Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 2 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Natioiialzeituug Nr. 2 ausführlich berichten. Aber schon heute sind wir auf Grund uns schon früher zugekommener privater Mitteilungen mitzuteileu in der Lage, daß es sich hier' um eine große Organisationsarbeit handelt, in welche sowohl die Ausgangspunkte der Emigration, als anch die wichtigsten Dnrchzugsstationen einbezogen werden sollen. Es unterliegt keinem Zweifel, daß eine solche umfassende Regulierungsarbeit große Geldmittel beansprucht und das Z angwill, beziehungsweise der Conseil, gleichzeitig mit der Ansarbeitnug des Arbeitsplanes anch bezüglich der Beschaffung der Geldmittel teils vorgesorgt, teils zweckdienliche Beschlüsse gefaßt hat. Für die Territorialisten Oesterreichs eröffnet sich daher außer ihrer, den Endzweck abzielenden Tätigkeit, auch ein großes Feld für ersprießliche Gegenwartsarbeit. Przemysl. Die Abreise einiger Genossen von Przemhsl hat eine kleine Krise in die hiesige „S. S."-Organisation hineingebracht, die jedoch von sehr kurzer Däner war. Dies wurde durch die Rückkehr dieser Genossen bewirkt und bald darauf begann im Vereitle eine geordnete Arbeit. Vor allem wurde das Vereinskomitee erneuert. Auf der am 14. Dezember 190k abgehaltenen II. ordentlichen Generalversammlung wurden in den Ausschuß des ans sozialistischterritorialistischer Basis stehenden „Allgemajngewerkschaftlichen Arbajter Verajn „Frajhajt" folgende Genossen gewählt: Präses Sch. Freund, erster Vizepräses Band E., zweiter Vizepräses Buchwald, Kassier B a r a n, Sekretär Steinberg, Bibliothekar Dr. P o r d e s, Lau b, Frank, Schnitzer, K r e b s, S ch r e i b e r, Holzmann, Schlaf. Das nengewählte Komitee nahm sich energisch zur Arbeit und die Früchte derselben wurden bald ersichtlich. Es fanden viele vertrauliche Versammlungen und einige Vorträge statt. Es wurde auch eine Arbeiterinnengruppe gegründet, die auf Freitag, den 28. Dez. 1906 eine Agitätionsversammlung einberief. Dieselbe war gut besucht und nach den Referaten der Genossen S t e i n b e r g und Schlaf traten alle der Przemysler sozialistisch territorialistischen Arbeiterinnen-Organisation bei. Auf Antrag mehrerer Genossinnen wurde gleichzeitig die Generalversammlung abgehalten. In den Ausschuß wurden folgende Genossinnen gewählt: Vorsitzende Verständig A., Vizepräs. E i s n e r P, Kassierin W e i tz, Sekretärin V e r st ä n d i g F., Freund, S ch e e r, Rauch, Grübler, Schmalzbach. Der Arbeiterinnen-Organisation traten viele Mitgliederinnen der unter dem Namen „Separatisten" bekannten jüdischen sozialdemokratischen Partei bei. Es wurde auch ein Agitationskomitee aus den Genossinnen Hornik, Holzmann, Scheer, Eisn er bestehend, gewählt. Samstag, den 29. Dezember 1906, fand eine massenhaft besuchte Parteiversammlung statt, auf welcher Genosse Freund über unser Programm referierte. Mit seiner inhaltsvollen Rede begeisterte er die Anwesenden so, daß auch der letzte Mohikaner der Przemysler Poale-Zion, der anwesend war, unserer Organisation beitrat. Gleichzeitig können wir über das weitere Entwickeln unserer Organisation in ganz Galizien einen stetigen Fortschritt konstatieren. Äuswanderungsangelegenh eiten. Die überseeische Auswanderung über Hamburg und Brenien hat in den abgelaufenen 11 Monaten eine Höhe erreicht, wie nie zuvor, sodaß auch ohne den Monat Dezember das Jahr 1906 als das Rekordjahr der Auswanderung bezeichnet werden kann. Die Auswanderung im Monat November betrug: über Hamburg über Bremen 1906 . . . 18.012 22.401 1905 . . . 9.142 11.444 1904 . .. . 11.771 15.309 Die G e s a m t a n s w a n d e r u n g über Hamburg und Bremen in den ersten 11 Monaten des Jahres 1906 stellte sich wie folgt: über Hamburg über Bremen 1906 . . 160.530 194.987 1905 . . 131.595 175550 1904 . . 