Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 8 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Leite 2 Nationalzeitulig Rr 8 Ja, -ie Jude». Budapest, 16. Jänner 1907. Das Organ der Berdnmmimg und der Finsternis, das klerikale Blatt „ÄlkotinLny", bringt heute an leitender Stelle eine Epistel mit der Ueberlchrift: „Wanim uns die Juden über den Kops wachsen." Darin wird den Protestanten der Vorwurf gemacht, daß sie nicht in gleicher Weise von Fanatismus und Nassendünkel erfüllt sind, wie die schwarzen Herren vom „Alkotmüny", daß sie vielmehr liberal die Lehren Christi aufsassen und ihren Nächsten so lieben, wie sich selbst. Das gefällt oen Freunden und Gesinnungsgenossen Stephan Rakovßkys nicht. Ihnen wäre es lieber, wenn die Reformierten gleich ihnen mitheulen würden in oem Kriegsgeschrei dieser Volksbetrüger: „Nieder mit den Inden". Wir wollen uns mit den derartigen Ausfallen dieser Herren gar nicht befassen. Schon darum nicht, weil diese Gesellschaft ja vom ernsten Publikum, ob Christ, Protestant oder Jude, ohnedies nicht ernst genommen wird. Es ist ja dies ei» Blatt, das selbst die katholischen modern denkenden Priester längst mit Abscheu zurückweisen. Aber eine bescheidene Bemerkung möchten wir uns erlauben. Diese Herren schimpfen mir soviel Vergnügen auf die Juden, als man eben schimpft, wenn man dafür bezahlt wird. Nun aber, wo bleibt ihre Konsequenz? Denn während sie ans der ersten, zweit», dritten bis fünften Siite in allen Variationen schimpfen, geben sie ihrer Schimpfmanie von der sechsten Seite an« gefangen plötzlich eine merkliche Wendung. Denn von da ab wird wieder alles gelobt, was jüdisch ist. Hier vergessen sie Pritizipien und hier vergessen sie katholische Wahlsprüche, ja sie vergessen sogar, daß sie auf der ersten, zweiten bis fünften Seite geschimpft haben und hier loben sie frei und mit Wonne. Es wird unseren Lesern gewiß kein schwer zu lösendes Rätsel sein, welches jene fünf anderen Seiten sind, auf denen den Juden die Ehre zuteil wird, vom „AlkotmLny" gelobt zu werden. Es sind eben die Seiten mit den Inseraten, wo die Herren, die gesamten klerikalen Bestrebungen vergessend, und sich auch darum nicht kümmernd, ob die Juden den Nichtjuden über den Kopf wachsen, freudigst alles Jüdische preisen. Da finden sich in brüderlicher Eintracht die Inserate eines jüdischen Instrumentenmachers und dasjenige eines katholischen Kirchenrequisitenerzeugers, ohne daß eines dem andern zurufen würde: „Die Juden wachsen uns über den Kopf." Das Geld hat keinen Geruch. Diesen philosophischen Spruch machen sich natürlich auch die Verbreiter der Dummheit in dem weihrauchgeschwängerten Redaktionslokale zu eigen. Mag es nur von den Juden stammen, es ist gut, denn es ist Geld. Und darin ist eben die ganze Basis der Tätigkeit?. MolnLrs und Konsorten. Die Juden können ja existieren, sie dürfen und sollen sogar existieren, sie sollen aber möglichst viel von ihren mit Bienenfleiß gesammelten Geldern und Besitzen an AlkotmLny abgeben. Dann mögen ihre Geschäfte blühen, mögen sie stark und'mächtig sein, mögen sie Allen „über den Kopf wachsen", wenn nur „AlkotmLny" davon seinen Nutzen in Form saftiger Inserate hat. Drum denn, ihr Kanflente, Fabrikanten