Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 4 (11.1.1907)
- Date
- 1907-01-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nakionalzeitung Nr. 4 Antwerpen, Havre, Bremen Belfast. Mexiko, Cuba. Südamerika, Cbina und Iaran haben häufig und rcgclniäßig Schiffe i» seinen, Hafen, und durch die 400 Schiffe, die jährlich in den ausländischen Hafen anlegen, bringt Galveston auf d-e Weltmärtte: 2 Millivneii Ballen Baumwolle, 260 OOOTonnen £M und Banniwollsamen, 12 Millionen Gallonen Banniwollsanienöl, 16 Millionen Scheffel Weizen, 150 OOO Fässer Mehl, 19.OOO Wagenladungen anderen Getreides und nahezu ,8 10,000.000 Wert an Vieh, Pferde» rc. und Fabrliaiwusanik'lli. Wenn man zu dem Haiidel mib Verkehr dieser 400 Schiffe noch das gesamte Geschäft von 215 Küstenfchiffen lnnuirechnet niit Schiffsladungen von nahezu 360 000 Tonnen, dann bekommt man eine Idee von der Bedenlung und dem Reichtum Galvestons. Galveston hat gegemvärtig etwas mehr als 40.000 Eiinvohner und auch eine jüdische Gemeinde. Größere jüdische Gemeinden in Texas sind: San Antonio, Dallas, Houston und Beaumont. Die Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung von Texas wird auf 25.000 geschäht. Ter Norddeutsche Lloyd in Bremen unterhält eine regelmäßige, wöchentliche Dampfervcrbindung von Bremen nach Galv. ston. Tie Fahrtdauer beträgt ea. 13 bis 14 Tage. Der Fahrpreis von Bremen nach Galveston für Zwiichendeckpassagiere beträgt M. 140'—. In Galveston selbst besteht ein Arbeitsnachweisebureau, das von den Eisenbahngesellschaften unterhalten wird und das die ankommenden Einwanderer in verschiedenen Plätzen des Landes unterbringt. Das von der „Jto" in Aussicht genommene jüdische Jnformationsbureau für jüdische Einwanderer in Galveston darf mit Freuden begrüßt werden " Ein jüdischer Vertrauensmännertag in Lemberg. Lemberg, 7. Jänner (Privat.) Gestern fand hier ein jüdischer Vertrauensmännertag statt, dem auch zahlreiche Reichsrats- und Landtagsabgeordnete beiwohnten. Den Vorsitz führte der Präsident der Lemberger Handels- und Gewerbekamnier, von Horowitz. Vertreter aus mehr als 10w0 Städten Galiziens waren erschienen, um über die Frage der Schaffung einer die ganze Judenschaft Oesterreichs umfassende politische Organisation zu beraten, deren Aufgabe sein soll, der jüdischen Bevölkerung die volle Gleichberechtigung zu erringen. Die jüdische Bevölkerung in Oesterreich ist ebenso einheimisch und bodenständig wie jeder andere in Oesterreich anerkannte Volksstamm, trotzdem fehle ihr die politische, soziale und ökonomische Selbständigkeit, wie sie viel kleineren Volksstämmen widerspruchslos zuerkaniit ist. Vorsitzender v. Horowitz führte in längerer Rede die Notwendigkeit aus, daß die Judenschaft nun, wo die neue Wahlreform in Kraft treten werde, sich zusammenschließe und eiiiig vorgehe, damit die Judenschaft die Stellung erhalte, die ihr mit vollstem Rechte gebühre. — Landtagsabgeordneter Dr. Frucht mann erörterte die Mittel, welche zur Erreichung der vollen Gleichberechtigung der Judenschaft auf politischem, sozialem und ökonom ischen Gebieteführen können und erklärte, der feste Zusammenschluß der gesamten Judenschaft sei jetzt mehr denn je notwendig, da nun die Judenschaft bekunden könne, daß sie es satt habe, sich fort mit leeren Versprechungen abspeisen zu lassen, sie wolle endlich einmal Tatsachen sehen, die beweisen, daß die Gleichberechtigung der Jndenschaft auf politischem, sozialem und ökonomischem Gebiete nicht nur auf dem Papiere bestehe, sondern auch wirklich existiere. Die Vertreter der radikalen Judenschaft erklärten durch ihren Delegierten Dr. A s k i n a s y, sich diesen Bestrebungen anschließen zu wollen, da es speziell die Judenschaft in Galizien nicht notwendig habe, sich vom polnischen Volke ins Schlepptau nehmen zu lassen. Der Vertreter der Sozialdemokraten Dr. Heitmann erklärte, daß die Sozialdemokratie alle Bestrebungen der Judenschaft unterstützen werde, die zur vollen Gleichberechtigung mit anderen Volksstämmen führen könnten. In einer einstimmig angenommenen Resolution wird erklärt: Der jüdische Vertrauensmännertag beschließt eine das ganze Reich umfassende jüdischpolitische