Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 9 (8.2.1907)
- Date
- 1907-02-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nationalzeitung Nr. 9 Juden auf nationalsozialer Basis helfen. Eine solche jüdische Organisation als Bannerträgerin sozialösterreichischer Grundsätze, als geschlossene Phalanx der jüdischen Wühler könnte in allen gemischtsprachigen Ländern das Zünglein an der Wage bilden und einen moralischen Druck ans die" andeisnationalen Parteien und Abgeordneten ausüben, auf dem Boden der nationalen Autonomie und der Gleichberechtigung eine Verständigung untereinander sowie mit den — Juden herbeizuführen. Eine solche nationalsvziale Organisation der österreichischen Juden wäre aber auch in der Lage, in zahlreichen Wahlbezirken durch geeignete Bündnisse die heutigen „Volts"Vertreter zu werfen, um unseren Interessen entsprechendere an dere Stelle zu setzen. Auf diese Weise könnte alliiiählich nach Herstellung der nationalen Ordnung eine Umgestaltung des Parteiwesens in Oesterreich angebahnt und ein e n g e r e r Z u s a m m e ns ch l n ß aller n a t i o n a l - a u t o n om i st i s ch e n, sozial-österreichischen Elemente der verschiedenen österreichischen Nationalitäten herbeigeführt werden. Nur auf diesem Wege ist eine Einigung d e r ö st e r r e ich i s ch e n Juden uiite reinander und in weiterer Linie mit den österreichischen Völkern möglich, ein Ausweg ans dem Sumpfe, in den die Juden durch eine scheinliberale, scheinfortschrittliche, assimilatorische Politik geraten sind. Eine Politik, welche von den Juden Verleugnung ihres Volkstums fordert, sie an den Triumphwagen des deutschen, polnischen, tschechischen, italienischen oder magyarischen Chauvinismus anspannt, sie zu Nachbetern manchesterlicher oder marxistischer Dogmen macht, ist wahrhaft nicht freisinnig im modernen Sinne, sondern in des Wortes schlechtester Bedeutung „judenliberal". Diese jüdische Politik ist auch keineswegs fortschrittlich, weder für die Allgemeinheit, noch für die Juden, sondern ganz im Gegenteil konserviert sie unhaltbare nationale und.soziale Verhältnisse in Oesterreich, sie fördert den nationalen und wirtschaftlichen Antisemitismus durch Unterstützung nationaler Intransigenten in de» gemischtsprachigen Ländern und ist auf diese Weise der Pionier der so — heftig bekämpften feudalklerikalen Reaktiv». Der Sfieaffioit, arbeiten aber auch alle die deutschen und tschechischen „Freisinnigen" in die Arme, welche die „Freiheit" fordern, die anderen Nationalitäten zu vergewaltigen und die Rufe nach nat onalem Frieden und einer umfassenden Wirlschastsreform mit den Phrasen von nationalem „Verrate" beantworten. Ich kann ruhig diese Worte auch heute noch als sehr zeitgemäß niederschreiben. Ich Immer weiterschreitend, erblicke ich zwischen Bäumen eine kleine Hütte sich bescheiden verbergend, die laubbedeckten Zweige breiten sich schützend über dieselbe. Ein schwacher Regen beginnt zu rieseln und die Erde saugt gierig die herabfallenden Wassertropfen auf. Bald erreiche ich das idyllische Anwesen, zu dem ein schmaler Seitensteg hinabführt. Hier will ich Rast und Schutz suchen! Der Bauernhütte zueilend, tritt mir ein Hund, der treue Behüter derselben, in den Weg, laßt mich aber ruhig weiter gehen und folgt mir bis zur Türe. Ich betrete vier weißgetünchte Wände, die durch Kreuzbalken zusanimengeh»lten melden. Heiligenbilder bedecken diese Wände und unter eines derselben brennt ein Oellämpchen. Am Kamine sitzt die Bäuerin und spinnt. Zwei kleine Jungen mit gebräunten Gesichtern und lichten wolligen Haaren kommen auf niich zu und betrachten mich verwundert. Aus einer seitabstehenden Wiege erhebt sich ein Kinderkopf und gafft mich an, während zu dessen Füßen ein großer schwarzer Kalter kollert, er blinzelt dem Kinde ins Gesicht, als gewärtige er Befehle.... Darf ich hier verweilen, bis es aufgehört hat zu regnen? frage ich höflich. Die Bäuerin heißt mich willkommen und erhebt sich, um mir einen Stuhl zu r'ichen. — Blitze zucken durch die kleinen Fensterchen, der Donner rollt in der Entfernung und eine schwache dünne Stimme höre ich verwnlidert das rituelle Gebet über das Wetterleuchten sprechen. Mich umwendend, erblickte ich im Winkel an dem Fenster eine kleine gebrochene Gestalt bei der