und Unternehmer ist euch die Alternative gestellt: entiveder ihr inseriert im AlkotmLny oder aber man schimpft aus euch im AliotmLuy. Vorläufig steht dieses Preßprvdukt ans dem Standpunkt, vorne zu schimpfen, denn für diese Teile wird es von den Hetzkaplänen und Nakovßky-Kulis (heißt: Volkspartei) bezahlt, rückwärts aber lobt es die Juden, denn die zahlen für die Inserate ja recht gut. Und findet sich abermals ein splendider jüdischer Mäzen, dem es „Hetze" machen würde, „AUotmLny" anzukaufen (ver Mann müßte freilich nachher von einem Psychiater untersucht werden), so kann man noch erleben, daß au der Spitze des Blattes die Worte stehen werden: „AlkotmLny", Organ für jüdische Interessen. Verantwortlicher Redakteur P. Johann MolnLr. Weil das Geld keinen Geruch hat. Bis aber dieser Zeitpunkt kommt, möge „AlkotmLny" nur bellen. Den Juden schadet dieses Gebelle nicht. Denn Hunde, die bellen, beißen nicht. Wer daran zweifelt, betrachte die ersten und letzten Seiten „AtkotmLnys". Ein Zehntausend Kronen-Legat. Prozeß zweier isr. Gemeinden. T e m e s a a r, 11. Jänner. Gestern hat die königl. Kurie endgiltig über einen Rechtsstreit zwischen der TemesiiLr-Josefstädter isr. orthodoxen und der TemesvLrer isr. Gemeinde entschieden, der laiige Zeit hindurch mit seinen wechselnden Phasen die Gemüter der beteiligten Gläubigen in Aufregung gehalten und nicht selten auch zu unliebsamen Funktionen geführt hatte. Eine hochsinnige Dame Jnlie Döbler, welche vor vielen Jahren in TemesvLr domizilierte und jüdische Glaubensgenossin war, trat, nachdem sie ihr Domizil nach Wien verlegt, zum katholischen Glauben über. Welche Empfindungen oder Regungen es waren, die nach mehreren Jahrzehnten in dieser edlen Danle den Entschluß zur Reise brnchte, eingedenk ihres alten Glaubens im Testamente einer jüdischen Gemeinde auch bedacht zu sein, sei hier nicht näher untersucht. Eines schönen Tages wurde der TemesvLrer israel. Kultusgemeinde von Seite der Wiener Verlassenschaftsbehörde die Mitteilung, zur Verlassenschaftsverhandlung in Wien zu erscheinen, da sie mit einem Legate von zehntausend Kronen bedacht wurde. Dach durchgeführter Verlassenschaftsverhandlnng wurde der TemesvLrer Israel. Kultusgemeinde das Legat von 10.000 Kronen faktisch auch eingeantwvrtet. In diesem Stadium der Sache erfuhr die TemesvLr Joscfstädter isr.-auth.-orth. Gemeinde von dem der odcnbenannten isr. Geineinde zugefallenen Legate und erhob Protest gegen die Ansfolgttng der 10.000 Kronen unter dem Vorwände, daß nur sie die zu in Legate allein berechtigte Gemeinde sei. Der Protest hatte in Wien keinen Erfolg und nachdem das Legat von 10000 Kronen der TenusvLrer israel. Kultusgemeinde ansgesolgt worden, wurde gleichzeitig die Josefstädter isr. Gemeinde ans den ordentlichen Prvzeßmeg verwiesen. Die TcmesvLrer israel. Kultusgemeinde durchdrungen von den Gefühlen der Friedfertigkeit und eingedenk ihrer Mission, machte sich, bei Vermeidung des Prozesses erbötig, den Betrag von 10.000 Kronen als Stiftung z>t kreiren, deren Zinsen abwechstknd jährlich einem armen heiratsfähigen Mädchen einer der verschiedenen örtlichen israel. Gemeinden zukommen sollte. Die Josesirädter israel. Gemeinde rvies dieses