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Nationalzeitung · 1907-01-11 · Heft 4 (11.1.1907) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1907
Issue
Heft 4 (11.1.1907)
Date
1907-01-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 4 Nationalzeitung Seite 3 essiert, und an» der Gemeinschaft der Interessen konstruieren wir die Realisierung des Territorialismus. A's Realpolitiker wissen wir, das; ohne Vorhandensein des gegenseitig-il Interesses die territoriale Frage nicht gelost werden kann. Wir diirfen uns keinen Täuschungen hingeben und hoffen, daß man uns ans einem Idealismus irgendwo (auch in Palästina nicht) ein Territorium zur Verfügung stellen wird. Auch dürfen wir uns nicht der Hoffnung hingeben, daß man nns bereits kultivierte Ländereien geben wird, wir können nur auf unfultivierte Territorien rechnen und das genügt uns!" Die Geographische Kommissivn der „Jtv" ist bereits im Besitze mehrerer territorialer Anbote lind ist mit der Untersuchung dieser Territorien vom Gesichtspunkte der Interessen der jüdischen Massen beschäftigt. Die Geographische Kommission hofft zum Frühling mit ihren Untersuchungen schon so weit zu sein, um dem jüdischen Volke ein geeignetes Territorium unterbreiten zu können. Dann werden die Disknssiorien geschlossen — die praktische Arbeit der „Iw" beginnt und nach einer fast 2000jährigen Wanderung wird eas jüdische Volk endlich nach einem Hasen gelangen, wo es die ersehnte Ruhe, Sicherheit, Erwerb und Freiheit erlangen wird. (Schluß folgt.) Äuswan-elung nach Nordamerika. (Bortraa geholten von Herrn Schriftsteller Jacques Jäger, Mitglied der Oesterr.-ungar. Kolonial Gesellschaft.) Unter diesem Titel hielt Herr Schriftsteller Jacques Jager Sonntag, den 6. d. M, in der „Iü d i s ch eit Toynbeehal le" einen ungemein >»t restanten und geistvollen Vortrag. Im ersten Teile befaßte sich der Vortragende mit der Beschaffenheit der nordamerikanischen Territorien, besonders aber mit den Formeln der Einwanderung in Amerika überhaupt, die dieser gründliche Kenner der Verhältnisse (Herr Jäger ist auch Mitglied der „Oesterr.-ungar. Kolonial-Gesellschaft), als geradezu schmachvolle bezeichnet .... Wir lassen nachstehend den glänzenden, populären Vortrag auszugsweise folgen. Die Emigration ist so alt, wie die Menschheit selbst; in der älteren Geschichte findet man sie zumeist in der Form der „zwangsweisen Deportation", resp. Kolonisa ion. Der große Strom der Auswanderung bewegte sich ursprünglich von Ost nach West, der Süden blieb das verschonte Kunstideal. In jüngerer Zeit k>ystallisierte sich der Wille des Auswanderers in einem unbezähmbaren Drange: nach Amerika! Es war das Parad es, das Zukunft -land. Erfinder, Gelehrte, Vergnügnngsreisende, Einwanderer und Defraudanten, sie alle wollten oder mußten dieses Eldorado seben. Indeß, obgleich Amerika heute nicht mehr das Land des Geldes ist, so blieben doch alle gesetzlicl en oder sonstigen Eindämmungen erfolglos. Die Emigration nach Amerika erreicht heute horrende Ziffern. Die erste statistische Ziffer über die Zahl der Einwanderer wurde 1837 bekannt; in diesem Jahre kainen 2447 Einwanderer nach Amerika; Oesterre ch Un arn stand an erster Stelle. Im Jahre 190'r waren 170000 Menschen eingewandert. Da hat allerdings schon Rußland das Hauptkontingnt gestellt. Die Emigration