Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 2 (4.1.1907)
- Date
- 1907-01-04
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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MtimcheitW Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. NrdaKtion: IX/1. Mafagass- S1. Teleph»» Nr. 14-»». Gprechftunden r «n Wochentagen von 10 bis IS Uhr Mcm. Postatnceffe: „NckttonalzeitunD", Wien lX/1. »«efchwerdeu wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter «ustellnng erbitten wir uns dringend. — Manuskripte werde» nicht zrrriiekgestellt. Pestsvarfasfenlonto 47037. Ta« Abonnement kann täglich beginnen. Erscheint seden Dienstag nnd Freitag. ü|fntun ntur gjjirlSI. - gmisjrt« linD Khtfnpkim: 5»foft SklUisz. Inserate übernehmen die Firme»; F. D,;n»cberg. M. Dukes Nachfolger» Haasensteiii A Bögler, Rudolf Mosse. M. Pozsouyi, A. Schalek in Wien, ferner alle SlN"»>>ceiu'xp.titio»kil im Auslände. Einzelnummer in Wien 13 Heller. Administration: IX/1, Wasagaste 81. Te»«P»l-n Nr. 147»». «»»nnement-pv t»r Vret» der «a»«tg«n, Die b«nl gespalt.^Ronpareille- 8iir Wie« ». Oefterreichngarn f. Fraiikojvstellung r Ganzjährlich. . . . L I» — Halbjährlich . . . ■ „ «- BlertekjShrlich . . . „ ».- Siir d. gesamte SlniUand r GanzjShrlich . . > K 15.1» -eile oder »e«n «anm N >>. „«ingesendet" die Sivaltige Nonvareillezeile 60 a. »ei mehrmaligen Aufträgen > entsprechender Rabatt. Verschleißstellen unsere« Blattes, in welchen auch Abonnement« entgegengenommen werden: Herinann Goldschmidt, Wien. 7., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, l., Jakoberg. 7. Ur. 2. Wien. Freitag den 4. Jänner 1907 (18. Tebeth 5667), IX. Jahrgang. Die heutige Nummer ist 12 Seiten stark, und enthält den Wortlaut der Rede Zangwills am Londoner Massenmeeting vom SV. Dezember IvV«. -as Enügratiottsdepartement der „Jto". London, den 31. Dezember 1906. Gestern, den 30. Dezember fand hier ein Delegiertentag der „British I to Feder a t i o n" statt, an welchem sämtliche „Jto"- Bereine Londons nnd des vereinigten Königreiches durch ihre Delegierten vertreten waren. Der Delegiertentag war nicht öffentlich. Die Berichte der Londoner nnd der Provinzdelegierten trnstatierten durchgeheuds das erfreuliche Anwachsen der Bewegung in E n g l a n d. In «llen Gesellschaftskreisen bricht sich heute die Neberzengung Bahn, daß die „Jto"-Bewegung seit ihrem kurzen Bestände den Weg zur realen Politik zurückgelegt habe, den andere Be. wegungen so großen Stils erst nach Ueber- Windung langwieriger Kinderkrankheiten znrückzulegen pflegen. Den wichtigsten Beratungsgegenstand der Konferenz, welche den ganzen Tag hindurch dauerte, bildete der von Israel Zangwtll unterbreitete Plan, die Errichtung eines E m ir a t i o n s d e p a r t e m e n t s innerhalb er „Jto"-Organisation. Sowohl in dieser Frage, iuie auch in allen anderen zur Beratung gestandenen Angelegenheiten herrschte erfreulicherweise volle Einmütigkeit unter den Anwefendell nnd die Konferenz endete mit einem solennen Vertrauensvotum für Israel Z a n g w i l l. Am selben Abende fand im Saale des Pavillon-Theaters ein Massenmeeting statt. Laifge vor Eröffnung der Vollversammlung war der Riesensaal bis auf den letzten Platz dicht gefüllt. Es entstand ein so gefährliches Gedränge, daß die Polizei vielen Tausenden, die um Einlaß baten, denselben verweigern mußte. Trotz des Massenandranges herrschte im Laufe der Versammlung musterhafte Ordnung. Unter den Erschienenen bemerkte man die hervorragendsten Persönlichkeiten aus allen Gesellschaftskreisen. Den Vorsitz führte der Präsident der „British Ito-Federation" Herr Ma her A. Spielmann, nach dessen mit Beifall aufgenommener Eröffnungsuild Begrüß,nigsrede, Israel Z n n gwill, von miuuteiilanü.iu Applaus umbranst, das Wort ergriff. In seiner Rede, welche wir an anderer Stelle im Wortlaute bringen, weist er aus die großen Fortschritte hin, welche die „Jto" in allen Ländern macht nnd hebt insbesondere hervor, daß die Lösung der Jndensrage mit der L ö s n n g der jüdischen Emigration im n a tio n a l e n S i n n e identisch sei. Eine Bewegung, welche die Lösung der Judenfrage sich zur Aufgabe stellt, müsse daher auch auf die Regulierung der Emigrationsbewegung einen, für die Lösung der Judenfrage entscheidenden Einfluß nehmen. Von dieser Neberzengung geleitet, hat der Londoner Kouseil der „Jto", nach vorhergegangenen Verhandlungen mit den maßgebenden Kreisen, den Entschluß gefaßt, ein Emigrationsdepartement i n n er h a l b der „Jto" zu errichten. (Stürmischer, lang anhaltender Beifall.) Am Schluffe seiner mit Enthusiasmus aufgenommenen Rede schlägt Zang° will die Resolution zur Annahme vor. Alle nachfolgenden Redner und insbesondere