118.474 120.947 Bremen hatte bisher noct) immer die größere Auswanderung, nämlich im November 4400 und seit Jahresbeginn 34.400 mehr als Hamburg. Ueber beide deutsche Häsen znsammen sind bis jetzt 355.517 Personen gegen 307.145 im vorigen und 239.421 iil 1904, 305.885 in 1903 und 251.001 int Jahre 1902 allsgewandert. Diese steigende Auswanderung dürfte wohl in erster Reihe auf die politische tutb wirtschaftliche Krisis zmückznführen feilt, die das Zarenreich iil den letzteil Jahren dnrchgemacht hat, und die vor allen Dingen die jüdische Bevölkerung zur Auswanderung zwingt. Die russische Emigration und die Ica. Am 17. Dezember fand in Petersburg eine Sitzung der Emigrations-Sektion des Petersburger Zentralkomitees der Jca statt, in welcher Herr I a n o w s k y über das Ergebnis seiner ini Aufträge des Zentralkomitees unternommenen Reise in die russischen Hafenstädte, sowie anderen liordwestlichen Städten referierte. Bezüglich des Lebens der Emigranten in L i b a u ulld der Tätigkeit des dortigen Emigrationskomitees berichtet Herr Janowsky, daß das Komitee feine Arbeiten sehr eifrig und durchaus im Interesse der Emigranten verrichte. Das Komitee hat die Arbeit unter ihren Mitgliedern verteilt und lvirkt besonders segensreich auf dem Gebiete des Schutzes der Einigranten gegen das Ausbeutergelverbe der Auswanderungsagenten. Als Jllustrationssaktum für die erfolgreiche Tätigkeit des Komitees auf diesem Gebiete tritt Herr Janowsky folgenden drastischen Fall mit: Eine arme Frau, die mit mehreren Kindern nach Amerika fahren wollte, fiel in die Hände eines Agenten. Infolge Erkrankung eines Kindes mußte die Frau inehrere Tage in Libau bleiben. Das Komitee stellte nun fest, daß die aller Mittel entblößte Frau mehr als das Doppelte des wirklichen Fahrpreises an den Agenten gezahlt hatte. Das Komitee setzte es nun durch, daß der betreffende Agent persönlich nach Libau kam und die Differenz der Frau zurückerstattete. Auf diese Weise kam die Frau in' die Lage, ihre Libauer Ausgaben selbst zu decken, erübrigte sogar noch einiges Fahrgeld für die Reise, ohne auf eine öffentliche Unterstützung angewiesen zu sein. - <• > Im weiteren Verlaufe seines Berichtes weist Herr Janowsky auf die traurige Tatsache, hin, daß sehr viele Emigranten nach Libau kommen, ohile alle nötigen Dokuinente zu besitzen, wodurch es unmöglich wird, ihnen einen Auslandspaß zu beschaffen, so daß sie oft gezwungen sind, unverrichteter Dinge wieder «ach Hause zu fahren. Viel zu wünschen lassen die Emigrantenwohnungen in Libau, obgleich die Vermieter Juden sind. Auf diesem Gebiete müsse noch vieles getan werden. Eingehend beschäftigt sich Herr Janowsky mit dem Zustand der Auswandererschiffe. Auf den kleineren Schiffen, welche nur bis England verkehren, sind die Zustände heute genau so schlecht, wie vor sechs Monaten, als Herr Janowsky den Libauer Hafen zum erstenmale besucht hatte. Schon damals machte er die Schiffsadministration auf die vielen Mängel, welche auf den Darupfern bestehen, aufmersam. Es wurden ihm viele verschiedene Verbesserungen zugesagt, doch seien die Versprechungen bis heute unerfüllt geblieben. Hingegen ist der direkte Dampferverkehr zwischen Libau und Amerika ein wahres Glück für die Emigranten. Die großen Dampfer dieser Linie find in jeder Beziehung gut ausgestattet, und stehen hinter den großen ausländischen Auswandererschiffen in keiner Weise zurück. Das Essen wird rituell zubereitet (ein Angestellter des Komitees führt während der ganzen Reihe die Aufsicht) und auch die Behandlung der Emigranten seitens der Schiffsmannschaft ist eine zufriedenstellende. Herr Janowsky hat die Emigrantenschiffe „Smolensk" und „Grodno" eingehend besichtigt und war mit dem Gesehenen außerordentlich zufrieden. Besonderes Lob zollt Herr Janowsky dem Emigrationskomitee in R i g a. Hier arbeitet die „Nord-Dampfschiffahrtsgesellschaft". Diese Gesellschaft verfügt über große Dampfer. Jede Woche geht nur einmal ein Schiff, mit höchsten- 150 Emigranten ab, aber die Gesellschaft und besonders ihr Rigaer Vertreter, Herr B i l b y kommt den Emigranten in jeder Beziehung äußerst freundlich entgegen. Das Rigaer Komitee nimmt sich der Emigranten sehr warm an. besorgt ihnen die Auslandspässe, erwirkt