Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 3 (8.1.1907)
- Date
- 1907-01-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Mlmcheitm Grsttzsint jeden Dienstag und Freitag. KigentW eiutrSoMi. - geronönrüfr miü Khefttüllkttln: Jakob K'riulsz. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danneberq. M. Dukes Nachfolger, Haasenstein * Bögler. Rudolf Messe. M. Pozsouyi, A. Schalek in Men, ferner alle Anuoiicenexpedttioiieii im Auslände. Einzelnummer in Wien 13 Heller. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werde,:: Hermann Goldschmidt, Wien, I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, I., Jakoberg. 7. Ur. 3. Wien, Dienstag den 8. Jänner 1907 (22. Tedeth 5667). IX. Jahrgang. Redaktion: IX/1, Wafagaffe 31. Telephon Nr. 14788. Gprechstunden r An Wochentagen von 10 bis 12 Uhr »orm. Postadresse: ».Nationalzeitung". Wien IX/1. Beschwerden wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter Zustellung erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werden nicht zurilchgestellt. Bostsvarkafsenkonto 47037. Da« Abonnement kann täglich beginnen. Administration: IX/1, Wafagaste 31. Telephon 3lr. 14788. Preis der Anzeige«: AbonnementSprctsr Sür Wien «. Oesterreich« ngarn f. Frankozustellung: Ganzjährlich. . . . K 18 - Halbiährlich ...... 0 — Vierteljährlich . . , „ 8.- 55ür d. gesamte Ansland Nonparctllezeile 50 . Bet mehrnialigen Aufträgen Ganzjährlich . . . L IS.18 I entsprechender Rabatt. Aus -er territorialWchen Lewegung. Paris. Im Gebäude der jüdische n Volksuniversität fand vor einigen Tagen die Jahresversammlung der Pariser Territorialisten, die massenhaft besucht war, statt. Der große Festsaal konnte die Zahl der Erschienenen nicht fassen. Mr. Kahn, der Präsident der französischen „Jto", eröffnete die Versammlung mit einer kurzen Rede, in welcher er die kritische Lage des jüdischen Volkes treffend charakterisierte und zu dem Schluffe kam: „Nur rasche Hilfe kann hier helfen in der Form eines gesicherten Heimes!" Die große Ueberraschung des Abends war das Hervortreten des Dünkirchener Friedensrichters, Mr. L e b e l. Er spricht dem Programme der „Jto" seine vollste Zustimmung aus, die Bewegung sei ihm sehr sympathisch. Das Erstaunen über diese Worte des Mr. Lebet war umso größer, als es in Frankreich eine ganz besondere Ausnahme ist, daß ein Mann, der einen Staatsposten bekleidet, seine Ueberzeugung öffentlich dokumentiert. — Die Versammlung nahm einen glänzenden Verlauf und endete mit der Wahl des leitenden Komitees. Mr. Lebet wurde zum Ehrenpräsidenten gewählt. — Die Pariser „Jto" zählt gegenwärtig mehr als 400 Mitglieder. Berlin. Am 24. Dezember fand in Berlin eine Konferenz in Angelegenheiten der „Jto" statt. Als Vertreter des Londoner Sou* seils fungierte Dr. Jochelmann (London), für die deutsche „Jto" waren die Herren Dr. Wunderlich (Oppeln), Dr. I e r em i a s (Posen) und Dr. Alfred Klee, wie auch Dr. S i m o n s o h n (Berlin) erschienen. An den Beratungen beteiligte sich auch Doktor Paul Nathan. Die Konferenz beschäftigte sich hauptsächlich mit der Frage der Reg ulierung der Emigration. Zur letzten Massenversammlung in London wird uns in Ergänzung unseres Berichtes noch folgendes nlitgeteilt: Diejenigen, welche der von vielen Tausenden besuchten