Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 3 (8.1.1907)
- Date
- 1907-01-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Zeile 2 Nationalzeitung Nr. 3 veröffentlichte, großarigelegtr Rede, die einen selbst bei Zangwill-Reüen bisher nicht gehörten Beifallssturm entfesselte. Der nächste Redner war Mr. Abraham s, der zunächst seine Stellung gegen den Zionismus begründete und dann sagte:' ,^Das, was Zangw i l l bis jetzt geschaffen hat, gleicht einem Zauberwerke, das aber tatsächlich das Werk eines klugen, zielbewußten und energischen Staatsmannes ist. Der von Zangwill soeben vorgelegte Entwurf für die Regulierung der Emigration müsse die Begeisterung aller ehrlich denkenden Juden und aller Sachverständigen Hervorrufen. Hätte die „Jto" weiter nichts geschaffen, als dieses neue Auswanderungsdepartement auf der eben geschilderten Basis, so wäre sie auch schon eine große Sache gewesen, aber die Jto begnügt sich nicht mit diesem Teile ihrer Arbeit, sie trifft vielmehr ernstlich und wundervoll die Vorbereitungen für die Schaffung einer Heimstätte für unser unglückliches Volk." Es sprachen dann noch: Dr. H o l b e r g aus Manchester, der auf Grund erhaltener Nachrichten aus Rumänien, sich mit der traurigen Lage der rumänischen Juden beschäftigt, die selbst im Besitze ihrer Bürgerrechte, der Willkür der Antisemiten ausgesetzt, ihres Lebens nicht sicher sind. Er hat volles Vertrauen zu Zangwill und fordert die Anwesenden aus, unseren Führer in seiner segensreichen Arbeit zu unterstützen. Miß Carmel G o l d s m i t h unterstützt gleich ihren Vorrednern die vorgelegte Resolution. Sie erzählt einige Erlebnisse während ihrer jüngsten Reise in Rußland, wo die territorialrstische Bewegung sehr stark ist und täglich neue Anhänger gewinnt. Rührend war die Erzählung, wie ein kleiner Junge in Rußland zu seinen Eltern sagte: „Wenn uns Gott zu einem eigenen Heim verhilft, so werden wir die Christen gut behandeln, denn wir kosten es jetzt durch, wie schlecht es ist — in der Fremde z u sein!" Mr. Milton sprach jüdisch. „Es ist jetzt zum erstenmale," sagte er, „daß wir in dem Golus, in dem wir leben, ansangen, praktische Arbeit für das ganze Volk zu verrichten, und es ist eine Schande, daß auch jetzt noch Versammlungen gegen die „Jto" abgehalten werden und sich „Reverends" finden, die gegen unsere Bewegung agitieren. G o l d m a n n aus Brüssel führt ans, daß jeder Jude, dem das Schicksal seiner Brüder und unserer Nachkommen wirklich am Herzen liegt, seine Kräfte der „Jto"-Bewegung leihen müsse. Jeder, der seine Stimme gegen die „Jto" erhebt, unterstützt gleichsam die Verfolger und Bedrücker unserer Stammesbrüder. Hieraus wurde die von uns bereits veröffentlichte Resolution einstimmig angenommen. Auf Antrag der Herren L ö w e n ft e i n und B a u m a n n wurde dem Vorsitzenden der Dank der Versammlung ausgesprochen. In seinem Schlußworte dankte der Vorsitzende Herr Spielm a n n, Zangwill für seine glänzende Rede und seine bisher geleistete übermenschliche Arbeit und schloß mit den Worten : .D i e s e V e r sammln n g w i r d i n derGeschichte der Juden mit goldenen Lettern verzeichnet werden!" Unter Hochrufen auf Zangwill ging dann die Versammlnng in musterhafter Ordnung auseinander. Zentralisation des Ärmenwesens. In Wien ist in der jüngsten Zeit ein heftiger Streit um die jüdischen Armen entbrannt. Aus der einen Seite will man die Armen der größten jüdischen Gemeinde Europas, um sich börsenmäßig auszudrücken, ganz tu „Kost" nehmen; auf der 'anderen wiederum, will man dieselben nicht frei geben. H i e Zentralisation, hie Autonomie! Als mein bescheidener Aufsatz unter dem Schtagworte „B e k l e i d u n g s r u m m e l", in welchem die Errichtung eilies Zentralamtes für Armenpflege gefordert wurde, in den Spalten dieses geschätzten Blattes erschien, da schüttelten meine Bekannten die Köpfe und bezeichneten meine Ausführungen als Träumereien eines Idealisten. Wenige Tage darauf konnte ich schon konstatieren, daß man nicht ohne Grund von der Macht der Presse