Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 6 (18.1.1907)
- Date
- 1907-01-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Ratioiialzeitmig Nr. 6 Mb der territorialistischen Sewegung. London. Bekanntlich hat Zangwill in seiner letzten großen Rede unter anderem auch den Beitritt des Präsidenten des Hilfsvereines der deutschen Juden, Herrn James S i m o n in Berlin zu dem leitenden Komitee des Departements zur Regulierung der Auswanderung in Aussicht gestellt. Wir sind, nun in der angenehmen Lage mitteilen zu können, daß Herr James S i m o n diesem Komitee nunmehr endgiltig beigetreten ist. Am 5. Dezember a. St. fand die II. Konferenz der S. S. („Sozialistisch-zionistische Arbeiterpartei") statt, welche sechs Tage dauerte. Auf der Tagesordnung stand die Beratung folgender Fragen: 1. Berichte. 2. Der gegenwärtige Stand der Partei. (Allgemeiner Ueberblick.) 3. U n s e r e Stellung zur z w e i t e n R e i ch s d u m a. 4. Wahlkampagn e. Blocks und Ver« einbarungen; die Plattform für die Wahlen; Kanditaten. 5. Unsere nationalen Forderungen und S ch u l v e r e i n. 6. SDte territoriale Politik: a) die Rolle der Organisation in der Emigration; 6) die Rolle der Organisation in der Kolonisation; o) unsere weitere territorialistische Tätigkeit. -7. P a r t e i p r e s s e. 8. Parteifinanzen. 9. D e r i n t e r n a t i o u a l e S o z i a l i st e n k o n g r e ß in Stuttgart. 10. E v e n t u a l i a. Aus den gefaßten Resolutionen bringen wir als meistinteressante, die den Territorialismus betreffende: Die territorialistische Taktik. Von dem Standpunkte der Resolutionen der I. Konferenz über die Tendenzen der jüdischen Emigration ausgehend, konstatiert die Konferenz, daß die jüdische Emigration einen derartigen Grad erreicht, und einen solchen Charakter angenommen hat. welcher die Einwirkung der Organisation zum Zivecke der Konzentrierung der emigrierenden Massen auf einem freien Territorium dringend fordert, und als geboten erscheinen läßt; ferner, daß die Konzentrierung und Kolonisierung der Emigranten durch eine Volksorganisation, welche territorialistische Ziele verfolgt und welche in ihrer Tätigkeit auf sämtliche an der territorialistischen Bewegung interessierte Schichten des jüdischen Volkes sich stützt, durchgeführt werden kann; ferner, daß die planmäßige Beherrschung der Emigration als eines der Realisierungsmomente des Territorialismns zu betrachten ist; ferner, daß die Parole eine konstitnierende Versammlung (Konferenz), in Rußland, behufs Schaffung eines territorialistischen Verbandes einzuberufen, ans die am Territorialismus interessierten, breiten Schichten des jüdischen Volkes, organisierend wirken; ferner, daß das jüdische Proletariat, das am Territorialismus am meisten interessiert ist, in der territorialen Lösung des jüdischen Emigrationsproblems einen aktiven Anteil nehmen muß; ferner, daß die Einmischung des Staates in die Emigration zur erfolgreichen Beherrschung derselben beiträgt, spricht sich die Konferenz für eine großzügige Agitation, im Sinne der Notwendigkeit, der Organisierung eines territorialistischen Volksverbandes, aus. Die Konserrenz findet, daß das „Zentralkomitee" der S. S. eine Diskussion über alle Fragen, die territorialistische Politik betreffend, eröffnen und führen soll, besonders über den Zeitpunkt der Einberufung einer territorialistischen Konferenz, über den Charakter der Funktionen eines territorialistischen Verbandes, die Forni unserer Beteiligung im territorialistischen Verbände, und der Beziehungen des Staates, zuni territorialistischen Verbände. Entstehung und Realisierung des Territorialismus. ~ (Vortrag gehalten von M. Schmidt in der konstituierenden Versammlung der Wiener Territorialisteu.) IV. (Schluß). Die Lage des jüdischen Volkes hat sich inzwischen vielfach verschlimmert. Die Notwendigkeit einen Ausweg aus dieser Lage zu finden wird mit jedem Tage dringender. Die Judeumassakres sind jetzt in Permanenz. In den letzten zwei Jahren wurden in Rußland nach den verläßlichsten statistischen Daten zirka 600 kleinere und größere Pogromms veranstaltet. Die Emmigration aus Rußland gleicht einer Flucht. Nach