haben in letzter Zeit großen Aufschwung genommen. Aber alle Eisenbahnen gehören englischen Gesellschaften, ausgenommen eine einzige, die französischen Ursprungs ist. Die argentinische Einwanderungsbehörde. Die Einwan verungsbehörde in Bueiios- Aires ist ein staatliches Institut. Mit demselben ist zugleich das Einwanderunqshotel und das nationale Arbeitsnachweisbureau verbunden. Diejenigen Personen, die sich bei der Landung als Einwanderer bezeichnen, haben nach den Bestimmungen der argentinischen Einwanderungsgesetze eine Menge von Vergünstigungen zu beanspruchen. Zur Erlangung derselben ist es jedoch erforderlich, daß die Pässe oder sonstigen Legitimationspapiere der Einwanderer von der auf dem Dampfer in Buenos-Aires kommenden Besichtigungskommission durchgesehen und abgestempelt werden. Nachdem dieses geschehen ist, wird der Einwanderer, ob ledig oder verheiratet, mit oder ohne Familie usw. mit seinem sämtlichen Gepäck frei in das Einwandererhotel befördert, wo ihm für die Dauer von fünf Tagen freies Logis, freie Beköstigung, und falls er krank werden sollte, auch freie ärztliche Behandlung auf Staatskosten gewährt wird. Durch das Arbeitsnachweisbureau der Regierung wird jedem Einwanderer kostenlos Arbeit besorgt. Endlich wird der Einwanderer, entweder allein oder mit seiner Familie und seinem sämtlichen Gepäck frei an den Ort befördert, wo er entweder Arbeit gefunden hat, oder wo er sich aus eigener Initiative niederzulassen beschlossen hat. Die Entfernung kommt bei dieser Beförderung gar nicht in Betracht. Die Beförderung geschieht aber immer unter Leitung von Angestellten des Einwanderungsamtes. Es ist das ein Entgegenkommen der argentinischen Regierung, wie es kein Land sonst einem Einwanderer bietet. Aus dem letzten Jahresbericht des amerikanischen Generaleinwanderungs- Kommissärs. Laut dem Jahresbericht des Generaleinwanderungs - Komissärs Frank P. Sargent. brachte das am 30. Juni 1906 beendete Fiskaljahr einen Rekord in der Einwanderung. Während dieser Zeit vermehrte sich die Bevölkerung der Vereinigten Staaten durch Zulassung von 1,100.735 Einwanderern außer 65,618 Nichteinwanderern, die in den Häfen ankamen, was im ganzen 1,166 353 Zulassungen ausmacht. Der Ueberschuß über den Rekord des letzten Jahres von 1,059.755 (1,026.499 Einwanderer plus 33.256 Durchreisende) betrug 106,598. Während des Fiskaljahres 1905 wurden 11.480 Einwanderer zurückgewiesen, und während des letzten Jahres 12,432. Unter den Einwanderern, das sind diejenigen, die sich in den Vereinigten Staaten niederlassen wollen, waren 764.463 männliche und 336.272 weibliche. „Ohne Ausnahme" sagt der Bericht, „haben uns in diesem Jahre diejenigen Länder, von denen wir früher den größten Teil unserer ausländischen Bevölkerung erhielten, und die von Rassen bewohnt sind, die der unsrigen nahe verwandt sind, mit einer viel kleineren Anzahl versehen, als im Jahre 1905, und zwar Irland 17,950, England 15.218, Schweden 3,281, Deutschland 3.010, Dänemark 1.229 und Schottland 1111 weniger als i. I. 1905. Andererseits sind die 4 bedeutendsten Zunahmen; Italien mit 51.641 Rußland mit 30.768, Griechenland mit 8974 und die Türkei, (europäische und asiatische) mit 5165." Die Einwanderung von Oesterreich-Ungarn betrug 265.138. Von Italien einschließlich