spricht. Einer der Berufendsten auf dem Gebiete des Armenwesens, Herr Dr. Maximilian Steiner, fand in der großen Versammlung der Kultuswähler Gelegenheit, seine reichen Erfahrungen nach dieser Richtung zu erörtern und die Notwendigkeit einer durchgreifenden Reform der Armenpflege zu betonen. Unter der Hand teilte dieser glänzende Debatter mit seiner blanken Klinge nach verschiedenen Seiten flache Hiebe aus. Die Betroffener! waren perplex und retirierten. So kam der Stein ins Rollen und bald darauf trat auch der Leiter des Arnrenamtes der rsraelitischen Kultusgemeinde Herr Rudolf Kraus mit einem programmatischen Artikel über die Umgestaltung des Armenwesens aus seiner bisherigen Reserve heraus. Die in die Flucht geschlagenen Gegner der Zentralisation sammelten sich indeß und griffen den ihnen zugeworfenen Fehdehandschuh auf. Was, man will uns unsere Armen nehmen? Da kann es ja möglicherweise geschehen, daß diese aufhören werden, Bettler zu sein. Nein, wir geben die einfach nicht aus der Hand! Man kennt diese Spezis der Vereinsmacher zur Genüge, um erst beweisen zu müssen, daß es den meisten von ihnen mehr um persönlichen Ehrgeiz, als um „to bath h a k 1 a 11“ zu tun ist. Wenn man aber zusieht, mit welchem Aufwand von Scharfsinn in Zeitungsartikeln für die Überlassung der Recherche an Privatpersonen plaidiert wird, so kann man sich dem Gedanken nicht verschließen, daß es nicht die richtige Art ist, in den Wunden der Bedrückten und Bedrängten herumzuwühlen. Der wahrhaft noble und vornehme Mensch wird sicherlich solches ablehnen. Die Gerechtigkeit wird mit verbundenen Augen symbolisiert, um wieviel mehr sollte dies bei der Wohltätigkeit der Fall sein? In merrtorischer Beziehung liegt die Frage so: Bisher haben die besitzenden Kreise den Privatoereinigungen die Mittel für die Armenunterstützung zur Verfügung gestellt, und diese sagten dann: „Wir sind eure Helfer, eure Wohltäter." Fortab soll es nun anders werden: Ein großer Altar soll entstehen, auf dern gerne und willig namhafte Opfer niedergelegt werden. Diese Opfer werden bestimmt sein, großen und erhabenen Zwecken, rationeller Hilfeleistung und Begründung von Existenzen zu dienen. Die Verwaltung wird zweifellos prädestinierten Persönlichkeiten anvertraut werden. Erprobte Beamte mit vornehmer Gesinnung sollen mit der Ermittlung der Tatumstände in den einzelnerr Fällen betraut werden und diese werden ihre Pflicht sicherlich ohne Boreingenommenheit, ohne persönliche Sympathie oder Antipathie, in der objektivsten Weise erfüllen. Der Hilfesuchende aber wird mit dem Bewußtsein vor dieses Forum treten, daß er von dieser Stätte Schutz und Hilfe im vollsten Maße zu gewärtigen hat, wenn er dessen würdig ist. N. Ch. Die Konstituierung des Wiener Knltusvorltandes. Sonntag, den 6. d. M., wurde in öffentlicher Plenarsitzung die Konstituierung desKnltusvorstandes vorgenommen. Es wurden gewählt die Herren: Dr. Alfred Stern, Präsident, Landesschulrat Dr. Gustav K o h n znm ersten und Banrat Theodor Ritter von G o l d s ch m i d t zum zweiten Vizepräsidenten. Irr das Vertreterkollegium wurden gewählt die Herren: Dr. Alfred Berger, Salo Cohn, Dr. Leopold K o h n, Felix K a tz a u, Wilhelm K u f f n e r. kais. Rat Bernhard P o l l a k, Oberfinanzrat Benjamin Rappaport und Dr. Maximilian Steiner. — Ueber den weiteren Verlauf der Plenarsitzung berichten wir in unserer Freitagnummer. Kiefernstämme mit dichten dunklen Kronen in märkischer Landschaft. Ein Birkenschlag im ersten Grün. Unterm moosigen lockeren Boden fühlt man noch die Feuchtigkeit von den Wässern der Schneeschmelze. Und wieder ein See. Da, ganz nahe dem Ufer, muß ein Libellenflügel das Waner gestreift haben. Denn unbeweglich in der Mitte, ein Silbertspiegel. bebt es hier am Rande in feinstem Gekräusel. Nicht etwa als ob das mit sorgsamer .Kleinkunst wirklich gemalt wäre: aber man fühlt es. Denn Ufer und See und Himmel und Wasser sind so wirklich, daß ganz gewiß auch dieses bischen Bewegung irgendwo mitschwingt. Und ein Stillleben. In blaugrün irisierendem Gefäße