Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1907
- Issue
- Heft 1 (1.1.1907)
- Date
- 1907-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Niuionalzeititng Nr. 1 Etwas wie Angst, die Emigration zu vergrößern, leitet ihre Aktionen. Die Steigerung oder Verringerung der Auswanderung liegt überhaupt außerhalb der Machtsphäre der Jca, denn die Äuswanderungsbeweguug hat ihre ernsten und tiefen Gründe in dem politischen und ökonomischen Leben des russischen Reiches. Keiner rennt leichten Herzens ins Ausland, niemand wird nur deshalb seine Heimatsstadt verlassen, weil man ihm einen Emigrantenschein gibt. Hunger, Not, Pogrome vertreiben die unglücklichen aus ihrem Heim und gegen diese sozialen Kräfte kann man nicht ankämpfen, indem man dem Emigranten die Wanderung erschwert und ihm — den Emigranten schein verweigert. Hat ein Jude keinen anderen Ausweg als ins Ausland zu fahren, so tut er dies auch ohne Paß und die Folge davon ist höchstens, daß er in die Hände der Ageuteu fällt und gezwungen ist, alle Höllenqualen durchzumachen, so daß er ein gebrochener, kranker Mann, ohne Hoffnung und ohne Lebensmut an sein Reiseziel gelangt.... Zum Schlüsse fordert das genannte Blatt die Führer des jüdischen Lebens in Rußland auf, die Angelegenheit selbst in die Hand zu nehmen und die jüdischen Auswanderer von den Schmarotzern zu. befreien, welche auf Kosten der jüdischen Emigration ihr räuberisches Leben stiften. _ Ans der territorialijtischen Bewegung. London. Der „Jewish-World" teilt mit, daß die „Jüdische Territorial-Organisation", deren Präsident Israel Z a n g w i l l ist, vorschlägt, daß jüdische Emigranten, in das Gebiet von Galvestone in Texas auswandern sollen. Der betreffende Distrikt sei besonders reich an natürlichen Schätzen und außerordentlich fruchtbar, so daß Hoffnung vorhanden ist, eine blühende Kolonie ins Leben zu rufen. Jakob Schiff, New-Aork, verpflichtet sich, eine % Million Dollars zu diesem Zwecke zu erlegen, wenn die gleiche Summe in Europa aufgebracht wird. Lord Rothschild, Leopold de Rothschild, ferner Baron James de R o-t h s ch i l d, wie auch Dr. Paul Nathan, billigen den Plan. Schatzmeister des Fonds ist Leopold de Rothschild. Zu dieser interessanten Meldung bemerken wir, daß sie deutlich den Eindruck widerspiegelt, den die Projekte der „Jto" in England Hervorrufen. Wir erwarten aus London von kompetenter Stelle Mitteilungen, bevor wir uns näher äußern. - Die Moralprediger selbst tun's auch nicht anders. Ich kenne sehr „heiße Juden", die mit nngeheuerem Enthusiasmus, in Schrift und Wort, für Notwendigkeit eines Kampfes um die nationalen Rechte, und für das Recht der jüdischen Sprache in allen Landesinstitutionen, insbesondere aber in den Schulen eintreten, und schicken ihre Kinder just zu denselben Lehrern, welche sich weigern, jüdische Lehrer in ihre Klassen als Mitglieder aufzunehmen. . . Und andererseits wieder, ob wir wollen oder nicht wollen, ob wir unsere nationalen Rechte erkämpfen oder nicht — die Juden werden immer von den eigenen übergangen und von den anderen nicht beachtet werden, bis sie nicht trachten werden, Herren für sich zu sein, im eigenen Lande im eigenenHeim... Ich bin überzeugt, daß wenn ich die Quelle, aus der ich die obigen Daten geschöpft habe, nicht angegeben hätte, der Leser sicherlich angenommen hätte, die Dinge hätten sich bei uns, im „freien Oesterreich, im Lande der emanzipierten Juden" zugetragen. IW comme chez nous! Nur, daß der bittere Schrei der armen jüdischen Lehrerin aus dem Reiche der Revolution, aus dem Lande „der jüdischen Knechtschaft" womöglich noch trauriger klingt, als eine ähnliche Alltagsgeschichte aus dem Leben des „freien" Juden in