Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 7 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 7 Nationalzeitung Seite 3 ferenz vorzuschlagen, daß jüdische Kandidaten nicht nur in den rein jüdischen Wahlkreisen, sondern auch in jenen Wahlkreisen aufgestellt werden sollen, in welchen Juden in größerer Anzahl 'wohnen. Wie verlautet, beabsichtigen die galizischen Zionisten für fünf Wahlkreise die folgenden Kandidaten zu noniinieren. In dem jüdischen Wahlkreise Lembergs den Advokaten Dr. Zipper, im Städtebezirk Drohobycz-Stryi den Advokaten Dr. M a l z, im Bezirke S t a n i s l a u den Rabbiner Dr. Brande und in K o l o m e a den Obmann des Landeskomitees Dr. S ch a l i t. Die Schaffung einer national-politischen Organisation in der Gukoivina. Suczawa, 21. Jänner 1907. Für Sonntag, den 20. d. M. wurde eine Bersammlung der' jüdischen Bürger von kais. Rat Sch. Langer, Dr. Alb. Schärf, Dr. Sachter, Dr. Stecher und Dr. Finkler einberufen. Auf der Tagesordnung stand: Die neue Wahlreform und die' Juden Oesterreichs. Der Referent Herr Dr. Max Diamant aus Czernowitz stellte vor allem fest, daß die Aktion keineswegs gegen Abg. Dr. Skedl gerichtet sei. Derselbe habe den Juden der drei Städte in seiner bisherigen Tätigkeit soviel Entgegenkommen gezeigt, daß seine Wiederwahl sowohl erwünscht als auch gesichert sei. In feinen weiteren Ausführungen hob weiters der Redner hervor, daß Oesterreich jetzt einer ganz neuen Gestaltung entgegengehe. Die Christlichsozialen werden als eine starke, ja vielleicht als die stärkste Partei ins neue Parlament einziehen. Unter ihrem Einfluß würden sich dann die innere politische Verwaltung, die Schule u. s. w. ganz und gar zu Ungunsten der Juden gestalten. Man könne dies schon heute an der Luegerherrschaft in Niederösterreich erkennen. Die Juden nun seien sowohl wegen ihrer antiklerikalen Weltanschauung als auch ganz besonders aus ökonomischen Gründen den Christlichsozialen ein Dorn im Auge; die Folge daraus ist also ganz klar. Alle Völker Oesterreichs organisieren sich auf nationaler Grundlage und bauen sich so ein eigenes Haus, daß sie nach außen hin schützen soll. Wo aber bleiben dann die Juden? Wenn diese sich nicht ihr eigenes Hans bauen und so selbst schützen werde»', dann sind sie vogelfrei den anderen Nationen und namentlich den Christlichsozialen preisgegeben. Vor allem ist es daher notwendig, daß sich die Juden dessen bewußt werden : D n r'ch denSchutz des Gesamtinteresses ist auch das I n d i v i d u u m am besten geschützt! Die Juden müssen sich daher national organisüren und diese nationale Schutzorganisation werde die politischen und kulturellen Interessen der ganzen Juden heit zu wahren und zu vertreten haben. Redner zeigt dann, wie notwendig eine parlamentarische Vertretung für die Juden sei. Den fünf Rumänen werde doch soviel Aufmerksamkeit geschenkt. Und für die Juden wäre es doch ein Leichtes, auch über fünf (ordentliche) Mandate zu besetzen. Ein jüdischer Klub würde im Parlament bei der so großen Zersplitterung einen bedeutenden Faktor ausmache», mit dem man unbedingt rechnen müßte. Zum Schluß macht der Redner noch darauf aufmerksam, daß, wer um Gnade winselt, mit einem leeren Knochen abgespeist wird; wer aber sein Recht laut und offen fordert und dasselbe zu erkämpfen gewillt i st, daß dieser geachtet und geehrt wird und auch das Geforderte erhält. Herr Dr. Diamant verlas hierauf vier Resolutionen, die alle von der f e h r zahlreich e n Versammlung einstimmig angenommen wurden: 1. Die Versammlung begrüßt mit Freude die Schaffung einer national-politischen Organisation in der Bukowina. 2. Die Versammlung hält es für eine Pflicht aller Kultusgemeinden, Korporationen und Vereine, den Judentag, den Dr. Straucher für Mitte Februar e i n z u b e r u f e n gedenkt, zu beschicken. 3. Die Versammlung hält es für eine politische Notwendigkeit, daß der gegenwärtige Besitzstand der Juden im Lande gewahrt werden und daß auch fernerhin zwei jüdische Abgeordnete aus der Bukowina ins Parlament kommen. 