Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 7 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nationalzeitung Rr. 7 Leider nahm diese glückliche und erfolgreiche Tätigkeit ein baldiges Ende. Die jüdischnationale Partei vermochte weder bei den mährischen Landtagswahlen noch bei den Ersatzwahleil für den Reichsrat mit) galizischen Landtag in Brody- Zloczow und Kolomea irgend einen tatsächlichen Erfolg zu erringen. Zwar wurde in Kolomea ein Kandidat in der Person des Dr. Zipser nominiert, doch infolge mangelnder Unterstützung von seiten der Parteileitung und der Gesinnungsgenossen mußte dieser von der Bewerbung abstehen und dem allpolnischen Kandidaten weichen. Auch sonst wurde die Tätigkeit der Jüdisch- Nationalen von Mißgeschick begleitet. Der Polenklub hat — wie es scheint nicht ohne Erfolg — versucht, Uneinigkeit in die Reihen der Zionisten zu bringen, indem er den zionistischen Führern 4 Mandate zusicherte, unter der Bedingung, daß sie ihr aggressives Vorgehen gegen die Polen aufgeben und im Falle ihrer Wahl dem Polenklub bcizutreten sich verpflichten. Ein, wenn auch nur geringer Teil der galizischen Zionisten scheint den Sirenenklängeli des Polenklubs gerne zu lauschen, so daß ein polnisches Blatt die „Gazeta Nadworana" von einer tiefgehenden Spaltung in der zionistischen Partei zu berichten wußte. Was Wien anbelangt, so hatte man im Anfänge die Absicht gehabt, in den 2 jüdischen Wahlkreisen Kandidaten aufzustellen, ja es verlautete, daß Dr. S ch a l i t selbst sich um das Leopoldstädter Mandat bewerben werde. Doch durch gewisse intriguenhafte Machinationen veranlaßt, mußten die ziemlich aussichtsreichen Wiener Kandidaturen anfgegeben werden und Dr. S ch a l i t sah sich veranlaßt, sich um ein galizisches Mandat zu bewerben. Dieses Vorgehen ist aus mehr als einem Grunde höchst bedauerlich und ge f ä h r l i ch. Erstens ist in Galizien selbst an Kandidaten wahrlich kein Mangel. Treten ja zum Beispiel in Kolomea nur acht Kandid aten auf, darunter, zwei zionistische, Dr. Zipser und Dr. B r a n de. Die Kandidatur eines Wieners in Galizien würde daher dem von galizischen Asstmilanten geprägten Schlagworte vom „zionistischen Streber" eine gewisse, innere Berechtigung verliehen. Anderseits ist es vom nationalen Standpunkte höchst gefährlich, die Wiener jüdischen Mandate kampflos unseren Gegnern zu überlassen, die, wie wir aus sicherer Quelle wissen, Dr. Ellenbogen, Dr. Hein und Dr. Ofner heißen. Drei typische Assimilanten, trotzdem der eine sich sozialistisch, der andere liberal und der dritte sozialpolitisch betätigt. Geeint sind alle drei durch ihre Abneigting gegen den Zionismus, überhaupt gegen die jüdischnationale Bewegung, die sie als reaktionären Klerikalismus bezeichnen. Am weitesten in dieser Hinsicht geht wohl Dr. Ofner, der sich nicht nur nicht enthalten konnte, in einer öffentlichen von der Union einberufenen jüdischen Volksversammlung auszurnfeu: „Ich lasse mir mein deutsches Herz nicht aus der Brust reißen", sondern sogar noch weiter ging und der deutschnational-freisinnigen Verbindung „Fidelitas“, deren Ehrenbursch er ist, den Rat gab, jüdischnationalen Studenten keine Satisfaktion zu geben und sie so für ehrlos zu erklären. Diesen Männern die Erlangung eines Mandates durch Nichtbeteiligung an der Wahl zu erleichtern, wäre nicht nur eine Ungeschicklichkeit, sondern auch ein schweres, unsühnbares Vergehen. Wie wir hören, geht ein aus der jndischnationalen Wählerschaft gebildetes Wahlkomitee von ähnlichen Grundsätzen aus und plant die Aufstellung von unabhängigen jüdischen Kandidaten. Wenn wir anch einem solchen spontanen Vorgehen aus der Wählerschaft den besten Erfolg wünschen, müssen wir dennoch die Hoffnung aussprechen, daß die z i o n i st i s ch e Parteileitung in letzter Stunde noch den Ernst der Lage einsehe und in zielbewnßter Weise auch in Westösterreich in den Wahlkampf eingreife. Ebenso müssen wir darauf Hinweisen, daß jede, sonst noch so notwendige und nützliche Arbeit bis zum Wahltage zu ruhen hat. Besonders erwähnen wir dies in Bezug auf die von Dr. MargulieS in der letzten Sitzung des Zentraloereines gemachten Acußerungen, daß diesen Winter besonders