stehen auf einem Tischchen, vor einem ganz dunklen Hintergründe, zum Strauß vereinigt, gelbe Chrysanthemen. Feuergelbe und mattgelbe, rötlich gliihende und fahl orangenfarbene- Es läßt sich nicht beschreiben, wie diese Blumen leuchten und leben, wie das Zimmer von ihnen hell wird! Auch Porträts sind da. Malerisch sein und farbenverständig. Aber der menschliche Gehalt nicht ausgeschöyft. Wenn man jedoch Urys große Visionen gesehen hat. begreift man wohl, daß diese ehrenwerten Menschen und Besteller für diesen Bibelhistoriker keine Stoffe sein konnten. Und um endlich zu Urys wundersamen Phantasien zu kommen, will ich nur flüchtig von dern feinen Interieur reden, ans dessen klarer, großflächiger Ulngebung sich die Gestalt eines jungen Weibes durchs Fenster in die freie Luft hinausbengt. eine prächtige Harmonie in den Farben des Teppichs, der Tadele, des Kleides, die einzelnen Töne durch die Luft wunderbar miteinander verbunden und doch wieder anseinarrdergehalten. Doch alles dies kann ein anderer vielleicht, wahrscheinlich auch; was aber andere nicht können, weil etz das Produkt einer Stammeseigenart ist. die sich mit der Eigenart eines glühenden Gemütes verbunden hat und nichts allgenreines. nur lauter persönliches anfwerst: das ist das Bild des Greises aus dem Triptychon „Der Mensch" und pur allem ist das Urys „Jeremias". Vielleicht schadet es Ury bei ein paar aristokratischen Mäeenen. daß man diesen Bildern des Künstlers Seelenheimat so genau mmrerkt; darum kann man aber doch der Erklärung nicht answeichen, die für ihr Werden und Sein so grundlegend war: dem Judentume Lesser Urys. Dieser Mensch aus der traditioireilschwererr Polengegend hängt noch mit tausend Fäden an der Offenbarung. Nicht an jener polyglotten, in alle Sprachen übersetzten Offenbarung, die tausend Geuremaleru aller Zeiten Vorwände bot, halb- und ganznackte Menschen, leuchtende und faltenschwere Gewänder. morgenländische Gegenden zu komponieren. Auch nicht an jener Offenbarung, die als judäische Mythologie Michelangelo zu den pantheistischen Schöpfungssymbolen der Sixtiuinlieu Kapelle erhob. Nein, au jener düsteren, heimlich neben dem Buchstaben fortwilchernden Offenbarung, voll mystischer Schrecken, die in Sagen und Gebräuchen weiterlebt unter dem verstreuten Volke, den Zigeunern des Geilles . . . Ein morgenlnndisch blauer Nachthimmel, unendlich hochgelvölbt, von großen matten Sternen besäet, die an einein glanzlosen Saphierdunkel leuchten wie Perlen. Es ist nicht wie ein Himmel, der kuppelförmig über die Erde gespannt ist, ein begrenztes Stück; nein, wie der Weltraum selber wirkt diese vibrierende, gestirnte Bläue. Und in ihr. unter ihr. dunkelt in hügelig unsicherem Umriß ein Stück Erde. Vielleicht irgend ein kahler Gipfel ... Den Fuß dieses Berges sieht mau nicht, keinen Ausläufer, kein Gesenke. Ein abenteuerlicher Felsblock scheint ganz oben zu liegen auf dem nnfrud&te baren Boden. Aber plötzlich sieht man. daß diese grobgeballie Masse — ein Mensch ist. Ein Greis der sich zu Boden geworfen hat, das unrschattete Angesicht >nit dem wirren Prophetenbart aus die Arme gestützt, die Hände noch krampfhaft zu Fäusten geballt. Jeremias. Am Fuße dieses Berges, in die Dämmerung wie in Tranerschleier gehüllt, liegt vielleicht die Stadt, über die er geweint, das Volk, dessen Jammer ihn schreien machte. Jetzt liegt er still und allein; aber vielleicht hat er noch vor wenigen Augenblicken laut geschluchzt. Im unendlichen Schiveigen scheinen noch die letzterr Laute seines letzten Aufschreis zu beben. Er hat jetzt einen Atomeilt der körperlichen Erschöpfung und liegt wie betäubt vorn Schmerz. Doch schon im nächsten Augenblicke kgmr ein Klagelant ans den Zelten der Ebene ihn rvieder znm Bewußtsein ansrvecken. und wieder wird ein solcher Todesschrei ans seiner Brust dringen und von den unendlichen blauen Gewölben widerhallen. Jetzt rinnen die Tränen - ihm selber unbewußt — ans den brennenden Augen und der dürre Boden Holle«» echte Reform-Schweißblätter WMM PlSTitSün Waschbar! WafserDicht! Geruchlos!