der Professor der Carnbridger Universität, Mr. Israel Abrahams, unterstützten die vorgeschlagene Resolution, und sprachen ihre Zuversicht aus, daß die „Jto" auf dem eingeschlagenen Wege das vorgesteckte Ziel — den bedrückten und verfolgten Stammesbrüdern ein sichere- und freies Heim zu schaffen — baldigst erreichen werde. Hierauf wurde die Resolution, die wir an anderer Stelle bringen, einstimmig angenommen. _ A.ns der territorialijtische« Lewegmrg. Die Errichtung des Emigrationsdepartements, innerhalb der Jtoorganisation ist der erste und wichtigste Schritt auf dem Gebiete der allgemeinen, realen Politik, deren Ausnahme in das allgemeine Jtoprogramm Z a n g w i l l bereits in seinem Briefe an die Wiener I o l st e n bereits angedeutet hat. Ueber den Arbeitsplan nnd die Ausdehnung der Tätigkeit dieses Departements werden wir noch Feuilleton. Gedanken zu Paul Heyses ErMlrrnq „Christuskopf". Von Hans Vogel. Als ich Heyses „Christuskopf" in der Weihnachtsbeilage der Neuen Freien Presse laS, da dachte ich an Gustav Freytags „Technik des Dramas" unb zwar an das Kapitel von der Idee des Dichters. Warum? - will ich später sagen. Jeder Jude las diese Geschichte mit gemischten Gefühlen. Wer den Altmeister Heyse kennt, seine seine Beobachtungsgabe, seine psichologische Klein- «alerei, seine feine Stilisierungskunst und vor Allem seinen hohen Gerechtigkeitssinn, wird sich vielleicht wundern, daß Heyse es war, der hier geschrieben hat. Inden die kritiklos gut nennen, was von nicht jüdischer, befreundeter Seite über sie gesprochen wird, werden sich bei der Lektüre sicher wundern. Sie werden dieses seltsame Gefühl haben, er aber nicht zugestehen wollen. Es ist nicht döse Absicht, nicht Verleugnung des eigenen Ich. Der talmudische Verstand, das Produkt der jahrhundertelangen Denkbarkeil, ist es — ein merkwürdiges Spiel des Schicksals — die sie »icht glauben läßt, was das alte, gut jüdische Herz empfindet. Der Jude, der ausspricht, was er denkt und fühlt, wird sich wundern und sagen: Die es noch so gut mit uns meinen, sind doch anders, sie verstehen uns nicht und schneiden uns — es sei mir der widerspruchsvolle Ausdruck gestattet — unbewußt wissentlich ins Herz. Wie ich das meine? Viele werden mich sofort verstehen. Die mich nicht verstehen oder es nicht verstehen wollen, denen will ich es sagen. Und jetzt komme ich auf Gustav Freytags „Technik des Dramas" zurück. Zur Fabel bedarf der Dichter einer erfundenen oder Vorgefundenen Begebenheit und wie die Moleküle um den kleinen Krystall sich sammeln nnd den Krystall immer größer und größer werden lassen, so wird ans der Begebenheit durch die Krystallisierung in der Seele des Dichters der mächtige Krystall — die Fabel des Dramas. Heyses „Chistuskopf" gewinnt den Anschein einer wahren Begebenheit, aber nicht für uns. Heyses hohe Tugenden, die ich vorher erwähnt, haben ihn diesmal im Stich gelassen. Was sich da herauskrystallisiert hat — vielleicht ein Anschluß an ein Erlebnis mit einem jüdischen Modell oder Versicherungsagenten oder jüdischen Antiqanr oder mit 3 verschiedenen Personen, die jeder einen anderen dieser Berufe hatten — ist kein Krystall, sondern ein amorpher Körper geworden. Aber es ist dem Dichter kein Vorwurf daraus zu machen; denn es ist da zweierlei Schuld — er kennt die Juden nicht und er ist ein anderer, der uns unbewußt wissentlich ins Herz schneidet. Warum er die Inden nicht kennt? Dar ist kein Jude, kein Angehöriger des affimila» tionsfähigsten Volkes der Erde, der Mittel- und Hochschulstudien durchmacht nnd nicht korrekt Deutsch zu sprechen verstände und käme er selbst aus dem östlichsten Ghetto. Das ist kein Jude, der die Befähigung zum Universitätsprosessor hat und Versicherungsagent wird. Sind die Juden degeneriert, so sind sie doch nicht dumm. Gerade bei der Versicherung hat er ganz andere Chancen als Mathematiker. Und uni Versicherungsagent zu sein, darbt kein Jude, wenn er Höheres erreichen kann. Das ist kein religiöser Jude, der sich aus religiösen Gründen nicht zum Modell für einen Christuskopf hergeben will und dann doch hergibt. Ist er aber fein überzeugter und charakter« fester Jude, dann hätte er sich anch taufen lassen können, wäre er Universitätsprofessor geworden und hätte bann wohl auch seine Recha bekommen. Und warum er uns wehe tut? Weil er deni Manne Chaim nur ungern die Hand gab, die nicht eben die sauberste war. Hätte der Dichter die Hand einem deutschen Arbeiter gegeben, so hätte er iu die schwielige Rechte ein. geschlagen, die von der Arbeit geschwärzt war. Warum er uns wehe tut? Weil er sagt, daß Chaim ein Jude sei. Ich aber sage: DaS ist kein Jude. »V Die nächste Nummer erscheint Dienstag, den 8. Jänner.