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Nationalzeitung · 1907-01-01 · Heft 1 (1.1.1907) · page 1

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1907
Issue
Heft 1 (1.1.1907)
Date
1907-01-01
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Organ für die gesamten Interessen des jüdischen Volkes. Mtmchcitn» 1 Redaktion: ix/i, Wafagalse 81. Telephon Nr. 14733. Gpreehstnnde«: Wb Wochentagen von 10 bis 12 Uhr Mtm. Postadresse: „Rationalzeitiing", Wien IX/1. Veschtverde« wegen verspäteter oder gar nicht erfolgter gr>- ' stellung erbitten wir uns dringend. — Mannskrtpte «erde» nicht zuriickgefteNt. Püstsvartassenkouto 47037. Da« Abonnement kann täglich beginnen. Grsthstnt jeden Dienstag und Freitag. Gigntu tiut «ijh'tät. - HmusBn uaQ UchMlnr: Jiksb SrniiSä. Inserate übernehmen die Firmen: I. Danm-berg. M. Dukes Nachfolger, Haasenstem & Bögler, Rudolf y.i<Dj]i\ M. Pozso:»,i. VI. Schalrk in Wien, ferner alle Amwnceiuxdrlitiourn im Auslände. Einzelnummer iit Wien 15 Heller. 1 Administration: I! Telephon 9 Adonnemen tSPret-: Sfiir Wie« u. Oesterreich. Ungarn s. Arankozuftellung: Gan»jährlich . ... K 18 — Halhährltch . . . . „ «- Vierteljährlich . . „ 8.- Für b. gesamte AnSland r ^Ganzjährlich . . . K 15.12 &/1, Wafsgsste 81. fr. 14728. PretS der ««zeige«: Die bmal gespült. Nonpareille- «eile oder deren Ran« IS h. „Eittgesendet^ die Sspaltige Nonparetllereile S0 h. Sei mehrmaligen Aufträgen entsprechender Rabatt. Berschleißstellen unseres Blattes, in welchen auch Abonnements entgegengenommen werden: Hermann Goldschmidt, Wien. I., Wollzeile 11; Robert Weiß, Wien, I., Jakoberg. 7. Ur. 1. Men. Dienstag den 1. Jänner 1907 (15. Tedeth 5667). IX. Jahrgang. Emigrantenscheme. Einem äußerst interessanten Artikel des Petersburger „Fraind" entnehmen wir die folgenden Bemerkungen: Gar oft haben sich schon die jüdischen Zeitungen mit der Frage der Auswanderungsagenten und ihrer für die jüdische Auswanderungsdewegung schädlichen Arbeit beschäftigt. Unzählige Jllustrationssakten wurden angeführt, welche beweisen, wie unmenschlich diese Agentenbande mit den armen, jüdischen Wanderern verfährt. Infolge des Treibens dieser Agenten bleiben viele Emigranten ohne einen Heller an der Grenze sitzen (denn die Agenten haben ihnen den letzten Rest ihrer Barschaft entlockt), können sich nicht vom Fleck rühren, können weder ihre Reise inS Ausland fortsetzen, noch zurückfahren in ihre Heimat. Oft bleiben die Auswanderer, ebenfalls infolge der Ausbeuterarbeit der Agenten, in irgend eiuer ausländischen Stadt ohne GAd und ohne Habe stecken und find gezwungen, die verschiedenen Wohltätigkeitsanstalten abzuhaufieren, wenn sie nicht gar der Polizei in die Händ? fallen, welche die Aermsten dann wie gewöhnliche Verbrecher nach Rußland abschieben. Dank der betrügerischen Ueberredungskunst der Agenten muß der Emigrant mitunter bei Ueberschreiten der Grenze sein Leben aufs Spiel setzen und nicht fetten find die traurigen Fälle, in den Auswanderer gerade in dem Momente, da sie im Begriffe waren sich über die Grenze zu schmuggeln, verwundet oder gar getötet wurden. Aber nicht nur daß die Agenten selbst die Emigranten berauben und aussaugen, gibt es noch so verschiedene Sorten von Agenten, welche