Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 7 (25.1.1907)
- Date
- 1907-01-25
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Redaktion: lX/1. lVasagaste 31. Telephon Nr. 14783. Sprechstunde,>r An Wockkningkn vo» 10 bis 12 Uhr vorm. '1’ortabrcfTe: „Nationalzeltiing". Wien IX/1. «vrichwerden weg?» verspäteter oder gar nickt ersoigtcr Zustellilng erbitte» wir u»s briuttcnb. — Manuskripte werden nicht znriickgestellt. Postsparkassenkouto 47037. Ta« Abonnement lann täglich ', beginnen. Erscheint jeden Dienstag und Freitage Administration: IX/1, Wafagalfe 81. M (in» Snjirtnl. - §mn§i|(l(t uni 6fj(ftcöarttnr 3nfo6 StrnuSj. Inserate übernehmen die spruie».- F. Danneberg, M. DnteS Nackfolge Haasenstein & Vogler. Rudolf Masse, M. Pozsonyi, A. Schale! in Wien ferner alle Anuoiicenexpeditione» i,n Anslanoe. Einzelnummer in Wien 15 Heller. Telephon Rr. 14783. NbonnementSpretsr Kiir Wien n. Oesterreich- Ungarn s. Fraukojusiellung: »jährlich. . . . L 18 — iihrlich . . . . „ « — Bierieljährlich . . . „ 3 — a»r d. gesamte Slnslaud r Ganzjährlich . . . kl 1^ 18 | Preis der Anzetgenr Die bmal geipalt. Nonpareillezeile oder deren Raum 12 h. „Eingefendet" die Zkpaltige Nonpareillezeile b0 n. Bei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien, I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, l, Jakoberq. 7. Wien, Freitag den 25. Jänner 1907 (10. Jcbat 5667) Ar. 7. Ser große Moment?) (Einige Bemerkungen zur jüdischen Wahlbewegung.) Von Paul Diamant. Das Jahr 1906 ist eines der bedeutendsten in der Geschichte der jüdischen Beweinung. Seit dem unheilvollen Jahre 70, seit dem Tage, an dem des Römers freche Faust Jerusalem zerstörte, war die staatliche Selbständigkeit und Autonomie der Juden dahin. Ein geringer Rest von Unabhängigkeit, den sie sich im Parther- und im Neuperserreiche zu erhalten wußten, verlor bald seine Bedeutung. Das jüdische Volk hatte aufgehört ein politisches zu sein. Vergebens bluteten auf den Schlachtfeldern Bar Äochba, Aden Jfa und David Alroy, vergebens bemühten sich bei beit Mächtigen der Erde Männer, wie Abarbanel, Don Jofo und Herzog von Naxos und Disraeli. Nationale Rechte konnten sie ihren Stammesgenosfen nicht verschaffen. Zwar hat die Gesetzgebung der Emanzipationszeit dem Juden Rechte verliehen, aber immer nur individuelle d e m Inden, nie völkische und politische den Juden. Doch die nationale Bewegung. das Streben dem eigenen Volksiume überall und unter allen *) Obgleich wir mit allen Ausführungen, besonders mit dem persönlichen Teile des Artikels nicht einverstanden sind, veröffentlichen wir selbe ans dem Grunde, weil wir in der Frage, welche Stellung wir Juden m ben Reiche ralswalilen ein nehmen sollen, leine Stimme unterdrücken wollen. (Anmerkung der Redaktion.) Umständen, besonders aber in den parlamentarischen Vertretungskörpern den gebührenden Einfluß zu verschaffen, machte so wie bei allen Völkern auch bei den Juden Fortschritte. Und im Jahre 1906 sahen wir ein großartiges und kaum geahntes Schauspiel. In die Reichsduma, die Zar Nikolai berief, um seinen aufrührerischen Völkern die Segnungen des konstitutionellen Friedens zu verschaffen, zog auch eine Schar Nationaljuden ein, darunter der Präsident des ersten jüdischnationalen Bankinstitutes und mehrere Führer der zionistischen Bewegung. Doch damit begnügten sich noch nicht die sechs Millionen russischer Inden. Sie verlangen vollständige nationale Selbstbestimmung, Einberufung eines jüdischen Landtages, des sogenannten Sejm, lauter Forderungen, die vom letzten Parteitage der rußländischen Zionisten in Helsingfors ausführlich diskutiert und in etwas modifizierter Gestalt zum Beschlüsse erhoben lvnroen. Wenden wir unseren Blick unserem Vaterlande Oesterreich, dem Staate mit der zweitgrößten jüdischen Bevöllerungsziffer, zu, so müssen wir vorerst mit Freude konstatieren, daß das historische Jahr 1906 auch vier mannigfache und nachhaltige Spuren zurückgelassen hat. Das mächtige, um sich greifende Streben nach Einführung des allgemeinen an Stelle des ständischen Wahlrechtes zog auch die Juden in die Arena des politischen Kampfes, der Landespolitik". In zahlreichen, im ganzen Reiche von den Zionisten veranstalteten Versammlungen forderte der größte Teil der jüdischen Bevölkerung IX. Jahrgang. nationale Autonomie und Berücksichtigung bei der Wahlkreiseinteilung. Dieses Streben war von teilweisem Erfolge begleitet, denn es wurden zirka 12 Wahlkreise 'geschaffen, deren überwiegende Majorität eine jüdische ist. Die zionistische Partei war auch sonst recht tätig. Der Führer der österreichischen Zionifieir Dr. Schalst hatte mit den, Grafen Bylaudth-Rheidt eine Unterredniig, in der rer Minister die Tätigkeit der Zionisten als eine edle und loyal-österreichische bezeichnete. Das