Schneiderarbeit sitzen. (Schluß folgt). habe auf der ganzen Linie Recht behalten. Wie sehr, das wird der Ausfall der n ä ch st e n Reichsratswahlen betveisen. Dr. K a d i s ch. SilanDerschleiernng. Der Jänner ist der Jnventurmonat. Da empfinden auch die mehr oder minder verantwortlichen Prokuristen, Kommis und Lehrlinge der zionistischen Organisation das Bedürfnis zu einer derartigen Betätigung ihrer Kräfte. Aber jetzt eine Inventur des Zione-Zionismus? Man versteht, daß sie trotz 1^/, jähriger Geschäftsführung zurzeit keine sonderliche Lust dazu verspüren. Was also tun? Nun, man geht den bequemeren Weg und macht die Inventur der anderen. So tut Herr Dr. Elias Auerbach in Nr. 2 der Jüdischen Rundschau mit dem Territorialismus. Aber schon dieser Versuch an sich zum jetzigen Standpunkt ist ein fundamentaler Verstoß gegen alle geschäftlichen Usanzen; denn die territori'ilistische Organisation befindet sich mitten im Geschäftsjahr, während man von der zione-zionistiichen Oligarchie allerdings bereits eine Bilanz zu erwarten berechtigt wäre. Dieser eiste Verstoß gegen die Grundregeln kaufmännischer Technik ist entscheidend für den Wert der ganzen Inventur. Herr Dr. Anerbach inspiziert die Kassen, findet sie natürlich leer, da ja das Kapital mitten im Geschäftsjahr in Unteruehmnngen investiert ist, in das Geheimduch des Chefs hat er keinen Einblick, und läuft er denn flugs znm Kadi, um den Konkurs der „Jto" anzumelden: „Der Territorialismns ist tot!" so ruft er schmerzerfiillt aus und versäumt als smarter Konkurrent nicht, bei dieser passenden Gelegenheit das eigene Geschäft einem geehrten Pnbliko in empfehlende Erinnerung zu bringen: „Neu lebt die gesunde zionistische Arbeit in Palästina." Die Stimmung, in der gewisse Kreise die Schritte der ..Jto" von Anfang an beobachtet haben, ist für die Psychologie der Zione-Zionisten sehr bezeichnend. Ocffentlich erklären sie, zwar den Vvi behalt machen zu müssen, das sei kein Zionismus, im übrig'» aber wünsche man dieser „Wohltätigkeitsaktion" den vollen Erfolg. Was aber in ihren Kundgebungen, besonders in der „Jüdischen Rundschau" und nr der „Welt" znm Ausdruck kommt, das ist unverkennbar eine geheime Angst, es könnte etwas Brauchbares zustande kommen. Aus dieser Grnndstiminnng heraus erklärt sich auch die krampfhafte Eile, mit der sie jeden Schritt der „Jto" zn diskreditieren versuchen, auch die neuesten Bankrotterklärungen. Auf ivelchem Wege gelangt nun Herr Auerbach zu dieser Todeserklärung des Territorialismus? Nun, die Methode ist nicht neu, wir kennen sie aus dem be—rühmteu Werke H. St. Chamberlains. Er sammelt mit emsigen Fleiß Zitate und Bruchstücke von Zitaten, reißt sie aus ihrem Zusammenhänge, fügt sie andere Zusammenhänge ein, kurz, er setzt kunstvolle Mosaiken zusammen. Bekanntlich kann man ans diesem W 'ge schlechterdings alles beweisen. Einige Beispiele: Um zu beweisen, daß der Territorialismns das „Jto"-Land aufgegeben und sich ans das Altenteil der „Regelung der Auswanderung" znrückgezogen habe, zitiert Herr Dr. Auerbach ans Zangwills Rede vom 30. Februar 1906 wie folgt: „Es wird angenommen, daß die Auswanderung in Rußland in diesem Jahre 200.000 Seelen übersteigen werde. Kann „Jto" Land, kann iraend ein anderes Land diese Zahl anfnehinen? Sicher nicht! Nicht einmal die Hälfte. Nicht einmal den zehnten Teil dieser Zahl. . . > „J>o"-Land ist eine Vorsehung für morgen, aber nicht für heute." Hier folgen wieder fünf Punkte, und dann zitiert Herr Auerbach weiter: „Es wird in der Tat lange dauern, bis wir soweit sein werden, um die 100.000 Emigranten, die jährlich nach New Jork wandern, anfnehmen zu können. Straßen müssen gebaut, Häuser errichtet, Sümpfe drainiert, Felder urbar gemacht werden, und nur diejenigen, die fü'diese Arbeit geeignet sind oder sich auf Agrikultur und Viehzucht verstehen, können in das neue Land mit Sicherheit gehen . . Zangwill hat aber nicht Punkte, sondern Worte gesprochen. Nun kann ein Antor' ganz loyal handeln, inbem er aus einem Zitate, um unnötige Längen zu vermeiden, diejenige» Teile fortläßt, die man ohne Schädigung des Sinnes entbehren kann. Aber Herr Dr. Auerbach hat durch die Ersetzung der Stellen, die ich sogleich ergänzend zitieren werde, durch Punkte Zangwills Worte in ihr direktes Gegenteil