Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 6 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 6 Nationalzeitung Seite 3 von Jänner bis Juli 1906 1747 Personen nach Palästina eingewandert, 959 Männer und 798 Frauen. Von diesen Einwanderern waren 598 Kinder unter 15 Jahren, 797 Personen standen im Alter von 16—45 Jahren, 46—60 Jahre zählten 199 uud über 60 Jahre 109 Personen. 44% der Einwanderer waren Handwerker, 33 % Kaufleute, der Nest gehörte anderen Berufsklassen an. Wir ersehen aus diesem Berichte, daß von 1747 Emigranten, die nach Palästina gekommen sind, nur 80 Personen in den Kolonien untergebracht werden konnten, während der größte Teil der Einwanderer, und zwar 1372 Personen, in Jaffa geblieben ist. Aus diesen Ziffern sieht man gleich, daß, wenn die Zionisten den Emigrationsstrom tatsächlich nach Palästina lenken wollten, sie höchstens in Jaffa ein neues Ghetto nach dem Muster Jerusalems schaffen wurden. Aus den weiteren Mitteilungen des Jnformationsbureaus geht hervor, daß unter den 700.000 Einwohnern Palästinas zirka 80.000 Juden sich befinden, von denen bloß 7000 in den Kolonien wohnen, während der Nest in den Städten wohnt. In Jerusalem allein befinden sich 45.000 Juden, also beinahe die Hälfte der jüdischen Gesamtbevölkerung Palästinas, welche bekanntlich größtenteils von der „C h a l n k a" existieren. Wir würden dann in Jaffa einen zweiten Herd der „Chaluka" bekommen. Daß dies der Fall sein müßte, geht aus den weiteren Angaben des Jnformationsbureaus hervor. Unerwünschte Elemente für die Einwanderung sind solche, die an landwirtschaftliche Selbstständigkeit denken, ohne hinreichende Mittel zu besitzen. Die sogenannte Kleinkolonisation der früheren Jahre hat die Wohltätigkeitsreform genügend ad absurdum geführt; ferner Kleinhändler, Handlungsgehilfen und gewisse Klassen von Handwerkern, wie Uhrmacher, Klempner, Schuhmacher und Schneider, deren Berufe überfüllt sind: umso bessere Aussichten bietet das Maurerhandwerk, da viel gebaut wird und die Bauzeit fast das ganze Jahr hindurch währt. In allen anderen Gewerben sind neben Energie unb Geduld, tüchtige Fachkenntnisse und Kapital erforderlich, das neben Installierung und Miete — die für ein Jahr im voraus gezahlt wird — den Unterhalt der Familie wenigstens für ein halbes Jahr gewährleistet. Aus diesen Baten ersieht man, daß die hauptsächlichsten Berufskontingente, aus welchen sich die jüdische Emigration rekrutiert, in Palästina gegenwärtig keine Beschäftigung finden können. Auch ein Blick auf die Lohnverhältnisse in Palästina zeigt uns, daß in Palästina die erste Voraussetzung für eine Einwanderung fehlt. Ans dem mehrzitierten Berichte entnehmen wir folgende Stelle: Für unverheiratete, gesunde, junge Leute bietet sich Gelegenheit zü landwirtschaftlicher Arbeit bei einem Tagesverdienst von 1'25 Mark, während Köchinnen und Kindermädchen für den Monat bei freier Station 12—16 Mark verdienen. In abgelegenen Bezirken Palästinas, wie Saida (das alte Siden), ist eine Familie glücklich, wenn sie 4—5*/, Mark pro Woche verdienen könnte. Der landesübliche Lohn für Hausarbeit in Palästina ist 0°80 Mark bis 150 Mark für den Tag. Wir sehen also, in welchen niedrigen Grenzen sich die Löhne Palästinas bewegen, während beispielsweise ein ganz gewöhnlicher landwirtschaftlicher Arbeiterin Kanada 10—12 Kronen pro Tag verdient, weibliche Dienstboten, wie Köchinnen oder Kindermädchen aber zirka 80 Kronen pro Monat bei freier Station verdienen. Es ist klar, daß der Mangel jeder wirtschaftlick)en Entwicklung in Palästina und der dadurch bedingte Tiefstand der Löhne keine Anziehungskraft für eine Emigration bilden kann und so sehen wir auch tatsächlich, daß die Emigration nach Palästina nicht nur eingestellt wurde, sondern, daß die bereits eingewalkderten Elemente durch den Mangel an Arbeitsgelegenheit, sowie durch die niedrigen Löhne enttäuscht, von Palästina nach und nach abwandern. Ich erinnere Sie an einen Vortrag, den Herr Prof. O. W a r b u r g in der jüngsten Zeit im I ü d i s ch e n Kolonisationsv e r e i n i n W i e n gehalten hat, bei welchem er die gegenwärtige Lage des jüdischen Volkes sowie die Frage der Emigration besprach. Er hat