Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1907-01-04 · Heft 2 (4.1.1907) · p. Seite 7

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1907
Issue
Heft 2 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2429839-2429930-2429932--664-2430800
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 2. Ncitionalzeiturig. Leite 7 zentrum i n Betracht käme. In jedem Falle gibt es ein ökonomisches Problem, daß weder durch Palästina noch durch ein anderes Jtoland für die gegenwärtige Generation gelöst iverden kann. Was ist also zn tun? Es scheint also, daß wir nicht nur ein Wohin? für die Zukunft, sondern auch ein Wohin für die Gegenwart brauchen. Das Problem teilt sich in zwei Hälften. In die Sorge für die Zukunft und in Sorge für die Gegenwart. Die „Jto" ist, was die erste Hälfte betrifft, bereits stark a» der Arbeit. Soll sie die zweite Hälfte u n b e r ü h r t l a s s e n? Soll sie sich völlig auf die Sorge für die Zukunft konzentrieren, oder soll sie auch auf den Schrei der Gegenwart hören? Soll sie so tun, als ob es seit ihrer Gründung keine Pogroms gegeben hätte, keine wilde Emigrantenflucht durch ganz Europa, als ob es keine verfolgte, antzgeplünderte Emigranten gebe? Als ob wir keine „Alien-Bill" in England hätten, und keine E i nf ch r ä n k u n q s b i l l vor dem amerikanischen K o n g r e ß läge?? Oder soll die „Jto" vielmehr in Anbetracht dessen, dag sie die Lösung des Emigrationsproblems unternommen hat, auch die andere Hälfte des Problems mutig in die Hand nehmen, und durch Schaffung eines Departements zur R e g u l i e r u n g der A u s w a n d e r u n g, deren dringendste Notwendigkeit kein Jude der Welt wird leugnen können. Aber die Frage, ob wir uns mit dieser Sonderarbeit belasten dürfen, war für uns eine sehr wichtige Frage. Sie wurde unserem I n t e r n a t i o n a l r a t e vorgelegt, und die überwiegende Majorität unseres Nationalrates antwortete: „I a!" Das Auswanderungs-Regulierungs- Departement. In Konsequenz meiner Ausführungen bin ich mm in der angenehmen Lage, Ihnen von der erfolgten Errichtung dieses Departements Mitteilung machen zn können. Es ist bereits in Tätigkeit. Unser Freund, Dr. Jochelm a n n, verbrachte seine Weihnachtsferien in Berlin, um manche wichtige Beziehungen des Departements znm Kontinente herzustellen. Da wir aber unser ursprüngliches „Jto"-Werk vor einer Schädigung durch diese neue „Jto"-Arbeit schützen wollen/ können wir uns aber auch hiebei nicht ausschließlich auf unsere erworbenen, alten Kräfte verlassen. Wir haben neues Blut in uns aufgenommen. Wir schufen ein neues Komitee, dessen Mitgliedern die Stellungnahme zu unserem Hauptplane freigelassen wird. In England wird dieses Komitee aus den Herren O. E. D'A vigdor Golds mid, Alfred I. W h a l e y, Carl S t e t t a u e r itnb N. S. Joseph bestehen; Frankreich wird durch B a r o n James de Rothschild vertreten sein. Jtl Deutschland, das unsere kontinentale Zentrale bilden wird, ist uns die unschätzbare Mitarbeit des Herrn Dr. Paul Rath a n, und die wahrscheinliche des Herrn James Simon zugesagt. In Rußland hoffen wir Herrn Baron Günzburg für ei» harmonisches Zusammenarbeiten mit unseren ulten Freunden Iassinowski und Mandel st a in m zu gewinnen. In allen diesen Ländern werden natürlich auch die Mitglieder unseres ursprünglichen „Jto"-Rates sich an der Arbeit lebhaft beteiligen. Wir besitzen auch die Sympathien der I e'w i s h Colonis a t i o n Association, so daß die führenden Kräfte der jüdischen Welt in einer große» Arbeit vereinigt erscheinen. Da wir kein Recht haben, die alten „Jto"-Fonds für das neue Departement in Anspruch zu nehmen, haben wir es auch finanziell separiert und es einem eigenen Schatzmeister unterstellt; das Amt des Schatzmeisters hat, wie ich mit Freuden erwähne, Herr Leopold de Rothschild übernommen. Das neue Departement wird gleich dem alten billig arbeiten. Es kann sich nicht mit Einzelfällen abgeben, es wird mit vielen allgemeinen Fragen ztl tim haben. Auf dem letzten z i o n i st i s ch e n Kongreß kam inmitten der fieberhaften Aufregung, die die großen Fragen der Tagesordnung verursachten, ein Schnorrer auf mich zu und versuchte, mir seine Leiden auseinanderzusetzen. Ich sagte ihm, ich hätte keine