Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 9 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 9 Nationalzeitung Seite 3 der Feldherr anders handelt, dann wird die Notbrücke seinem Heere zur Beresina werden! Mit solcher Bilanzverschleierung wird Herr Dr. A. zwar das Zentrum unserer Stellung nicht erschüttern, aber er fühlt sich trotzdem ganz als Sanlernngsrat. Und seine Mittel? „Die einzige realpolitische Bewegung, die genau so, wie es Zangwill fordert, schon heute an der Arbeit ist, um die Vorstellung für moigen" zu schassen, ist der Zionismus. --Neu lebt die gesunde zionistische Arbeit in Palästina." Gemeint ist das heute beliebte Schlagwort, daß der Zionismus Palästina vor der öffentlich' rechtlichen Sicherung erst wirtschaftlich erobern müsse, und zwar sollen die Natioiialsondsininjanim und Stanniolsammlungen das im Wettbewerb mit den interessierten Groß- und Geldmächten schaffen. Braucht man die ungeheure Lücherkeit dieses Rezeptes erst noch zu beleuchten? Was man einst von den tiach Napoleon wieder zur Herrschaft gelangten Bourbonen sagte, das gilt auch von dem in der zionistischen Organisation nach Herzl wieder zur Herr'ch.'ft gelangten Chowewe Zionismus: Nichts vergessen und nichts hinzugelernt. Mit all der B t l u - Begeisterung hat er seit d e n V erfolg u n g e n von 1881/82 wenige Taufe n'd Ansiedler hinübergeschafft. Die neuen Pogrome in unseren Tagen haben ihn ebenso unvorbereitet getroffen, wie vor 25 Jahren, und dennoch wagte er es, seine dürftigen Spielereien und Kartenhäuser, die der Haucheiner interessierten Macht umblasen kann, wiederum a l s d i e „Vorsehung f ü r m o r g e ii" z u empfehlen h Aber selbst wenn ein ausreichender Erfolg dieser Infiltrationsmethode denkbar wäre: Hat Herzl für diese Herren denn ganz u m s o n st gelebt? Sollen die Opfer der Pogrome dem rnss scheu Grabe entgangen sein, um als Weizeniörner zwischen die Mühlsteine der gegenseitigen Eifersucht der interessierlen Gioßmächte geworfen zu werden? Auf diese Bestrebungen des heutigen Zionismus paßt, was vor sieben Jahren Maximilian Harden enmal über die deutsche Chinapolitik gesagt hat: „Wir sind mit der unvorsichtigen Eimalt eines Kindes, das ins Innere eines Dampft» ssels kriecht, in die Sache hineingeklettert und haben uns noch der behaglichen Wärme des neuen Rnheplätzchens gerühmt." So müssen denn alle Posten, die Herr Auerbach auf die Debelseite der „Jto" geschrieben hat, in Wirklichkeit als Aktiva gebucht werden. Sollen wir uns nun revanchieren und der zionistischen Parteiherrschaft ebenfalls die Mühe ihrer Inventur abnehmen? Nein. Wir haben Besseres zu tun. Ueberdies zeigen sich auch in ihrem eigenen Lager Spuren einer erfreulichen Selbsterkenntnis. So hält Herr N. Sokolvw in Nr. 2 der „Welt" seinen Fraktionsgenossen folgenden Spiegel vor: „Haben die Millionen Juden im Osten deshalb gelitten, damit irgendwelcheFetzenvonzweifelhaften, m i n i rn a l e n und veralteten H i l f s in e t h o d e n für sie — übereilt n n d sprunghaft — reno m m i st i s ch als ergiebiges Fressen für E i n' t a g s r e p o r t e r a u s g e b e u t e t werden?" Was sagt Herr Dr. Auerbach zu dieser Kennzeichnung der heutigen „praktischen" Zionisten?- — — — Ich habe mir einen Scherz erlaubt. Herr Sokvlow meint mit diesen Worten gar nicht seine Gesiiinniigsgenossen. Wirklich und wahrhaftig nicht! Sonder» er will Zangwill und die „Jto" damit tr.ffe». Spottet ihrer selbst und weiß nicht wie! — Herr So ko low hat aber noch mehr auf dem Herzen. Nur ist es recht niiergiucklich sich mit seinen Elaboraten zu beschäftigen Tr. Auerbachs Ausiührungeu müssen bekäivpft werden, weil sie falsch und schädlich sind. Aber immerhin zeigt sich in ihnen das Bestreben, in der Form europäisch zu bleiben. Seine künstlichen Flvretfinten können sogar ein ästhetisches Vergnügen gewähre», wie es uns ja schon als Sekundanern eine gewisse Freude bereitet hat, wen» der mathematische Lehrer uns „bewies", daß 2X2 — 5 ist. — Herr Sokvlow kämpft nicht ans dem Floret, sonder» mit der Nagaika. Es ist erstaunlich und betrübend, mit welcher Schuelligkeit die „Welt", die bisher