Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 2 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 2 Nalionalzeitung Seite 3 an so manches gewöhnen müssen. Und den rumänischen Juden wird es klar, daß ein Oplimismis schlecht, sehr schlecht angebracht wäre. Interessant sind die Berichte der rnmänischen Presse. So schreibt z. B. „Adevaru l", nach einer übereinstimmenden Darstellung der Tatsachen: Es ist charakteristisch für die krankhafte Strömung im Lande; es hat sich bis jetzt noch kein Politiker gefunden, der gegen solche Vorfälle protestiert, umsomehr als sie von Schulbuben veranstaltet werden. Alle Disziplin in der Schule erweist sich angesichts dieser Vorfälle als nutzlos, denn die Professoren vermögen den Kindern die Achtung vor dem Gesetze nicht einzuprägen. Ja, die Kmder verhöhnen die Polizei! Wir erwarten strenge Bestrafung der Urheber dieser antisemitischen Exzesse in Craiova und rechnen bei dieser Forderung auch die Unterstützung der gonvernementalen Partei. Solche Vorfälle sind die Folgen einer Hetzkampagne gegen die Juden, an welcher die liberale Partei einen g r o ß e n A nt e i l hat und die durch Haß und Feindschaft geschürt wir d." In gleichem Sinne äußert sich „Tara", das in diesem rohen Akte, „die Symptome eines gefährlichen Geisteszustandes sieht und weiter sagt: „Eine natürliche oder künstlich erzeugte Agitation, mit antisemitischem Charakter ist im Lande vorhanden und es zeigen sich Symptome, w e l ch e — w e n n man keine zeitlichen Maßregeln trifft — s i ch zu verschärfen drohen. Zuerst Bukarest, jetzt Craiova! Dort verhindert man den Konzertabend eines jüdischen Vereines; die Polizei muß nachgeben. Und als zweites in dieser Woche, die Vorfälle in Craiova!" .. . Und das zitierte Blatt, kommt zu dem Schlüsse, der dem klarblickenden richtig, leider richtig erscheint: Der Antisemitismus in Rumä« nien ist nicht zu leugnen. Ja, noch mehr, die Bewegung wächst, die staatlichen Organe weichen zurück. Und es ist noch nicht lange her, seit den stürmischen Tagen in den Provinzen O l 1 e n i e n und in der Walachei.... B6n Elieser. Discite moniti! Wer von der für den 6. d. nach Lemberg einberufenen jüdischen Versammlung etwas erhofft, wird arg enttäuscht werden. Ich möchte gerne ein schlechter Prophet sein fürchte aber das Gegenteil. — Schon die politische Gesinnung und Stellung des Einberufers deutet auf die Richtung, welche beschlossen werden soll. Dr. L ö w e n st e i n ist nämlich ein heißer, jüdischerPole, wie ihn die Machthaber des Polenklubs wünschen. Daß unter dem Vorsitze und über Anregung dieses Politikers ein Abschwenken vom Polentum den Juden nicht einmal als diskutabel erklärt werden wird, ist leider sicher. Von jüdisch-nationaler Politik ist aber schon gar keine Rede. Wer etwa daran zweifelt, daß Doktor L ö w e n st e i n seine Juden nur zu dem Zwecke einbernft, um beu Polen blinde Gefolgschaft zu leisten, der möge sich die erste Anregung dieses Politikers, in welcher er erklärte, Juden aller Schattierungen mit Ausnahme der Z i o n i st e n aufzunehmtn, in Erinnerung bringen. Abgesehen davon, läßt die Aufnahme Dr. Löwe n. st e i n s in das in einen polnischen Nationalrat unlgestaltete Zentral-Wahlkomitee einen Zweifel über die Strebungen der Politik L ö w e n st e i n s nicht aufkonunen. Im polnischen Nationalrate haben selbstverständlich nur Polen Platz, so daß Dr. L ö w e n st e i n als sogenannter „j ü d is ch e r Pole" in diesen Rat gerufen wurde. Ein Pole aber darf nicht jüdische Nationalpolitik machen. Wozu also eine Komödie aufführen, und eine Versammlung einberufen, um Beschlüsse zu fassen, wenn im vorhinein feststeht, was beschlossen werden muß. Diese Unaufrichtigkeit ist wohl von den Polen inspiriert, um den Leuten Sand in die Augen zu streuen, und glauben zu machen, als wenn es Wille und Entschluß des jüdischen Volkes wäre, polnische Politik zu machen I Diese Komödie ist auf folgende Umstände zurückzuführen. Die „Neue Freie Presse" brachte vor einiger Zeit die Notiz daß die Machthaber des Polenklubs ihrer Mandate im künftigen