den statistischen Angaben des General-Einwanderungskommissürs der Vereinigten Staaten, ist die Einwanderung der russischen Juden nach Amerika in den letzten drei Jahren von 76.203 auf 129.910 Seelen im Jahre gestiegen. Eine große Anzahl von russischen Juden ist nach Kai'rada, Argentinien, Südafrika und Australien geflohen. Die Auswanderung aus Rußland wird für die letzten drei Jahre auf zirka 3% der jüdischen Bevölkerung Rußlands geschätzt. Die jüdische Auswanderung hat also einen Grad erreicht, daß nur Blinde die Ursachen und Folgen dieser Erscheinung im Judentum übersehen können. Die Jüdische Territorialistische Organisation, welche diese Erscheinungen vorausgesagt und dieselben zu Voraussetzungen ihres Programms gemacht hat, ist von diesen Ereignissen natürlich nicht überrascht, erachtet es als ihre Pflicht vor dies u Ereignissrn nicht die Augen zu verschließen und arbeitet rastlos an der Schaffung einer Heimstätte, welche das jüdische Volk vor allen Eventualitäten der Zukunft schützen soll, andererseits kann sie vor diesen täglichen Erscheinungen nicht die Augen schließen und ist jetzt mit der Ausarbeitung eines Plaues beschäftigt, welcher auch ans die Tagesfrage der jüdischen Emigration eine Antwort gebe» soll. Näheres hierüber dürften Sie bald erfahren. Auch andere jüdische Organisationen wenden dieser Frage ihre Aufmerksamkeit zu nud schließen sich dem Werke der Regelung der jüdischen Emigration an. Nur eine jüdische Organisation schließt bewußt oder unbewußt die Augen vor dieser Erscheinung. Ich meine die jetzige zionistische Organisation. Während die zionistische Organisation ursprünglich die jüdische Emigration und die sozialökonomische Lage des jüdischen Volkes zum Ausgangspunkt ihres Programmes machte, nimmt sie jetzt zu diesen Fragen ein zweideutige Stellung ein. Es ist den Palästinensern unangenehm, daß die Ereignisse den Ugandisten und Territorialisten recht gegeben haben. Das, was die Letzteren auf dem VI. und VII. Kongresse vorausgesagt, ist früher eingetreten als sie es selbst geglaubt haben. Diese Ereignisse drängen aber ans eine Antwort, und zwar auf eine sofortige. Die Zionisten, welche sich durch die unglückseligen Beschlüsse des VII. Kongresses die Hände gebunden haben, können auf diese Fragen eben keine gerade Antwort geben. Während sie auf einer Seite die Notwendigkeit der Regelung des Emigrations Problems zugeben müssen (Frankfurter und Brüsseler Konferenz), bemühen sie sich andererseits, allen einzureden, daß man den Emigrationsstrom nach dem „Orient" (lese Palästina) lenken kann. Zu diesem Zwecke hat die russische Landsmannschaft der zionistischen Organisation ein Jnformationsbureau errichtet. Wir können ihnen. für diese Errichtung nur dankbar sein, denn die ersten Berührungen dieses Bureaus mit der Wirklichkeit Palästinas hat gezeigt, daß dieses Land in der jetzigen politischen und wirtschaftlichen Verfassung keineswegs als ein Abflußbecken für den jüdischen Einigrationsstrom dienen kann. Aus den Berichten dieses für Palästinenser gewiß verläßlichen Jnformationsbureans entnehmen wir folgende interessante Daten: Nach zuverlässigster Statistik sind in den 6 Monaten Abteilungen vermehren, um die einzelnen Priester seltener für den Dienst heranzuziehen, dafür aber alle Priester wenigstens zweimal im Jahre zu berufen, und dies hat Simon II „der Gerechte" getan (vgl. das Jüdische Literaturblatt IX, 49 meinen Artikel „Simon I oder II „der Gerechte?"). Von diesen 24 Abteilungen wurde eine jede nach der Reihe für eine ganze Woche zum Dienste berufen, so daß eine jede zwei Wochen etwa im ganzen Jahre im Tempel beschäftigt war, in der übrigen Zeit des Jahres jedoch zu Hause bleiben konnte, mit Ausnahme der Wattfahrtsfeste, an denen mit der gerade bestimmten Abteilung auch jeder andere Priester freiwillig bei den Festopfern mittätig sein durste. (Maim. Kle Mikd. I. H. III, 4). Ein großer Teil der gesamten Priesterschaft scheint deshalb gern in der Nähe Jerusalems gewohnt zu haben,' beispielsweise in Jericho, denn es wird berichtet (Taanith 27 a): „24 Abteilungen waren in ganz Palästina, und 12 (von ihnen) in Jericho". Es kann doch dieser Satz nicht so aufgefaßt werden, daß von den 24 Abteilungen, welche für den Tempel berufen wurden, zwölf nach Jericho gekommen und daselbst geblieben wären. Denn was hätten diese hier zu schaffen gehabt? Etwa wirklich, a. a. O. ansgesührt wird, um ihre Brüder in Jerusalem mit' Nahrung zu versorgen?! — Nein, das konnte doch wohl auch in Jerusalem selbst geschehen. Vielmehr besagt der Satz, daß 24 Abteilungen aus ganz Palästina nach Jerusalem kamen, und daß 12 von ihnen aus Jericho waren, denn Jericho war reich au Priestern. (Vgl. A. Büchler, die Priester und der Kultus. 