Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 8 (1.2.1907)
- Date
- 1907-02-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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«tmchkitM Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Erscheint jeden Dienstag nnd Freitag. 8igt»liii» einrr Sszittöt. - ßmiisiskötr tntD HefttiMiir: Jiifofi Nravsz. Inserate übernehmen die Rinnen: I. Danneberg, M. DukeS Nachfolaer, Haasensteln & Bögler. Rudols Masse. M. Pozsonyl, A. Schalek In Wien, ferner alle Annoiicenexpeditloneil ini Aii-Naiide. Einzelnummer in Wien 15 Heller. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entaegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, I., Jakoberg. 7. Administration: IX/1, Tvafagasse 81. Telephon Rr. 14723, Preis dev iNnzelge«: Die Kmal gespalt. Nonpareillezeile oder deren Raum 12 h. Abonne»ne„tSpvetsr Pfilf Wien ». Oesterreich- Nngarn s. Fraiikozuslellungr Ga,«»jährlich. . . . K 12.- HalbsahrNch . „ 8 — Vierieijährlich . . . Rfiiv d. gesamte Ausland r Ganzjährlich „Eingesendet" die Sspaltige Nonpareillezeile 50 a. Bei mehrmaligen Aufträgen K 15.12 | entsprechender Rabatt. Redaktion: iX/1. SVafagaste 81. Telephon Nr. 1472». Sprechstunden: An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr vorm. Postadresse: „Nationalzettnng", Wien IX/1. Beschwerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Z»- stellnng erbitte» wir uns dringend. — Manuskripte werde» nicht znriilkgestellt. Bostsparkassenkonto 47037. Ta« Abonnement kann täglich beginnen. Ur. 8. Wien, Freitag den 1. Februar 1907 (17. Sedat 5667). IX. Jahrgang. Der Territorialismus im Jahre 1906. In seinem Rückblicke auf die bisherige Entwicklung der territorialistischen Bewegung schreibt „Jewreiskij Golos" u. a.: Das abgelaufene Jahr 1906 füllt mit dem ersten Jahre der territorialistischen Bewegung zusammen. Diese Koinzidenz ist bei weitem keine zufällige. Die Vorgänge des Jahres 1906 haben die Entwicklung des Territorialismus in nicht .unbedeutendem Maße beeinflußt. Als eine Folge der am VII. zionistischen Kongreß eiitstandenen Spaltung der zionistischen Partei stellt sich die „Jto" als eine der zionistischett Organisation gegenüber stehende jüdische Bewegung dar und hat sich als solche von allem Anbeginne die E m i g r'a t i o n s f r a g e in den Vordergrund der'Diskussion gestellt und sie zur wahren Bedeutung eines realen, Faktors des heutigen jüdischen Lebens erhoben. Im „Manifeste" Zangwills, dieser ersten offiziellen Kundgebung der neuen Bewegung, kommt der Territorialismus als eine Lösungsform des Emigrationsproblems zu Ausdrucke. Abgesehen von den verschiedenen anderen Bedingungen des jüdischen Lebens, denen der Territorialismus notgedrungen entspringen mußte, ist sein raison d’etre vernehmlich und vor allem in der tatsächlich vorhandenen, Planlosen, wilden, chronischen Auswanderungsbeweguug gegeben, welche gegenwärtig fast alle übrigen Erscheinungen im Leben nllseres Volkes in den Hintergrund drängt. In dieser Richtung spielt das Jahr 1906 eilie sehr bedeutende Rolle und übte auch einen großen Einfluß auf die territorialistische Bewegung. Die wilden und blutigen Ereignisse des abgelaufenen Jahres hatten nicht nur eine starke Wanderung der russischen Juden, sondern auch die Erstarkung des Selbstbewusstseins der Inden zu Folge, und zwangen unsere Glanbens- und Volksgenossen über die territoriale Lösung der Judenfrage nachzudenken. Auf diese Weise ivurde in beit breitestell jüdischen Kreisen eine territorialistische ©tim rn u n g geschaffen, dank deren die Zahl der prinzipiellen Gegner des Territorialismus zu einer verhältnismäßig geringen herabsank. Die eben gekennzeichnete Position, welche die „Jto" der Emigrationsfrage gegenüber eingenommen hatte, verlieh ihr mit einemmale im Kreise der übrigen jüdischen Institutionen und Organisationen eine eigene, individuelle Physiognomie: ihr Programm bildete ein Korrektivum gegenüber dem „geradlinigen" Zionismus einerseits und der schwankenden Haltung der philantropischen Gesellschaften andererseits. Dieses Charakteristikon der „Jto" trat schon bei ihrem erstell öffentlichen Auftreten zutage, als sie in der Brüsseler Konferenz Gelegenheit hatte, mit den Zionisten und den Vertretern der philantropischen Gesellschatten zusammenzutreffen. Zn jener Zeit, als die Zionisten bezüglich der zerstreuten Auswanderung gemeinsam gingen, haben unsere Vertreter (Mandelstumm, Jochelmann u. a.) im Einklänge mit bem Programme der „Jto" das Prinzip der Konzentrierten unb Planmäßigen betont und hervorgehoben. Die Brüsseler Konferenz hat dank ihrer tendenziösen Zusammensetzung den territorialistischen Ansichten nicht zugestimmt. Im klebrigen haben alle ihre Bemühungen, sämtliche jüdischen Organisationen hinsichtlich der Auswanderungsregutiernng zu vereinigen, kläglich Fiasko erlitte:!, hauptsächlich