Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1907-01-04 · Heft 2 (4.1.1907) · p. Seite 5

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1907
Issue
Heft 2 (4.1.1907)
Date
1907-01-04
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2429839-2429930-2429932--662-2430798
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. S Rationalzeitung Seite 5 Ein Departement Mr Regulierung -er Auswanderung der Ito. (Rede Zangwills vom SO. Dezember 1806 auf dem Massenmeeting im Londoner Pavillon-Theater.) Meine Damen und Herren! Zum zweitenmale sind wir in diesem Jahre zur Begrüßung unserer, aus allen Teilen des Landes' zusammengekommener Delegierten versammelt. Während jedoch das ständige Komitee der „British Federation" anläßlich unserer ersten Zusammenkunft eine eben erst konstituierte Körperschaft darstellte, ist es heute unter dem Präsidium des unermüdlichen Vorsitzenden, des M. A. Spielman, bereits in voller, sehr fleißiger Arbeit be> griffen. Die Federation leitet heute alle internen Angelegenheiten der Bewegung, während unserem Conseil die Beschäftigung mit der großen Frage des Territoriums überlassen bleibt. Die Federation hat auch unseren Conseil durch die Wahl einer Anzahl neuer Männer, wie Dr. Abrahams, R. M. Sebag M o n t e f i o r e und E. M. Langdo n, Präsident der Manchesterer Handelskammer gestärkt. Mr. Josef Fels, über dessen Kolonie in Essex die Zeitungen soviel schrieben, widmet uns in unserer Suche nach einem geeigneten Territorium seine weitestgehende Unterstützung. Außerhalb Englands hat sich unsere Position ebenfalls gebessert. Ohne einen Finger zu rühren, wächst unsere Bewegung von selbst. In R u ßl a n d hat sich eine t e r r i t o r i a l i st i s ch e Pioniergruppe gebildet, die sich selbst eine Gruppe nennt, „die gewillt ist, auszuwandern und entschlossen die Arbeit für die Zukunft des Volkes zu machen." Ihr Zweck ist: „P.oniere heranzuziehen, welche gewillt sind, auf eigene Initiative, ohne die Philantropie in Anspruch zu nehmen, auszuwandern, da die eigene Initiative eine Garantie bildet für den Ernst des Unternehmens, während Philantropie geeignet ist, das Unternehmen zum Scheitern zu bringen, wie dies in Argentinien und selbst in Palästina der Fall war."' In D e u t s ch l a n d wurden die Herren Dr. I e r e m i a s — Posen, und Dr. Emil S i m o n s o h n, führende Persönlichkeiten der politischen Zionisten Deutschlands, in unser Conseil gewählt. Aus W i e n erhielt ich vor einigen Tagen ein Begrüßungstelegramm, in welchem die Gründung eines Zentralverbandes für O e st e r r e i ch mitgeteilt wird. Ebenfalls in Oesterreich besitzen wir in der „N a t i o n a l z e i t u n g" ein territor i a l i st i s ch e s O r g a n. Die größte Verbreitung scheint jedoch die territorialistijche Idee in Ungar n, einem Lande, welches der allgemein-jüdischen Bewegung bisher ferne stand, nehmen zu wollen. Hier haben wir die Sympathien der bedeutendsten Männer des Landes gewonnen und in kürzester Zeit wird in B u d a p e st unter sehr günstigen Auspizien eine „Jto-Landeskonferenz" stattfinden. Unsere Erfolge in Südafrika sind Ihnen bereits bekannt. Der High-Commissioner Sr. Majestät, Lord S e l b o u r n e, hielt in einer „Jto"-Versammlung eine bedeutsame Rede, in welcher er unserer Bewegung seine Sympathien anssprach. Diese Versamnllung war auch wegen des in derselben verlesenen Briefes der Frau Olive Schreiner, jener genialen Dame, von besonderer Bedeutung. Miß 'Schreiner spendet in diesem Briefe den russischen Juden so ungeteiltes Lob, daß er nicht verfehlen wird, die Lage der russischen Einwanderer in Südafrika um ein bedeutendes zu erleichtern. In Amerika zählen fast alle Führer des jüdischen, ja selbst des amerikanischen Lebens, wie Ihnen bekannt, zu den Mitglieder!: unseres Konseils. Das jüngst gebildete „50er C o m i t <!", das berufen ist, die Juden Amerikas zu repräsentieren, hat den Richter Mayer S u l z b e r g e r zu seinem Präsidenten gewählt. Es gereicht mir zur besonderen ermutienden Genugtuung erwähnen zu können, daß ieser nüchterne Beurteiler