Organisation behufs Wahrung der politischen, sozialen und ökonomischen Interessen der Judenschaft Oesterreichs und wählt der Vertrauensmännertag zu diesem Zwecke ein Exekutivkomitee, welches mit der Ausarbeitung eines Prvgrammes, das die Forderungen rer Inden schaff umfaßt, betraut und die zur Schaffung dieser Organisation notivendigen Vorarbeiten zu besorgen hat. Ein jüdischer Schulderem in Böhmen. Prag, 7. Jänner (Pr.vat). Gestern fand hier eine Versniiimlung von Delegierten sänitlicher jüdiscber Geineinden Böhmens statt, in der ein Exekntivsomitee mit der Aufgabe eingesetzt wurde, die Vorarbeiten für die Statuten eines neu zu bildenden jüdischen Schulvereuies (ür ganz Böhmen durchzuführen. Entstehung und Renlistkrunq des Territorislismus. (Vortrag gehalten von M. Schmidt in der konstituierenden Versammlung der Wiener Territorialisten.) III. In der Jüdischen Territorialistischen Organisation ist dem jüdischen Volke endlich eine Organisation erstanden, rvelche frei von jeder Romantik ist, der Wirklichkeit offen in die Augen sieht und von den realen Bedürfnissen der jüdischen Massen ausgehend ein Programm anfstellt, welches geeignet ist, das jüdische Problem radikal zu lösen; dieses Programm lautet: „Die Schaffung eines jüdischen Territorimns auf autonomer Basis für diejenigen Juden, welche in ihren gegenwärtigen Wohnsitzen nicht bleiben können, oder nicht bleiben wollen". In richtiger Erkenntnis ihrer Interessen, haben sich die jüdischen Massen, in Rußland, England und Amerika der territorialistischen Bewegung angeschlossen. Bon der Arbeiter- Organisation, die sich dem Territorialismus angeschlossen haben, erwähne ich die S. S. (Sozial isten-Zionisten) mit zirka 40.000 organisierten Mitgliedern, und Poale-Zion Terrilorialisten mit zirka 10.000 organisierten Mitgliedern. Es haben sich noch andere proletarische Gruppen in Rußland und Amerika dem Terrilorialismus angeschlossen, über die Letzteren besitze ich leider kein statistisches Material. Wenn wir ans einer Seite das jüdische Proletariat beim Territorialismus finden, sehen wir auf der anderen Seite auch die jüdischen Politiker und Hochfinanz sich dem Territorialismus anschließ n. Oskar Straus, der Arbeitsminister der Vereinigten Staaten von Nord« Amerika, Cyrus Sulzberger, N'chter in New- Jork und Präsident des 50 er Komitees, Lucien Wolf, einer der führenden englisch jüdischen Publizisten, die Rothschilds. Schiff, Fels und mehrere andere, durchdrungen von der Notwendigkeit und Möglichkeit der Regelung der jüdischen Emigration im Sinne der „Jto", schließen sich der territorialistischen Bewegung an. Die bestehenden jüdischen Organisationen, wie der Hilssverein der deutschen Juden, der Board of Guardians und andere mehr anerkennen. die Rid)tigkeit der „Jto". Die Führer des Hilfsfereines, die Herren James Simon und Dr. Paul Nathan sind Mitglieder des „Jto"-Komitees. Anch die „Jca", welche sich von der Unmöglichkeit der philantropischen Kolonisation und der Notwendigkeit einer politischen Lösung der Judenfrage im Sinne der „Jto" nach und nach überzeugt, bringt der „Jto" die größten Sympatihen entgegen. Diese Sympathien dürsten bald kvnkiete Formen annehmen. In allen jüdischen Gesellschaftskreisen bricht sich der Territorialismus Bahn und überall wird er mit jedem Tage besser verstanden.? In einer ganz kurzen Zeit wurden in allen Ländern, wo Inden wohnen, Organisationen begründet. Zeitungen, Broschüren und Flugblätter herausgegeben. Konferenzen und Parteitage abgehalten,' sogar in Bulgarien wurde bereits ein Parteitag abgehalten, auf dem ca. 30 Vereine vertreten waren. Parallel mit dem Wachstum und Ausbau der Organisation führt der unermüdliche Führer der Territorialistischen Organisation Israel Zangmill mit der englischen uub anderen zuständigen Negierungen Unterhandlungen wegen freien Territo ien, und, ans der in London getagten Konferenz war Zangwill in der Lage, mehrere Anbote vorzulegen, zu deren Untersuchung und Auswahl eine spezielle geographische Kommissioll eingesetzt wurde. In diese Kvinmisslon wurden folgende Herren gewählt: Lord Rothschild. Oskar Siraus, Dr. Mandelslamm und Dr. Paul Nathan. Die