deshalb, weil die Zionisten, anstatt sich auf einen breiten, allgemein jüdischen Standpunkt zu stellen, nur ihre engherzigen Parteiziele verfolgten. Die Erfüllung dieser Aufgabe fiel nun der „Jto" zu, welche bis zum heutigen Tage auf verschiedenen Umwegen, zu dem heutigen Stadium gelangt ist. Wir wollen nun in kurzen Zügen die Hindernisse welche sich der „Jto" anfangs in den Weg stellten, den weiteren Entwicklungsweg, den sie im Laufe des Jahres 1906 zurückgelegt, skizzieren. Der Territorialismus, dessen Zentralorgan und Führer in England tätig sind, mußte naturgemäß in erster Linie mit der öffentlichen Meinung Englands in Berührung treten. Die unermüdliche nnd groß angelegte Propaganda Zangwills trug wesentlich zur Popularisierung der itoistischen Idee in englischen Kreisen bei, wo sie auch bald einem tieferen Verständnis begegnete. Sowohl die staatlichen, als auch kommunalen Politiker begannen allmählich dieser neuen jüdischen Organisation ihre Sympathien nnd ihr Wohlwollen zum Ausdrucke zu bringen, wodurch die Chancen eines Erfolges für die politischen Führer der Bewegung größer wurden. (Schluß folgt). Feuilleton. Lerthold Auerbach. Zum 25. Todestage. Von Samuel Meisels (Charlottenburg). Berthold Auerbach war der deutscheste aller jüdischen Schriftsteller, die Förderer der deutschen Literatur waren. Berthold Auerbach war der jüdischeste aller deutschen Schriftsteller, die aus dein Schoße des deutschen Judentums hervorgegangen sind. Judentum und Deutschtum ruhten in seiner Brust wie zwei Gedanken, die friedlich nebeneinander wohnen. Sie verursachten bei ihm kein Schwanken, kein Hinnnd Herpendeln der Seele, wie wirs bei anderen deutschen Schriftstellern jüdischer Herkunft finden. Nichts von geistiger Zerfahrenheit, von einer Zweiteilung des Herzens. Dem einen wie dem andern brachte er ein ganzes Herz, eine gleichinnige Liebe entgegen. Er setzte sich nicht aus zwei Hälften zusammen, sondern aus zwei Ganzen: ein Deutscher, ein Jude nnd der Generalnenner war: der große gute liebereiche Mensch. Berthold Auerbach, der Deutsche, ist der Berthold Auerbach „auf der Höhe", der deutsche Dichter, der Heimatkünstler, der Schöpfer der Dorfgeschichten. Mit einer völligen Entäußerung des Judentunis schrieb er seine unvergänglichen Romane und Schwarzwälder Idyllen. Nichts verrät in ihnen den Juden, den ehemaligen Jeschibahbachur/ der sich vormals mit der rabbinischen Kasuistik befaßte. Aus ihnen leitet keine «spur zu den Quellen der jüdischen Theologie, aus denen der junge Berthold den ersten Wissensdurst stillte. Ihr Grundton ist urdeutsch und ein Adolf Bartels müßte erst den talmudistischen Pilpul erlernen — was ihm nie gelingen dürfte — um mit Haarspattender Spitzfindigkeit die spezifisch jüdischen undeutschen Merkma'e au Berthold Aucherbachs Dichtertalent entdecken zu können. Sehr treffend schreibt Ludwig Stein, in seiner Broschüre „Berthold Auerbach und das Judentum": „Jedes Kapitel, ja fast jede Seite des getauften Juden Heinrich Heine durchzieht der Gedanke an das Judentum; bei jeder paffenden oder unpassenden Gelegenheit schielt er, bald schmollend und grollend, bald karikierend und persiflierend, zumeist jedoch traurig und wehmütig, liebend und zärtlich m>t einem Seitenblick auf seinen alten Glauben hin. Aus jedem seiner Gedanken lugt das gekränkte Ehrgefühl, der in seinem stolzen Hochgefühl tiesverletzte Jude hervor" . . . Der getaufte Jude Ludwig Börne befand sich „dem Judenruin gegenüber in einer prekären Zwitterstellung, in einem endlosen Zwiespalt; auch durch seine Werke zieht sich der rote Faden des Judentums bald in gehässiger, bald in liebevoller Weise, bald es bespöttelnd und bekrittelnd, bald es liebkosend und verhätschelnd" . . . Dagegen erscheint der Jude Berthold Auerbach in seinen poetischen Werken seines Judentums völlig entkleidet! Und er tat gut daran, die Grenzen nicht zn verschieben. Seine künstlerische Objektivität verhinderte ihn daran. Das Schriftstellertum galt ihm als ein heiliger Berus, die Kunst war ihm, um ein Wort Friedrich Sp'wlhagens über Auerbach zn gebrauchen, ein „Priestertum der Wahrheit und der Schönheit", nnd er verschmähte es, sie zur Dienstmagd eitler Selbstbespiegelnng nnd der mitunter einem hohen Grade der Eitelkeit entspringenden Selbstbespvttelnng zu erniedrigen. Zudem war es ihm um sein Judentum ein heiliger Ernst, als daß es ihm hätte genügen können, sein Judentum damit zu bekunden, daß er einige Weintropfen in fremde Schläuche schüttet ... Er verstand es nicht anders, als sich ganz zu geben, mit einergroßen uneigennützigen Liebe. Dieser subjektive Schriftsteller, der Reflexionen liebte, am Aufleuchten von Gedankenblitzeir seine Freude harte, war im großen nnd ganzen doch einer der objektivsten Naturmaler und Menschenzeichner INf Die nächste Nummer erscheint Dienstag, den 5. Februar. "WH