österreichische zionistische Landeskomitee berief hierauf einen außerordentlichen Parteitag nach Ärakau eilt, ans dem die Gründung einer österreichischen Reichspärtei und die Beteiligung an den kommenden Reichsratswahlen fast einstimmig beschlossen wurde. Der Führer der Bukowinaer Judenschaft und erste jndischnationale Reichsratsabgeordnete Doktor Strancher leitete die Verhanolungen des Delegiertentages und trat offiziell der zionistischen Parier bei. Als es sich um die Neubesetzung des durch den Tod des Dr. Byk erledigten Neichsratsmandates von Brody - Zloczow handelte, da traten die nationalen Juden voll Freude in den Wahlkamps ein und es kommt zur wichtigsten Kundgebung der jüdischen Bewegung in Oesterreich. Der jndischnationale Kanditat, das Mitglied des zionistischen Aktionskomitees Adolf Stand erklärt in einer Brodyer Wählerversammlung, daß er im Falle seiner Wahl dem reichsrätlichen S.hachzizenklub nicht beitreten werde, eine Aeußernng. die nicht nur ein freies Wort, ondern auch eine h i st orische Tat bedeutet. Feuilleton. Wir Juden. Die religionsphilvivphische Literatur. . . Ost genug ist's gesagt worden: die neuen Propheten von alten Utopien werden nicht alle. Die religionsphilosophischen Werke der jüngsten Zeit haben einen Grundgedanken gemeinsam, sind sich in einer Tendenz gleich: in jedem einzelnen dieser Bücher, soweit sie die Jndenfrage behandeln, findet sich dieses schwere, traurige Problem unserer und vergangener Tage — ge« löst. Sv hat erst jüngst Johannes Schlaf in seinem Werke „Christus und Sophie" eine ganz eigene Definiiion gegeben, ohne aber dem innersten Wesen des Judentums irgendwie gerecht werden zu föiuieu, denn er hat sich hierin die Theorien Chamberlains zu eigen gemacht. Aber von Inden selbst wurde die „Indenfrage« literatur" stark bereichert. Immer werden neue Möglichkeiten gefunden, jedem eröffnen sich neue Perspektiven.... Messiasliteratur.... Das Judentum aber, schlaff und müde geworden in dem d>äugenden Wirrsal unserer Tage, hat seiner Messiasidee konkretere Formen gegeben, hat sie ans realerem Boden gestellt nin sicht inzwischen den Kampf des Alltags aus. Unsere Religionsphilosophen leben in der Meinung, daß das Volk an ihren idealen Losungen vorübergehe; umgekehrt: sie sind es, die an den realen Erfordernissen des Volkes vorübergehen! Die geistreichste Definition der Judenfrage kann heute nur literarisches Interesse erlangen, heute, wo ein Großteil selbstbewußter Juden selbst am Werke ist. reale Bedingnisse für die Zukunft des jüdischen Volkes zu schaffen. Seit Theodor Herzl.. , Buch bleibt heute Buch. „A l t n e ul a n d" aber ward zur Idee... Seit Theodor Herz!... „Wir Juden." Das sind die goldgedruckten Worte ans einem grellen Bnchnmichlag. das ist der Titel eines Buches.*) Mit einem Aufwand von hundertviernndzwanzig Seiten bejaht der Verfasser die Einheit des Judentums, des jüdischen Wesens. Ein Plaidoyer. Eine Apologie. Das Buch eines Besatzers, und dennoch Friedrich Nietzsche, dem groß n Verneiner gewidmet?... Und warum eine Apologie? Glaubt Herr Ch. Müntz ernstlich, daß seine zu Juden gesprochene Philoioptzie von Inden widerlegt werden wird? Eine Verteidigung der jüdischen Vergangenheit erscheint uns überflüssig, eine Philosophie der Zukunft erfolglos, beim mir reale Motive entscheiden über die *) „Wir Juden." Von CH. Müntz; bei Oester- Held u. Co.. Berlin. 1907. Existenz eines Volkes. Nur die Formung des Volksbewußtseins, nur die Gestaltung des Volkswillens sind Pflichten, die dem neuen Judentum obliegen. Herr Ch. Müntz sagt aber immer wieder: „Metaphysik lehrt Pflichten." Welche Pflichten? Er meint, wir müßten es wissen; das wäre gewiß gut. Wir aber glaubten, daß es uns Herr Ch. Müntz sagen werde. Doch nennt er uns als Pflicht der Metaphysik die Kenntnis der Pflicht sich selbst gegenüber, die Kerintnis der Pflichten dem Volksganzen gegenüber. Wir Juden . . . Wir keimen unsere, diese metaphysischen Pflichten nicht mehr. „Jahrtausendlange Verfolgungen haben das Judentum wahnsinnig gemacht. Als Ganzes erweckt es bald Graue», bald Mitleid, bald Verachtung, bald Unwillen." ... Warum aber.? Das Neueste: m an fürchtet u n s. Dann ist es allerdings Utopie, ans einen besseren Zustand ininitten der übrigen Volker zu denken, denn seinen Feind greift man an oder man verbirgt sich vor ihm. Wir siild isoliert. Was nun? ... Herr Ch. Müntz rät uns. „den Sprung ins Leben zu wagen." . . . Welchen? In welches Leben? Wohin? „. . . Tausende junger Juden wissen, daß es ein Weiter und Voran ^ebert muß. . ." Jedoch die Form? Statt ihrer gibt uns Herr Müntz den Gemeinplatz vom „Neuen Judentum". Das Wort, das uns noch immer nicht mehr ist, als ausgesprochene Sehnsucht; SWF Die nächste Nummer erscheint Dienstag/ den 2% Jänner. ~9B 0023