Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 7 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 Nationalzeltung Nr. 7 Kenntnis, so daß er alljährlich nur zn den hohen Feiertagen dem „Ansche'Emes-Vereine" über dessen Einschreiten zeitweilige Betversainmlnugen gestattete. Erst als int Frühjahr 1906 der Verein „Ansche Eines" das bisherige i'ofat verlieb, ein nenes mietete und dies behuss Erlangung der Genehmigung dem Kultusvorstande anzeigte, sei dieser zur Kenntnis jener Borgänge gelangt. Im Sommer 1906 sei nun der Tempel« verein von neuem mit der Bitte der Untersagung des „Ansche-Emes" Bethauses hervorgetreten und habe hierin auch die Unterstützung der Bezirkskommission gesunden. Der Tempelverein habe von neuem behauptet, daß seine Existenz durch das Bethaus „Ansche-Emes" gefährdet sei. und daß er, wenn dieses nicht untersagt werde, den Verein auftösen und den Tempel dem KultuSvorstande zur Verfügung stellen werde. Wiederholte Versuche zur Beilegung der Differenzen unter Zuziehung der beiderseitigen Vereinsvorstände blieben fruchtlos; der Versuch bei der Bezirkskommission, ivelche sich mit aller Entschiedenheit auf die Seite des Tempelvereines stellte, die Einvernehmung auch des Vereines „Ansche-Emes" und sonach eine beiderseitige Aussprache zu veranlassen hatte keinen Erfolg gehabt. Die Bezirkskommiision unter dem Einflüsse des Tempelvereines stehend, verweigerre es entschieden, mit den Vorstehern des „Ansche-Emes" Vereines in irgend welchen Vs»kehr zu treten. So war zu Ende Oktober 1906 der Stand der Sache, worüber dem Kultusvorstande die Entscheidung Vorbehalten blieb. Am 23. November 1906 richtete der Vorstand des Tempelvereines ein Schreiben an den Kultusvorstand, worin er ohne jegliche Beziehung auf seine Differenzen mit dem „Ausche-Emes"- Verein und auf die hierüber gepflogenen Verhandlungen erklärte, daß er im Jänner 1907 eine Generalversamrnlung einberufen und derselben den Antrag auf Anflösung des Vereines vorlegen werde. Es war dem Vorstande des Vereines und dessen Wortführern, den Herren Seligmann und Straßberg wohl bekannt, daß damals und bis halben Dezember die Wahlen in den Kultusvorstand stattfanden, daß sodann ein Wahlprotest eingebracht, daß hierüber nach eingehenden Erhebungen in öffentlicher Sitzung des Kultusvorstandes, das Budget für 1907 festgestellt wurde, daß sodann und zwar wieder in öffentlicher Sitzung am 6. Jänner 1907 die Neukonstituierung des Vorstandes erfolgte. Es war ferner den genannten Herren wohlbekannt, daß all dies und dazu noch eine Fülle der laufenden und dringendsten Angelegenheiten die volle Kraft und Zeit des Kultusvorstandes in Anspruch nahmen, und daß überhaupt vor der Neuorganisierung des Kultusvorstaudes, welcher zu einem Vierteile aus neuen Mitgliedern besteht, Angelegenheiten von größerem Belange nicht zur Beschlußfassung kommen konnten. Es ist dies alles auch den Herren Seligmann, Straßberg u. a. in xrLsiäio gesagt worden und es stellte sich aus den vielerlei Besprechungen endlich heraus, daß die Differenzen mit dem „Arische Emes"-Vereine als Motiv der Auflösung des Tempelvereines früher nur vorgeschützt waren, daß die Herren Vorsteher des T^nrpelvereines aus irgend welchen Gründen nicht weiter inittun wollten und daß sie nun statt — wie es ihre Pflicht geboten hätte — die Vereiusmitglieder zur Wahl eines neuen Vorstandes zu berufen, es vorzogen, den von ihnen gegründeten Verein zur Auflösung zu bringen und den Kultusvorstand vor eine vermeintliche Zwangslage zu stellen. Um den statutenmäßigen Bedingungen der Auflösung zu entsprechen, giengen sie sogar soweit gedruckte Briese vorzubereiten, mit welchen den Vereinsmitgliedern ihr Austritt aus dem Vereine bescheiniget, auf solche Weise die Zahl der Vereinsmitglieder reduziert und so die für den Auflösungsbeschluß erforderlichen Minimalzahl der Teilnehmer an der die Auflösung beschließenden Vereinsversammlung herabgedrückt wurde. Ueber die Vorgänge bei der Generalversammlung