selbst hat schon von, rein nationalen Standpunkte aus vieles gegen sich. Der Mangel an „nationalen Häfen" macht sich speziell in Amerika stark fühlbar: der Eingewanderte geht seiner Nation fast verloren. Was nun die vielen Schwierigkeiten und Schikanen bei der Landung in Ellis-Island betrifft, so ist vor allem zu bedenken, daß die Ge'etze Amerikas nicht elwa von einem humanen Präsidenten N oosevelt oder einer parlamentarischen Kommission beschlossen werden; das amerikanische Volk selbst schasst sich jene behindernden Gesetze. Niemand kann in New Bork oder anderen Zentren sein Handwerk ausüben, wenn er nicht der großen sozialistischen Organisation jedes Gewerbes beitritt. Und wenn er auch in Europa 2b Jahre selbständiger A. beiter war, drüben muß er als Lehrling beginnen. Das alles sind nock kleinere Leide», gegen die Qualen auf Ellis Island. Von der genauen Leibesuntersuchuilg bis zum Bertilb n'schen Verfahren, wird eine ganze Skala von Schikanen angewende'. Die Respektierung des jüdischen Ritus niu te erzwungen werden. So werden alle Mittel in Aniveudung gebracht, um die Einwanderung zu ersctnveren, unmöglich zu machen. -Schließlich hat die amerikanische Negierung nicht so Unrecht, denn es ist ja zu einer« gervissen Teile auch ein Selbstschutzoerfahren. Alles konzentriert sich in einigen großen Städten des Ostens, schafft dort tu dem alten Proletariat ein neues; im Süden dagegen herrscht Wohl st and, in Texas z. B. werden für Arbeiter weit höhere Löhne bezahlt, und sind trotzdem nicht in genügender Z>hl zu bekommen. Ju diesem Gebiete wäre eigentlich das „Zukuuftsland" zu suchen. Pit lsburg ansgnommen, k-nnrnt in dem westlichen und südwestlichen Teile Amerikas 1U Mensch auf ein □*. Aber der Strom der Einwanderer drängt nach den Zentren. Das gibt dann schreckliche Bilder wie das „Eastend", das Judenviertel in Rew-Bork. Die amerikanische Regierung bereitet auch fast keine Schwi rigkeiien, wenn mau gleich bei der Landung das Innere des Staates als sein Reiseziel nachweist. Sie will die große», enorm übervölkerten Städte nur als Durckizugslinicn willig öffnen. — Wenn mau »un heute die realtsierbare Möglichkeit eines Ablenkens ins Auge fast, so käme Texas, seiner günstig n Verhältnisse wegen, als erstes in Betracht. Der Vater der Ströme, der M i s s i s i p p i, durchflutet mit seinen fruchtbringendem Strome dieses Territorium, er allein verleiht schon dem Boden die Fruchtbarkeit und macht Menschenhände überflüssig. G a l v e st o n e ist von N e w - B o r k aus, in 58 Stunden mit der nordatlautischen Elsenbahii erreichbar. Heute nimmt es schon einen erfreulichen Aufschwung und bietet die besten Aussichten. - Sizil en, das göttliche Blumenland Europas, ist g g?n Floridas L'lüteiip acht eine Wüstenei. Felder und Wiesen, Rosen, die seltensten und kostbarste» Blumenarten finden sich dort in erstaunlicher Pracht. Den gesunden Boden durchzieht der Miisisippi, der sich bei G a l v e st o n e in den Meerbusen ergießt. Für Florida wird jetzt betreffs Einwanderung stark agit ert, aber seine Terpentingeuben lassen eine Einwanderung nicht rötlich erscheinen. G a l v e st o n e und das t e x a n i s ch e (Gebiet dagegen dürsten glänzend sein. Dermalen ist es spärlich von Slawen, Polen und Ts lechen bevölkert. Als durchaus realer Faktor ist dieses Gebiet im