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Nationalzeitung · 1906-12-28 · Heft 90 (28.12.1906) · p. Seite 5

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 90 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 90 Nationalzeitung Seite 5 Von der Wiener Lultusgemeinde. ' Sonntag, den 23. d. M. fand eine öffentliche Sitzung des Wiener Kültusvorstandes statt. Schon lange war eine öffentliche Vorstandssitzuirg von Wählern nicht lo stark besucht, als das Letztemal. Dieses lebhafte Interesse galt dem Punkt I der Tagesordnung der Berichterstattung über eine gegen die stattgehabten Wahlen eingebrachte Einwendung. Außerdem würde bekannt, daß Herr kaiserl. Rat Wilhelm P o l l a k, der das letztemal an der Sitzung der Kultusgemeinde teilnahm, die Affäre Fink zur Sprache bringen werde. Die für 10 Uhr anberaumte Sitzung konnte erst um 11 Uhr eröffnet werden, da' die Herren Kultusvorsteher sich sehr langsam sammelten und auch um 11 Uhr nur eine knappe Beschlußfähigkeit konstatiert werden konnte. Nach Eröffnung der Sitzung durch den Präsidenten Herrn Dr. Alfred Stern, erstattete Herr Dr. K u r a n d a seinen Bericht über den seitens der Zionisten eingebrachten Wahlprotest. Auf Grund seines überaus laugen Berichtes welchem, wie der Berichterstatter konstatiert, eine eingehende Untersuchung der vorgebrachten Beschwerden zu Grunde liegt, kommt Herr Dr. K u r a n d a zum Beschlußantrage des Vertreterkollegiums, daß der Protest in allen seinen Punkten abzulehnen und die Wahlen zu agnoszieren seien. Wir bleiben unserem Neutralitäts-Prinzipe treu, indem wir weder zu dem Proteste nochzu dem Ablehnungsbeschlusse Stellung nehmen. Der Ablehnungsantrag des Referenten wurde vom Kultusvorsteher Herrn Dr. Adolf Stein unterstützt und die Ablehnung einhellig zum Beschlüsse erhoben. Ebenso werden hierauf die Wahlen einstimmig agnosziert. In beiden Fällen hatte sich Herr Paurat M a r in o r e k der Abstimmung enthalten. Hierauf referiert Vizepäsident Herr Dr. Gustav K o h n über den Kostenvoranschlag pro 1907. Den präliminierten Einnahmen von Kronen 2,569.014-59 stehen Ausgaben von Kronen 2,722.142'40 gegenüber, so daß das Präliminare ein Defizit von Kr. 153.127'81 beträgt. Dieses Defizit dürste wohl voraussichtlich aus den regulären Einnahmen, sowie durch die Ersparnisse in den Ausgaben seine Deckung finden. Sollte dies nicht der Fall sein, so ist die Aufnahme einer schwebenden Schuld in Aussicht genommen. Der Referent weist in seinen Ausführungen darauf hin, daß er das Budgetreferat, welches so viele Jahre hindurch durch den verewigten Vizepräsidenten Herrn kaiserl. Rat H i r s ch so glänzend besorgt wurde nur deshalb habe übernehmen können, weil ihm ein tüchtiger Beamtenkörper, zur Seite stand. Besonderer Dank jedoch gebühre dem Liquidator terrn K a tz. Das Budget weise eine steigende endenz der Ausgabeposten für Bethäuser und Religionsunterricht, sowie überhaupt sich das Bestreben kundgebe, den immens steigenden Anforderungen an die Kultusgemeinde gerecht zu werden. Herr Dr. Markus Spitzer zollt dem Budget und dem konservativen Geiste der in demselben zum Ausdrucke kommt, seine vollste Anerkennug, besonders billigt er die Tatsache, daß die Subvention der Bethäufer nicht mehr wie bisher aus den Reserven, sondern ans den ständigen Einnahmen bestritten werden. Wenn bezüglich des Religionsunterrichtes kein durchschlagendes Resultat zu bemerken sei, so sei daran weniger die Kultnsgemeinde als vielmehr die soziale Struktur der Wiener Wähler daran schuld. Redner urgiert noch die Regelung der Frage jüdischer Findlinge, sowie die Errichtung des angekündigten jüdischen Pflegerinnenheims und spricht unter Annahme des Budgets einen Dank an den Beamtenkörper und insbesondere an Herrn K a tz aus. Kaiserlicher Rat Wilhelm Pollak: Da ich heute zum letztenmale an den Beratungen dieser verehrlichen Körperschaft teilnehme, will ich von meiner bisher alljährlich geübten Gepflogenheit, zu den einzelnen Punkten des Voranschlages bei der Budgetdebatte das Wort zu ergreifen, Abstand nehmen und mich ans eitle Anregung betreffs der schon vielfach erörtertet: Affaire Dr. Fink beschränken, welche allerdings mit der Budgetpost „Religionsunterricht" im Zusammenhänge steht. Es ist gewiß eine undankbare Aufgabe, welcher ich mich