Versammlung im Pavillon-Theater anwohnen konnten, werden den überwältigenden Eindruck, den die Mitteilungen Z a n g w i l l s auf die Anwesenden übten, niemals vergessen. Man hatte die Empfindung, Zeuge eines historischen Ereignisses zu sein, das in der langen, traurigen Leidensgeschichte der Juden einen Markstein bilden wird, der den Weg zur Besserung bezeichnet. Eröffnst wurde die Versammlung durch den Präsidenten der British Jto-Federation, Mr. Meyer A. S p i e l m a n n. Nach Verlesung des Einlaufes, in welchem sich Begrüßungsschreiben von Mr. Roberts, M. Sebag M o n l e f i o r e, Dr. Abrahams, sowie von zahlreichen Vereinen und Privatpersonen aus Manchester Seeds u. m. a. befanden, hielt der Vorsitzende eine Eröffnungsrede, in welcher er ungefähr folgendes ausführte: Für die ununterbrochenen Leiden unseres Volkes müsse ein Heilmittel geschaffen werden. Das Leben der russischen und rumänischen Juden ist bereits unerträglich geworden; die „Jto" bilde ein Mittel zur Verringeruug der Leiden unserer unglücklichen Stammesbrüder. Die „Jto" st e h t dem Zionismus nicht feindlich gegenüber. Hätte der Zionismus irgendwelche Erfolge erzielt, so wäre für die „Jto" selbstredend kein Platz, da aber Palästina vorläufig zu erreichen unmöglich ist, so ist es Pflicht der „Jto", dasjenige zu tun, was der Zionismus zu tun nicht vermocht hat. Man hat anfangs die „Jto" als eine träumerische Schwärmerei hingestellt, seitdem aber unserer Geogrophischen Kommission Männer wie Lord Rothschild (Applaus), Mr. Oskar Straus (Applaus) und Dr. Paul Nathan (Applaus) u. s. w. beigetreten sind, hat die Ueberzeugung platzgegriffen, daß diese Bewegung keine Träumerei ist, sondern mit praktischen Plänen arbeiter, die auch ausgeführt werden können. Der Konseil der „Jto" müffe jedoch sehr vorsichtig zu Werke gehen, damit kein falscher Schritt gemacht werde, der der Bewegung schaden könnte. Redner spricht die Hoffnung aus, daß der Konseil schon bis z u m ko m men den Frühling einen definitiven Beschluß gefaßt haben wird. Zum Schluffe forderte Herr Spielmann die Anwesenden auf, sich der „Jto"- Bewegung anzuschließen und sie in jeder Richtung zu unterstützen. Hierauf hielt Zangwill die in unserer letzten Freitagnummer in wörtlicher Uebersetzung Feuilleton. Jüdische Maler. Lesser Urh, Hermann Struck. Die allgemeinen Tageszeitungen beschäftigen sich in jüngster Zeit sehr viel mit Künstlern, die nicht nur ihrer Geburt, sondern auch ihrer Kunst nach Inden sind. Es ist für jüdische Leser sicherlich nicht uninteressant zu erfahren, welche Beurteilung die jüdischen Maler, und besonders die rein-jüdischen Sujets dieser Künstler, in den verschiedenen Blättern erfahren. In der Neujahrsnnmmer des ..Pester Llovd" widmet der. bekannte ungarische Kunstkritiker R. B a r d i. den Werken L e s s e r U r v S eine längere Besprechung, in welcher es u. a. heißt: „Ob es wirklich unmöglich ist, von einem Künstler und seinen Werken zu erzählen wie von Erlebnissen: ohne kommentierende Vergleiche, ohne Zitate und beschwerliches antiquarisches Wissend Denn dies mag noch angeben bei Dichtung und Musik. Künsten, deren Werte bestimmte Formzeichen haben: in jedem musikalisch oder poetisch sicheren Gedächtnis, auch wenn es ohne feinere künstlerische Empfindlichkeit