aus lauter „Brotneid" die „Kunden des Konkurrenten" bei der Polizei anzeigen. Mit einem Worte: die Agenten sind ein wahrer Fluch für die Emigranten und es muß mit allen Kräften dahin gearbeitet werden, daß die schon an sich unglücklichen Menschen je ftüher von diesen Blutegeln befreit werden. Was nützen jedoch alle Mahnungen und Warnungen, solange den Agenten ein unbezahlbarer Beschützer zur Seite steht: der Ausl a n d s p a ß. Wir sprechen hier gar nicht von jenen unerfahrenen, naiven Menschen, die leicht einen Gouverneurpaß bekommen könnten, sich aber mit der Beschaffung desselben nicht abgeben mögen und sich lieber den Agenten anvertrauen; wir sprechen auch nicht von jener Sorte Emigranten, welche die 20 Rubel für den Gouverneurpaß ersparen möchten und erst zu spät die Erfahrung machen, daß ihnen die Sache bei den „gutherzigen" Agenten viel teurer zu stehen kommt. Solche leichtsinnige Emigranten sind selbst schuld an allen den Qualen, welche sie dann zu ertragen haben und solchen ist auch weiter nicht zu Helsen. Es gibt aber eine gewisse Kategorie von Emigranten, welche überhaupt nicht in der Lage sind, sich einen Auslandspaß zu beschaffen, solche, die gerade vor der Rekrutenauslosung stehen, die also gezwungen sind, ohne Paß zu emigrieren und hierdurch den Agenten in die Hände fallen. Es gibt jedoch ein Mittel, auch diese jungen Leute von den oft furchtbaren Folgen eines Reifens ohne Auslandspaß zu befreien und dieses Mittel liegt, vorläufig wenigstens, in den Händen der I c a. Die Jca besitzt das Recht, für jüdische Emigranten sogenannte „Emigrantenscheine" zu lösen. Durch den Besitz eines solchen Scheines hört der betreffende Emigrant aus russischer Untertan zu sein, ist auch von der Militärpflicht befreit, so daß die Assentierung ihn auch nicht mehr an einer Auslandsreise zu hindern vermag. Bekommen die jungen Leute solche Emigrantenscheine, so können sie ungehindert inS Ausland fahren, ihre Verwandten sind von der Zahlung von 300 Rubel befreit und diese selbst können, wann sie wollen, ohne jedes Hindernis Rußland verlassen. Stiehlt sich hingegen so ein junger Asientpflichtiger über die Grenze, so läßt er seinen nächsten Verwandten eine Geldstrafe von 300 Rubeln zurück, hindert sie an einer eventuell notwendig werdenden Auswanderung, weil ihnen die Ausfolgung eines Gouverneurpasses solange verweigert wird, bis die 300 Rubel bezahlt sind. Ist also ein junger Mann als Assentflüchtling mit Hilfe eines Agenten über die Grenze gefahren, so find dann — besonders wenn sie ganz unüemittÄi sind — auch seine nächsten Verwandten (Eltern, Brüder. Schwestern rc.) gezwungen, sich mit Hilft des Agenten über die Grenze zu schmuggeln, weil sie sonst zur Zahlung der 300 Rubel für ihren flüchtigen Verwandten herangezogen werden. Es ist daher geradezu Pflicht der Jca, die reguläre Beförderung solcher Emigranten, die keinen Auslandspaß erlangen können, selbst in die Hände zu nehmen, indem sie sie beizeiten mit „Emigrantenscheinen" versieht. Ans solche Weise würde eine große Zahl von Auswanderern von den qualvollen Widerwärtigkeiten verschont werden, denen sie wegen NichtbesitzeS eines Auslandspasses ausgesetzt sind. Es ist einfach unerklärlich, weshalb die Jca in dieser