unterziehe, doch schrecke ich vor deren Neubelebung nicht zurück und hoffe, dieselbe noch nicht als gescheuert betrachten zu müssen. Die Sache widerstrebt zwar meinen persönlichen Intentionen, weil Dr. Fink, wenn er noch so sehr im Rechte ist, sich gegen die Obrigkeit — was die Kultusgemeinde für ihn war — ziemlich arg vergangen, und daher auf milde Beurteilung keinen Anspruch hat. Ich verlange aber Milde, Wohlwollen und Schonung, weil ich Recht suche. Es geht mir mit Dr. Fink fast so wie dem Soldaten in der Operette, der die Meldung erstattet: „Herr Gouverneur, ich habe einen Gefangenen gemacht, er läßt mich aber nicht aus!" Wie der Ertrinkende seinen Retter mit sich in die Tiefe hinabzieht, so hat Dr. Fink seine Freunde durch sein mit sich selbst uneiniges Wesen abgelenkt. Dreimal habe ich mich in den letzten zwei Jahren mit einer Sache beschäftigt und dreimal habe ich sie bei der Aussichtslosigkeit, die vorhandenen Schtvierigkeiten zu beseitigen, wieder fahren lassen. Allein ich glaube, daß man sich dort, wo es sich um die Existenz einer Familie handelt, nicht von Sympathie und Antipathie, sondern nur von Wohlwollen und Gerechtigkeit leiten lassen soll, und dies veranlaßt mich, die Angelegenheit hier nochmals vorzubringen. Denn wie Sodom um eines einzigen Gerechten willen verschont bleiben sollte, so will auch ich die Sache nicht fallen lassen, so lange nur ein Pnnkt da ist, die Hebel anzusetzen, diesem armen Manne, dieser brotlos gewordenen Familie wieder aufzuhelfen. Dies soll das letzte Werk sein, welches ich in der Kultusgemeinde, wenn möglich, vollbringe. Es liegt mir vollkommen ferne, irgend jemandem in diesem Kollegium oder vom Präsidium nahezutreten, denn ich habe mir hier in langjährigem Verkehr Freunde erworben, die mir teuer sind, deren persönliche Integrität mustergiltig ist und deren Wohlwollen ich mir auch bei meinem Scheiden aus dem Kultusvorstande als angenehme Erinnerung bewahren möchte. Mich leitet keine andere Absicht, als Sie zur Milde und Nachsicht zu stimmen. Ich gebe zu, Dr. Fink hat der Kultusgemeinde viele Unannehmlichkeiten bereitet, ich kann es nicht billigen, daß er gegen den Präsidenten, und mehrere Mitglieder des Kultusvorstandes Ehrenbeleidigungsklagen erhoben und die Antisemiten gegen den Kultusvorstand angerufen hat. Aber über einen Punkt kann ich nicht hinwegkomnren: Seine Familie ist brotlos geworden, der Mann kämpft um seine Existenz, und darauf ist auch seine krankhafte Aufregung zurückzuführen. Der Fall Dreyfus ist dreimal revidiert worden, für die Revision des Prozesses Hülsner werden die größten Anstrengungen emacht, und so wexden wir Juden unter uns och die Zeit aufbringen, um den Fall Doktor Fink, den viele der Herren vom Vorstande aus den Akten gar nicht rennen, zu prüfen. Bisher hat weder eine Vernehmung, noch eine Disziplinar-Untersuchung stattgefunden; es liegt aber im vitalen Interesse der gesamten Beamtenschaft, daß niemand be- oder verurteilt wird, ohne gehört zu werden. Man wird mir vielleicht einwenden, daß Dr. Fink gar nicht der Disziplinargewalt des Kllltusvorstandes untersteht und vom Ministerium seines Amtes enthoben wurde. Aber der Kultusvorstand ist trotzdem für sein ferneres Schicksal maßgebend, da er seine ihm vom Ministerium in Aussicht gestellte Wiederanstellung durch sein Veto hindert. Nennen Sie das Forum, das in dieser Angelegenheit entscheiden soll, meinetwegen Kommission und geben Sie dem Genannten Gelegenheit, sich dort rechtfertigend zu verteidigen. 'Gewiß hat Dr. Fink Fehler begangen, aber es spricht für ihn nicht nur seine verzweifelte Situation, sondern auch die Liebe und Anhänglichkeit seiner Schüler und die ausgezeichneten Zeugnisse, welche er nebst den minder guten — Sie sehen, ich bin objektiv — aufzuweisen hat. Auch die Belobungen und Anerkennungen, welche Dr. Fink während seiner früheren Lehrtätigkeit von seiner Vorgesetzten Schulbehörde erhalten hat, liegen, in Abschrift vor. In dem Verfahren gegen thn scheinen formelle Fehler begangen worden zu fein, so mit derr 500 Kronen und dem angeblich sehr groben Antwortschreiben Dr. Finks an den Herrn Präsidenten, welches sich leider nicht vorfindet. Ich erinnere weiters an die, wenn auch nicht absichtlich, sondern in der Hitze des Gefechtes gefallenen Aeußerungen des