Preisermäßigungen, und hat erst jüngst bei der Gesellschaft durchgesetzt, daß denjenigen Emigranten, welche aus irgendeinem Gründe nicht zur Landung in Amerika zugelassen, und nach Rußland znrückgeschickt wurden, die ursprünglich eingezahlte Schiffstoxe znrückgezahlt iverde. Das Rigaer Komitee hat auch die Anregung gegeben, daß einige Aerzte aus Rußland nach Amerika entsendet werden mögen, um mit der Art der ärztliche,: Untersuchung der Einwanderer bekannt zu werden und ans eigener Wahrnehmung festzustellen, welche Krankheiten ein Hindernis für die Landung bilde». Diese sicherlich sehr wichtige Anregung dürfte wahrscheinlich baldigst au'sgefnhrt werden. Die Entgegennahme des Berichtes über die Reise des Herrn Janowsky ins jüdische Ansiedlungsgebiet („Tscherta") wurde auf die nächste Sitzung der Sektion verschoben. ürief aus Uumiimeir. (Antisemitische Exzesse in Craiova.) B n k a r e st. 28. Dezember 1906. . . . Optimisten werden sich wohl manches von dem Ruhestände versprochen haben, der jetzt scheinbar in Rumänien herrscht. Vielleicht finden sich schon manche, die den Antisemitismus in Rumänien als nicht unbedingt bestehend betrachten. Doch es bedarf nur des geringsten Aulasses, um wieder deutlich erkennen zu lassen, wie es den Juden in Rumänien geht.. . Da fand vergangenen Sonntag eine Makkabäerfeier des Vereines „Har S i n a i" statt, bei der u. a. auch die Herren Dr. N i emirower und Dr. Jsaac Leon sprechen sollten. Bei Beginn des Festes demonstrierten einige hundert „L y z e a n e r", „G y m n as i a st e n" und „Handelsschule r" vor dem Lokale, drangen mit Stöcken bewaffnet in den Saal und zertrümmerten lvas ihnen unter die Hände kam. Einige Personen wurden schwerverletzt. Viele Frauen fielen in Ohnmacht und wurden von den Raufbolden mit Füßen getreten. Sie verbarrikadierten die Ausgänge und mißhandelten noch vor der Türe diejenigen, denen es gelungen war, sich räsch zu flüchten. Unter den Schwerverletzten sind: Herr Jsaac K l e i n mit einer großen Kopfwunde; Fräulein Sali F e r e tz komplizierter Beinbruch; die Herren Dr. Jsaac Le o n und Lehrer Sieber wurden arg mißhandelt... Verwundet sind noch: Fräulein Melder, Herr Bankier P e n ch a s, Herr Jakob I s a c. . . Durch einen nicht nnerfrenlichen Zufall wurde ein ch r i st l i ch e r I o n r n a l i st, der als Jude betrachtet wurde, tüchtig verprügelt. .. Während dieser rohen Szenen kam der Polizeiinspektor M e l i c e s c u an und ließ vorerst den antisemitischen Redakteur D e m et r e s c u verhaften. Der bald darauf eingetroffene Präfekt leitete an Ort und Stelle eine Untersuchung ein. .welche aber gleich unliebsam unterbrochen wurde: die antisemitischen Demonstranten, deren Zahl immer mehr anwuchs, drangen auf den Polizeinspektor ein, der tatsächlich mißhandelt wurde. .. Dabei ertönte unaufhörlich der gewohnte Ruf: „Nieder mit Juden!", zeitweise vermischt mit dem Rufe: „Nieder mit der Polizei!" Dann brüllten sie „nationale" Lieder und provozierten unaufhörlich die Polizei, der es nicht getingen konnte, die Menge zu zerstreuen... Schließlich zog die Horde in die „Strada Horeza", wo sie im Vorübergehen die Scheiben des jüdischen Tempels einschlugen, was bei den großen Spiegelscheiben des „Cafö Mehmet" wiederholt wurde. Auf diesem Naubzuge wurde der zufällig vorübergehende jüdische Journalist O u tz a n'o fürchterlich geschlagen. Dies alles im Angesichte der Polizei, die — das sei offen zugestanden — dieser Bande gegenüber ganz machtlos war. Auch der S t a a t s a u w a l t. der mh Platze erschien, vermochte die Ruhe nicht herzustellen und mußte zusehen, wie in der Straße Lipscani die jüdischen Geschäfte mit Steinen beworfen wurden.Erst um '/,6 Uhr früh, als der Staatsanwalt drei verhaftete Studenten, die ärgsten Radaumacher, freigab, fanden die wüsten Szenen ihr Ende. Für Sonntag nämlich. Denn Montag und Dienstag wurde wieder demonstriert, wieder im Chorus gebrüllt „Nieder mit den Juden!"- Man sollte derartige Vorfälle kaum für möglich halten. Wir Juden haben uns leider