4. Die Versammlung erwartet vom Abgeordneten der Stadt, Herrn Professor Skedl, daß er die Juden der Bukowina in ihrem Bestreben, zwei Mandate zu erringen, unterstützen werde. M. T. Vom Hilfsverem der deutschen Juden. Am Sonntag, den 20. Jänner fand eine Sitzung des Hilfsvereines der deutschen Juden statt, in der eine Reihe Fragen, die gegenwärtig weite jüdische Kreise interessieren, zur Verhandlung kamen. Auf Grund eines Antrages von Herrn Faitlovitsch (Paris), der nach Äbessynien gereist war, um die Verhältnisse der dortigm jüdischen Bevölkerung, der Falaschas, zu studieren und der es sich zur Aufgabe gemacht hat, derselben die Sympathien und die Hilfe der ausländischen Glaubensgenossen zuzuführen, wurde Herrn Dr. Nathan ein Dispositionsfonds zur Verfügung gestellt, der dazu dienen soll, eine Unterstützung zu gewähren, um die nötige Verbindung dieser afrikanischen, völlig isolierten Glaubensgenossen mit dem Judentum der zivilisierten Welt wieder herzustellen. Herr Professor Philippson, der auf besondere Einladung der Sitzung des geschäftsführenden Ausschusses des Hilfsvereins der Deutschen Juden beizuwohnen die Güte hatte, hielt einen außerordentlich fesselnden lehrreichen Vortrag über die Lage der Juden im Orient, speziell in der asiatischen Türkei. Er wies auf die Notwendigkeit hin, die Besserung der vielfach traurigen wirtschaftlichen Verhältnisse der jüdischen Bevölkerung daselbst durch Ausgestaltung des Bildungswesens, Eröffnung von Fachschulen für Handwerker und technische Berufe wie höherer Bildungsinstitute allmählich anzubahnen. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der entsprechende Bestrebungen verfolgt und in gewissem Umfange in Palästina bereits realisiert, sprach Herrn Professor Philippson seinen lebhaftesten Dank für die wertvollen Informationen und Anregungen aus; und es wurde beschlossen, in der von Herrn Professor Philippson bezeichneten Richtung tätig zu sein. Zur Unterstützung der Jeschiwot in Rußland, die unter der Ungunst der Verhältnisse ganz außerordentlich zu leiden haben, wurden 10.000 Mark bewilligt. Für die durch eine Feuersbrunst heimgesuchte Gemeinde der russischen Stadt Krzepitz — über 150 Familien wurden durch den Brand in Mitleidenschaft gezogen — sind 800 Mark gewährt worden. In der Sitzung wurden alsdann noch die Subventionen für die Schule Reschith Daath in Bukarest und die Haushaltungsschule „Lumina" in Galatz, der der Hilfsverein die Angliederung einer fünften Klasse ermöglicht hat, erneuert. Aus der Plenarsitzung -es Rultusvorstan-es vom 20. Jänner 1907 unter dem Vorsitze des Präsi. deuten Herrn Alfred Stern. Vor Uebergang zur Tagesordnung berichtet der Präsident, daß Sr. kais. Hoheit dem Herrn Erzherzog Rainer, diesem edelsten, humansten Prinzen, dem Nestor unseres Kaiserhauses, anläßlich seines 80. Geburtstages eine Glückwunschadresse des Kultnrvorstandes überreicht wurde. Hierüber ist folgendes Telegramm eingelaufen: „Herrn Dr. Alfred Stern, Präsident der israel. Kultusgemeinde Wien. Seine kaiserl. und königl. Hoheit der durchlauchtigste Erzherzog Rainer danken wärmstens für freundliche Gratulation anläßlich höchst seines Geburtstages und schönen Adresse. Der Obersthofmeister Rosenberg." Im Einlaufe befinden sich: Dankschreiben des Kultusvorstandes der orthod. israel. Kultusgemeinde in Preßburg für die bekundete Teilnahme des Vorstandes anläßlich des Ablebens Sr. Ehrwürden des Oberrabbiners Herrn Bernhard Schreiber. Dankschreiben des Vorstandes der israel. Kultusgemeinde Lemberg für die kundgegebene Teilnahme des Vorstandes anläßlich des Hinscheidens des seligen Herrn Salomon Buber. Im Sinne der Geschäftsordnung werden, nachdem die Wahlen in die ständige Kommision bereits in der vorigen Plenarsitzung erfolgt sind, nunmehr die Wahlen in die Spezialkommissionen und Komitees vorgenommeu. — Es werden folgende Komitees bestellt: 1. Mikwah-Komitee; 2. Komitee für den Bau eines Tempels und eines Administrationsgebäudes; 3. Historische Kommission; 4. Bibliotheks-Kommission; 5. Kornitee für die Aufnahme in die israelitische Versorgungs-Anstalt; 6. Baukomitee; 