Oesterreich. — b—sz. London, („British Jto Federation.") Sonntag, den 30. Dezember fand hier die Konferenz der „British Jto Federation" statt, zu welcher sämtlicher Jto-Gruppen Delegierte entsendet haben. Am selben Abend fand im Pavillontheater eine massenhaft besuchte Volksversammlung statt. Ausführlicher Bericht folgt. Auswandernugsangelegenheiten. Der Geldverkehr zwischen Amerika und Galizien. Bor ewiger Zeit erteilte der gälizische Landtag dem Landesausschusse den Auftrag, den Geldverkehr zwischen Amerika und Galizien zu ordnen und die Mißbräuche zu beseitigen, welche mit Postanweisungen aus Amerika häufig zu geschehen pflegen. Das H a n d e l s m i n i st e r i u m hat nun in dieser Frage eine „Erklärung" an den Landesausschuß gerichtet. Nach Auffassung des Handelsministeriums standen die Mißbrauches hauptsächlich von der falschen Adressierung der Geldanweisungen. Alle nach Oesterreich geschickten Postanweisungen werden in New-Z)ork auf eine Liste übertragen, welche nach Wien geschickt wird. Beim Ueberschreiben der Liste werden viele Fehler gemacht, weil die dortigen Beamten die in Galizien üblichen Landessprachen nicht kennen. Viel Schuld haben auch die E m igranten s e l b st, welche von Haus aus die Adresse falsch angeben. Das Handelsmini sterium versprach nun der Sache wenigstens teilweise dadurch abzuhelfen, daß der erwähnten Liste die Originalpostanweisungen beigelegt werden. Außerdem sollen in den Postzentralen gälizische Beamte angestellt werden, welche der polnischen und ruthenischen Sprache mächtig sind. Bialystok. Hier hat sich eine jüdische Emigrationsgesellschaft gebildet, die den Namen "Esras Niddochim" führt. Laut den vor einigen Tagen überreichten Vereinsstatuteu verfolgt der Verein den Zweck, das Studium der nichteuropäischen Einwanderungsländer und der Ansiedlungsbedingungen in denselben zu fördern. Der . Verein will auch Juden, welche Rußland verlassen wollen, insbesondere aber solche Juden unterstützen, welche die Absicht und die Eignung besitzen, in außereuropäischen Ländern jüdische Kolonien auf autonomistischer Basis zu gründen. Besondere Fürsorge soll allen Fragen auf dem Gebiete des Auswanderungs- und Kolonisationswesens gewidmet werden. Die Emigrationsbewegung im Monate November. Im Monate November 1906 kamen 11.480 jüdische Einwanderer im Hafen von New-Iork an. und zwar 5131 Männer, 3760 Frauen und 2589 Kinder. Es kamen: aus Rußland 8753, Oe st erreich 1344, aus Ungarn 837, aus Rumänien 412, aus der Türkei 59, aus England 55, aus Deutschland 28, aus Griechenland 3, aus Spanien, aus Frankreich 2, aus Schweden, aus Holland 1. Von diesen blieben 8274 in New-Iork, während 3206 in verschiedene Teile des Landes weiterfuhren. Im November des vorigen Jahres kamen bloß 5132, also um 6248 weniger jüdische Emigranten nach New-Aork. Zur Wahlbewegung m Rußland. Ans Petersburg wird berichtet: Das Komitee der Petersburger Abteilung des „Vereines für jüdische Vollberechtigung" beriet in seiner jüngsten Sitzung die Frage eines Paktes mit der Kadettenpartei betreffend die Wahlen in Petersburg. Zwei Meinungen standen einander gegenüber. Ein Teil der Anwesenden war der Meinung, daß es derzeit noch verfrüht sei, sich den Kadetten zu verpflichten und daß die Kadetten-- partei aufgefordert werden solle, mit anderen oppositionellen Elementen sich zu einem Block zu vereinigen. Andere wieder vertraten die Ansicht, daß die Erledigung der Frage nicht aufgeschoben werden dürfe. Die Gruppierung der oppositionellen Elemente sei noch nicht endgiltig vollzogen, und ist noch nicht stark genug, um in den Wahlkampf mit Erfolg eintreten zu können. Nach Längerer Debatte einigte man sich zu folgendem Beschlüsse: 1. Dem Komitee des „Vereines für jüdische Vollberechtigung" steht das Recht zu. den einen oder anderen Kandidaten abzulehnen. 