liegen die Berichte der Delegierten des Kultusvorstandes, des Herrn Vizepräsidenten Dr. Gustav Kohn und des Herrn Vorstehers kaiserlichen Rat Kauders vor. Hierüber, sowie über den zum Tempelban geleisteten Kapitalsbetrag der Kultusgemeinde, über das ferner seinerzeit gewährte zinsfreie Darlehen, über die auf Jahre hinaus bewilligte Stundung der stipttlierten Darlehensrückzahlnugsraren, über die jährlichen Subventionen und sonnigen Benesizien, sowie über den Etat des Tempelvereines wird Ihnen in der nächsten Sitzung ein eingehendes Referat erstattet, und werden auch die sämtlichen Zuschristett und Protokolle, aus welchen sich ment obiger summarischer Bericht beruft, verlesen werden. Ich ersuche Sie, diesen vorläufigen summarischen Bericht zur Kenntnis zn nehmen. Im Anschlüsse an den Bericht des Prnsidei'ten Herrn Dr. Alfred Stern erwähnt Herr Vizepräsident Dr. Gustav Kohn in Kürze die Vorgänge bei der Generalversammlung und bemerkt, daß er sich infolge eines gegen Schluß der Sitzung durch den Vereinspräsidenten hervorgerufenen Zwischenfalles veranlaßt sah, noch vor erfolgter Abstimmung die Versammlung zu verlassen. Mit Rücksicht daraus, daß viele Vtreinsmitglieder sich gleichfalls vor Abstimmung aus dem Saale entfernten, glaube er, daß die zn derselben erforderliche statutenmäßig festgesetzte Zahl von Mitgliedern bei der Schlußabstimmung nicht anwesend war. Den erwähnten Zwischenfall, sowie die übrigen Vorgänge bei der Generalversammlung uiirö der von ihm in der nächsten Sitzung zn erstattende Bericht ausführlich behandeln. Das Vertreter-Kollegium wird sohin ersucht, nach Beratung dieser Angelegenheit dem Plenum Anträge zn stellen. (Wie wir vernehmen, findet noch im Lause dieser Woche im Bezirke eine öffentliche Versammlung statt. Anm. d. Red.) Subventionen werden bewilligt: Dem Tempelverein „Emunrs Awes", dem FrauemWohltätigkeitsverein im 11. Bezirk, dem Asylverein für Obdachlose, dem Vereine zur Errichtung und Erhaltung von Horten für schulpflichtige Kinder in Wien, der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums in Berlin. Nach Erledigung von Personalien wird die Sitzung um halb 2 Uhr nachmittags geschlossen. Das Waisenhaus in Gföhl. Die „Neue Freie Presse" weist seit einiger Zeit an der Stelle, die blsher der Sammlung der „Chewra Kadischa" reserviert war, das Spendenverzeichnis für das Waisenhaus in Gföhl aus. Unter den Spendern stört selten ein arischer Name das Gefühl, als handle es sich um den „Verein für fromme rc." Gföhl liegt im Waldviertel, welches von Christlichsozialen, Deutschnationalen und Haustieren bewohnt wird. Für die verlassenen Kinder der ersten beiden will nunmehr die Bevölkerung der Gonzagagasse und des Salzgries ein Asyl erbauen. Aus jener Gegend ist mir ein Fall bekannt, daß ein k. u. k. Regimentsarzt jüdischen Glaubens durch die Maffia der antisemitischen Burschenschaft von Jmbach aus seiner Sommerwohnung vertrieben wurde. Jüdische Sommerparteien, Kaufleute und Hausierer, die jene Gegenden fennen gelernt haben, würden manch ergänzendes Stücklein berichten können. Ich möchte einem der jüdischen Spender, dem man „es ansieht", empfehlen, seinerzeit das fertige Waisenhaus zu besuchen. Es kann ihm passieren, daß die Zöglinge bei seinem Eintritt in den Garten den Chorus anstimmen: „Jud, Jnd, hep, hep, hep, Schweinefleisch macht Jüdlach fett." Hann« F. Die Spaniolen des Orients. Von Dan S. Mbachartz. Der spanische Jude in der Türkei bildet ein wichtiges Vermittlungselement in jenem noch nicht ganz kultivierten Lande. — Er ist gewissermaßen der Plvilier und Verbreiter abendländischer Kultur bei jenen Volksstämmen, die das Gebiet der europäischen Türkei bewohnen. — Insbesondere als Händler spielt der spanische Jude diese Vermittlerrolle. — Er kauft dem Türken sein Getreide und sein Vieh ab. worauf er ihm Vorschüsse gibt; er ist sein Bankier. Nichts spricht mehr für seine Ehrlichkeit, als das ihm entgegengebrachte Vertrauen der Bevölkerung und unterscheidet er sich