hierbei aber nicht von der Gegenwart, sondern von der Zukunft Palästinas gesprochen und hat entschieden abgeraten, Kolonisation in Palästina mit unbemittelten Elementen zu betreiben. Er meinte, und dies mit Recht, daß sich in Palästina gegenwärtig nur solche Elemente koloniefieren können, welche über ein Vermögen von wenigstens 12—15 000 Kronen verfügen. Zur Regelung der Emigratipn der mittellosen Elemente hat Herr Prof. Marburg die Unterstützung der J.C.A empfohlen und sagte in Bezug auf die Tätigkeit der „Jca": „Ich meine selbstverständlich die Tätigkeit der von Baroit Hirsch gegründeten „Jewish Colonisation Association" in Argentinien, eines der großartigsten Kolonisations- und Hilfswerke der Neuzeit. Ich will hier kein Loblied auf diese Gesellschaft singen, ich halte die „Jca" durchaus nicht für das Ideal einer Kolonisationsgesellschaft, ich glaube sogar, daß sie ihre Mittel in weit zweckmäßigerer Weise zum besten des jüdischen Volkes verwenden könnte, als sie es tatsächlich tut. Trotzdem muß man, meiner Ansicht nach, wenn man unbefangen urteilt, anerkennen, daß sie in A r g e n t i n i e n ein großes und zukunftsreiches Gebiet der jüdisch e n K o l o n i s a t i o n erschlossen hat, e i n T e r r i 1 o r i u m, das b e r u f e n i st, irr wenigen Jahren ein bedeutsam e s, j ü d i s ch e s Z e n 1 r u m z u b i l d e n. Wählend diese Gesellschaft früher Einwanderer von Rußland nach Argentinien auf ihre Kosten brachte, die dadurch ein Anrecht auf dauernde Versorgung erworben zu haben glaubten, bald unzufrieden wurden und das Kolonisationsgebiet verließen, so daß die Zahl der Kolonisten viele Jahre hindurch kaum zunahm, so -siedelt sie jetzt im wesentlichen nur solche Leute an, die aus freien Stücken kommen, und daß diese Methode erfolgreich ist, erkennt man an der Zunahme der jüdischen Bevölkerung dieser argentinischen Kolonien in den letzten Jahren. Von 1904 bis 1905 stieg die Zahl der Kolonisten von 1148 auf 1251 Familien, resp. von 8290 auf 9227 Seelen, während die Zahl der auf den Kolonien lebenden Nichtackerbauern sich in dem betreffenden Jahre sogar von 836 auf 2195 Seelen erhöhte; es leben also schon 11.400 Juden in den argentinischen Kolonien der „Jca". Schon beginnen die ersten Ansätze einer zukünftigen Stadtbildung sich dort zu entwickeln, ein Zeichen, daß die Kolonien jetzt, nach ^jährigen Versuchsstadium, wirklich zu prosperieren beginnen. Sie werden vielleicht sagen, daß 14 Jahre eine ziemlich lange Zeit ist, man kann aber getrost behaupten, daß nur wenige Kolonisationsunteruehmungen, soweit sie nicht von Alteingesessenen unternommen sind, eine geringe Zeit zur Entwicklung brauchten. Daß auch ein innerer Fortschritt auf den Kolonien zu verzeichnen ist, ersieht man daran, daß im Jahre 1905/1906 nicht weniger als 80.000 Hektar mit Körnerfrüchten und Lein bestellt worden sind gegen 59.000 Hektar im Vorjahre, und daß sich die Zahl der Rinder, Pferde, Maulesel und Schafe von 88.000 in dem gleichen Jahr auf 109.000 Stück erhöht hat. Daß es sich hierbei nicht um ein kleines Gebiet handelt, erkennt man, wenn man die Größe des Besitzes der Gesellschaft mit Palästina vergleicht; das der „Jca" gehörende Land umfaßt nicht weniger als 4637 Quadratkilometer, also fast ein Sechstel der Oberfläche Palästinas. Wenn die intensive Kultur eingeführt würde — Laien, welche die Bezeichnung der „Maamadoth" führen. Wie die Priester und Leviten, so wurden auch die Israeliten oder Laien des gesamten Landes in 24 Ordnungen geteilt, aber von diesen tvurde nicht jede Abteilung in ihrer vollen Stärke zum Tempel berufen, sondern nur je eine Anzahl erwählter Glieder als „Volksdeputierte". Diese Maamadoth-Deputierten hießen „Ansche Maamad". während die diensttuenden Priester unb Leviten „Ansche Mischmar" genannt wurden. Zu welchem Zwecke aber wurde diese Einrichtung der „Ansche Maadmad" getroffen? Und zu welcher Zeit wurde sie getroffen? — Im Talmud (Taanith 26 a) wird sie folgendermaßen begründet: „Wie sollte das Opfer eines Menschen'dargebracht werden, ohne daß derselbe dabei wäre, dabei stände?!" — Die täglichen Opfer im Tempel wurden ja für das gesamte Volk dargebracht und aus der Schekelsteuer des gesamten Volkes