Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 8 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 8 Nationalzeilung Seite 3 völlig abgewiesen wird, und das ganze Legat von 10.000 Kronen im Sinne des Verteidigungsstandpnnktes, als das der TemeSvürer Israel. Kultusgemeinde allein gebührende, anerkannt wurde. Der Bukowiuaer Großgrundbesitz und die Juden. Zu dieser Frage schreibt die „Czernoivitzer Allgemeine Zeitung:" „Wie wir in der vorigen Nummer mitgeteilt haben, ist das armenopolnisch-rumänische Bündnis im Bukowiner Großgrundbesitze für drei Legislaturperioden erneuert worden. Dies ist aber, wie unser Gewährsmann meint, nicht so aufzufassen, als ob dieses Bündnis nur zu dem Zwecke abgeschlossen würde, um die jüdischen Großgrundbesitzer zu majorisieren. „Schon bei der Debatte der neuen Reichsratswahlordnnng wurde den Inden in der Bukowina in nationaler Beziehung insofern Rechnung getragen, als zur Sicherung eines jüdischen Mandates sür die Stadt Czernowitz auch noch die Wühler von Sadagnra zu Czernowitz zugeschlagen wurden. Auch bei der Wahlkreiseinteilung für Galizien wurde von jüdischen Mandaten gesprochen. Diese Umstände, insbesondere das jüngste Schreiben der Mittelpartei an die Armeno-Polen, um eine Verständigung herbeizusühreu, haben dieser Frage auch in der Kurie des Bukowiner Großgrundbesitzes Aktualität gegeben. Wenn die auf historischer Basis entstandenen Parteien des Großgrundbesitzes die im letzten Dezemium vollzogene Wandlung im Besitzstände ihrer Kurie in Erwägung ziehen, können sie sieh der Tatsache nicht verschließen, daß die Juden in dieser Kurie zu einer ansehnlichen Zahl von Stimmen angewachsen sind und das Begehren stellen, bei den Wahlen Berücksichtigung und Vertretung zu erlangen. Wenn ferner die Juden, insbesondere in der Bukowina und Galizien von dem Bestreben beseelt sind, national und politisch sich zu organisieren, da dürfte es zeitgemäß erscheinen, dieser Bewegung des Judentums volle Aufmerksamkeit zu schenken. Würde die Bewegung sich in ihrer Reinheit auch bei den Juden des Bukowiner Großgrundbesitzes manifestieren, wäre die Situation eine klare, eine in den tatsächlichen Verhältnissen begründete. Leider ist dem nicht so. Unter dem Namen „Mittelpartei" haben sie sich derzeit organisiert und in ihre Mitte Dissidenten aus beiden Lagern der historischen Parteien ausgenommen. Wen» die selbständige Gruppierung der Juden zu einer Partei im Großgrundbesitze eine tatsächliche Begründung in der Natur der Sache findet, so kann von der Angliederung der Dissidenten nicht dasselbe gesagt werden. Momentane Stimmungen und Verstimmungen Einzelner können als keine genug begründete biblischen Priestersegen hebräisch vom Futurum in Imperativ vertvandeln zu können, zitierte in seinen spätern Jahretl talmudische Sprüche. Mit der apologetischen Schrift gegen Menzel begann er seine schriftstellerische Laufbahn und mit'dem berühmten Dankschreiben an Döllinger für eine Aussprache gegen die Judenhetze beschließt er sie. Er stieg jedesmal in die Vergangenheit hinab und holte sich seine Jugenderinnungen herauf. Es gab einen Berthold Auerbach, der in der Nordstettener Synagoge bei birchath geschem (Gebet um Regen) weinte, der mit dem streng, gläubigen Professor Dr. Bernays in Bonn Seder nach altem Ritus hielt, den mah nischtana fragte und die alten Worte mit den aften Melodien sang. Es gab einen Berthold Auerbach, der in seiner Jugend die Wonnen des jüdischen Freitagabends genoß. „Man solls keinem Nichtjnden verraten," schreibt er in „Dichter und Kaufmann", „welche Seeligkeit solch eine Freitagnacht ist. Wenn der Christ auch alles hat, wenn ihm auch gar nichts fehlt, was ihm das Leben nur angenehm machen kann, eins fehlt ihm und da tausch ich nicht mit ihm um alle seine Vergnügungen und das eitle ist: so ein Sabbath und ein Freitagabend." Berthold Auerbach liebte seine Brüder und vertrat ihre Rechte vor Fürstenthronen. Diese Liebe zu be» Stammesgenossen entsprang einem tiefinnerlichen * Solidaritätsgefühl. Bei der Damaskusgeschichte geht er in „Zorn, Erbitterung und Wehmut ruhelos" umher, und verbringt wochenlang schlaflose Nächte. „Eine tiefe Lebensverachtung", schreibt er an seinen Freund, „eine Verzweiflung an aller Geistesarbeit und Zorn über ben Mangel an Solidarität