die Palüstinaarbeit gepflegt werden müsse. Wir halten ein solches Vorgehen in der jetzigen Zeit für taktisch falsch und unangebracht. Der zionistischen Parteileitung erwächst also die Pflicht noch jetzt ihr Möglichstes zu tun. Vor aller» muß sie ein Programm formulieren und einen Ausruf an die Wählerschaft erlassen, dann genügende Geldmittel für Presse und Wahlagitation sammeln. Wir halten dies für den schwersten Teil ihrer Tätigkeit. Aber was bei den Wiener Kultuswahlen möglich war, muß auch bei den ungleich wichtigeren Reichsratswahlen durchgesetzt werden. Auch durch eine vernünftige Kompromißpolitik mit wirtschaftlichen,, nationalen und politischen Gruppen könnte vieles noch erreicht werden. Starken Einfluß tu der Wählerschaft besitzt der Hausbesitzervecein, dem seit langen der sozialdemokratische Abgeordnete in der Leopoldstadt ein Dorn im Auge ist. Auch das schon seit langer Zeit erörterte Bündnis mit den Tschechen könnte nicht nur in der Leopoldstadt, wv es eine stattliche tschechische Wähleranzahl gibt, sondern auch in Böhmen und Mähren gute Früchte tragen. Auch an ein Zusammengehen mit der j u n g- und g r o ß ö st e r r e i ch is ch e n Bewegung, die seit jeher dem nationalen Standpunkte der Juden Rechnung trug, wäre zu denken. — Fürwahr große Aufgaben sind es, die unser harren, die Führer mögen vorangehen und ein würdiges Beispiel geben, damit der große lomen t, der für die nationalen' R e n a i s s a n c e j u d e n gekommen ist, nicht ein Häuflein kümmerlicher Ghettojuden findet. Wien, im Jänner 1907. Stellung der Zionisten zu den Neichsratswählen. Lemberg, den 18. Jänner 1807. Samstag, den 19. ds. vormittags begannen in Wien die Beratungen der politischen Parteileitung der zionistischen Organisation über ihr Verhalten zu den Reichsrätsivahlen. Um den galizischen Mitgliedern der Parteileitung eine Direktive für die Wiener Konferenz zu geben, fand vorigen Sonntag in Lemberg eine Kotlferenz zionistischer Delegierter statt, welcher 40 Vertrauensmänner der zionistischen Partei Galiziens beiwohnten. An das Referat des Dr. Adolf Stand über die politische Lage und die nächsten Aufgaben der Zionistenpartei im Lande knüpfte sich eine lebhafte Diskussion und wurde einstimmig eine Resolution beschlossen, durch welche 1. die zionistischen Kandidaten verpflichtet werden, im Falle ihrer Wahl die Gründung eines jüdischen parlamentarischen Klubs anzustreben, wobei der Eintritt in irgend einen anberen nationalen parlamentarischen Klub und somit auch in den Polenklub ausgeschlossen bleibt; 2. Wahlkompromisse mit irgendwelchen Parteien können nur unter der Bedingung geschlossen werden, daß die jüdischnationale Individualität darunter nicht leidet; 3. die herankommende Wahlkampagne für den Reichsrat ist zu einer energischen Agitation behufs Weckung d(s Nationalbewnßtseins, Organisierung des jüdischen Volkes und Bekämpfung jedweder politischen Korruption und politischen Demoralisation zu benützen. Zum zweiten Punkte der Tagesordnung: „Taktik" wurde folgende Resolution beschlossen: Der Parteitag bestimmt, daß bei den nächsten Reichsratswahlen nicht nur Zionisten, sondern auch jüdischnationale Kandidaten, welche sich betreffs der Landespolitik der zionistischen Parteileitung unterstellen, aufgestellt werden dürfen. Der Delegiertentag beschließt, der Wiener Konjene unklare, bewußte und unbewußte Sehnsucht, die so schmerzvoll ist, unter der wir anflebten .. . Wir Juden ... Man sieht: Herr Ch. Müntz hat garnicht die Absicht, die neue Lösung eitles alten Problems zu geben. Die jüdische Einheit will er betont wissen, und unterscheidet gleich zwischen guten und schlechten Juden. „Wir werden dem schlechten Juden unser Volk abwendig machen... Er mag zum Orkus gehen, oder mit neu geboren werden... Denn kein einziger ist da, der nicht den neuen Juden in sich hätte..." Aber bei Verfasser sagt uns nicht deutlich genug, was eigentlich der schlechte Jude ist. Und wir. die „Neugeborenen", wir „neuen Juden", was ist unsere Aufgabe?... „Wir müssen aufhören, die fremden Völker der Menschheit zu verjuden, ihre Einheit zu durchwühlen, zu lockern, zu sprengen." Wir dürfen also nicht zur Assimilation zwingen. Nicht etwa uns