Herrn Präsidenten in der Wählerversammlung. Ich bin nicht für eine Wiederanstellung Dr. Finks als Mittelschul-Professor — ich sage dies offen — weil die Kultusgemeiude erst sehen soll, wie der Mann sich in seiner neuen Stellung verhält, während sie in der Mittelschule keine Jngerenz mehr auf den Mann ausüben kann. Geben Sie dem Manne einen Predigerposten, wie er ihn früher zur größten Zufriedenheit in der Fugbachgasse ausgefüllt hat, lassen Sie ihn an einer Bürgerschule oder an einem Lyceum unterrichten; dadurch kann die Kultnsgemeinde dem Manne zu einem Erwerbe verhelfen, ohne ihn zu degradieren, aber auch ohne sich für alle Zeiten des Rechtes der Wiederamovierung zu begeben.. Keinesfalls hat Dr. Fink etwas verbrochen, daß wir Juden uns von ihm abwenden dürfen, ohne die Sache geprüft zu haben. Ich setze mich nicht für ihn ein, well ich weiß daß er Recht hat, sonderngweil ich die Wahrheit in dieser Sache zu Tage gefördert wissen will. Aber noch ein Moment möchte ich erwähnen: Der Herr Präsident wird vom neu ergänzten Vorstände bald wieder zum Präsidenten gewählt werden und damit wieder zur Macht gelangen. Einem alten Brauche zufolge übt derjenige, der zur Macht gelangt, Werke der Amnestie, des Wohlwollens und ich möchte dem Herrn Präsidenten empfehlen, auch sein Amt in dieser hehren Weise voll zu erfassen und wünsche, nicht mehr, als daß der Fall Dr. Fink einer genauen Prüfung unterzogen werde, um den Mann vor weiteren Fehlwegen zu bewahren, die Kultnsgemeinde vor weiteren Verdrießlichkeiten zu schützen. Lassen Sie mich die Gelegenheit ergreifen, Ihnen, meine Herren, die mich jetzt so lange angehört haben, meinen Dank für alles Wohlwollen aussprechen und damit die Bitte verbinden, mir ein angenehmes Andenken bewahren zu wollen. Präsident Herr Dr. Alfred Stern konstatiert, daß die K 450— an Herrn Dr. Fink im Jahre 1904 aus dem Konferenzkonto ausdrücklich nur mit Rücksicht auf die arme Familie des Dr. Fink und nicht als Remuneration bewilligt wurde. Redner habe bereits vor der Sitzung Herrn kaiserl. Rat Pollak über die ganze Sache aufgeklärt und er lege Gewicht darauf, daß in der Oeffentlichkeit die Worte des Präsidenten nicht unwidersprochen als unrichtig bezeichnet werden. Vizepräsident Herr Dr. Gustav K o h n stellt in dieser Sache kurz fest, daß Herr Dr. Fink sich an alle möglichen antisemitischen Persönlichkeiten, wie z. B. an Herrn Dr. G e ß m a n n, Abt S ch m o l k/ Vizebürgermeister Neumayer sowie an verschiedene andere gewetldet habe, um sie gegen die Kultusgemeinde zu mobilisieren. Nur an ein Forum habe er sich nicht gewendet und das ist der Wiener Kultusvorstand. Herr Dr. F i n k stehe auf dem Standpunkte, daß er dem Vorstande eine Gnade erweise, wenn er sich mit ihm auf Friedensfuß stellt. Zum Budget sprechen dann Herr kaiserl. Rat Jonas Weil, der den Voranschlag unterstützend, eine Reform des Religionsunterrichtes und des Armenwesens urgiert. Ebenso sei die Errichtung des Pflegeriiinenheims und eines Kinderspitals dringend notwendig. Nachdem Herr kaiserl. Rat Pollak in persönlicher Bemerkung betont, daß es ihm nicht eingefallen sei, den Präsidenten einer Unwahrheit zu zeihen, erklärt sich der Präsident bereit, die Affäre F i n k in irgend einer Form vor eine statutarisch allerdings nicht vorgesehene Kommission zu bringen. Auf eine Interpellation des Herrn Dr. Berger, weshalb für den Bau der Talmudthoraschule im Budget kein Betrag ausgenommen tvurde, antwortet Vizepräsident Herr Dr. Gustav Kohn, daß ursprünglich geplan war, noch einen Betrag für das Jahr 1906 einzusetzen, und da dies nicht mehr möglich sei, so werden aus den Reserven oder aus der Goldschmid-Stiftung 25.000 bis 30.000 Kr. nach vorangenommener Genehmigung des Vorstandes entnommen werden. Diese Schule hat eine hohe kulturrette Bedeutung, sie ist die beste die wir haben. In Anerkennung dieser Tatsache haben Rotschild 50.000 Kr., David Ritter von Guttmann 25.000 Kr. nebst einer großen separaten Stiftung gewidmet. Es bestehe die Hoffnung, daß auch Baron Springer dieser isa S. MtttrUmch sa Ullen. I.. Bober Man» Rr. r (Palais Siua) Zentmm der Stadt Sodbrennen, Ausstößen re. leiden. »eschwerden. Neben... iden, unentbehrlich. Aff" Preis per Schachtel 60 Heller. "WG

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