in dieser wie in f mancher anderen Beziehung vorteilhaft von seine» Konkurrenten, den Griechen, Numänen usw. Der Türke, der für den Handel sehr wenig Begabung zeigt, war seit jeher ans die Vermittlung anderer Nationalitäten angewiesen, die ihm seinen Ueberfluß an Produkten abkauften oder gegen europäische Artikel eintanschten. Das türkische Militär läßt sich mit Vorliebe durch jüdische Handlnngshünser verpflegen, die ihm Brot und Fleisch zu liefern haben und dafür von der Behörde den Zehent in Pacht bekommen, der von der türkischen Bevölkerung noch in natura abgeliefert wird. Durch das Vermittleramt der spaniolischen Inden nnt den Erzeugnissen abendländischer Kultur bekannt geworden, wurde die Nachfrage nach diese» Artikeln wesentlich größer und entwickelte sich daraus in der Folge der türkische Handel, der auf allen europäischen Handelsplätzen beliebt ist, weil er in hohem Maße Rohprodukte abgibt und Jndustrieartikel konsumiert. Wie ichon erwähnt, beteiligen sich auch die aiibereu in der Türkei seßhaften Nationen an diesem Handel, doch besitzen sie bei weitem nicht das Vertrauen seitens der Türken, das dieselben dem spanischen Juden entgegenbringen. Dieses Mißtrauen der anderen Nationalitäten hat sich im Lause der letzten Jahre durch die Unabhängigkeitsbestrebnngen der Serben, Bulgaren, Grieche», Rumänen und Makedonier wesentlich vertieft und geht schon so wett, daß die in den von der Pforte abgetretenen Ländern noch wohnhaften Mobamedanern nach und nach ausivandern und unter keiner Bedingung in diesen für sie fremden Gebieten verbleiben wollen, sondern Haus und Herd verlassen, um sich in die ihnen tu solchen Fällen von der türkischen Regierung kostenlos zur Ansiedlung überlassenen Distrikte 'nach Asien zurückzuziehen. In solchen Fällen übernimmt der spanische Jude Rechte und Pflichten des Emigranten (Eintreiben der Forderungen, Verkauf von Grundstücken rc.). Ein Händler genießt nach europäischer Anschauung kein besonderes Ansehen und seine Existenz wird von berufener uub unberufener Seite öffentlich kritisiert. Lassen wir die Frage unentschieden, vb er in dem einen oder anderen Lande volkswirtschaftlich entbehrlich ist, in der Türkei aber ist der Händler ein notwendiges Element, denn die Türkei konnte sich bis heute zur Industrie infolge natürlicher Ursachen noch nicht emporschwingen. Bis hente entwickelte sich im Orient nicht einmal die Tuch und Fez-Fabrikation, welche Erzeugnisse einen ganz bedeutenden Konsum im Lande selbst besitzen, deren Rohprodukte der Türkei entnommen, nach Europa gebracht und erst als fertiges Fabrikat aus dem Westen wieder der Türkei zugeführt werden müssen. Die Türkei stellt heute noch feine hohen Ansprüche an ihre Bewohner. Uebrigens bietet ihm seine fruchtbare Scholle soviel für sein sehr anspruchsloies Dasein, daß er es einfach auch nicht notwendig hat, sich mit der Fabrikation zu befassen, abgesehen davon, daß ihm auch die notwendige technische Bildung mangelt. Es genügen ihm zumeist die Erzeugnisse seiner Hausuldustrie. Vor der Erbauung der Eisenbahn spielten die Märkte eine große Rolle (Uskudschova rc) und der spaniolische Jude hatte für dieselben vollauf zn tun. Doch seitdem die direkten Linien Europa mit bent Orient verbinden, ist sein Verdienst bedeutend geschmälert worden und mit ihm leidet auch der türkische Handel in Eltropa. In politischer Hinsicht ist dem Spaniolen in der Türkei noch manches Recht geblieben. So z. B. die eigene Gerichtsbarkeit. Auch in kultureller Beziehung genießt er volle Autonomie. * -«- * Vorstehender Aufsatz erschien im Barcelonaer Blatte „El Diluvio", das folgende beachtenswerte Bemerkung vorausgeschickt: „Dieser Artikel ist von einem solchen spanischen Inden verfaßt, dessen Vorfahren seinerzeit leider ans Spanien vertrieben wurden und welche durch Jahrhunderte die Sprache ihres undankbaren Vaterlandes bewahrt haben. Aus der Lektüre dieses Dokuments kann man «aschbar! WafferDicht! «erachlo-r Kclorm-Scbwcinblältcr WM Ml. wwm