selbst! Herr Ch. Müntz meint, wir dürfen die „Anderen" llicht zwingen. So steht es im Buche. In der Praxis allerdings, ist es auch richtig; nur umgekehrt. Nur um-?lekehrt . . . Niemals assimiliert sich der Jude reiwillig, selbst im Schlechtesten lebt ein Stückchen von dem alten Jndengeist. Aeußere Umstände zwingen ihn zur Assimilation. Doch bleibt er Jude, denn niemals wird und kann er uns so fremd werden, als daß er nicht den Heimweg fände . . . Und es ist bloß das Gesetz der Entwicklung . . . Und deshalb ist es richtig: „Der Jude bleibt uns ewig Jude". Der Verfasser sagt weiter: „Der Einzelne kann nur einen Vorschlag wagen ..Aber er selbst wagt ihn nicht. Er „wünscht" nur. Wünscht uns Juden, die dem Judentum leben, Jndividualjuden und „junge Juden die ihren Leib stählen, ihren Arm die Waffe führen lernen und freundschaftliche Geplänkel lieben ..." Lauter wünschenswerte Dinge. Jedoch die Form, der Weg? Das ist die Frage, die bei der Lektüre dieses Buches immer wieder gestellt werden muß. Da wird von „Zweimalzwei-Wahrheiten" mit einer so sachlichen Tiefgründigkeit gesprochen, die einfachsten Dinge so problematisch angefaßt und aufgefaßt, indes; das Resultat immer ein allbekanntes ist. Die Melange von Goethepose und Brahnianen- Weisheit wirkt aufreizend .... Dem Jüngsten der selbstbewußten Juden hat Herr Ch/Müntz nichts neues mehr zu sagen. Und deshalb sei ihm die laute Frage: „Ist nun das Judentum wirklich erklärt?. . ." still beantwortet: nein, es ist nicht richtig, daß ein Erschöpfen des Problems, einer Beleidigung seiner Tiefe gleichkommt; es ist nicht richtig', daß die Arbeit der Entzifferung erst später beginnen soll. Und es ist nicht blos ein Buchstabe in dem Alphabet der Judensrage gefunden worden, wir haben uns bereits gefunden und die anderen werden zu uns finden. Freilich, nicht auf Grund der Metaphysik, die Pflichten lehrt. Nein, weil wir bereits wissen, was wir wollet». Noch sind wir uneinig. Aber tvir werden uns finden, so wie wir uns in dem Momente der Einigung gefunden. Herr Ch. Müntz hat recht: „Es ist nicht gut. Mystik lehren zu wollen . . Das Volk läßt sich heute auch nicht mehr Mystik aufzwingen. Aus der Summe seiner Erkenntnisse, die im Volksganzen liegen, zieht es die realen Prämissen, und das sind die elementare» Grundlagen zu einer Neugestaltung des Judentums. Jawohl, wir haben das Wort! Aber hier hätte es auch Herr Ch. Müntz, wenn er nicht mit einem schönen Anfang — schließen würde. „Zum nächsten Jahr in Jerusalem. Amen. ..." —?? — Nein, sonst nichts. Wie gesagt: Der Verfasser wünscht nur, glaubt und hofft. Deshalb schließt er auch gerade dort, wo man heute einsetze» müßte, um das Problem des neuen Judentums zu lösen, den Weg der Lösung zu zeigen. Eine Apologie des Judentums kann diesen Problemen nicht nähertreten. Die pathetischen Wortführer des Judentums haben sich ja scholl oft genug als ex oKo-Verteidiger erwiesen. Und der Klient hat sie oft genug nicht anerkannt. Wir Juden .... Nochmals zu dem Buche. Es ist sehr schwer dem komplizierten, oft über sich selbst stolpernden Gedankengang des Autors zu folgen. Die langatmige Behandlung der einfachsten Fragell tvirkt ermüdelld, originelle Gedankell finden sich spärlich, und sind zu anfdlinglich betont. Manchmal hat mall den Eindruck, als ob Herr Ch. Müntz die einfachen Wege der Erklärung scheut. Ich lvill nicht viel von den sprachlichen Ungeheuerlichkeiten sagen, die der Verfasser in der Sucht nach Neuprägullgen begeht. Seine „wolkenbedeckten Fragen", die „Jubelsonne seines Jasagens" mögen nebensächlich sein. Dem nebensächlichsten Subjekte sind mitunter acht Adjektive vorangestellt. Das alles wäre nebensächlich, wenn man konkreter Gedanken Erwähnung tun könnte. Aber die sind in diesem philosophischen Bombast nicht auffindbar. A. Coralnik, hat es treffend gesagt: wir sehnen uns nach der Form für unsere Sehnsucht. Und ich weiß nicht, wem das Buch des Ch. Müntz zu empfehlen wäre; jenen, die die Form für ihre Sehnsucht suchen, oder jenen, die unsere Sehnsucht suchen, oder jenen, die unfere Sehnsucht noch nicht ergriffen hat? Die einen wird es nicht befriedigen, die anderen nicht aufrütteln, nicht packen. Max S ch a ch e r l.