Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 2 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Nationalzeitung Nr. 2 und ich konnte es nie begreifen, wie diese armen Juden in ihren kleinen engen Zimmern, die Hitze zu ertragen vermögen. Nichtsdestoweniger habe ich die Empfindung, daß wenn ich selbst ein russischer Auswanderer wäre, ich ebenfalls schnurstracks nach New-Dork ginge, und wenn ein Herr vom R e m v v a l - Ö f f i c e das dort besteht, mich zu überreden versuchte, in eine andere billigere und gesündere Stadt zu gehen, so würde ich antworten: „Nein, mein freund, hier findet wenigstens meine Seele eine Befriedigung, mögen ihre Millionäre nach anderen Städten gehen,' ihnen stehen soviele Quellen zur Verfügung, ich aber habe bloß meine jüdische Atmosphäre." Sie werden mich nun fragen wann die Emigranten bereits die Entdeckung gemacht haben, daß New-Dork das beste Wohin für den gegenwärtigen Moment sei, wozu will nun die Jto intervenieren. Ich will Ihnen darauf antworten:" Die Jto greift deshalb ein, weil dieses Wohin bereits v o l l g e st e ck t i st, und wenn der a m e r i k a n i s ch e n Einwanderung nicht b a l d i g st eine gewisse Führung zuteil wird, so wird diese Z u f l u ch t st ä t t e bald ganz verschlossen sein. Amerika und die Einwanderungübeschränkung. Nicht daß etwa Amerika die Absicht Hütte, der Emigration seine Tore zu verschließen, — das brauchen sie nicht zu befürchten, — es ist wohl wahr, es bestand wohl eine ungeheuere Agitation zu Gunsten weitgehendster Beschränkungen, und fast jede Trade-Unurn des Landes sandte Petitionen an den Kongreß, und es hat nicht viel gefehlt, daß eine solche Bill im letzten Kongresse durchgegangen wäre. Aber Amerika ist zu gut und zu feinfühlig, um sich einer solchen Dummheit und Ungerechtigkeit schuldig zu machen, einer Dummheit und Ungerechtigkeit, die Australien zu dem rückständigsten Kontinent der Erde gemacht hat. Der wahrhaft patriotische Amerikaner weiß es gleichwohl, daß die Einwanderung für Amerika mit seinem ganzen an Arbeitsmangel leidenden Süden mit seinem der Entwicklung bedürftigen Westen und selbst mit seinen große» alten Städten wie Cincinatti, Cteveland, Springfeld und Chicago noch immer eine schätzenswerte Lebenszufuhr bedeutet, wobei er allerdings beklagt, daß die Arbertsversorgung noch immer unzulänglich und unwirksam geübt wird. Aber die Agitation hat Amerika die Augen über eine andere Tatsache geöffnet, daß nämlich dieser lebendige Strom immer nur nach einzelnen wenigen Teilen des Landes fließt, während. andere große Gebiete brach und unfruchtbar ohne Beachtung bleiben, daß tatsächlich dasselbe was mit der jüdischen Einwanderung geschieht, auch mit der nichtjüdischen der Fall ist, daß nämlich die große Masse nur nach New-Dork und einigen wenigen großen Städten des Ostens zieht. Wie gewöhnlich haben es die Inden auch hier den Christen nachgemacht. Das eigentlich amerikanische Einwanderungsproblem betrifft daher nicht aus« schließlich die Juden, sondern umfaßt die ganze Einwanderung und irgendwelche einschränkende Gesetzgebung müßte daher gegen die ganze Einwandemngsbewegung und nicht nur gegen die Juden gerichtet sein. Welche Form dürfte nun diese Gesetzgebung annehmen? Das ist leicht vorauszusehen. Eine neue Politik kam in den letzten Monaten in den Vordergrund, eine Politik, die aus der Beobachtung entsprang, welche ursprünglich Präsident Roofev e l t gemacht, daß die Schwierigkeit nicht in der Einwanderung selbst, sondern in ihrer Verteilung bestehe. Und so hat sich denn ein neuer Schlachtruf über ganz Amerika verbreitet: „Schließt d i e n ö r d l i ch e n T o r e." „Schließt die nördlichen Tore." Dieser Ruf war vor einigen Wochen sogar in einem amerikanisch-jüdischen Blatte erschienen. Er bildete den Titel eines Leitartikels. Als ich dies sah, da sagte ich mir: „wenn dies schon ein jüdisches Blatt sagt, so ist das ein böses Zeichen." Es bedeutet so viel, daß sämtliche christliche Blätter dasselbe sagen. Uiib so war es auch. Nicht nur die Restriktionisten stellen dieses Verlangen, sondern auch diejenigen, die sonst gegen die Einschränkung sind. Das ganze Gefühl des Landes scheint sich in dieser Richtung kristallisiert zu haben : „S chl i e ß t d i e nördlichen Tore!"