Zeit, ich sei znm Kongreß gekommen, um über das Schicksal des ganzen jüdischen Volkes zu verhandeln. „M'bohantwortete er, „meine Leiden sind wichtiger, als der ganze Kongreß." Das neue Departement wird nicht philantropisch sein in dieses Schnorrers Sinne. Die Wohltätigkeit trägt die Leute auf ihrem Rücken einen nach dem andern über den Strom. Der Staatsmann baut ihnen eine Brücke, auf d a ß s i e m i t e i g e n e n Füßen h i n ü b e r k o m m e n können. Die Tätigkeit des Departements. Unser neues Departement hat demnach mit der unmittelbar der vor uns stehenden Hälfte des Emigrationsproblemes zu tun, und unter anderem auf das unmittelbare „W o h i n?" zu antworten. In welcher Richtung sott der wandernde Jude von heute gelenkt werden? Nun denn, wenn wir uns diese Frage stellen, so begegnen wir wieder den zwei alten Schwierigkeiten: dem Sabbath und dem Antisemitismus. In welchem bereits bestehendem Lande kann der russisch-jüdische Auswanderer seinen Sabbath wahren, und gegen den Antisemitismus geschützt sein? Ich habe Ihnen bereits die Antwort gesagt: in keinem! Es gibt kein solches Land. Es gibt kein Land, in welchem der orthodoxe Jude gleichzeitig eine befriedigende ökonomische, politische und religiöse Zukunft fände. Als ich vorhin mich erbötig machte, die „Jto" aufzugeben, wenn mir jemand ein solches Land ausfindig macht, wußte ich ganz gut, weshalb ich es sage. Denn ich habe mich lange genug mit dem schwierigen Problem abgemüht, für unsere müden Wanderer ein zufriedenstellendes „W o h i n?" für den gegenwärtigen Moment ausfindig zu machen. Meine Damen und Herren! Ich stehe nicht hier, um Ihnen bloß schöne Worte zn sagen, und die harten Tatsachen der jüdischen Lage zu bemänteln. In dem Jahre, in welchem Inden in Stücke gerissen, Jüdinnen geschändet wurden, ist es wohl Zeit mit schmeichelnden Fiktionen aufzuräumen. Es gibt kein Land auf der Erde, das die Flüchtlinge aus Rußland ansnimmt, und ihnen alles bietet, was ihre Seele und ihr Körper wünschen, was ihnen nottnt. Wer Rußland verläßt, um in ein neues Land zu gehen, wird sich sicherlich glücklich fühlen, wenn er in° die Lage konrmt, seinen Sabbath strenge zu halten. Aber selbst wenn die erste Generation ihn noch hält, die zweite wird es nicht mehr tun können. Die überwiegende Majorität wird zwischen der Vernachlässigung des Sabbaths und dem Verhungern, oder zumindest die Beschränkung auf einige Hauptbeschäftigungen zu wählen haben. Und dennoch hören wir, unsere sogenannten praktischen Männer, darunter manche Säule der Orthodoxie ununterbrochen rufen: Zerstreut die Inden nach allen Richtungen! Und das sind die Männer die uns „Jto- Träumer" nennen; nein! Sie sind diejenigen die träumen, wenn sie nicht gar wissentlich die Augen schließen, und zu schlafen scheinen. Alles was die „Jto" als jüdische Körperschaft sagen kann, alles was sie demjenigen der auszuwandern beabsichtigt, anstündigerweise raten kann, ist: Tue es nicht! 'Wenn Sie aber in Kenntnis der religiösen Gefahr, die ihnen bevorsteht, dennoch auswandern und wir wissen, daß sie sich schwerlich helfen können, dann würde ich den auswandernden Juden sagen: „Es gibt besonders zwei Länder in denen ihr Möglichkeit des Auskommens vorfinden könnt; das eine ist, das ihr alle kennt, die Vereinigten Staaten, und das andere, das nur wenige von euch kennen: Argentinien." Argentinien und Amerika. Die argentinische Regierung begrüßt die jüdischen Emigranten und ist auch bereit sie nach den Plätzen weiterzubefördern, in welchen sie Arbeit finden können. Das Land ist ein blühendes und die Löhne sind gut. Lord Rothschild, der einer Anzahl russischer Juden nach Argentinie n verholfen hat, erzählt mir, daß es ihnen Allen gut gehe, und daß sie von ihren Ersparissen manches nach Rußland schicken. Aber selbst hier scheint Raum für unsere Tätigkeit zn sein, denn Mr. S t e t t a n e r, dieser unermüdliche Reisende in jüdischen Angelegenheiten erzählt mir daß er in Wien ungefähr 30 Juden traf, zumeist junge gesunde Menschen, die soeben von Argentinien zurückkamen, und die behaupteten, daß das Ein« wanderungsamt der Regierung Buenos- A y r e s verlassen habe, und sie keine Arbeit finden konnten. Nun wissen wir, daß der Arbeitsmarkt von Buenos-Ayres überfüllt