Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 90 (28.12.1906)
- Date
- 1906-12-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Rr. 90 Nationalzeitung Seite 3 . außerhalb Palästinas und der Nebenländer sich nicht befassen darf. Mit diesem Beschluß haben die Chowewe-Zion ihr längst gehegtes Ideal erreicht — sie haben die Territörialisten, Uaandisten und einen großen Teil der politischen Zionisten aus der Partei verdrängt, damit sie dann umso ungestörter ihren chowewe-zionistischen Träumen nachgehen können. . . . Mit Schmerz und Wehmut mußten die besten Elemente der zionistischen Organisation zusehen, wie das Werk Herzls, welches mit sovielen Opfern aufgebaut wurde, von den unsanften Händen der alten Heinde des Territorialismus, den Chowewe-Zion zerstört wurde. Aber es blieb ihnen kein anderer Weg als das zerstörte Werk frisch aufzubauen, unter der Führung Zangwills begründeten sie in Basel die Jüdisch Territorialistische Organisation (J.T.O.) (Fortsetzung folgt.) - zweiten Spalte angegebene Höhe gestiegen. Danach hat es den Anschein, als ob die Kosten des Lebensunterhaltes in Amerika nicht in demjelben Maße gestiegen sind, wie die Löhne. Argentinische Eisenbahnen. Argentinien verfügt bereits über ein großes Eisenbahnnetz, das die entfernteren Provinzen und Terrst torien mit der Bundeshauptstadt und den Häfen verbindet. Auf diese Weise ist es möglich, auch aus den entfernteren Provinzen die Produkte auf den Hauptmarkt zu bringen. Die Eisenbahnen gehören zum größten Teil ausländischen Gesellschaften, hauptsächlich englischen und französischen. Das von den Engländern in argentinischen Eisenbahnen angelegte Kapital erreicht jetzt die Höhe von 120 Millionen gleich 2.400.000 000 Mark. Von den Franzosen sind bisher ebenfalls zirka 100 Millionen Mark in argentinischen Eisenbahnen angelegt worden. Allswandermgsangelegenheiten. Lohne und Koste» der Lebenshaltung in Amerika. Nach den Berichten der Gewerkschaften im Staate New-Aork verschafften die Lohnbewegungen im Jahre Oktober 1904 bis September 1905 etwa 35 000 organisierten Arbeitern eine Lohnerhöhung von im ganzen 6^ 200 $ pro Woche, d. h. auf den Kopf 185 $ (7 80 M; nur 286 erlitten eine Einbuße von allerdings je 3 96 $ (16 65 M.). Im ganzen war der Gewinn durchschnittlich ein reck-t ansehnlicher. An ihm waren jedoch die Bauarbeiter allein zu V» beteiligt, und das erklärt diese gewaltige Steigerung. Diese Statistiken leiden aber, wie das letzte Bulletin des Arbeitsamtes des Staates New-Aork sagt, stets an dem Mangel, daß weder die höheren Stücklöhne, noch die etwas höher bezahlte Ueberstundenarbeit in Ansatz gebracht wird. Betrachtet man nämlich den Verdienst aller Gewerkschaftler, so kommt man zu einer Steigerung des Einkommens von 2 76 $ (1160 M. ) pro Tag im Jahre 1904, auf 2 91 $ (12 25 M.) im Jahre 1905. Das bedeutet gegen die Lohnhöhe des Jahres 1897 (2 56 $) einen Zuwachs von 137%. In demselben Zeitraum nahm der Beschäftigungsgrad außerordentlich zu; die Zahl der Arbeitstage wuchs von 227 auf 272. Unter Benntzuug dieser Zahlen findet man den jährlichen Verdienst im Jahre 1897 zu 581$', 1905 dagegen zu 791 $. Das entspräche in den 8 Jahren einer Steigerung von 36%. So groß also auf den ersten Blick die Steigerung des Lohneinkommens auch anssehen mag, so ist sie doch nur durch wirklich mehr geleistete Arbeit erkauft! Nun hängen die Kosten der Lebenshaltung natürlich in erster Linie von den Kleinverkaufspreisen ab. Diese wechseln aber von Stadt zu Stadt und von Laden zu Laden, sodaß es schwer hält, für ihre Erfassung eine statistische Grundlage zu finden. Das Arbeitsamt der Vereinigten Staaten hat jedoch eine sich über die Jahre 1890 bis 1903 erstreckende Untersuchung der Kleinverkanfspreise angestellt, die sich allerdings nur auf Lebensmittel-Stapelartikel beschränkte. Dabei ergab sich, wi»' voranSzusehen