Richtung bisher so wenig getan hat. Feuilleton. Juden! Juden! „Juden, Juden, wie lange werdet ihr noch Juden sein?!" So fragt ein jüdisches Mädchen in einer Warschauer polnischen Zeitung. Sie ist Lehrerin, hatte Stellen bei verschiedenen jüdischen Familien, die — wie sie behaupteten — viel von christlichen Lehrerinnen zu leiden hatten. Da nahmen sie sie, die jüdische Lehrerin und da kam's just umgekehrt: die jüdische Lehrerin hatte von der jüdischen Herrschaft unsäglich zu leiden, und mußte den Posten kündigen .... Aber die Arme muß leben. Sie ging in alle möglichen Stellenvermittlungsbureaus, suchte alle Vlnftatten aus, die sich mit Arbeitsvermittlung beschäftigten, aber überall erhielt sie die stereotype Antwort: „Die jüdischen Damen wollen keine jüdische Lehrerin ins Hans nehmen . : .!" Und nun geht das jüdische Mädchen hin und ruft erbittert: „Juden, wie lange werdet ihr noch Juden sein?! Tauft euch doch endlich einmal, dann werden die jüdischen Lehrerinnen wenigstens wissen, an wen sie sich — nicht wenden dürfen!" Kurz und scharf: Juden, taust euch! Dieser Notschrei eines tief verbitterten Gemütes regt einen Mitarbeiter des Warschauer „Jüdischen Tageblatt" (eines jüdisch geschriebenen Organs der territorialistischen Organisation) zu folgenden treffenden Betrachtungen an: Also kurz und scharf: Juden, lauft euch!... Aber warum nur diejenigen, die sich schon den Luxus erlauben können, Hauslehrerinnen zu halten, und warum nicht alle Juden, die noch die Hoffnung hegen, in diese Lage zu kommen? ... . Warum nicht alle Juden, die ihre Kinder mit Vorliebe in die christlichen Schulen schicken, und nicht einmal darnach trachten, eigene Schulen zu haben? . . . Und warum nicht alle Juden, die ihre Kinder so gerne in die christlichen Schulen schicken möchten, ivenn sie — könnten? . . . Und wenn die Juden den Rat der Lehrerin befolgen, dann werden die jüdischen Lehrerinnen — wenn es dann solche noch geben wird — wissen, an „wen sie sich zu wenden haben", nicht an Juden, sondern an Christen. Und die jüdischen Lehrerinnen werden bei den Christen genau so ausgenommen werden, wie die jüdischen Lehrer bei ihren „Kollegen" . . . In Warschau gibt* es eine Unterstützungs» kaffe für christliche Lehrer. Jüngst fanden sich 25 Mitglieder dieser Kaffe, welche den Einfall hatten, den Antrag zu stellen, daß auch jüdische Lehrer als Mitglieder der Kasse zugelassen werden mögen. Die Frage wurde des langen und breiten diskutiert, es gab ausgiebige Debatten und heftige Redeschlachten, man ereiferte sich pro und entrüstete sich contra, und das Ende war, daß der Antrag mit einigen und 60 gegen netto 27 Stimmen abgelehnt wurde. ... Und in der Tat, wozu sollten auch jüdische Lehrer in eine Kiffe ausgenommen werden, wenn die Spezies „jüdischer Lehrer" im ganzen überflüssig ist . . . Juden wollen doch keine jüdischen Lehrer und auch keine jüdischen Lehrerinnen . . . Das wissen doch die christlichen Lehrer am besten . . Wir haben diese Tatsachen nicht in der Absicht angeführt, um an sie eine Moralpredigt zu knüpfen. Eine Moralpredigt wird ruhig angehört, und man tut doch was man will . . MT Die nächste Nummer erscheint Freitag, den % Jänner. "W8

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