Auge zu behalten. — Das Rassenproblein der Neger, Indianer und Chinesen bildet eine Hauptsorge der Union. Die entehrenden Ausnah»sgesetze, die die Neg r und Chinesen treffen, — die Indianer kommen ihrer schon ganz geringen Zahl wegen nicht in Betracht, — die starke Gegenivehr der Neger republik machen speziell diese Frage zu einem schwierigen Problem. Amerika bedient sich bei ihrer Unterdrückung schrecklicher Mittel. An dieser Frage ist Europa im hohen Grade mitinteressiert und die heute noch unwahrs' ein!ich klingende Möglichkeit einer Einwanderung von Negern in Eu:opa, wird bald zur Tatsache werden. Es mag dann als Entschädigung für den Verlust eigener Bürger, die nach Amerika emigrierten, angese! en werden. So stellte das ungarische Komitat Heves den An rag, an Stelle der ausgn anderen, ungarischen Feldarbeiter Kulis zu importieren. Jedenfalls ist es hohe Zeit, das Märchen von dem kolossalen Geldverdienst zu zerstören. I» Amerika ist jeder Arbeiter- Auch der Millionär. Ob jung oder alt, alles muß arbeiten. Die hohen Preislöhne frappieren allerdings; aber die geringe Kaufkraft des Publikums, das teure Leben? Der Dollar besitzt nicht seinen vollen Pariwert von K 5'—. Man kauft mit ihm um K 2' - Wert. Das Gepräge von Wohlhabenheit das den Fremden besticht, ist ein S ch e i n g e p r ä g e. In Amerika, speziell aber in den großen Städten, lebt alles über seine Verhältnisse. Nirgends wird das kleine oder große Schuldenmachen stärker betrieben. Der Arme kann nicht immer den Luxus vor sich sehen; er muß ihn kepieren. Und die Devise des modernen Amerika mit ull seinem Luxus scheint zu sein: „Nach uns die Sintflut!" . . . W>r nach Amerika geht, vermeide die Eeniren, er suche die Territorien, wo noch weit bessere ökonomische Voraussetzungen genügend gegeben sind. Einen großen Teil seiner Ausführungen widnlete der Vortragende der deuisch-preußische» Dnrchzugslinie für Emigranten. Der Weg durch Preußen bis Spandau Rnhleben ist eiu Leidensweg. Erst iu de» Pavillons der humanen „Hamburg-?lmerika-Linie" genießen die Auswauverer Ruhe, bis sie daun der Dampfer einem ungewissen Schicksale entgegenführt. Das dankbare Publikum der „Tvynbee- Halle" oau te dem Vortragenden für seine fesselnden eisten Schilderungen mit enthusiastischem Beifall. J»> Verlaufe des Abends nahm der Präsident der „Jüd scheu Tohubee-Halle", Herr Dr. Samuel y Gelegenheit, den Zuhörern das Gebiet Galvestvne in Texas geographisch zu demonstrieren, und erwähnte des jüngsten erfreulichen Ereignisses: Die Gründung eines AusivanderungSdepartements, der Jto, deren Ziele also einer baldigen Erfüllung entgegen« streben. Äus der Plenarsitzung der Wiener Lultusgemeinde vom 6. Jänner 1907. I. Einlauf. a) Spenden; b) Bericht des KnUusvorstehers Dr. Markus Spitzer über seine Vertretung des Vorstandes bei dem Leichenbegängnisse des Oberrabbiners B. Schreiber in Preßbnrg; c) Dankschreiben des Vorstandes an die Familie Hirsch für das gespendete Bild des sel. Vizepräsidenten kais. Rat Moriz Hirsch; 4) Dankschreiben der Wiener Freiwilligen Rettiimisgesellschatt für die Glückwünsche des Kultnsvorstandes und die Spende von 400Krvl>en anläßlich des 25 jährigen Jubiläum desselben; e) Dankschreiben des Herrn Michael Neurath für die Glückwünsche des Vorstandes ans Anlaß der Feier.seiner goldenen Hochzeit; f) Dankschreiben