freiwillige Anerbieten ab, und machte den Prozeß über 10 000 Kronen wider die TemesvLrer isr. Kultusgemeinde durch ihren Rechtsanwalt Koloman KisfaOldy bei dem TeinesvLrer königlichen Gerichtshöfe anhängig, Die klägerifchr Josefstädter Geineinde ve,- trat im Prozesse den Standpunkt, daß die nachfolgend wörtlich lautende Testamentbestimmung „Meinem Neffen Leopold Schwerer, wohnhaft TemesvLr-Josefstadt, Herrengasse 8. vermache ich 10.000 Kronen, wenn er stirbt, gehört es der Jud; »gemeinde in TemesvLr," sie zum alleinberechtigten Anwärter mache. Die TemesvLrer israel. Kultusgeilleinde, vertreten durch ihren Anwalt Dr. Max Szidvn bestritt die Richtigkeit dieses Standpunktes und führte auf Grund ministerieller Verordnungen und Rechtsanseinandersetzungen den überzeugenden Beweis, daß die zum Legate allein berechtigte isr. Gemeinde nur die TemesvLrer isr. Kultusgemeinde sein könne. Im Sinne dieses Veiteidungsstandpnnktes entschied auch der TemesvLrer königl. Gerichtshof, indem er die Josefstädter israel. Gemeinde mit ihrem Klagebegehren völlig abwiis; nach nach überreichter Appellation von Seite der klägerischen Gemeinde änderte jedoch die Temaswärer königl. Tafel das erstrichterliche Urteil in der Weise ab, daß sie das Legat in drei Teile teilend, je einen Teil den veeschiedenen örtlichen isr. Gemeinden zuwies. Zufolge nunmehr beiderseitiger Appellationen entschied gestern die königl. Kurse mittelst endgültigem Urteile, daß die klägerische Josef« städter isr. Gemeinde mit ihrem Klagebegehren der nie den Boden der Wirklichkeit verließ. Er schilderte Natur und Menschen so, wie sie sein scharfblickendes Auge geschaut hatte, und er hütete sich, in sie etwas hineinzutragen, was er aus ihnen nicht herausbekommen hatte. Und diese Wahrheitsliebe, die sich in seiner Kunst kundgibt, offenbarte sich auch in seinem Leben. Was er als Jude tat, tat er als ganzer Jude, was er als Deutscher schuf — schuf er als Deutscher. Nur unter diesem Gesichtswinkel ist Berthold Auerbach richtig zu verstehen und zu beurteilen. Als Berthold Auerbach im vierzehnten Lebensjahre seinen stillen, mitten im württembergischen Schwarzwald gelegenen Geburtsort Nordstetten verlassen hatte, führte er seine friedsame Heimat, wie ein Vermächtnis seiner Jugend, mit in seinem Herzen. Das Bild der a» Naturschönheit überreichen Schwcirzwalder Gegend mit ihren teils pyramidalen teils plateauförmigen Bergen, ihren Gebirgsbächen und Wasserfällen, ihren reizenden Florakindern und eigenartigen Menschengestalten — trug er liebevoll in seiner Dichterseele. „Der stille Zug der kindlichen Liebe" lenkte immer wieder seinen Geist zu seiner Heimat zurück. . . Auerbachs Heimatliebe spricht zu uns in klaren klangvollen Tönen aus seiner Heimatkunst. Denn nur ein bedeutendes dichterisches Talent, verbunden mit einem starken Heimatgefühl konnten die köstlichen idyllischen Dorfgeschichten wie: Lenhold, Brost und Moni, Barfüßele, Edelweiß, Joseph im Schnee und andere schaffen. Dieses fast intuitive Erfassen der Natur und ihrer Reize, dieses liebevolle Eingehen auf all die sonderbaren Eigentümlichkeiten ihrer Menschen, diese bei aller Kleinmalerei doch streng durchgeführte Geschlossenheit der Darstellung. diese