1895. S. 161.) — Eine jede Abteilung (Mischmar) hatte ihren Führer, ihr „Haupt", welches sie in sieben Mannschaften (Bote-Abot) für die sieben Tage ihrer Woche teilte, sodaß jede Mannschaft an einem Tage im Dienste stand, aber dennoch die ganze Woche hindurch anwesend sein mußte. Eine jede Mannschaft hatte wiederum ihr „Haupt", welches einem jeden Gliede das Dienstpensum festsetzte. Sie bildeten die untersten Stufen der Priestergesamtheit, die ihrer Würde nach acht Stufen darstellte. An der Spitze stand der Hohepriester. Ihm folgte dem Range nach der „Segan", der Priesterfürst, die Stütze, die „rechte Hand" des Hohepriesters, im Notfälle sein Vertreter. Nach diesem kamen nicht weniger als zwei „Katholikin" (oder „Kathiknlin" bei Maim. I. H. Kle Mikd. IV, 17) als Stützen oder Minister des „Segan". Unter diesen standen nicht weniger als sieben „Amarkolin", die „Herreir" des „ganzen" Hauses, die Schwellenhüter, welche die Schlüssel zu den sieben Toren der Tempel- Borhalle hatten und nur zu gleicher Zeit auf Geheiß ihres „Hauptes" diese öffneten und schlossen. Ihnen folgten nicht weniger als drei „Gisbarin" als die Wächter der Opfergefäße; der „Rösch Mischmar" als das Haupt der Wochendienstabteilung; der „Rosch Beth-Aw" als das Haupt der' Tagesdienstabteilung, und endlich der gemeine Opferpriester. — Von allen diesen verschiedenen Würden (j. Schek. 49 a) ist die Funktion, die Aufgabe der beiden „Katholikin" am unklarsten, weil gar nicht irgendwie besonders gezeichnet. Der griechische Name beweist, daß er erst aus einer späteren Zeit, wohl der alexandrinischen, stammt und mit ihm vermutlich auch das besonders getrennte Amt. Da wurden sie als „Attherren" die Tempel-Sekretäre, die Herren über die Afarah der Frauen, der Israeliten und der Priester, die Herren, die sich um das ganze Heiligtum, den Gottesdienst, das Opferwesen und die Tempel schätze zu kümmern, darüber zu wachen hatten und dafür verantwortlich waren. Sie wurden vom Könige und vom Hohepriester berufen, während die Amarkolim und die Gisbarim aus der jedesmaligen Wochen-Dienstabteilung hervorgiugen. Daher auch Josephus (kontra AP. II, 8) im allgemeinen richtig bemerkt: „Jede neue Dienstabteilung findet sich des Mittags im Tempel ein und übernimmt von der abziehenden die Schlüssel des Tempels und alle Gefäße nach bestimmter Zahl." lind wie die Katholikin, deren Stellung in Chr. II, 31,13 — allerdings ohne diesen Namen — gekennzeichnet ist als die beiden Männer, welche durch den König und durch den Hoheprister berufen ivurden und zehn Gehilfen und Unteranfseher hatten nach Anzahl der Amarkolin und Gisbarin, so ist auch der „Segan" als solcher erst in einer späteren Zeit als ein ständiger Würdenträger eingesetzt worden. Erst ans dem Munde eines, im letzten Jahrhundert vor der Zerstörung des zweiten Tempels lebenden „Segan", des R. Khanina, hören wir die Begründung für die Einsetzung dieser Würde, daß sie nämlich den Zweck hatte, eine Vertretung für den Hohepriester zu schaffen, falls derselbe durch Verunreinigung zum Dienste (namentlich wohl am Versöhnungstage) untauglich würde (Toma 39a). Ist aber auch dieses der ursprüngliche Beweggrund für die Nomination dieser Würde gewesen, so sind dann auch damit wohl noch andere Pflichten vereinigt worden, wie namentlich diejenige, alle etwaigen Anordnungen und Verfügungen zu treffen und mit ihnen die „Katholikin" vertraut zu machen. Neben den Priester- und Leviteu-Abteilungen, neben den „Mischmarvth", sind noch andere Abteilungen für den oder beim Tempeldieuste erwähnt, die Abteilungen der Israeliten oder