läßt mich kaum die Feder führen." Ergreifende Veranlassung angesehen werden, um aus bestehenden Parteien auszuscheide» und durch Angliederung an die jüdischen Großgrundbesitzer die natürliche Gruppierung zu hintertreiben und eine neue, frische Partei zu begründen. Sollte daher eine Berücksichtigung der Wünsche der Mittelpartei stattsinden, so könnte dies nur unter dem Gesichtswinkel geschehe», daß eine spezifisch jüdische Frage im Großgrundbesitze erwogen werden darf und kann." Aus der öffentlichen Sitzung des israelitischen Kuttusvorstandes vom 27. Jänner 1907 unter dem Vorsitze des Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern. Präsident Dr. Alfred Stern: Bevor wir in die heutige Tagesordnung eingehen, geziemt es sich, eines Mannes zu gedenken, durch dessen Hinscheiden das Judentum einen unersetzlichen Verlust erlitten hat, des vor wenigen Tagen dabingeschiedenen Dr. Moriz Steinschneider. Seine wissenschaftliche Bedeutung zu würdigen, muß ich Berufeneren überlassen, und es sei mir deshalb gestattet, ans einem das Wirken des Verewigten in knappen Zügen zeichnenden Schreiben unseres verehrten Oberrrabbiners Herrn Dr. G ü d e m a n n einiges hervorzuheben. — Steinschneider, der am 30. März 1816 in Proßnitz geboren ist, war in bibliographischer Hinsicht unstreitig der größte Kenner'der jüdischen Literatur, der seinesgleichen vorher nicht hatte und schioerlich finden wird. Er übersah nicht bloß die in hebräischer und arabischer Sprache von den Juden aller Zeiten verfaßten A-erke, sowohl diejenigen religiösen und philosophischen Inhalts, wie auch die medizinischen, mathematischen, astronomischen und überhaupt naturwissenschaftlichen, sondern er hat auch zuerst ein umfassendes Bild von der erstaunlich ausgebreiteten Uebersetzungstätigkeit gegeben, wodurch die Juden der Gelehrtenwelt des Abendlandes zuerst die Bekanntschaft mit den wissenschaftlichen Leistungen der Araber und durch diese mit denen der Griechen vermittelt haben. Steinschneiders Arbeiten sind für jeden Geschichts'chreiber der Juden eine unerschöpfliche Fundgrube. Die äußere Laufbahn Steinschneiders bietet durch ihre lange Dauer und ihren Reichtum an Sorgen und Kümmerlichkeiten eine lehrreiche Illustration zu der planmäßigen Zurücksetzung und der hochmütigen Nichtachtung, welche die offiziellen Kreise der jüdischen Literatur, deren Resultate sie sich doch zunutze machen, noch immer angedeihen lassen. Ein Beweis hiefür ist auch die verhältnismäßig geringe Anzahl von Anerkennungen, deren sich Steinschneider trotz seines langen Lebens erfreuen durfte und die Schmerzenstöne entreißen ihm die im Mai 1881 inszenierten blutigen Judenmassaker in Rußland. „Die Gemeinheit, die sich bei uns in Deutschland breit macht", schreibt er an seinen Freund und Vetter Jakob Auerbach, „zeigt sich in Rußland gleich brutal als Raub und Mord. Und wenn ich dann denke, wieviel hundert Juden jetzt dort gemordet und geschlagen sind, so blutet mir das Herz, und es erscheint mir wie eine Hartherzigkeit, daß wir da draußen uns vergnügen, Kunstgenüsse und alles haben, und dort ist Jammer und Wehgeschrei." Und an einer andern Stelle: „Ich kann dir nicht sagen, wie verzweifelt mich die Judenhetze in Rußland macht und diese beständige Drohung überall. Wie ein grausanres Rätsel stellt sich die Erneuerung der greuelichen Gemeinheit dar. Ich meine, daß eine solche Epidemie, solche Seelenvergiftung noch nie in der Welt war. Der Verstand steht einem still, aber das Herz will nicht still stehen. Man tröstet einander, es wird wieder besser und es wird wieder anders; aber diese Aussaat von Gemeinheit und Ruchlosigkeit, die verschwindet nicht sobald wieder ans den Gemütern..." Und die greuliche Judenhetze in Deutschland vergiftet vollends sein von der reinsten Menschenliebe erfülltes Herz*. . . Auch dem Denker Berthold Auerbach, dem Popnlarphilosvphen, der die Werke Spinozas übersetzte, der in seinem Buch „Der gebildete Bürger" den „denkenden Mittelstand" mit den neuesten philosophischen Anschauungen vertraut nlachen wollte, mögen einige Worte gewidmet sein. Als Philosoph stand Auerbach nicht ans derselben Höhe wie als Schriftsteller, da er hier mehr gebend, dort mehr empfangend war. Die in keinem Verhältnisse zu der überragenden Bedeutung des Verewigten stand. Wir