seltsame Mischung von objektiver Unbefangenheit und subjektiver Empfindung — all das weist darauf hin, daß der Dichter zu seinen Werken in einem innigen persönlichen Verhältnis stand. Man hat Berthold Auerbach seine Vorliebe für Reflexionen zum Vorwurf gemacht. Ich glaube, mit Unrecht. Denn sie sind durchaus nicht eingeschaltete überflüssige Gedankensplitter; sie gehören vielmehr mit zum Ganzen. Zum Beispiel: die philosophischen Gedanken der schwarzen Marann in Barfüßele sind wie organische Teile dieser eigenartigen Person, wie sie selbst mit dem Stück Natur, in dem sie lebt, unzertrennlich verwachsen ist. Diese Menschen denken logisch, ohne die Gesetze der Logik zu kennen, fast instinktiv; die Natur selbst leitet sie auf ihre Gedanken hin. Jene Gegend mit ihren Menschen mitsamt ihren Gedanken, stellen ein einheitliches Bild dar. Man kann sich aus dieser Gegend Barfüßele, Lorle, den Geigerlex, die schwarze Marann, die Nottmänner, den Schilder- David, die Landfriedbänerin, nicht gut wegdenken. Sie wachsen dort wie die Bäume, die tief in der Erde wurzeln, und ihre Gedanken quellen hervor wie die Schwarzwälder Gebirgsbäche. .. Mit seinen größeren Romanen: Auf der Höhe, das Landhaus am Rhein, Waldsried, ist Anerbach der letzte deutsche Schriftsteller von gestern, mit seinen Dorfgeschichten der erste von heute. Berthold Auerbach.^- In den ersten Jahren seiner schriftstellerischen Tätigkeit, ungefähr von 1831 bis 1840, als Berthold Auerbach nicht nur Jude, sondern auch jüdischer Schriftsteller war, widmete er seine dichterische Kraft fast ausschließlich dem Judentum. Die in diesem Zeiträume entstandenen Werke Auerbachs (von der unter dem Pseudonym Theobald Chauber erschienenen Geschichte Friedrichs des Großen abgesehen) sind alle jüdischen Inhalts. Er debütierte mit einer gegen die Gehässigkeiten des damaligen Literaturdespoten Wolfgang Menzel gerichteten Schrift: „Das Judentum und die neueste Literatur"; gab in Gemeinschaft mit Frankfurter die Galerie der ausgezeichneten Israeliten aller Jahrhunderte heraus; schrieb den Roman Spinoza, ein tragisches Lebensbild des größten jüdischen Denkers; ließ den Roman „Dichter und Kaufmann" erscheinen, der das Leben des Epigrammendichters Ephraim Moses Kuh ill Romanform behandelt und in dem sich die Mendelsohnsche Epoche widerspiegelt; übersetzte die Werke Spinozas und schrieb eine kritische Lebensskizze des Amsterdamer Philosophen dazu; und plante die Herausgabe der Werke Mendelsohns mit einer ausführlichen Biographie in einem Bande, um somit „seinen Namen in das Postament der zwei größten Juden einzugraben". Dieser Plan gelangte nicht zur Ausführung. Hier schließt die jüdisch-schriftstellerische Tätigkeit -Auerbachs. Aber der Jude Berthold Anerbach hat sich bis zu seinem letzten Atemzuge nicht verleugnet. Stramm aufgerichtet, mit Stolz und Würde trug er sein jüdisches Haupt. Er ließ sein jüdisches Herz nicht erkalten. Er trieb kein Versteckenspiel mit seinem Judentum. Das Judentum war ihm etwas Vollkommenes, Selbständiges. Kein Surrogat, keine Zutat zu einer fremden Speise. Der Jude Berthold Auerbach blieb sich treu durch sein ganzes Leben. Derselbe Berthold Auerbach, der sich als Gymnasiast darüber freute, den