Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 2 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nationalzeitung Nr. 2 zutreffender zusammengefaßt werden, als durch die — ich möchte fast sagen prophetischen Worte - meines damaligen Anfrufes: „Vorwärts! ist die eine Formel, bis dann der Gegenruf kommt: Zurück! In die Hölle", der ihr' entronnen seid! Das Pariser Komitee sagt in seinem Appell weiter: „Die russisch-jüdische Frage kann nicht durch die Auswanderung, noch durch die Ueberbevölkerung von Paris gelöst werden". Welch' merkwürdige Bemerkung! Die Auswanderer von Rußland haben ja garnicht die Absicht die russisch-jüdische Frage, sondeni ihre eigene Frage zu lösen und ihr eigenes Leben in Siclserheit zu bringen. Das ängstliche Bestreben der Flüchtlinge aus Rußland zu'entrinnen, ist nicht das Bestreben das allgemeine Problem zu lösen. Im Gegenteile: es schafft ein neues, schreckliches Problem! Aber gerade dieses andere Problem, die Emigrativnsfrage ist es ja, deren Lösung sämmtlichen Juden obliegt, sosehr sie sich auch bemühen, ihre Augen davor zu schließen. Die „Jto" übernahm es, diese Frage zu lösen. Und jeder der der „Jto" gegnerisch gegenübersteht, oder es verabsäumt sie zu unterstützen, nimmt eine schreckliche Verantwortlichkeit gegenüber den jüdischen Emigranten aus sich. Und die Lösung der „Jto" ist einfach: Schaffet ihnen ein Territorium a n f a u t o n o m e r Basis! Ein jüdisches Territorium als einzige Lösung. Warum ein eigenes Territorium? Wefi diese Emigranten überall unwillkommen sind, wo es keine große Nachfrage nach Arbeitskräften gibt. Und selbst in jenen Ländern, wo eine Nachfrage nach Arbeitskräften besteht, sind, sobald die gewünschten Arbeitskräfte gefunden sind, die Späterkommenden unertvünscht. A n t isemitismus entsteht überall dort, wo er sich als einträglich erweist. Die jüdischen Wanderer werden immer mehr und mehr aus denjenigen Ländern ausgeschlossen, nach welchen es sie verlangt. Aber selbst wenn sie hereingelassen werden, bilden diese Wanderer keine einfache ökonomische Einheit, keine B a u st e i n e, durch welche irgend ein sozialer Bau aufgeführt werden könnte. Sie sind ein eigenartiges Volk, mit einer eigenartigen Religion, welche fordert, daß der Sabbath ein Ruhetag iei. Wo anders ist das möglich, als auf einem Territorium, in dem die Juden die Majorität der Bevölkerung bilden. Wenn die Jud n in den Ländern, in denen sie die Minorität bilde», zu so großem Teile Hausierer, Kleinkrämer sind, und in einige, wenige Nadelgewerbe verteilt sind, so ist dies die Folge ihres bewunderungswürdigen Bestrebens den Sabbath zu waren. Der Sabbath verkümmert sie in ihrem ökonomischen Leben, und was ihnen zum Segen werden sollte, verwandelt sich für sie in- Fluch. Der sogenannte Wohlstand des westlichen Inden ist auf Sabbathentweihung aufgebaut! Das Leben der westlichen Völker anzunehmeu und dabei orthodox zu bleiben, ist für eine jüdische Gemeinschaft ebenso unmöglich, wie es unmöglich ist, einen Schneeball zu braten. Bon der Kirche ist der Jude wegen seiner Religion selbstverständlich ausgeschlossen; aber er ist ebenso von der Armee, der Marine, von dem Richterstande, von der Bühne, von der Journalistik und den meisten Industrien und Beschäftigungen ausgeschlossen. Der „B o u a r d o f G u a r d i a n s" wird ihnen manches darüber erzählen können, wie grausam ihre Versuche, jüdische Jungen als Lehrlinge nnterzubringen, durch den Sabbath mißglückten. Sir Samuel M o n t a g u e hat vor einigen Tagen diejenigen Eltern zurückgewiesen, angeklagt, die ihre Kinder auf solchen Plätzen als Lehrlinge unterbringen wollten, auf denen am Sabbath gearbeitet wird. Als aber die „Jto" oder der Zionis m u s mit ihren Plänen für ein jüdisches Land anftraten, da konnte ich an Sir M o n t a g u e auch nicht das geringste Bemühen, diese Bestrebungen zu fördern, wahrnehmen. Dies sind also die zwei Hauptgründe, welche dafür sprechen, daß unseren Emigranten ein eigenes Territorium gegeben werden müsse: Die Sabbathheiligung und die Hintan h a l t n n g des Antisemitismus. Unsere Lösung ist keine Phantasie. Kein wilder Traum von Idealisten mit überreizter Einbildungskraft, sondern eine nüchterne, w is s e n s ch a f t l i ch e Lösung eines drängenden, e r n st e n Problems. Sie können dieses Problem ohne jüdisches Territorium ebenso wenig lösen, wie Sie etwa einen Motorwagen ohne Rüder herzustellen vermögen. Wenn mir jemand das Rätsel löst wie der Sabbath gewahrt, der Antisemitismus verhindert werden kann, — ohne Schaffung eines jüdischen Territoriums — dann will ich die .