verkehrt. Dort, wo Herr Dr. Auerbach zum erstenmale fünf Punkte setzt, sagt Zaiigwill: „Jto" Land behauptet nämlich gar nicht, fähig zu sein, das ganze Emigratlonsproblem mit eine mm a l e*) umfassen zn können." Und an Stelle der zweite» fünf Punkte Auerbachs hat man folgende Zangwillschen Sätze zu ergänzen: „Wäre es begründet worden anläßlich der ersten Pogrome im Jahre 1881, so wäre es im Verlaufe dieses Vierteljahrhunderts zn einem Lande angewachsen, das fähig ist, eine große Zahl der heimatlosen Wanderer aufzunehmen. Die Tatsache, daß die letzte Generation es verabsäumt hat, ein solches Land zu schaffen, brachte über die gegenwärtige Generation die Schande und die Erniedrigung, daß sie ihren vor Massacres und vor Verstümmelung fliehenden Brüdern kein Asyl zu bieten in der Lage ist. Sollten wir nicht heute mit der Gründung eines solchen Landes beginnen, so werden auch unsere Nachkommen verurteilt sein, hilflos und händeringend den Katastrophen gegenüberzustehen." — Zangwill sagt also: „Jedes Neuland kann sich nur allmählich organisch soweit entwickeln, um eine genügend starke Ausnahmestellung — um diesen strategischen Vergleich zu brauchen — für die wandernden Massen zu bieten, ergo müssen wir sofort ansangen. Herr Dr. A. läßt beim Zitieren das ergo fort und „beweist" so mit Leichtigkeit, daß Zangwill die Zwecklosigkeit von „Jto"-Land zugegeben habe. Ein anderes Beispiel: Herr Dr. Auerbach sagt von der „geographischeil Kommission" der „Jto", sie suche geeignete Territorien und werde wohl noch lange suchen. Erst verlautete etwas von Canada, dann von Australien, dann von Argentinien, dann von Texas — immer war es nichts. — Ad 1. Nach den osfizüllen Veröffentlichungen der „Jto" mußte jeder, der sich um diese Dinge überhaupt kümmert, wissen, daß die „geographische Kommission" nicht die Aufgabe hat, ein Territorium zu suchen, sondern die vorliegenden Angebote zn Prüfen. Ad 2. Nach denjelben offiziellen Veröffentlichungen hörte man nicht erst von Canada, dann von Australien re., sondern von einer Anzahl zugleich vorliegender Angebote. Wenn Herr Dr. Auerbach diese Tatsachen zu einer schönen kinematographischen Bilderserie unigestaltet, so mag das sehr bequem für seinen Zweck sein, die Tätigkeit der „Jto" als eine fortgesetzte Reihe krampfhafter vergeblicher Versuche hinznstellen; aber ermöglicht hat er sich diese Bilanzverschleierung nur dadurch, daß er sich nicht, was vielleicht noch loyaler geweien wäre, an die offiziellen Kundgebungen hielt, sondern sein Konjekturalgebäude ans dem Flugsand dessen anfbaute, was aus irgend welchen dunklen Quellen mit dunklen Absichten „verlautete". So nur foimte er auch die Prämisse vorbereiten, aus der er den Schluß ziehen wollte: „Immer war es nichts." Die „Jto" will die Regelung und Verteilung der durch nichts zu hemmenden Massenwanderung als zweite Aufgabe in die Hand nehmen; flugs behauptet Herr Auerbach, sie habe das Hauptziel, das eigentliche Jtoland, anfgegeben. Auch zu dieser Schlußfolgerung konnte er nur gelange», weil er in der Eile vergaß, die Stelle in Zangwills Rede zn zitieren, die das Gegenteil beiverst: „Bis nun sind wir Vermutungen nachgegangen. Uns fehlt die Erfahrung und die Kenntnis ttliseres Materials. Indem wir verstehen und kennen lernen, niit welchen Elementen wir es zn tun haben, tvird auch die Möglichkeit eines Mißlingens in „Jto"-Land verringert. Ueberdies können tuir die für Plonierdienste geeignetsten Elemente der Emigration für das „Jto"-Land anssieben, wir werden nicht gezwungen sein, alles und jeden aufznnehmen, nur deshalb, weil er keinen anderen Ausweg weiß". Man sollte meinen, dieser Grund ist so einleuchtend, daß er sich Herrn Dr. Auerbach von selbst hätte aufdränge» müssen, wenn er ihn nicht bei Zangwill gelesen hätte! Wenn ein Heerführer eine Notbrücke zimmern läßt, so wird er dafür sorgen, daß ihre Tragfähigkeit nicht über das zulässige Maß hinaus belastet wird, er wird die Tragfähigkeit mit aller Vorsicht durch allmählich gesteigerte Belastungsproben zu ermitteln suchen, tvird sie durch Stützbalken möglichst steigern und es daher mit Freuden begrüßen, wenn ihm Gelegenheit geboten wird, durch , Flöße oder Umwege einen Teil des Melischenzustromes vorläufig abzuleitken. Wenn *) Von mir gesperrt gedruckt.