Mannheim
Compact Memory

Nationalzeitung · 1906-12-28 · Heft 90 (28.12.1906) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 90 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2429839-2429840-2429929--646-2430781
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 4 Nationalzeitung Nr. 90 was bereits bei den letzten mährischen Landtagswahlen deutlich zutage getreten ist. Bisher sind diese Bestrebungen erfolglos geblieben, nachdem die meisten Gruppen die Erörterung der „Einigung" bis nach Abschluß der Reichsratswahlen vertagen wollen. Was speziell die Juden betrifft, so haben diese, dank der bisherigen grundverfehlten Politik in allen Teilen des Reiches für sich nichts zu hoffen, ob diese formale Einigung dieser Fraktionäre zustande kommt oder nicht. Auf deutscher Seite ist ein Anwachsen der christlichsozialen, klerikalen und sreialldeutschantisemitischen Gruppen, im tschechischen Lager ebenfalls der klerikalen und agrarischen Elemente zu erwarten. Sehr traurig liegen auch die Verhältnisse in Galizien. Ganz abgesehen von der Verkürzung der Rechte der Inden und Ruthenen, im neuen Wahlgesetze eine drastische Illustrierung des angeblich „allgemeinen gleichen (?) und direkten'Wahlrechtes", ist es auch mit den Parteiverhältnissen im p o l n i s ch e n Lager arg bestellt. Auch dort erwächst bedenklich die christlichsozial-antisemitische Strömung an! Im zukünftigen P o l e n k l u b wird dieselbe bereits eine starke Vertretung finden, neben welcher die „demokratischen" und speziell auch die jüdischen Abgeordneten eine klägliche Rolle spielen werden und doch begreift noch immer ein sehr großer Teil der galizischen Juden nicht, wie notwendig es ist, such auf eigene Füße zu stellen und vom Polenklub sich nicht umgarnen zu lassen. Speziell die a l l p o l n i s ch e Richtung mit ihren antisemitischen Allüren und ihren auf Sonderstellung Galiziens gerichteten Tendenzen ist ruhig an der Arbeit, dabei unterstützt von Matadoren des Polenklubs und manchen jüdischen Kreisen. Wahrlich die letzten mährischen Landtagswahlen sind so ein kleines Vorspiel für die zukünftigen Reichsratswahlen, besonders in Galizien. Unter der Mehrheit der Juden dieses Kronlandes aber herrscht Apathie und das vollendete Chaos! Wie in Cisleithanien, so bereitet sich allmählich auch jenseits der Leitha ein klerikalchristlichsozialer Vorstoß vor, der die ungarischen Juden zur erhöhten Vorsicht mahnt. Im Rahmen der magyarischen Koalition, deren Solidarität bereits bedenklich erschüttert ist, greift immer mehr die klerikal-christlichsoziale Strömung, die auch in der K o s s u t h p a r t e i Wurzel gefaßt hat, um sich und wenn diese klerikal-christlichsoziale Richtung auf Grund des neuen ungarischen Wahlgesetzes bei den nächsten Wahlen verstärkt in den ungarischen Reichstag einzieht, dann wird in beiden Reichshälften für die Juden vollständige Parität herrschen. Zur Wahlbewegung in Galizien wird der „N. Fr. Pr." aus Lemberg gemeldet: Die Meldung des „Glos Robotniczy", daß die Polenführer den Zionisten in Galizien vier Reichsratsmandate unter der Bedingung des solidarischen Zusammengehens mit den Polen angeboten haben, wird von kompetenter Seite als unrichtig bezeichnet. Die Zionisten werden in sechs galizischen Wahlbezirken eigene Kandidaten aufstellen, die sich verpflichten sollen dem Polenklub nicht beizutreten. Für den 6. Jänner wurde nach Lemberg eine Versammlung der Vertreter der Judenschaft von ganz Galizien einberufen, um zur Wahlbewegung überhaupt und zu der Aktion der Zionisten Stellung zu nehmen. Olmützer Gries. Ist es Zufall, daß die Direktion des hiesigen königlichen Stadttheaters am ersten Chanukatage H e r z l s „Das neue Ghetto" aufführte, oder haben es die Olmützer Juden der Initiative einer hiesigen jüdischen Theaterkoriphäe zu danken, daß sie als Ersatz für eine andersgeartete Makkabäerfeier das große Werk Herzls sehen und hören konnten?! Der Präsident der hiesigen Kultusgemeinde, ein Assimilant unerreichter Qualität, hätte vielleicht schon mit Rücksicht darauf, als seine Frau Kritiken für ein hiesiges Blatt schreibt, irgend einen Einfluß