„Jto" aufgeben! Dies ist doch sicherlich eine anständige Herausforderung unserer Kritiker! Die autonome Dafis eine Notwendigkeit. Aber Sie werden fragen: „Warum denn auf autonomer Basis?" — Ich aber frage: Warum nicht?! Wünschen Sie etwa, daß die Bewohner des Territoriums niedergetreten were den von einer despotischen Regierung, wie di Russen oder die Türken? Zweifellos müssen Sie freie Bürger, d. h. B ü r g e r m i t S e l b st v e r w a l t u n g, autonome Bürger sein. Die „Jto" ist, wie ich in meinem Aufrufe nach reiflicher lieber! egung hervorhob, bereit, für sie eine lokale Autonomie, die Kontrolle über ähre eigenen Mnnizipalangelegenheiten zu akzeptieren und selbst diese braucht erst dann zu beginnen, wenn eine für diese Selbstverwaltung reife, hinlängliche Bevölkerung vorhanden ist. Aber mit weniger als dieser Forderung können wir uns nicht begnügen. Sollen wir diese Juden etwa aus einer Sklaverei befreien, um sie in eine andere zu bringen?! Sollen sie etwa die ganze Arbeit für die Entwicklung des Territoriums nur dazu verrichten, um sich dann in einer Situation zu befinden, wie die färbige Rasse in S ü dafrika? Dies wäre ein seltsames Ideal für die Juden dieses freien Landes, seltsam selbst, für diejenigen englischen Juden, deren größter Stolz es ist, daß sie „jüdische E n gl ä n d e r" sind. Aber ich will diesen Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sie gar nicht an so etwas denken. Dies ist bloßder etwas trübe A n s d r u ck ihres W i d erst r e b e n s gegen d a s Z u s a m m e nleben der Juden in großen Massen ü b e r h a n p t. Es ist das jüdische Territorium an sich, das ihnen widerstrebt. Davor schrecken sie zurück; nicht vor der Autonomie. Ich habe jedoch bereits nachgewiesen, daß wir ein jüdisches Territorium haben müssen, wollen wir, daß die Einwanderer ihren Sabbath wahren und daß der Antisemitismus von ihnen ferngehalten werde. Und haben wir ein T e r r i t o r i u m, so müssen wir auch die autonome Basis haben. Diese zwei D i n g e g e h ö r e n zueinander und können nicht geschieden werde n. Ich will mit der Widerlegung kindischer Einwände nicht mehr viel Zeit verlieren. Es ist ein Beweis für die Gewandtheit der jüdischen Rasse, daß unter uns so viel diskutiert wird über Dinge, die so natürlich sind, wie die Nase in unserem Gesicht. Ich wende mich nun der Betrachtung ernsterer Dinge zu. Die Dolgen der Pogroms. „Jtoland" ist für diejenigen Inden, die in ihren gegenwärtigen Ländern nicht bleiben können oder nicht bleiben wollend Schon vor 17 Monaten, da die „Jto" gegründet wurde, war die Zahl derjenigen Juden, die in ihren gegenwärtigen Ländern nicht bleiben konnten oder nicht bleiben wollten, groß genug. Seit den 639 Pogroms jedoch, welche diese 17 Monate zu den düstersten in der ganzen jüdischen Geschichte gemacht, hat sich die Zahl dieser Inden zumindest verdoppelt. Im November des Jahres 1905 zogen 5132 Inden nach N e w - A o r k, im November des vergangenen Jahres strömten 11.480 Juden dahin. Diese blinde Flucht, von der uns das oben erwähnte Pariser Zirkular einen schwachen Abglanz liefert, hat alle vorangegangenen, ähnlichen Auswanderungsströme übertrvffen. Aber selbst die Gewährung der Rechte an die Juden von Rußland, diese Gabe zweifelhaften Wertes, — die nur noch mehr Pogroms im Gefolge hätte —, würde den angeschwollenen Strom für die erste Zeit nicht nennenswert vermindern. Es wild angenommen, daß die Auswanderung in Rußland in diesem Jahre 200.000 Seelen ü b e r st e i g e n werde. Kann „Jtoland", kann irgend welches neues Land diese Zahl ausnehmen? Sicherlich nicht! Nicht einmal die Hälfte. Nicht einmal den zehnten Teil