wenigstens ans eine gewisse Vornehmheit in der Form nicht verzichten', in den wenigen Wochen seiner Leitui'ig den Titel eines jüdischen Arizona Kickers der „Rundschau" streitig zu machen bemüht war. Wenn man Sokolows letzte Leistungen in der „Welt" liest, so merkt man seinem Stile deutlich an, daß er ihn fleißig durch das Studium Nordaus geübt hat. Aber eine Nordausche Sprache ohne die Grazie, ohne die Echtheit Nordauschen Temperaments, ohne den überragenden Eindruck einer im Eigenen wurzelnden Persönlichkeit ist unerträglich. Gewiß! Aach Nordau räuspert und spuckt bisweilen beim Reden und das ist leicht nachzuahmen. Wir müssen uns trotzdem mit Herrn Sokolows Emanationen beichäftigeri. Pflichterfüllung ist nicht immer vergnüglich. In seinem Angriff auf das Berliner „Studien konntee für Ansiedelungen" leistet Herr Sokolow sich auch folgende versteckte Verdächtigung der dentichen „Jto"-Funktionäre: „Wir glaubten, Anhaltspunkte dafür zu haben, daß dieses Stndienlomitee in intimer Fühlung mit einer Gruppe stand, die sich damals das nach ihrer Meinung harmlose Vergnügen leistete, die jüdische und allgemeine Presse mit allerhand aufgebaujchten Nachrichten über ungeheure Erfolge der „Jto" und nebenbei mit offenen oder versteckten Antiziouismen zu füttern." Hierauf ist zu erwidern: Wir haben keinen Anlaß, hier in dem Streit über den Wert des „Studienkomitees" sachlich Stellung zu nehmen; das gehört nicht hierher. Aber es ist eine f r e i e E r f i n d u n g, daß d i e „I t o" irgendwann und irgendwo Fühlung mit dem „Studienkomitee" gehabt hat. Es i st ferner eine freie Erfindung, daß jemals Anhaltspunkte b e st a n d e n haben, die dieser Vermutung einen Schein von Berechtigung hätten geben können. Frei erfunden ist ferner die Behauptung, daß die Berliner Funktion ä r e d e r „I t o" d i e j ü d i s ch e u n d allgemeine Presse mit allerhand aufgebauschten Nachrichten ü b e r d i e E r f o l g e d e r „I t o" und mit offenen öder ver st eckten A n t i z i o n i s m e i! versehen habe. Wahr ist dagegen, daß in der Presse nur die offiziellen Hinweise aus die bevor st ehe n de Londoner Konferenz und die offiziellen Berichte von der Konferenz e r s ch i e n e n s i n d. Außerdem ist nur noch im „Berliner Tageblatt" ein informal orischer Aufsatz vom Schreiber dieses erschienen, dessen sachlich vorsichtige und daher überzeugende Haltung Herrn Sokvlow und seinen Freunden, wie ich gern glaube, unangenehm gewesen sein mag, dem aber nur mißgünstige Gegner Sensationsmacherei und Aufbauschung nachsagen werden. Damit wären wir eigentlich mit Herrn Sokolow fertig. Eine Wendung von ihm müssen wir aber noch beleuchten, weil sie auf den ganzen Mann und die ganze Richtung ein blitzartiges Licht wirft: „Der Zionismus ist der Inbegriff des Jüdisch-Unmittelbaren. Er ist die Synthese jahrtausendelanger Erfahrungen, d a s A u f g e b e n des Goluth - Optini i s in n s."*) Hier zeigt sich klar, was die Zione-Zionisten stets leugnen, daß sie mit ihren Anschauungen in einem vollendeten Gegensatz zu Herzl stehen. Hier ist Zangwill nur der Sack, auf den man schlägt, und Herzl der Esel, den sie meinen. Herzl, der mit seinem hinreißenden Optimismus den Zionismus aus dem Urbrei unfruchtbarer Konventikel geschaffen, der die Flamme der Begeisterung in Hunderttausend»!! entzündet hat, er ist der letzte Ausläufer des absterbenden Goluth-Optimismus vor Erscheinen des „Inbegriffs des Jüdisch-Unmittelbaren, der Synthese jahrtausendelanger Erfahrungen": des Herrn Svkolow! — Auch Alexander war ein Optimist, auch er starb jung und hat nicht alles erreicht. Und Napoleon! Ist es diesem unverbesserlichen Optimisten, der noch auf St. Helena die Geographie Indiens studierte, etwa gelungen, England auf dem Wege übcr Rußland in Indien zu treffen? —' Herzls Diadochen verzichtete» auf den unverständigen Optimismus. Sie haben sein Reich in kleine Königreiche zerschnitten und untereinander verteilt, der eine die Statistik, der andere die Kunst, ein dritter die Sprache, ein vierter die Organisationstechnik, ein fünfter die Baumwolle u. s. w. *) Von mir gesperrt gedruckt. und da regieren