2. Der Verein entsendet sowohl in die Rayvnkomitees, wie auch in das Petersburger städtische Komitee entsprechende Vertretungen. 3. Für den Fall, daß die Partei der Kadetten nüt anderen Gruppen, einen Block bilden will, steht dem Vereinskomitee ein Einspruchsrecht zu. Einen eigenen Kandidaten hat der Verein nicht nominiert, da die Kandidatenliste der Kadettenparter für Petersburg bereits endailtta feststeht. Ans Grodno wird deni „Fraind" von verläßlicher Seite gemeldet: Hier stellen die Bundisten den Journalisten Lanu, die S. S. Herren B r i s k m a n n, die sogenannten „Dergreicher" (eine unseren Kohalgruppen ähnliche Partei), die Herren Ostropovski und Janowski und die Zionisten die Herren Nachum S o k o l o w (gew. Redakteur der „Hazefirah") und Dr. I. B r u z k u s als Kandidaten für die Dunlawahleu auf. Rosijeni. Zahl der städtischen Wähler: 4309, und zwar 1358 Christen und 2951 Juden. Plozk. Die hiesigen Juden kandidieren Herrn Dr, T e m e r s o h n für die Dumawahlen. Kowno. Der Kowner Wahlbezirk zählt 11.858 städtische Wähler, und zwar 5609 Christen und 6229 Juden. Wilna. Das hiesige jüdische Wahlkomitee arbeitet sehr flott. Eine große Anzahl von Schreibern ist mit der Ausfertigung von Reklamationen jüdischer Wähler, die' tbiÜknrlich aus der Wählerliste gestrichen wurden, beschäftigt. In eindringlichen Aufrufen werden die jüdischen Wähler aufgefordert, sich ihr Wahlrecht zu sichern. Einer dieser Aufrufe schließt mit folgenden Worten: „Brüder! Jetzt ist es klar geworden, daß bei den jetzigen Wahlen jede jüdische Stimme für uns erhöhte Bedeutung besitzt; deshalb ist es heilige Pflicht eines jeden von euch, darauf zu achten, daß keine einzige jüdische Stimme verloren gehe. Juden, vergesset nicht, daß es sich um die Sache des ganzen jüdischen Volkes handelt!" Der Advokat A. A- G u s s e n b e r g teilt in einem an das Wilnaer jüdische Wahlkomitee gerichteten Schreiben mit, daß er die Kandidatur der Stadt Wilna in die Duma annimmt und das Programm des jüdischen Wahlkomitees anerkennt. Im Mohilewer Gouvernement gibt es laut der jüngsten Zusammenstellung insgesamt 18.907 jüdische Wähler, während die nichtjüdischen 11.995 betragen. Die jüdischen Wähler des Gouvernements verteilen sich auf folgende Städte: Mohilew 2892, Homel 4067, Orsa 2182, Rogatschow 1830, Seno 878, Horki 2095, Bychow 865, Klimowitsch926,Amtschislaw 1646, Tscherikow 771, Tschaus 755. Politische Rundschau. Ueber die Wirkunader Wahlreform ans die galizischen Wahlen schreibt der Krakauer „Jud" n. a.: „Am interessantesten wird der Wahlkampf i n G a t i z i e n sein. Laut der Wahlkreiseinteilung haben die R ut h e n e n zwar 28 Mandate zugesichert, aber die Polen werden wahrscheinlich alle ihre bekannten Kunststückchen verwenden, um den Ruthenen einige Mandate zu entreißen, wobei dieJuden eine sehrwichtigeRolle spielen werden. Ohne jüdische Hilfe werden die Polen nichts auszurichten vermögen. Im Gegenteile: die Inden haben die Macht in Händen, durchzusetzen, daß den Polen in den ostgalizischen Landgemeinden nicht einmal diejenigen Mandate zufallen, welche das Gesetz ihnen zugesichert hat. Für die galizischen Landgemeinden-Bezirke ist bekanntlich das Proportionalwahlsystem eingeführt worden, wonach jeder solcher Wahlbezirk zwei Abgeordnete wählt. Es genügt demnach 30 Prozent der abgegebenen Stimmen auf sich zu vereinigen, um als gewählt zu erscheinen. Nun sind die Polen in den meisten dieser Bezirke so gering an Zahl, daß sie allein 10—15 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachen. Sie Waschbar! Wasserdicht! Geruchlos! mm MMMtl. WlitW»!