in Bezug auf die Aufführung des „Das neue Ghetto" gerade am ersten Chanukatage, auf die Theaterdirektion ausüben können, doch ist es bei der strammen deutschfreiheitlichen Gesinnung dieses Herrn nicht anzunehmen, daß er sich für ein jüdifchnationales Tendenzstück einsetzen wird. Es war eine echte Makkabäerfeier, ein Kampf, aus welchem unser gottseliger Führer als Held hervorging. Die Aufführung des Stückes war eine sehr gute und feierte Herr Regisseur Oskar Prochaska, welcher als Regisseur großartiges leistete, einen wahren Triumph. Desgleichen gab Herr Heinrich Orell die Rolle des Dr. Samuel mit viel Talent und besonderem Geschick, sowie auch Frau Fanni Alberti als Frau Samuel sich besonders in der Schlußszene hervortat. Auch die übrigen Darsteller, speziell Herr Marhven als Rheinberg und Herr Lübau als v. Schromm trugen dazu bei, daß die Aufführung eine so gute war und reicher Beifall lohnte ihre Mühe. Bemerkt muß aber werden, daß die Zensurbehörde den Rittmeister a. D. zum Rittergutsbesitzer machte, da es doch nicht angeht, daß ein Offizier in einer Stadt, in welcher sich die Bevölkerung so sehr nach dem zweifärbigen Tuch sehnt — und sei es auch nur auf der Bühne — geohrfeigt werde. Und als Dr. Samuel dem Rittergutsbesitzer zuruft „Betrachten Sie sich von mir geohrfeigt", spricht Wasserslein „D e r Patsch hat ihm gut geschmeckt". Wir wünschen, daß auch unsere Tendenzslücke öfter aufgeführt werden und nicht, wie dies jetzt der Fall war, nach Jahren einmal und glauben, da die hiesigen Juden wenigstens 5/s des deutschen Theaterpublikums bilden, ein Anrecht darauf zu haben. Das Stiftungsfest der Chewra-Ka-ischa in Friedek-Mittek. Am 16. d. M. fand hier das 10jährige Stiftungsfest des Humanitätsvereines Ehewra- Kadischa statt. Sowohl die Festversammlung (Festrede: Herr Rabbiner Dr. I. Drobinsky) an die sich eine Chewra-Sude für die Vereinsmitglieder anschloß als auch der Festabend müssen als sehrgelungen bezeichnst werden. Jung-Juda. das sich hier zum erstenmale in den Dienst unserer guten Sache stellte, hat durch seine Leistungen die Erwartungen aller in hohem Grade übertroffen. Es hat sich einmal auch in unseren Schwesterstädten erwiesen, daß die Juden wohl auch allein imstande sind. Gemütlichkeit zu pflegen. Um das Gelingen dieser schönen Feier hat sich vor allem der durch sein wahres Interesse am Judentume bekannte Vorsteher des Vereines Herr Adolf Reik verdient gemacht. Ihm stand ein rühriges Komitee zur Seite, aus dem wir nur die Herren Oberlehrer B. Kraus. M. Weinberger und V. Rosenberg als Obmänner der einzelnen Teilkomitees nennen wollen. Das Programm war äußerst reichhaltig und gediegen. In Einzelleistungen ragten die Herren Oberkantor Weiß. Hugo Kiiffler und Frau Else Aufricht hervor, die alle für ihre vorzüglichen Leistungen reichen Applaus ernteten. Neben den vom verstärkten Tempelchore exakt vorgetragenen Liedern und dem äußerst gelungenen Studeutenquintett fand auch der aufgeführte Einakter großen Beifall. Hier boten die mitwirkenden Damen (Frl. Bettina Reik. Frl. Anna Reik. Frl. Leschner und Frl. Kornfeld) und die Herren (Weinberger. Hugo Reik. Bück) sehr anerkennenswerte Leistungen. Rach den Aufführungen trat Terpsichore in ihre Rechte und jung und alt gab sich bis zum frühen Morgen dem Tanze hin. Das Gelingen dieses Festes muß umso höher angeschlagen werden, als von mehreren Seiten dem Feste mit UXufbictunfl aller Kräfte entgegengearbeitet wurde. Trotzdem unser Verein während seines 10 jährigen Bestandes eine äußerst rege Tätigkeit entwickelt hat und alle ähnlichen Institutionen weit übertrifft, trotzdem die! Juden hier aus allen Korporationen und Vereinen herausgedrängt werden und ein Zusammenhalten der Juden eine dringende Notwendigkeit ist, gibt es noch Juden, die diesen Zusammenhalt zu hintertreiben suchen. Wenn auch der Antrag, der von einem Mitgliede des Festkomitees gemacht wurde, dieses jüdische Fest in ein liberales <!) zu' verwandeln. niemand ernst nahm, so war doch für die Herren Leopold Landsberger. Jakob Lichtenstern, Dr. Lamberg und Konsorten die Abweisung dieses Antrages das Zeichen zu