werden das Andenken Steinschneiders stets in Ehren hatten. Es geziemt sich weiters, eines Mannes zu gedenken, der zwar nicht dem Kreise unserer Glaubensgemeinschaft angebörte, sich jedoch um diese nicht genug zu rühmende Verdienste erworben hat, des vor kurzer Zeit verewigten Dr. Josef Kopp. Das Hinscheiden dieses Mannes erweckt die Erinnerung an eine Z>it, in welcher die so oft widerlegte, verläunideNiche Blutbeschnldigung gegen die Juden unter einem wissenschaftlichen Deckmantel wieder erhoben worden war. Damals stand Kopp in dem bekannten Prozesse Rohling-Bloch, der nicht cm Prozeß zwei-r Personen gegen einander, sondern ein Prozeß des Judentums gegen seine tückischen Verläumder. war, mit allen seinen Kräften und Fähigkeiten, mit dem ganzen Aufgebote seines reichen Wissens und Könnens auf Seite des verlänmdeten Judentums gegen seine Berlänmder und mit welchem Erfolge, ist noch heute in unserer dankbaren Erinnerung lieber die Prozeßakten hat dann Dr. Kopp ein hochinteressantes Buch „Prozeß Rohling-Bloch" veröffentlicht, welches eine Fundgrube von Wissen und Dialektik gegen die aus den finsteren Zeiten des Mittelalters herrührende Ritualmocdbeschuldigung bildet und für alle Zeiten bilden wird. Auch in einem späteren Falle hat Dr. Kopp in ähnlicher Weise gewirkt. Heute nach so vielen Jahren mag es auch gesagt werden, daß in seinen schweren Zeiten\ in jenem späteren Prozesse der Wiener Knltusvorstand nichts unversucht ließ, um der Wahrheit zu ihrem Rechte zu verhelfen und mit allem Nachdrucke auf eine öffentliche, gerichtliche Klarstellung der Sache hinzuwirken. Es wurden Eingaben und Anklagen und zwar durch mich als den damaligen Vizepräsidenten persönlich den kompetenten Faktoren überreicht; unsere Anklage und alle unsere Gesuche wurden mündlich abgelehnt; eine schriftliche Erledigung ist nicht erfolgt, auch bis heute nicht Es drängt mich, Ihnen dies zur Kenntnis zu bringen, heute, wo wieder ein ähnlicher Fall unsere Gemüter ans das Tiefste erschüttert, ein Fall den wir nie und nimmer aus dem Auge verlieren werden, bis auch in dieser Sache der Gerechtigkeit zum Siege verholfen werden wird. (Lebhafte Zustimmung.) Bezeichnend ist, daß der Verewigte trotz der vielfachen, ausgezeichneten Wirksamkeit auf anderen Gebieten gerade dieser Angelenheit eine besondere Bedeutung beimaß, was aus den Worten -hervorging, die er wiederholt unter anderem auch an mich richtete. „Wenn alles das, tvas ich geleistet habe, wergessen und versunken sein wird, dieses Buch wird nicht versinken, wird ein lebendiges Zeugnis für alle Zeiten sein." — Philosophie war sein Lieblingsstudium und selbst in späteren Jahren, wo er nur auf belletristischem Gebiete tätig war, kehrte er immer zur Philosophie zurück. Ganz besonders aber schloß er Spinoza in sein Herz. Er bekannte sich offen als Jünger des Amsterdamer Philosophen, und in seinen Romanen und Dorfgeschichten tritt die spinozistische Weltanschauung deutlich zutage. Er sah in Spinoza nicht allein den Denker, sondern auch den Propheten, den Mann Gottes. „Es erstand kein Denker wieder wie Spinoza, der so im Ewigen gelebt" — mit diesen Worten schließt er seinen Roman Spinoza, ein Denkerleben. Diesen Roman schrieb Auerbach nach seinem seinem eigenem Bekenntnis mit einer „heiligen Scheu". Im November 1837 schreibt er an seincn Freund: „Hast Du nie gelesen, wie es Klopstok zu Mute war, als er seine Messiade schrieb? So war es mir; so göttlich erhaben steht dieser heilige Prophet über mir, daß ich oft mit Beben die Feder führte, weil ich fürchtete, ihn zu lnenschlich zu zeichnen, und doch mußte ich mich wieder ganz in die idyllische Innerlichkeit seines Lebens versenken." Diese Begeisterung Auerbachs für Spinoza datiert von seiner frühesten Jugend. Schon als Gymnasiast las er seine Werke und war dermaßen voller Bewunderung für ihn, daß er die Absicht gehabt zu haben schielt, seinen deutschen Namen Berthold in den lateinischen Namen in Benedikt latinisiert habe, diese Eitelkeit des großen Denkers sprach mich an und sogleich wurde der Berthold ausgezogen und der Benedikt angezogen. Ich weiß nicht, was ich anfangen soll, ich heiße nun Moies Baruch Berthold Benedikt Auerbach, und inan Hai doch wahrlich genug zu tun, wen man einem ehrlichen Namen erhalten will, und ich soll so»