dieser Zahl. „Jtoland" behauptet nämlich gar nicht fähig zu sein, das ganze Emigrationsproblem mit einenimale umfassen zu können. „Jtoland i st eine Vorsehung für morgen, aber nicht für heute. Wäre es begründet worden, anläßlich der ersten Pogroms im Jahre 1881, so wäre eS im Verlaufe dieses Vierteljahrhunderts zu einem Lande angewachsen, das fähig ist, eine große Zahl der heimatlosen Wanderer aufzunehmeu. Die Tatsache, daß die letzte Generation es verabsäumt hat, e n solches Land zu schaffen, brachte über d i e gegenwärtige Generation die Sch anbe u n d die Erniedrigung, daß sie ihren vor Massacres und Verstümm e l u n g fliehenden Brüdern k e i n A s y l z u b i e 1 e n, in d e r L a g e i st. Sollten wir nicht heute mit der Gründung eines solchen Landes beginnen, so werden auch unsere Nachkonimen verurteilt sein, hülflos und händeringend den Katastrophen gegenüberzustehen. „Jtoland" ist nicht die nächste Lösung. In welchem Sinne denn, nennen wir die Schaffung des „Jtolandes" unsere unmittelbare, politische Tätigkeit? In dem Sinne, daß wir den Wunsch haben, mit der Arbeit u nmittelbar zn beginnen. Wir können es nicht über uns bringen, zu warten, bis irgend ein a u t ok r a t i s ch e r Sultan sich entschließt, uns den Aufbruch zu gestatten. Wir haben auch so lange genug zu warten, bis unser Werk vollendet sein wird, deshalb können wir uns nicht entschließen zu warten, auf den Beginn der Arbeit. Und wir wollen beginnen, ans k o n st i t u t i o n e l l e r Basis, in einem Luide, in dem es W ä h l e r st i m m e n gibt, in dem ein freies Atmen möglich ist, wo Land offen und frei gekauft und verkauft werden kann und das Geschehene nicht durch die Laune irgend eines Despoten wieder unwirksam gemacht werden kann. Wir waren lange genug auf dem unrichtigen Wege und es gehört zu den Eigenheiten eines falschen Weges: je länger man ihn geht, desto mehr führt er in d i e I r r e! Aber obgleich wir schließlich doch auf den richtigen Weg geraten werden, wissen wir doch wohl, daß er ein langer Weg sein wird. Es wird in der Tat lange dauern, bis wir so weit sein werden, um die 100.000 Emigranten, die jährlich nach N e w - A o r k wandern, aufnehmen zu können. Straßen müssen gebaut, Häuser errichtet, Brücken konstruiert, Wälder ausgrforstet, Sümpfe drainiert, Felder urbar gemacht werden und nur diejenigen, die für diese Arbeit geeignet sind oder sich auf Agrikultur und Viehzucht verstehen, können in das neue Land mit Sicherheit gehen, außer natürlich, sie haben ein eigenes festes Einkommen. Wollten aber die jüdischen Emigrantenmassen, die Schneider, Schuhmacher, Hausierer das „Jtoland" überfluten, so würden sie alle Hungers sterben müssen. Erst wenn die Dörfer zn Städten werden, erst wenn Industrien und Fabriken zu entstehen beginnen, können größere Einwanderermassen mit Aussicht auf eine sichere Zukunft in das neue Land kommen. Selbst heute ist es einem armen Juden leichter nach England zn kommen, als einem Christen nach Südafrika und nach anderen Ländern, wo die Beschäftigungsanssichten gering sind. Palästina ist keine unmittelbare Lösung. Die Schwierigkeit bezüglich der Aufnahme der gegenwärtigen, jüdischen Auswanderung, würde nicht merklich geringer werden, wenn das Jtoland zufällig — Palästina wäre. Sie brauchen nur die Warnung zu lesen, welche „Die Welt" gegen eine planlose Einwanderung nach Palästina ergehen läßt. Das Jnfvrmationsbureau in Jaffa betont, daß in P a l ä st i n a nur Menschen mit einigem Kapital Aussichten haben. Handwerker hingegen sind nur im beschränktem Maße, und nur aus gewissen Branchen erwünscht. Junge Leute können in den Kolonien Arbeit finden, aber der Taglohn von 45 bis 60 Kopeken ist nicht hinreichend. Ebenso muß die Periode der Regentage, ungefähr 55, in Betracht gezogen werden. Während dieser Zeit gibt es für Taglöhner überhaupt keine Arbeit, und das Bureau betont besonders, daß es in Palästina keinen allgem e i n e n U n t e r st ü tz u n g s f o n d für Beschäftigungslose gebe. Einige Zionisten behaupten daher auch tatsächlich, daß Palästina nicht als ö k o n o m i s ch e Lösung, sondern als Kultur-