Parlamente noch nicht sicher feieit, und daß es insbesondere noch ungewiß ist, welches Mandat dem parlamentarischen Minister Grafen Dzieduszyky zufallen werde. Dies, im Zusammenhänge mit der Bemerkung des sonderbaren Demokraten G l o mb i n s k i, daß die jüdischen Wahlbezirke polnisch seien, und daß es keineswegs ausgeschlossen sei, daß aus dem einen oder dem anderen dieser Bezirke ein Pole des anderen Bekenntnisses gewählt werden könnte, läßt mit Gewißheit den Schluß zu, daß die jüdischen Wahlbezirke, den Durchfallskandidaterr des Polenklubs abgegeben werden sollen. An Präzedenzfällen mangelt es, wie ich in meinem jüngsten Artikel „Absit omen“ („Nationalzeitung") dargetan habe, — nicht. Gelingt es den Polen nicht, einen oder den anderen ihrer Machthaber in einem polnischen Wahlbezirke anzubringen, so werden die Juden ihr „polnisches Herz"' entdecken müssen. Und diese I u d e n p o l i t i k tjilft ein Jude mache n! —- Wenn sich aber in der Versammlung des 6. Jänner nur zehn Gerechte finden, so mögen sie gegen die Machinationen der Mameluken des Polenklubs energisch Stellung nehmen.- Gewarnt sind sie, mögen sie lernen!- Sereth, den 31. Dezember 1906. Dr. Isaak K o h n. Stellung der Inden in der inneren Politik. I. I. Kr. Die Wahlreform wurde wohl nicht, wie es der Kaiser angeblich in Aussicht gestellt, den Völkern Oesterreichs als fertiges „Christkind" gebracht, aber die Wahlreform kann als gesichert betrachtet werden, und bleibt dennoch für alle Zeiten ein „Christkind" in des Wortes buchstäblichster Bedeutung. . Man ist sich heute in allen Lagern darüber klar geworden, daß die Wahlreform in ihrer heutigen Gestalt und Fassung nur denjenigen Nationen und Parteien Vorteile bringen wird können, welche den Juden, sei es als Nation, sei es als Religion, feindlich oder zumindest unfreundlich gegenüberstehen. Die Optimisten unter den Politikern rechnen neben einem Anwachsen der klerikal-antisemitischen Partei auch auf eine Stärkung der sozialdemokratischen Partei und möchten nun, daß die Juden sich mit diesem Gewinne zufrieden geben. Gewiß, zwischen den ausgesprochenen Klerikal-Anlisemiten und den antisemitisch drapierten Sozialdemokraten, mögen ja die letzteren für uns Juden das kleinere Uebel bilden. Aber ein Nebel bleiben sie immerhin. Heute, wo an eine Aenderung der Wahlreform und seines wichtigsten Bestandteiles, der Wahlkreiseinteilung, nicht mehr zu denken ist, ist wohl für uns Nationaljuden die Frage nicht unwichtig: weshalb mußte die Wahlreform sosehr zu Ungunsten der Juden Oesterreichs ausfalleu? Ein kurzer Rückblick auf die Entstehung und Entwicklung der nationaljüdischen Bewegung in Oesterreich als innerpolitische Partei wird hierüber den richtigen und einzig klaren Aufschluß geben. Das jüdischnationale Programm mit seinen nationalen Postulaten, zu denen auch eine jüdische Vertretung in allen kommunalen und gesetzgeberischen Körperschaften gehört, ist besonders, was Oesterreich betrifft, so alt, als der seinerzeitige Beschluß der zionistischen Organisation, die innerpolitische Betätigung als eine dem Gesamtprobleme zuwiderlaufende und demnach schädliche Erscheinung aus dem zionistischen Programme auszuschalten sei. Dieser Beschluß hatte den Exodus einer hedeutenden Anzahl von überzeugten Nationaljuden aus der Organisation zur Folge, welche sich zum Teile in der damals begründeten „Jüdischen Volkspartei" sammelte, teils abseits von jeder jüdischen Bewegung blieben. Die „Volkspartei", deren Hauptprogramm in der innerpolitischen Betätigung der Juden Oesterreichs, oder vielmehr in der Erziehung zur jüdischpolitischen Bewegung bestand, wurde in dieser Erziehungsarbeit von keiner Seite so heftig bekämpft, als von Seite des offiziellen Zionismus. Wir übergehen all' die sterilen Kämpfe und Debatten, auch all' die Zusammenstöße, durch welche die jüdische Volkspartei in ihrer Arbeit gehemmt wurde. Es kam ein Uebergangsstadium. Ein anläßlich der Kultnswahlen vor vier Jahren geschlossenes Kompromiß zwischen beiden Gruppen konstatierte wohl, daß die „Jüdische Volkspartei" es