des Herrn Einanuel Schwarz für das Ehrengeschenk des Vorstandes ans Aniatz seiner diamantenen Hochzeit; g) Telegraphische Mitteilung des Lembcrger Kuliusvorstandes von dem Hinscheiden des kais. Rat Sasomon Bnber; b) Mitteilung des Tempelvereines für Mariahilf und Neubau von der Eröffnung des Fleischer Museums; i) Mitteilung der Spitaldirektion von der am 3 Dezember v. I. erfolgten Eröffnung des Ambulatoiiums für Angenkranke; Ic) Einladung des Leib Schwarzbach zur Besichtigung der Nachbildung des Salomonischen Tempels. Aus der öffentlichen Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 6. Jan na r 1907 unter dem Vorsitze des Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern. Beginn der Sitzung 10 Uhr vormittags. Der Präsident eröffnet die Sitzung mit folgender Ansprache: Es obliegt mir heute die traurige Pflicht, eines dahingeschiedenen ehemaligen Kollegen, des Herrn Direktors David Simon, zu gedenken. Nur wenige Jahre war es dem Vorstande vergönnt, diesen vortrefflichen Mann in seiner Milte wirken zu sehen, aber die kurze Zeit hat genügt, die reichen Gaben des Verewigten, die die hervorragenden Eigenschaften seines Geistes und seines Herzens zu erkennen, ihm die Hochachtung und Wertschätzung seiner Kollegen zu erwerben. Es war eilt jüdischer Schulmann im vollsten Sinne des Wortes. Er hat die Anregnng zur Gründung einer jüdijchen Religionslehrerbildungsanstalt gegeben, die. wie Sie wissen, vor wenigen Wochen ins Leben getreten ist, und auch sonst verdankt das Unterrichtswesen der Genieinde dem pädagogischen Wissen, der großen Erfahrung des Verewigten manch schätzenswerte Anregung. Wir hörten seine Meinung, leinen Rat immer mit der grös;ten Aufmerksamkeit, in dem Bewußtsein, daß das, was er sagte, seiner innersten Ueberzeugung entsprang. Wir werden ihm stets ein treues Andenken bewahren Sie haben sich, zum Zeichen der Trauer von Ihren Sitzen erhoben und sind gewiß eiltverstanden, daß diese Trauerkundgebung dem Protokolle einOcrleibt und der Familie des Verewigten znr Kenntnis gebracht werde. Wir haben in unserer Dienstagnnnuner von der Koilstituierung des Vorstandes bereits berichtet. und lassen nun die Rede des Herrn Dr. Alfred Stern und B.iurat Theodor von Goldschmidt folgen. „Meine sehr geehrten Herren! Ich fühle mich verpflichtet, ihnen für die Wiederwahl meinen herzlichsten Dank zu sagen. Es ist selbstverständlich, daß ich ntich sehr gerne den Aufgaben dieses Ehrenamtes, das ich als höchste Würde, als die höchste Auszeichnung, welche mir zuteil werden konnte, betrachte, wieder unterziehe. Es ist mir zunächst Bedürfnis, Sie, meine Hochverehrten, nunmehr als neugewählter Präsident zu begrüßen, diejenigen Herren, welche bisher dem Vorstände angehörten, die Kollegen, welche durch Wiedertvahl tvieder berufen wurden und insbesondere diejenigen Herren, welche neu ut den Kultnsvorstand eingetreten sind. Unsere Körperschaft hat durch die Wahl der neuen Herreit, die eine Fülle von Talent, Wissen und Kenntnissen ans verschiedenen Gebieten lllitbringen, eine wesentliche Bereicherung erfahren und gebe ich mich der Hoffnung hin, daß die neuen Kollegen sich gewiß gerne den vielen ° und großen Arbeiten unterziehen werden, die unser harren. Es wird nufere uiit> im wesentlichen meine Auf-

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