einer energischen Opposition „Eine „Chewra-Sude" im „Deutschen Haus" war das Schlagwort, das Herr Lichtenstern prägte, »die heilige Sache der Chewra-Kadische zu einem Tingel- Tangel herabwürdigen" war der Schlager, den Herr Landsberger aufbrachte. Beide jetzt genannten Herren sind Obmänner sogenannter deutsch-liberaler Vereine, in denen sie so ziemlich die einzigen jüdischen Mitglieder sind. An diese Mandate klammern sie sich mit aller Gewalt und schrecken vor keinen Geld kosten zurück, um ihren Sturz in diesen Vereinen hinauszuschieben. Herr Lichtenstern. der Obmann des Vereines „Deutsches Hans", ging in seinem Kampfe so weit, daß er in Gemeinschaft mit Herrn Dr. Lamberg. mit dem vereint er überhaupt das Deutschtum Misteks retten will, dahin wirkte, daß unserem Wohltätigkeitsvereine ohne Angabe des Grundes der Saal des „Deutschen Hauses", das zum großen Teile aus jüdischem Gelde erbaut ist, zur Veranstaltung seines Festes verlveigert worden ist. Es erfüllt uns nun mit um so größerer Genugtuung. daß trotz dieser kolossalen Gegenagitation das Fest einen so glänzenden Verlauf nahm und daß — trotzdem die „Obern Zehntausend" sich absentierten — auch der materielle Erfolg ein sehr befriedigender war. Wir geben unserer Hoffnung Ausdruck, daß die hiesigen Juden auch fernerhin von diesen Herren sich nicht werden beeinflussen lassen und daß sie sich an ihre Heldentaten erinnern werden, wenn an sie die Aufgabe herantreten wird, ihre Vertreter zu wählen. Gries am Ltanislau. (Verband hebräischer Lehrer.) Vorige Woche fand hier eine Versammlung der hebräischen Lehrer Galiziens' statt. Es war dies die erste Jahreskonferenz des Verbandes hebräischer Lehrer in Oesterreich. Die Versammlung war schon deshalb äußerst interessant, weil die Diskussion durchwegs in reiner, mitunter geradezu klassischer hebräischer Sprache geführt wurde. Trotzdem es sich um ganz moderne Tagesfragen handelte, merkte man bei keinem der Redner ein Stocken und die hebräische Sprache, welche von vielen, allerdings Unkundigen, so gerne, als eine todte schwerfällige Sprache hingestellt wird, erwies sich als ein geschmeidiges mit Leichtigkeit zu behandelndes Kommunikationsmittel unter gleichgesinnten Menschen. Aus den Berichten, welche die einzelnen Redner über die unter ihrer Leitung stehenden Schulen erstatteten Schulen, ist zu ersehen, daß die hebräische Sprache als Verkehrssprache immer mehr Verbreitung findet. Unter den Beschlüssen befindet sich auch ein Beschluß der Konferenz in den verschiedensten Städten Oesterreichs, hebräische Bibliotheken für Kinder und die reifere Jugend zu gründen, sowie eine Ausgabe guter und billiger hebräischer Lektüre zu veranstalten. Für die pädagogische Fortbildung der hebräischen Lehrer soll eine in kürzester Zeit herauszugebende Monatschrift in hebräischer Sprache sorgen. Ferner soll ein Krankenunterstützungs- und Stellenlosensond gegründet werden, welcher später zu einem Pensionsfond erweitert werden soll. Großen Eindruck rief die hebräische Rede des Frl. Haber aus Rohatyu hervor, welche die Nachteile schilderte, die durch den Mangel an hebräischen Lehrerinnen für unsere weibliche Jugend entstehen. Einer der Redner wies auch auf die Hindernisse hin, welche der Verbreitung der hebräischen Sprache als Volkssprache von den verschiedenen Seiten in den Weg gelegt werden. In manchen Städten sind es die Leiter der Volks- und Mittelschulen, welche die hebräische Sprache zu unterdrücken trachten und es wurden Fälle erzählt, wo Volksschuldirektoren ein besonderes Verbot für jüdische Schüler auf der Straße hebräisch zu sprechen, erließen. Trotz der verschiedenen Repressalien hätten jedoch die Kinder auch weiterhin sich der hebräischen Sprache als Verkehrssprache untereinander bedient. Es wurde auch die Anregung gemacht, daß der Verband seine Tätigkeit auch auf Westösterreich erstrecken möge, obgleich man sich der schier unüberwindlichen Hindernisse bewußt war, welche einer solchen Arbeit hier entgegentreten würden. Waschbar! Wasserdicht: Geruchlos! *5? ReformScbwepiätter Metall »Ml. UUWll

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.