... Dies klingt gar nicht so schrecklich. Für den christlichen Einwanderer bedeutet es sehr wenig. Er wird in einem jüdischen Hafen Icmbeit und wo immer er das Land betritt, wird er Christen und Landsleute finden. Wie wird dies aber auf den Juden wirken? Jedenfalls ganz anders. Seine Zufluchtsstadt, „sein New-Dork" wird ihn mit einem Schlage abgeschnitten sein. Er könnte wohl noch immer mittels Eisenbahn nach New-Dork kommen, aber für den Durchschnittseinwanderer, besonders wenn er Familie hat, bilden die besonderen Spesen, die mit einer drei- bis viertägigen Bahnfahrt durch das Land verbunden sind, ein nicht unbedeutendes praktisches Hindernis. Und dann würde er anfangs weder eine jüdische Atmosphäre noch Freunde vorfinden, die ihn über die ersten Tage seilles Aufenthaltes im neuen Lande hinüberhelfen, er würde keinen finden, der seine Sprache spricht, keinen der ihn leiten oder beschützen würde. Er würde wahrscheinlich unten im Süden bleiben, auf einem subtropischen Gebiete, das bereits mit einem Problem der schwarzen Rasse belastet ist und arme Judenlvanderer bereits viel Kummer gelitten haben. Bo» Arbeitsagenten bewacht, sind sie tatsächlich zu Sklave» erniedrigt worden. In biefeit Gegenden werden die Arbeiter zur Arbeit angehalten, um Schulden zu begleichen, welche sie in ihrer Unkenntnis und Unerfahrenheit auf sich genommen haben. Es wird behauptet, daß wenn ein solcher Arbeiter flüchtet, so wird e r v o n d e n Aufseh e r n mit einer Hundemente verfolgt. Die Gesetze von Florida im Staate Alabama gestatten die Verhaftung des Schuldners. Und wer die wegen seiner Disziplinarverletzung auferlegten Strafen zu bezahle» nicht imstande ist, kann zu Kerker verurteilt werden. Der Tag an welchem die nördlichen Häfen geschlossen sein werden, au welchem die jüdische Zufluchtsstadt für die Majorität der Einwanderer unmöglich gemacht sein wird, wird für die jüdischen Massen ein schrecklicher Tag, ein kleiner „Tisch a beaf" sein. Glücklicherweise können wir durch rechtzeitige Maßnahmen, durch eine Aenderung des Lebens der Inden von der Hand zum Mund, den uns drohenden Fluch in einen Segen verwandeln. Vielleicht ist er gar wirklich ein verkappter Segen. Das amerikanische Anste-Imlgsgebiet. Schließlich gibt es in New-Dork Juden genug, deren Zahl durch Geburten noch vermehrt wird. Das wenigstens kann nicht verhindert werden! Aber wir dürfen nicht ewig neue Emigranten in die Stadt New-Dork schütten, weil sonst diese Stadt bersten müßte. Die Juden kommen aus h n n d e r t russischen Städten aber der größte Teil geht nur in eine amerikanische Stadt. Das ist tatsächlich sehr unvernünftig. In Rußland beklagen sie sich, daß sie auf das Ansiedlungsgebiet beschränkt sind und daß es ihnen nicht gestattet ist, sich über ganz Rußland auszubreiten. In Rußland ist diese „Tscherta" wenigstens so groß wie F r a n k r e i ch. In dem Momente aber, da sie Rußland verlassen, pferchensiesich selb st in einer „Tscherta" zusammen und diese n e u e „T s ch e r t a" i st n i ch t größer wie Whitechapel. Sie bleiben allerdings nicht alle in New-Dork, sie sind allmählich in nicht weniger als 1053 verschiedene andere Städte gezogen. In manchen dieser Städte wie Bo st on, Philadelphia, Chicago und Cincinatti, gibt es eine bedeutende jüdische Bevölkerung. Bon 1,400.000 Juden, die in dem Niesengebiete der Vereinigten Staaten leben, sind % Millionen d. h. mehr als die Hälfte der »gesummten Judenschaft Arnerikas, in dieser einen Stadt. Von den 150.846 Juden, welche während der mit Ende Juni 1906 abschließenden zwölfmonatlichen Periode in Amerika gelandet sind, stiegen 133.764 in New- D o r k ans Land, voll denen die meisten auch dort blieben. Warum gehen diese nach N e lv - D o r k? Dafür gibt es drei Gründe. 1. Die jüdische At. mosphäre. 