ist, und bestünde daselbst irgend eine geeignete Unterweisungsstelle für die Auswanderer, so hätten diese Juden nach demjenigen Teile von Argentinien dirigiert werden können, wo Arbeit in Ueberfluß vorhanden ist. Diese Art der Unterweisung scheint also selbst iu dem argentinischen „Wohin?" notwendig zu sein. Viel notwendiger jedoch ist sie in A me r i ka, und nachdem neun Zehntel der Emigranten nach den Vereinigten Staaten gehen, so liegt wohl hier'oer Schwerpunkt des Emigrationsproblems, und müßte auch hier die erste und die Hauptarbeit unternommen werden. Ich bin garnicht der Ansicht, daß die russischen Juden so schlecht gehandelt hätten, als sie zu Hunderttausenden nach Amerika gingen. Vor einigen Tagen ging ich in den Shelter in Leman-Stree und frug die Auswanderer, wohin sie gingen? Der eine sagte nach Kanada, der zweite nach Süd-Afrika, ein dritter nach Argentinien und ein vierter nach A u st r a l i e n. Vier Juden nach vier verschiedenen Ländern. Ich dachte bei mir, diejenigen, die sich der Majorität in den Vereinigten Staaten anschließen, täten klüger, als diese vier Auswanderer. Es liegt eine große Sicherheit in der Masse. Eine Million Juden in Rußland bilden bloß eine Million Opfer, eine Million Juden in vier verschiedenen Ländern zerstreut, bilden eine Million zusammenhangloser Individuen, aber eine Million Juden in Amerika bedeuten eine Million Stimmberechtigter, n n d e i il e M i l l i c/n st i m mberechtigter Menschen können nicht so leicht mißhandelt werden. Auch von einem anderen Gesichtspunkte aus kann behauptet werden, daß die russischen Juden nicht gar so unklug in der Wahl ihres „W o h i n" Vorgehen. A m e r i k a hat keine Staatsreligion. Die Religion der puritanischen Väter war dem Judentum ähnlicher als dem Christentum, und die Ideale Amerikas, die in einem Manne wie z. B. Präsidenten Roosevelt verkörpert erscheinen, stehen den Idealen der jüdischen Propheten sehr nahe, außerdem ist Amerika noch kein vollendetes Land, es ist noch inimer im Schaffen begriffen, und die Juden haben genau so das Recht, in das Land zu strömen und an seiner Vervollkommnung mitzuarbeiten, wie jedes andere Volk. Jawohl, Amerika mit all seinen Widerwärtigkeiten und all seinem sozialen Antisemitismus bedeutete stets eine Errettung und eine Befreiung für Juden, und ich wundere mich gar nicht, daß es in Rußland eine sogenannte' „Amerikanistenpartei" gibt, welche behauptet, daß Amerika die Lösung der Jndeufrage bedeutet. Das kann es allerdings nicht sein. Es kann bloß eine zweitbeste Lösung sein, eine Lösung, die weit entfernt ist von der wirklichen besten Lösulig, aber sicher ist, daß die russischen Inden, die nach Amerika gehen, keine solchen Schlemihle sind, wie ihre Vorväter waren, die nach Rußland flohen. Und da fast alle in eine Stadt gehen, so gelang es ihnen auch, eine Art jüdischen Lebens daselbst ausznbauen. Das Nerv-Horker Ghetto. New-Iork hat ein jüdisches Viertel, und zwar ein so großes jüdisches Viertel, daß es nicht so sehr ein Viertel, als vielmehr ein abgeschlossenes Ganzes bildet. Ist es auch kein jüdisches Zufluchtsland, so ist es wenigstens eine jüdische Zufluchtsstadt. Sie bietet den armen wandernden Verbannten ein Gefühl der Heimat. Hier finden sie jüdische Synagogen, jüdische Beth- Midraschim, jüdische Zeitungen und jüdische Theater. Das jüdische Viertel in New-Iork mit seinem abwechslungsreichen Leben und seinen intellektuellen Interessen zeigt uns am besten, wie fähig unser Volk sein wird, eine große Stadt im Jto-Land der Zukunft zn erbauen. In gewissem Sinne ist das New-Iorker Ghetto das erfreulichste Bild im ganzen Golus. Gewiß besitzt dieses an sich erfreuliche Bild auch manche düstere Stelle: Die schreckliche Konkurrenz, die furchtbare Ueberfüllnng, 8—12 Personen in zwei sehr düsteren und sehr teueren Zimmern, und f a st 400.000 Personen auf einer Q n a d r a t m e i l e. Die Folge dieser Mißstände sind das erschreckliche Anwachsen der Schlvindsucht und anderer Krankheiten, sowie die traurige Tatsache, daß jährlich 50.000 Juden die Wohltätigkeitsanstalten in A u s p r u ch n e h m e n müssen. Ich kenne New-Iork; an einem dunstigen Sommertage ist es der Hölle gleich.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.