war, welche die Betätigung der Juden auf allen innerpolitischen Gebieten inauguriert hat, und daß diese Arbeit auch gefördert werden soll doch haben die Zionisten mit Ausnahme einzelner, viel umstrittener Parteitagsbeschlüsse, praktische innere Politik nicht betrieben. Nun kam die Wahlreformvorlage. Was die Führer der Jüdischen Volkspartei längst vorausgesehen haben, traf zu: in den jüdischen Massen erwachte, der solange durch Parteidisziplin und Programmfessel niedergehaltene Drang zur Gegenwartsarbeit, zur innerpolsiischen Betätigung. Aber auch die Befürchtung der Männer von der Jüdischen Volkspartei haben sich bestätigt. Der Wille politisch tätig zu sein und ihren Anteil an den Segnungen der Wahlreform zu haben war vorhanden, aber eine politisch reife, politisch erzogene jüdische Masse fehlte. Und so kam es, daß die zionistische Organisation ihren größten Fehler aus alter Zeit, ihre Exklnsivitätsbestrebungen auch jetzt nicht aufgegeben haben, als es galt politisch erzogene Massen für die nationale Idee zu gewinnen, welche nicht die z i o n i st i s ch e P u n z i e r u n g in der „Türkenstraße Nr. 9" erhalten haben. Allerdings wurde manchem, ambitionösen Politikus, der mit dem allzionistischen Gedanken stets in Fehde stand, oder von dem Einflüsse einer gefügten Organisation manchen politischen Vorteil für' sich erhoffte, rasch mit Nachsicht der allzionistischen Ueberzeugung der Parteistempel anfgedrückt. (Ein weiterer Artikel folgt.) Die Errichtung eines Krankenpflegerinneninstitutes in Wien. Wir haben bereits in unserer letzten Nummer von der Errichtung dieser Institution kurz berichtet, und bringen nachstehend den Bericht über die Sitzung in der dies zur Verhandlung kam. Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes vom 30. Dezember 1906, unter dem Vorsitze des Herrn Präsidenten Dr. Alfred Stern, Beginn 10 Uhr vorm. Gegenstand: Errichtung eines jüdischen Krankenpflegerinneninstitutes in Wien. — Referent Herr Vizepräsident Dr. Gustav Kohn. Der Referent weift in seinen Ausführungen auf die Notwendigkeit der Errichtung eines jüdischen Pflegerinneninstitutes hin. Sowohl in der Privatals auch in der öffentlichen Krankenpflege ist in den letzten Jahren — und wie ausdrücklich hervorgehoben werden muß — nicht zum Schaden der Sache, das konfessionelle Moment stärker hervorgetreten. Es ist eine nicht zu leugnende Tatsache, daß das religiöse Empfinden des Menschen in Tagen der Krankheit am stärksten zutage tritt, und es übt zweifellos auch auf das physische Empfinden des Kranken einen nicht zu unterschätzenden Einfluß aus, eine Pflegerin seines Glaubens um sich zu wissen. In der Erkenntnis dieser Tatsache haben unsere Glaubensgenossen in Deutschland schon vor vielen Jahren die Errichtung jüdischer Pflegerinneninstitute in Angriff genommen und diese Institute sind heute getragen von der Sympathie der gesamten jüdischen Bevölkerung, zu einer weitverzweigten, blühenden Organisation, zu einem wichtigen Gliede in der Kette der Wohltätigkeitsinstitution unserer Glaubensgemeinschaft geworden. — Auch einige Städte in Österreich, wie z. B. Prag und Preßburg haben solche Institute ins Leben gerufen. Angesichts solcher Bestrebungen und durchdrungen von der vorhandenen Notwendigkeit hat sich der Kultusvorstand schon vor Jahren veranlaßt gesehen, der Gründung eines solchen Institutes näher zu treten, ungeachtet der großen Schwierigkeiten, welche der Ausführung dieser Absicht entgegenstehen und der großen finanziellen Opfer, welche die Gründung eines solchen Institutes erfordert. Hiebei schwebte dem Vorstande als zu erstrebendes Ziel nicht bloß eine durchgreifende Verbesserung der Pflege im Spitale der Kultusgemeinde und die Heranbildung von in jeder Beziehung geeigneten jüdischen Pflegerinnen für den Privatkrankendienst vor, sondern auch oie Schaffung eines neuen, lohnenden Erwerbszweiges für Mische Frauen und Mädchen. — In weiterer Folge sollen dann die herangebildeten Krankenpflegerinnen im Sinne der Distriktskrankenpflege armen jüdischen Kranken zur Wartung im Hanse zugewiesen werden.