sie brav ohne begehrliche Blicke auf Nachbargebiete. Diadochenweisheit! Wir, die wir angeblich das Palästinaideal aufgegeben haben, wir sind die wahren Erben des Herzlscheu Optimismus! „Wer an Wunder glaubt, vollbringt sie", sagt Ernst Moritz '/Irndt. — Wie das Reformjudentnm sich ein „geistiges Zion" znrechtgelegt bat, um den Verzicht auf das wirkliche zu begründen, so schwimmen auch die Kulturzionisten bereits mitten in einer Theorie, die aus der Not der ihnen in nebelhafte Ferne entschwindenden Zionshoffuuug eine Tugend macht. Wir aber hoffen auf Zion und glauben, daß manche von u s den Beginn der Erfüllung noch sehen werden. Die Jnteressenkämpfe der Mächte werden in nicht ferner Zeit, vielleicht in einem halben, vielleicht in zwei Menschenaltern, zu einer Abgrenzung und Klärung der Machtverhältnisse führen, und mit der sich hieraus ergebenden Regelung der Vorderasiatischen Frage wird auch die Frage des jüdischen Palästina ihre Lösung finden. Freilich, wenn die jetzt im Zionismus herrschende Partei fortfahren sollte, in der bisherigen Weise das von Herzl angesammelte Kapital von Ansehen und Macht zu vergeuden, dann wird sie den Zionismus einer bedeutungslosen Winkelbewegnng herabdrücken, über deren Kopf hinweg die Großmächte, wenn die Zeit gekommen ist, gemeinsam mit den jüdischen Männern der Tat das jüdische Palästina gründen werden. Dieser unser Optimismus hindert uns aber nicht, an der „Vorsehung für morgen" zu arbeiten, und zum Schluß s e i e s allen Todes erklärern des Territorialismus gesagt: Das I t o l a n d i st nicht a u f g e g e b e n, es wird kommen, und in nicht ferner Zeit! Todeserklärungen haben m a n ch m a l kurze Beine. Dr. Emil S i m o n s o n. Äuswanderungsangelegenhriten. Argentinien als Ziel europäischer Auswanderung. Der bekannte Forichungsreisende Dr. Wilhelm V a l l e n t i n hielt am 23. Jänner im Deutsch-Brasilianischen Verein in Berlin einen Vortrag über die Bedeutung Argentiniens für die deutsche Auswanderung. Dr. Vallentin ist einer der besten Kenner Argentiniens, wie überhaupt Südamerikas, und seine Ausführungen dürften wohl auch für diejenigen Kreise von Interesse sein, die sich mit deni Problem der jüdischen Auswanderung befassen. zumal in Argentinien sich bekanntlich eine große Anzahl blühender jüdischer Kolonien der Jewish Colonization Association befinden. Wir entnehmen den überaus interessanten, lehrreichen Ausführungen das Folgende: Argentinien ist das zweitgrößte, aber in vieler Hinsicht das wichtigste Staatswesen Südamerikas. Als Dr. Vallentin Argentinien kennen lernte war er überrascht durch das, was er dort vorfand. Ueberall herrscht der Großbetrieb, die Massenproduktion; das gilt für Viehzucht und Ackerbau, auch für Handel, Gewerbe und Industrie. Nur durch verkehrte, oberflächliche Berichte vom Hörensagen entstehen die falschen Vorstellungen von Argentinien. Das Land ist ungefähr 5% mal so groß wie Deutschland. Es umfaßt 3 Mill. Geviertkilometer mit nur 5 Va Mlll. Einwohnern. Von diesen entfällt 1 Mill. auf Buenos-Aires, eine weitere Million auf die übrigen Städte des Landes, so daß nur 3*/* Mill. auf das Land entfallen. Und diese 3*/a Mill. tatiüchlich produzierender Einwohner schaffen die Massenproduktion in Ackerbau und Viehzucht mit der heute schon Argentinien auf dem Weltmärkte in Wettbewerb tritt. Im Jahre 1893 betrug Deutschlands Ausfuhr nach Argentinien 44 Mill. Mark, Deutschlands Einfuhr aus Argentinien 41 Mill. Zebu Jahre später hatte sich dieses Bild schon wesentlich verschoben. Deutschlands Ausfuhr nach Argentinien belief sich 1903 auf 68 Mill., Deutschlands Einfuhr aus Argentinien auf 107 Mill. und 1905 stieg der Wert der Einfuhr Deutschlands aus Argentinien auf 336*4 Mill! Das heißt: Deutschland bezieht aus Argentinien für einige hundert Millionen Naturerzengnisse, hat aber dort keinen genügenden Absatzmarkt für feine Jndnstrieerzeuguisse. Dieser ließe sich aber schaffen, wenn die deutsche Auswanderung dahin gelenkt würde, denn dadurch würde für unseren Ausfuhrhandel das Absatzgebiet uatnrgemäß erweitert werden. Andere Staaten, wie Nordamerika, England, Belgien,