2. Weil sie eine andere Stadt kaum kennen; Amerika bedeutet für sie New-Dork, und N e w-D o r k, A m er i k a. 3. Fast alle Dampfer verkehren nach New-Dork, und die Agenten lügen den Allswanderern gar so vieles von einem sie erwartenden „Paradiese" vor. Wohlan denn! Wir können die jüdische Atmosphäre auch in anderen Städten schaffen, wir können veranlassen, daß Dampfer auch in anderen Richtungen verkehren und wir können an Stelle der Lügen der Agenten, und der Unwissenheit der Allswanderer eine genaue und verläßliche Information setzen. Wir können durch ganz Rußland proklamieren, daß New-Dork nicht mit den vereilligten Staaten identisch ist, daß Amerika nicht eine Stadt, sondern ein Gebiet ist, nicht nur so groß als das ganze Rußland, sondern als Rußland und das übrige Europa zllsammen und daß dieses immense amerikanische Gebiet, in langen Strecken nnbevölkert i st. Denn während Europa 400,000.000 Einwohner zählt, haben die Vereinigten Staaten 80 Millionen, also k a u m Vs der Einwohner Europas. Und von diesem enormen Gebiete ist blos der O st e n entwickelt. Der Westen ist noch kaum zur Hälfte aus der Schale gekrochen. Während der Süden noch vollends in der Eierschale st^ckl. D a S großeHinterland des Westens, und d e r N o r d w e st s i n d G e b i e t e, die die besten Aussichten für d e n jüdischen Einwanderer bieten. Der große amerikanische Westen. Das ist das neue „Wohl»", das ,,W o h i n" für d e n gegenwärtigen Tag! Wenn es dort noch keine jüdische Atmosphäre gibt, so dürfen Sie nicht vergessen, daß es in New-Dork zur Zeit, da die ersten jüdischen Pioniere den Einfall hattell, sich dahin zu wenden, auch nicht anders war. Die jüdische Atmosphäre kann aber rasch genug geschaffen werden. Wenn die 100.000 jährlicher Einwanderer durch die Schließung der nördlichen Häfen plötzlich gezwungen würden, im Süden zu landen, so würde dies einen blindeli Kampf ums Dasein, in einem unbekannten Lande, ausgeliefert der Gnade von Ausbeutern, zur Folge haben. Mögen aber die jüdischen Auswanderer den Stier bei den Hörnern fassen uild ihn „koscher" schlachten. Mögen nur 10.000 im nächsten Jahre anstatt nach New- Iork zu gehen, im Süden landen, und ein Jahr später wieder 20.000 und lassen Sie sie immer westwärts bewegen und sie werden bald den Boden vorbereitet haben. Es würden bald neue „Kehilla s", wenn auch kein neues New-Dork entstehen. Möge doch einmal der Jude dem Christen als Beispiel dienen, anstatt ihn immer nachzuahmen! Möge er doch dadurch, daß er der Einwanderung neue Richtung gibt, dazu beitragen, daß die nördlichen Häfen nicht geschlossen werden oder neue Znfluchtsstädte eröffnet werden! Wenn die amerikanischen Einwanderer dies zu Jtuu gewillt sind, so ist die „Jto" bereit, so weit es in ihrem Machtbereiche liegt, ihnen darin hilfreich zur Seite zu stehen! Schiffahrtsverkehr nach Galvestone für den Westen. Als südlichen Hafen würden wir G a l v est o n e als den nächsten zum Westen empfehlen. Ich k a n n d i e P r e s s e nicht dringend genug bitten, die weitverbreitete Mitteilung zu d e m e n t i e r e n , daß wir die Absicht hätten, die .Errichtung einer Siedlung in der Nähe von Galvestone vorzuschlage n. Von Galvestone führen tlicht weniger als sechs Bahnlinien zu ben allerbesten Punkten; die Dampfer nach G a l v e st o n e werden von Bremen aus gehen. Nach Bremen könnet! die r u s s i s ch e n A u s w ander e r von russischen Häfen in einer ununterbrochenen Fahrt gelangen, ohne sich den Anstrengungen und Widerwärtigkeiten einer L a n d r e i s e durch Deutschland a u s s e tz e n z u müssen. Später werden wir auch in der Lage sein, es so einzurichten, daß Dampfer direkt von Rußland nach Galvestone verkehren. Vorläufig müssen wir uns darauf beschränken, die Möglichkeit einer koscheren Verpflegung auf den nach Galvestone verkehrenden Dampfern zu schaffen, wie dies auf den Schiffen der Fall ist, die nach New-Dork verkehren. Und wir sind auch bereit, unter denjenigen Auswanderern, die die Absicht haben, nach Amerika zu gehen, f artien, bestehend aus Männern, Frauen und indern, auszusuchen, die gewillt sind, sich von