7. Buch - Revisions - Komitee; 8. Komitee für für die Revision der Statuten und der Geschäftsordnung. Ferner werden ein« berufen: Delegierte des Kultusvorstandes und deren Stellvertreter für die Schätzungskommission; Delegierte für die Armenanstalt und Komitees für die diversen Stiftungen. Der Antrag des Herrn Dr. Steiner zur stäildigen Beratung der Wohltätigkeitsangelegenheiten eine Komniission einzuberufen, wird an das Vertreterkollegium zur Vorberatung und demnächstigen Berichterstattung geleitet. Im Sinne des Regulativs für die neuerrrichtete Religionslehrerbildungsanstalt beantragt die Schulkommisston entsprechend den Vorschlägen des Lehrkörpers und des Kuratoriums, 11 würdigen und unbemittelten Schülern vorläufig für das Schuljahr 1906/07 Stipendien im Gesamtwerte von 3210 K zu bewilligen. Gemäß dem Regulativ für die Anstalt haben solche Schüler, welche seitens der Kultusgemeinde mit Stipendien bedacht werden, die Verpflichtung sich nach Absolvierung ihrer Studien für eine mindestens fünfjährige Dauer dem Religionsunterrichte an Wiener Volks- und Bürgerschulen zu widmen. Der Antrag der Schulkommission wird angenommen. Periodische Unterstützungen: Das Vertreterkollegium beantragt an 397 Parteien monatliche bezw. vierteljährige Unterstützungen im Gesamtbeträge von 55.224 K zu bewilligen, womit eine Ueberschreitung der Budgetpost per 52.000 K verbunden ist und sonach mit dem Betrage von 3224 K die budgetierte Reserve per 5000 K in Anspruch genommen werden muß. Der Antrag wird angenommen. Dem Bethausvereiu „Machsike-Hadath" wird die Bewilligung für das ständige Bethaüs desselben vorläufig bis Ende 1908 erteilt. Gleichzeitig wird der vorgelegte Statutenentwurf mit mit dem präsidialiter vorgenommenen Aenderungen genehmigt. Dem jüdischen Bildungs- und Unterstützungsverein „Schomre-Hadath" und dem Krankenvereine „Emes Wescholom" werden die angesuchten Bewilligungen zur Errichtung und Erhaltung ständiger Bethäuser mangels der erforderlichen statutarischen Voraussetzungen nicht erteilt. Kultusvorsteher S. Steiner stellt im Hinblicke auf ein Zirkularschreiben des Vorstandes des Tempelvereines für den 10. Bezirk an das Präsidium eine Anfrage betreffend die in einer Versammlung am 16. Jänner 1907 beschlossene Auflösung dieses Vereines. Der Präsident erwidert, daß er über alle Einzelheiten der gestellten Anfrage in einer nächsten Plenarsitzung einen umfassenden Bericht erstatten und daß auch das Vertreterkollegium diesbezüglich Anträge vorlegen werde. Vorläufig bemerke er im allgemeinen, daß im Frühjahre 1906 Mißhelligkeiten zwischen dem Tempelverein und einem im' selben Bezirke gebildeten orthodoxen Bethausverein „Ansche Emes" entstanden und diesfällige Ausgleichsversuche erfolglos ge. blieben seien.' Dem orthodoxen Vereine „Ansche- Emes" sei, als er im Jahre 1902 um die Bewilligung zur Errichtung eines ständigen Bethauses einschritt, dieselbe mit Plenarbeschluß vom 28. September 1906 verweigert worden, weil der Tempeloerein für den 10. Bezirk in der Errichtung eines zweiten Beelhauses im selben Gemeindebezirke eine Gefährdung seiner Existenz sah. Der Vorstand des Tempelvereines hat damals und seither wiederholt die Beseitigung jener Formen des Gottesdienstes, durch welche die Strenggläubigen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt gefunden haben, auf das Bestinlmteste zugesagt, und es seien dagegen, um nur den religiösen Frieden im Bezirke herzustellen, mancherlei Gewährungen zugunsten des Tempelvereines erfolgt. Der Vorstand des Tempelvereines habe aber Jahre hindurch seine wiederholten Versprechungen nicht eingehalten, dagegen habe er ohne Wissen des Kultusvorstandes es zugelassen und begünstigt, daß der Verein „Ansche Emes" ein st ä n d i g e s Bethaus erhalte. Es sei nämlich der Vorstand des Tempelvereines identisch mit dem Vorstande eines im selben Bezirke bestehenden Schulvereines und es habe dieser Schulverein seine Lokalitäten gegen einen Jahreszins dem Vereine „Ansche-Emes" für sein ständiges Bethaus vermietet. Von alledem hatte der Kultusvorstand keine