Sardinien und Sicilien 273.120, von Rußland und Finnland 215.665, von China 1544, von Japan 13.835 und von Westindien 13.656. Die Nord-Atlantischen und die nördlichen Mittel st aaten erhielten 90 % der gesamten Einwanderung von 1906, die Südstaaten 4$. Wie in den früheren Jahreu, so ging auch diesmal der Hauptstrom der Einwanderung nach einigen der größten Bevölkerungszentren: 374.708 nach dem Staate New-Jork, 198.681 nach Pennsilvania (Philadelphia, Pittsburg), 86.539 nach Illinois, (Chicago), und 73.863 nach Massasuchetts, (Boston). _ Aus der trrritoriatistischen Sewegrmg. Wien. Die s oz i al i sti sche Gruppe der Wiener Territorialisten veranstalten jeden Samstag Diskussionsabende, zu denen jeweilig Einladungen ergehen. Auf dem ersten Abende referierte Herr M. Schmidt über: „Die jüdische Emigration und der Territorialismus". In seiner gewohnten Sachlichkeit entwarf der Redner ein geschichtliches Bild der Emigrationsbewegung, deren immer stärkeres Anwachsen auf ökonomische Ursachen zurückzuführen sei. Allerdings haben die Pogroms eine erhebliche Vermehrung der emigrierenden Massen verursacht, doch bleibt die faktische Unmöglichkeit, bei den heutigen wirtschaftlichen Verhältnissen in den Ländern des Golus eine Existenz zu finden, die auptursache. In richtiger Erkenntnis, daß die egelung der Emigration heute die wichtigste Serie der Judenfrage sei. hat die „Jto" ihr Augenmerk darauf gerichtet. An der angeregten Diskussion beteiligten sich die Herren Doktor Kadisch, N e b e n z a h l, A. Schmidt, Max S ch a ch e r l, E l l n e r, Schreiber. Samstag den 2. d. M. sprach Herr Dr. Hermann K a d i s ch über: „Die sozialen S t r ö m u n g e n im jüdischen Prolet a r i a t".' Dieser Bortrag war eine gehaltvolle und treffende Kritik des Marxismus, dessen Programm, nach Ansicht des Redners, nimmermehr das einer jüdischsozialistischen Partei werden könne. Nur der „Freie Sozialism u s" gewährt die unumschränkte Betätigung jener Bestrebungen, die dem jüdischen Proletariat heute als die vitalsten erscheinen. Dr. Kadi sch fand für seine temperamentvollen Ausführungen lebhaften Beifall, und die lange Diskussion war ein Beweis des starken Interesses aller Teilnehmer. An der interessanten Debatte beteiligten sich vornehmlich die Herren Hans Felsenburg, M. Schmidt, A. Schmidt, Frankel, Stern (Zionist) und Max S ch a ch e r l. Samstag den 9. d. M. findet um 8 Uhr abends — wieder im „Kaffee Z e n t r a l", II., T a b o r st r a ß e — ein Vortrag des Herrn A. Schmidt, über: „Die Bildung und Lage des jüdischen Proletariats in Rußland und der Territorialismus". M-ische Wanderungen. Unter diesem Titel hielt der Präsident der „Jüdischen Toynbeehalleu", Herr Dr. S a m ue l y, Samstag, den 2. d. in der „Jüdischen Toynbeehalle und Bildungsheim" (XV., Herklotzgasse 23) vor einem zahlreichen Publikum einen interessanten und gehaltvollen Vortrag. Wir können des beschränkten Raumes wegen heute nur eine kurze Skizzierung des Inhaltes geben, behalten uns aber vor, auf diesen Vortrag noch znrückzukommen. Einleitend entwarf der Redner ein geschichtliches Bild der Emigrationsbewegungen. Das jüdische Volk ist seit der Zerstörung Jerusalems immer auf der Wanderung; Ahasver ist kein nichtiges Syckbol. Während es aber früher meist Land suchte, sncht