Zusammensetzung dieser Kommission bürgt für den Ernst der Sache, mit der sie sich zu befassen haben. Unter der zielbewußten Führung Zmigwills sehen ivir die „Jto" sich rasch der Nt-alisierung des ausgestellte Programms nähern. Wie soll aber das Programm der „Jto" realisiert werde»? Hieraus gestatten sie mir mit einigen Auszügen aus meiner Artikelserie „Territoriale Pvliuk", welche in der „Nationalzeitnng" zum Abdrucke gelangte, zu antivorten: „Wenn wir irgend ein Ideal anfstellen und. dasselbe verwirklichen wollen, so müssen wir uns immer fragen, ob außer unserem subjektiven Willen auch in den objektiven Verhältnissen Tendenzen vorhanden sind, rvelche zur Verwirklichung dieses Ideals führen. Sind diese Tendenzen in den objektiven Verhältnissen vorhanden, dann können wir bei Vorhandensein eines starken, organisierte,! Volkswillens mit Bestimmtheit ans die Verwirklichung des ausgestellten Ideals rechnen. Sind nun beim Terrrtorialismus die erforderlichen objektiverr Tendenzen vorhanden? Ganz entschieden! Als Konsequenz der ökonomischen, sozialen und politische» Unterdrückung der Inden ist ein kolossalerEmigrationsstrvm entstanden, rvelcher sich jährlich ans Rußland, Galizien und Rumänien nach den freiheitlichen Ländern, wie England und Amerika und in letzter Zeit auch nach Afrika uitb Australien ergießt. Durch diesen starken Emigrationsstroiir werden die Emigrationsländer übersättigt und infolgedessen fangen dieselben an, sich im Interesse ihrer eigenen Volkswirtschaft gegen eine weitere Einwanderung abzusperren. (Älien-Brll in England und Immigration Laws in Amerika.) Die jüdische Emigration wird also vor die Frage „Wohin" gestellt. Nach dem Muster eines Bergstromes, der sich durch alle Hindernisse einen Weg bahnt, wird sich auch der jüdische Wandererstrom nach der Richtung des schwächeren Widerstandes einen Weg bahnen und eine Abflußstelle für sich schaffen. Wie und wo wird aber diese Abflußstelle geschaffen werden? Hier hilft uns wiederum eine zweite in den objektiven Verhältnissen vorhandene Tendenz. Es existiert eine große Anzahl von jungen Staaten und Kolonien, für welche ei» frischer Zufluß von Einwanderern Bedingung ihrer weiteren Entwicklung ist. Wir wissen, daß beispielsweise Kanada und sämtliche südainerikanische Staaten, insbesondere Argentinien, in ganz Europa Agenten unterhalten, um Einwanderer unter den denkbar günstigsten Bedingungen für ihre Staaten zu werben. Die gleiche Tendenz, Einwanderer aufzunehmen besteht auch in den nnbevölkerten Teilen von Afrika und Australien und den Südstaaten der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Welches Interesse haben nun alle diese Staaten an der frischen Einwanderung? Dieses Interesse ist ein zweifaches: Erstens wird durch eine intensive Bearbeitung der noch unkultwierten Territorien der Wert des ganzen Gebietes gehoben, und zweitens sind die Metropolen und hinter ihnen das Großkapital, daran interessiert, Absatzgebiete für ihre industrielle Ueberproduktion zu schaffen. Solche Absatzgebiete kamt nur eine Landwirtschaft treibende Bevölkerung bilden. Ans diesem Griinde sind die Metropolen im Interesse des Großkapitals bemüht, auf den noch unkultivierten Gebieten starke agrikultuielle Ansiedlungen zu gründen, welche ihre Agrarprodukte nach den Metropolen exportieren und im Umtausch ihre Jndustrieprodukte importieren. Dank dem Vorhandensein dieses Interesses hoffen wir, den Territorialismus realisieren zu zu können: Wir streben die Schaffung einer Heimstätte auf freiem Territorium an, welches das in der Wanderung begriffene Judentum aufnehmen soll. Nachdem die oon der Immigration bereits übersättigten Länder eine weitere Aufnahme von Emigranten iin Interesse ihrer eigenen Wirtschaft nicht zulassen können, so werfen wir uns logischerweise ans diejenigen Länder, welche an einer starken frischen Einwanderung interessiert sind. In diesem Falle sind es Kanada, die Südstaaten Nordamerikas, die südamerkani« schen Staaten, die englischen Besitzungen in Afrika und Alistralien. Wie wir oben nachgewiesen haben, sind diese Gebiete an einer Einwanderung interessiert, wir sind an den Einwanderungslätldern inter-