von Menschen und Dingen der Präsident des jüdischen Amerikas ebenfalls Mitglied unseres I n t e r n a t i o n a l r a t e s ist. Ebenfalls in Amerika besitzen wir die aktive Unterstützung jenes großen Industriellen, Mr. Daniel G u g g e n h e i m, der sich nicht begnügte, bereits einmal ein in Vorschlag gebrachtes Territorium auf eigene Kosten zu erforschen, — unglücklicherweise erwies sich dieses Territorium wegen seltener Regenfälle als ungeeignet, — er trägt jetztdieKostender Erforschung eines anderen, ebenfalls in Behandlung gezogenen Territ o r i u m s. In Australien interessiert sich eine Anzahl von Juden und Nichtjuden formell oder informell für die Möglichkeit der Errichtung einer jüdischen Siedlung in diesem Lande, und wandten sich auch bereits mit ihren Vorschlägen an verschiedene Regierungen. Alle ihre Vorschläge, wie auch andere aufgetauchte australische Projekte waren naturgemäß Gegenstand unserer sorgfältigen Erwägungen. Ich betone, unserer sorgfältigen Erwägungen, weil wohlmeinende Herren, in offenen Briefen au verschiedene jüdische Blätter, uns vor den übertriebenen Erzählungen der Landagenten und Regierungsagenten warnen. Meine Damen und Herren! Es ist nicht nötig uns zu warnen! Wir sind Juden. Und in unserer Geographischen Kommission gibt es keinen einzigen Narren. Sie gehören nicht zu den Männern, die in einer Frage, in welcher es sich um das L-chicksal der kommenden Generation handelt, überhastete und unbesonnene Entschlüsse fassen. Aber ich kann nicht umhin auszusprechen, daß jedermann, der irgend etwas zu Gunsten oder zum Nachteile irgend eines speziellen Gebietes weiß, dies nicht den Zeitungen, sondern uns bekanntgeben sollte. Ich kümmere mich wohl nicht sehr viel darum, wenn Sie gegen ein Territorium irgend etwas schreiben. Aber die öffentliche Anernpfehlung eines Gebietes könnte vielleicht unsere Chancen in der Erreichung desselben für immer zerstören. Das osiafrikunische Anbot. Sie erinnern sich noch, was bezüglich jenes kleinen und ungeeigneten Plateaus in Osta f r i k a geschehen ist. In dem Momente als es bekannt wurde, daß die Juden ein Auge darauf haben, erwachte durch das ganze Christentum eine brennende Gier nach diesem eigenartigen Stück Landes, von welchem niemand früher etwas gehört hat. Buren, Deutsche, Holländer, Engländer und selbst Hindus drängten sich an diesen Flecken heran. Die Ugandabahn, welche bis dahin stets mit Verlust arbeitete, begann plötzlich Dividenden zu bezahlen. Das von den Zionisten zurückgewiesene Plateau wurde von sechsmal sovielen begehrt, und noch bis zum heutigen Tage liegen die paar Hundert über das große britisch-ostafrikauische Gebiet zerstreut lebenden Deutschen, zitternd in ihren Betten, aus Angst vor einer jüdischen I n - v a si o n. Hierin liegt eine der größten Schwierigkeiten unserer Aufgabe. Wir können unsere Arbeit nicht in die Oeffentlichkeit tragen, denn sie ist eine politische und keine phil a n t r o p i s ch e. Während des letzten Monates und besonders in der letzten Woche waren jüdische Zeitungen verschiedener Länder besonders gesckjäftig in der Veröffentlichung von Gerüchten über unsere Projekte. Ich kann mir nichts schädlicheres für die Sache des jüdischen Volkes denken, als wenn Entstellungen unserer Ideen, oder selbst wahrheitsgetreuer Schilderungen über sie oder in anderer Form, als wir sie nach reiflicher und peinlicher Erwägung aller politischen Schwierigkeiten und eventuellen Vorurteilen bekanntgeben, in die Oeffentlichkeit gebracht werden. Durchwegs falsche Mitteilungen sind womöglich noch weniger gefährlich als die Mischung von Wahrheit und Unwahrheit, welche halbinformierte Journalisten, der momentanen Sensation wegen, in die Oeffentlichkeit zu bringen, sich beeilen. Einer Lüge, die eine ganze Lüge ist kann wohl der Kopf abgehaueu werden, wenn sie auch nicht ganz getötet werden kann. Aber )vie der Dichter sagt: »Gegen eine Lüge, die eine halbe Wahrheit ist, ist schwerer anzukämpfen." Sie werden später die wahren Details eines Problems hören, welches auf rnancher Seite entstellt