es heute Land und Brot. Denn früher durfte der Jude noch hoffen, in den ihm offenstehenden Ländern Erwerb zu finden. Die kolossale Massenflucht, die die Einwanderung beschränkenden Gesetze, machen ihm dies heute unmöglich. Die Hauptursächen der Emigration sind ökonomischer Natur. Die Pogroms haben allerdings die Zahl der Emigranten kollossal gesteigert. Die brennendste Frage ist also heute: Wohin mit unseren fliehenden Stammesgenossen? — Hier behandelte Herr Dr. S a m u e l y sachlich und treffend die Bestrebungen des Zionismus. Der zionistische Gedanke sei schön und edel, aber heute sprechen reale Umstände mit. Der Zionismus kann die ökonomische Lösung der Judenfrage nicht bringen. P a - l ä st i n a ist heute für die Emigration ungeeignet, die Arbeitslöhne sind erschreckend minimale. Der politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse wegen ist es auch kein Zukunftsland. Schließlich erwähnt Redner der Emigrationsfürsorge seitens des Territorialismus, dessen Programm ein gutes ist, und dessen realisierbare Ziele ein jeder, der sich Jude fühlt, durch tätige Mithilfe fördern müsse. — Herr Dr. S a m u e l y fand für seine glänzenden Ausführungen stürmischen Applaus. Eine Ungerechtigkeit bei der Uothschild-Trannng. Fast sämtliche Wiener Tagesblätter habe» über die am 6. d. M. im Josefstädter Tempel stattgehabte Vermählungsfeier des Honorable Charles Rothschild mit Fräulein Roszika vo« Wertheimstein, ausführlich berichtet. Anstatt uns den wörtlichen Abdruck eines solchen Berichtes aus einem Tagblatte zu leisten, erachten wir es als unsere Pflicht, auf eine Ungerechtigkeit hinzuweisen, welche aus diesem Anlässe dem gesamten Personale des Josefstädter Tempels widerfahren ist. In den Kreisen der jüdischen Bevölkerung Wiens, welcher die hervorragenden Leistungen des Rabbiners Dr. Moritz Bauer, sowie des einen Weltruf genießenden Oberkantors S. Kwartin und seines tüchtig geschulten Chors bekannt sind, hat es peinliches Aufsehen erregt, daß die Trauung Rothschild-Wertheimstein im Josefstädter Tempel mit Umgehung des gesamten Beamte »Person als dieser Synagoge durchgeführt wurde. Es soll hier ohne weiteres zugegeben werden, daß den Kultusvorstand für diese'Ehrenkränkung eines auf der Höhe seiner Aufgabe stehenden Beamtenpersonals keine Schuld trifft, da er sich dem Herrn Oberrabiner und dem Herrn Oberkantor Singer gegenüber infolge eines älteren, durch die Entwicklung der Stadt und der jüdischen Genieinde Wien längst zum Anachronismus gewordenen Vertrages in einer rechtlichen Zwangslage befindet. Es soll auch nicht verschwiegen werden, daß der Vorstand des Josefstädter Tempelvereines wohl etwas mehr Nackenstreife hätte bekunden können, und sich nicht hätte ausschließlich von den Rücksichten auf die sich bietenden materiellen Vorteile des allerdings stark verschuldeten Tempelvereines leiten lassen sollen. Es soll auch konstatiert werden, daß Herr Oberrabbiner Dr. Güdeinann seinem jüngeren Amtskollegen Herrn Dr. Bauer gegenüber wenigstens jene minimalste Rücksicht walten ließ, daß er ihn während der Trauungsfunktion nicht ganz von jener Stelle verdrängte, auf welcher seine Ehrwürden Herr Dr. Bauer unter den schwierigsten Verhältnissen mit voller Hingabe Waschbar! Wasservicht! Geruchlos! Reform-Scbwei&Mätter W