bestritten, sie waren also Volksvpfer, die nicht ohne Beisein des Volkes dargebracht werden sollten. Da indessen nicht das gesamte Volk dauernd in Jerusalem sein konnte, wurden Volksvertreter dazu berufen, um bei der Opferung anwesend zu sein (s. Raschi a. a. O.). Die Zeit der Opferung wurde jedesmal in Jerusalem durch einen Herold bekannt gegeben, tvelcher mit lauter Stimme rief: „Auf, ihr Priester zu eurem Dienste, ihr Leviten zu eurem Sange und ihr Israeliten zu eurem Standorte!" Einmal — so wird erzählt (Joma 20 b) — war des Herolds Ruf so mächtig, daß ihn der König Agrippa, als er von einer Reise zurückkehrte, drei Parasangen weit, mehr als zwei Meilen, vernolnmen und dafür den Herold beschenkt habe. — Nach der Opferung, nachdem die Priester die Opferstücke auf die Altartreppe gelegt hatten, versammelten sich die Priester, Leviten und Volksdeputierten zu einem Gottesdienste, zu Gebet, Thorah-Vorlesung und Priesterfegen. Auch in den anderen Städten des Landes wurde von den zu Hause gebliebenen Gliedern der betreffenden Wochenabtellung, des Maamad, zu gleicher Zeit ein Gottesdinst abgehalten. Die,e Gottesdienste der „Maamadoth" haben noch die Zerstörung des Tempels lange Zeit überdauert und sofern sie unter anderem auch die Lektüre^ der Opferordnung zu ihrem Inhalte hatten, au"ch die Stelle der Opfer als .Versöhnungsmittel vertreten. Noch etwa am Ende des dritten Jahrhunderts n. u. Z. hat der Lehrer R. Assi (Taanith 27 b) gemeint: „Wären die Maamadoth nicht, so würden Himmel und Erde, die ganze Menschenwelt nicht bestehen können.So man vor Gott die Opferordnung liest, verzeiht er alle Sünden." Doch die Ursache für die Institution der Maamadoth scheint in Wirklichkeit eine andere, eine tiefere gewesen zu sein, als die oben vorgetragene. Weint es von jeher üblich gewesen ist, daß im Heiligtum die täglichen Opfer von den Priestern ill Abwesenheit des Volkes dargebracht'wurden, so muß für die neue Einrichtung, daß das Volk oder dessen Vertretung dabei anwesend sei, ein besonderer Grund den Anstoß dafür geboten haben. Und dieser Grund war, wie wir glauben, der, daß man nicht mehr den Priestern, im all« gemeinen traute und man deshalb kundige Laien zur Anwesenheit bei der Darbringung der Opfer heranzog. Es sollte die traditionelle, gesetzmäßige Ausführung gewissermaßen überwacht werden in einer Zeit, in welcher wenig Vertrauen genießenden Priestern diese Atlsführung oblag. Es dürfte denn auch eine solche Zeit für die neue Einrichtung maßgebend gewesen sein. Wann hat es eine solche Zeit gegeben? Etwa in den Tagen „der Propheten zu Jerusalem", auf welche die Einrichtung zurückgeführt wird, — also zu Anfang des zweiten Tempels? (Toss. Taan. IV). In allen Quellen erscheint diese Einrichtung weit jünger als die Einteilung der Priester und Leviten m je 24 Abteilungen, die ja bereits den „ersten Propheten" zuerteilt wird. Da aber nach unserer Ausführung diese Einteilung als ein Werk Simons II „des Gerechten" zu Ende des dritten Jahrhunderts v. u. Z. anzusehen ist, so dürfte jene Institution weit später getroffen worden sein, und zwar um das Ende des zweiten Jahrhunderts v. u. Z., als die Partei der Sadduzäer durch Johann Hyrkom zur Macht gelangte, die Partei, welche den traditionellen Ueberlieferungen abhold gewesen ist und manchen Priester aufweisen mochte, welcher die Funktionen im Tempel nicht nach den Lehrern der Pharisäer vollzog. Aus diesem Grunde entschloß man sich, wenigstens einen Teil des Volkes, welches ja im Großen und Ganzen den Pharisäern anhing, nach dem Tempel zu den Opferhandlungen heranzuziehen durch die Einrichtung der Maamadoth. — In einem Falle aber, wo die Anwesenheit von Jsraeliten-Laien-Pharisäern unmöglich war, nämlich am Versöhnungstage, an welchem der Hohepriester nur allein das Allerheiligste betreten durfte, da blieb nichts anderes übrig, als ihn zu beschwören, daß er ganz im Sinne der pharisäischen Lehre daselbst den Dienst verrichte (Joma Mischn. 1, 5). Die Zuziehung nicht priesterlicher Laien und Aeltesten aus dem Volke zu den Opferhandlungen ist daher eine Errungenschaft der Pharisäer, hervorgegangen aus dem Gegensätze der sadduzäischen Lehre. (Populär-wissenschaftliche Monatsblätter".)