veröffentlicht und vielleicht gar gefährdet wurde. Meine Erfahrungen mit diesem kleineren Plane zeigen mir deutlich die Gefahren, die in dem Warten auf das wirkliche „I t o"- l a u d p r o j e k t liegen und ich weiß wahrhaftig nicht, ob es nicht besser wäre, wenn die Entscheidung unserer Geographischen Kommission nicht eher veröffentlicht würde, als n i ch t zu min de st die Pioniere auf dernTerritoriom in Sicherheit a n g e s i e d e l t sein werden. Ich wiederhole:Unsere Arbeit ist eine politische, und Politik erheischt vorsichtiges, diplomatisches Vorgehen. Wir leben nicht in einer Welt, in der die Juden geliebt werden^ Worin besteht denn diese unsere Arbeit?- Sie ist klar festgestellt in der Formel, welche jetzt fast die allgemeine Zustimmung besitzt und für welche ich auch die Zustimmungskundgebung dieser Versammlung erbitte. Diese Arbeit besteht: „In der Schaffung eines Territoriums auf autonomer Basis für diejenigen Inden, welche in ihren gegenwärtigen Wohnländern nicht bleiben können, oder nicht bleiben »vollen." Das Emigrationsproblew. Die „Jto" hat es unternommen, unser Emigrationsproblem zu lösen, das Problem, welches in jedem Lande auf philantropischer Basis behandelt wird. Aber die Wohltätigkeit beginnt ihr Werk zu Hause, unser Problem beginnt daniit von außen. Das ist keine philautropische Frage, sondern wie ich bereits in meiner ersten Kundgebung dargetan, eine internationale Frage und kann bloß politisch behandelt werden. Wenn diese Behauptung noch eines Beweises bedürfte, könnte er durch die Schwierigkeiten und Gefahren geliefert werden, welche durch die überhastete Auswanderung aus Rußland in Oesterreich, Deutschland, Frankreich, England und Amerika entstanden sind. Hier bei uns wissen wir, ist in ihrem Gefolge das Fremdengesetz („A l i e n B i l l") entstanden, welche so beschämende Leiden verursacht hat. Von den übrigen Ländern sei hier nur eines als Beispiel genommen: Frankreich. 10 000 unglückliche Flüchtlinge strömten nach Paris und schufen dort eine so schwierige Situation, daß ein Wohltätigkeitskomitee im April des eben ablaufendeu Jahres, einen ängstlichen Appell an die Juden aller Länder richtete, nicht nach P a r i s zu kommen und auch keine anderen Juden dahin zu schicken. Das Komitee sagt in diesem Zirkular: „Indem diese Juden nach Paris, das bereits 50.000 Ausländer beherbergt, kommen, bilden diese zusammen eine bedeutende Masse von Einwanderern, die nichts auszurichten vermögen in einer Stadt, in welchen alle diejenigen Gewerbe, welche unsere Juden betreiben, bereits durch unsere Glaubensgenossen überfüllt sind. In einer Stadt, in welcher überdies, ihre Unkenntnis der französischen Sprache und die Schwierigkeiten, auf denen sie bei der Erlernung dieser Sprache stoßen, ihnen bei der Erlangung irgend einer Beschäftigung hinderlich sind. In einer Stadt endlich, in welcher das Elend bereits so groß ist, daß wir uns fragen müssen, was mit diesen unglücklichen Menschen geschehen soll, die täglich an unseren Türen klopfen, daß wir ihnen so wirksam helfen könnten, als es nötig wäre! Deshalb stellen auch viele an uns das Ersuchen, sie wieder heim zu beförden. So sehr wir auch ihre Rückbeförderung erleichtern möchten, sind unsere Mittel dennoch zu gering, um die Last auf uns zu nehmen, die ihre direkte Rückkehr in ihr ursprüngliches Heimatsland uns auferlegt. Wir müssen uns daher damit bescheiden, daß wir sie je nach ihrer Lage, in eine bedeutende Grenzgemeinde, oder in ein Nachbarland befördern. Auf diese Weise spielt sich dieselbe Wanderung auf dem Rück w ege ab, als die ursprüngliche aus bem, Heimat s l a n d e". Diese letzten Worte machen den Eindruck als ob sie aus meinem Aufrufe zitiert wären, in welchem ich u. a. sagte: „Diese Wanderungen bewegen sich nicht iinmer vorwärts von Punkt zu Punkt, sondern sind oft nur Versuchswanderungen hin und zurück, und bewegen sich manchmal sogar im Kreise". Und könnte etwa dieser ganze Appell der Pariser Kommission in seiner ganzen Hoffnungslosigkeit auf eine Lösung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.