ist, bringt die Erwähnung eines Verses, einer Tonfolae ganz mechanisch eine bestimmte Erinnerung hervor. Wie anders bei der Plastik oder gar der Malerei. Und gibt es denn auch Vergleiche, zart genug, die leisen Lichtschwingungen der Farbe zu verdeutlichend Taucht nicht selbst in der Erinnerung der Gebildeten und Geschulte:! bei Nennung eines berühmten Bildes gewöhnlich nur die Anekdote des Gemäldes auf und nicht dasjenige, was es zum Gemälde macht: die Malerei d Und darum werde ich heute, da ich von Lesser Urh erzählen will, nicht Corot zitieren, den man erwähnt, wenn man Urh loben will: nicht Monet, zu dessen Dämmerfeinheiten ihn Andere in Gegensatz bringen. Denn diese Vergleiche gelten ja hauptsächlich Ury. dem Landschafter: neben diesem aber steht groß und ergreifend der geniale Shmboliker. Von dieser Gesamtpersönlichkeit will ich reden, die nach harten Existenzkämpfen an die Oberfläche des Berliner Knnstlebens gelangt ist, und nun in immer weiteren Kreisen große und wachsende Erfolge erntet. Lesser Urh ist ein Gewaltiger im Reiche des Malerischen. Und da dieses Reich an bestimmten nationalen Besttzgrenzen nicht endet, so ist's nur eine Frage der Zeit, wann Urh den bisherigen Bezirk seiner Herrschaft erweitert und das übrige Europa hinzuerobert. Darum berichte ich von diesem Berliner Maler nach Budapest." Nach flüchtiger Besprechung einiger Landschaften des Künstlers heißt es weiter: Da hängt also ein „Abend". Ein ganz unbewegtes Wasser liegt, von kargwipfligen Bäumen und einem schmalen Nasengrund besäumt, weich in welligen Boden gebettet, unter dem Himmel, bei Sonnenuntergang. Dieser Himmel flammt nicht mehr in den leidenschaftlichen Farben des ersten Abschieds, sondern ist perlmutterig-matt. ganz auf gelöst in die goldene Helligkeit der Sommerabende. Unbeweglich, raumfüllend, schwebt zwischen dem goldenen Himmel und dem goldspiegelnden Wasser die warme Luft, in der das Quellickt und dessen Widerstrahlung sich treffen und in Myriaden feinster Helligkeitsfäden verspinnen. Unendliche Ruhe liegt über dem Bilde. Hier ist der Abend mit der Erde allein. Aber daß aus dem Wasser für einen Augenblick ein Fischlein schnellen wird, funkeln im Goldlicht und wieder versinken, das wäre möglich: oder daß durch die am Waldrand leise verdunkelnde Luft ein Wasservogel streicht, mit lautlosen Schwingen... Dann eine „Windmühle". Steil stehen die schwärzlichen Flügel gegen den dunstgrauen Himmel, an dessen fernem Rande eine glanzlos gelbrote Feuerkugel in die Nacht hinabzurollen scheint: die Sonne. Ans flachem, grauem Boden steht die graue Mühle mit den unbeweglichen Flügeln unter dem schwülen Himmel. Wie verlassen. Es ist eine Landschaft. eine herrliche Landschaft, und das ist genug, ist in dieser Vollendung unendlich viel. Dann sind thüringische Landschaften da. Bergrücken über Hügelwällen, tannendunkel. regenfeucht, morgendlich, nächtig. Landstraßen, deren helle Bänder grell und sonnenheiß durch die Waldwölbungen und Talsenkungen leuchten. Ein Waldsee mit sumpfigen dunkelgrünen Gestaden in fast nächtlich dunkelnde, feuchte Waldwiesen greifend, darüber violett verbleichend ein schwermütiger Himmel. Und wieder im gelbroten Hochsommerglast ein paar braunrote Mf" Die nächste Hummct4 erscheint Freitag, den \\. Jänner.