war, daß die Kleinhandelspreise nicht immer den Großhandelspreisen folgte», daß namentlich ein Fall der letzteren die Kleinverkaufspreise meist nur sehr unvollkommen nachzieht. Setzt man z. B. den Durchschnittspreis im Großhandel für das Jahrzehnt 1890/99 gleich 100, so betrug er 1896 nur 84, »nährend der Kleinhandelspreis von 100 nur auf 96 fiel. Auch übernormale Preislagen pflegen durch den Kleinverkauf ausgenutzt zu werden. Auf Grund der in genannter Weise entstandene» Zahlen ergibt sich von 1897 auf 1905 eine Steigerung des Großhandelspreises um 29 2 % die auch für andere Gebrauchsartikel gilt. Nun hat das Arbeitsamt des Staates New Jork aus den Haushaltungsrechnungen von 11.156 durchschnittlich mnfangreichen Arbeiterfamilien Berechnungen vorgenon men. deren Hauptergebnisse in der folgenden kleinen Uebersicht zusamniengestellt sind. Von den Ausgaben einer Familie entfielen danach: auf Prozent Kosten 1905 (1697 - 100) Lebensunterhalt. 431 130 5 Kleidung. 130 122 9 Heizung und Beleuchtung 5 7 133 6 DohnungSmiete.181 129 2 Verschiedenes...... . 201 1292 100-0 1292 Setzt Man die Preise für daS Jahr 1897 auf 100 an, so waren sie 190b auf die in der Zur Wahlbewegvng in Rußland. Petersburg. Der Termin für die Dnmawahlen ist schon festgesetzt. Alle Anzeichen sprechen dafür, daß die nächste Duma ein fast durchwegs reaktionäres, gefügiges Werkzeug der Regierung bilden werde. Die Juden setzen auch sehr geringe Hoffnungen auf die Duma, welcher bekanntlich auch die Behandlung der Judenfrage obliegen soll. Smolensk. Der Vizepolizeimeister unserer Stadt ließ vor einigen Tagen 30 einflußreiche Juden einladen, um ihnen folgendes zu ererkltz.' en: „Ihr Juden müßt bedenken, daß ihr in Smolensk und nicht in Wilna lebt. Smolensk liegt außerhalb der „Tfcherta" und wollt ihr hier weiterwohnen, so gebe ich euch den Rat, euch nicht in fremde Angelegenheiten zu mischen und euch an der Wahl nicht zu beteiligen. Werdet ihr aber meinem Rate nicht folgen, so ist eures Bleibens in Smolensk nicht." Diese „Warnung" hat den meisten Smolensker Juden tatsächlich einen solchen Schreck ^ingejagt, daß die meisten selber sich an die Stadtbehörde wandten, um sie von ihrem Wahlrechte zu — befreien Vor einigen Tagen kam ein älterer Jude zum Bürgermeister und ersuchte ihn, ihm „seine Stimme wegzunehmen". Als der Bürgermeister erklärte, daß er zu einer solchen Maßregel kein Recht habe, memte der alte, erschrockene Jude: „Geben Sie mir wenigstens einen Rat, wie ich die Stimme loswerde!" ,. . Unser Verhältnis )\\ Rußland. In seiner jüngsten Delegationsrede kam der Delegierte, Abgeordneter Dr. Straucher auch auf das Verhältnis unserer Monarchie zu Rußland zu sprechen. Wie nicht anders zu erwarten war, benutzte Dr. Straucher die Gelegenheit, um für unsere unterdrückten Brüder in Rußland seine Stimme zu erheben. Der diesbezügliche Teil seiner mit großer Aufmerksamkeit angehörten Rede lautet; „Wenn ich nun noch eine Frage bespreche, nämlich unsere Beziehungen zu Rußland, will gerade ich speziell betonen, daß ich, obgleich ich ein Sohn jenes Volkes bin, dessen Volks- und Glaubensgenossen in Rußland rechtlos sind und zu Tausenden und Abertausenden brutal hingemordet und hingeschlachtet wurden, die von Seiner Exzellenz noch als Botschafter in Petersburg angebahnten herzlichen Beziehungen zu Rußland aufrichtig begrüße. Ich tue dies aus allgemein politischen und namentlich aus wirtschaftlichen Gründen. Wir müssen erwarten, daß Rußlaiid sich endlich seiner Mission als moderner Staat, der auf Zivilisation Anspruch erhebt, erinnern und den menschlichen, den unabänderlichen Sittell- und Moralgesetzen Rechnung tragen wird Sie wissen ja alle, meine lehr geehrten Herren, das verflossene Jahr war ein Jahr, buchstäblich getränkt mit jüdischem Blute und ein entsetzliches jüdisches Blutbad — jenes in Siedlce — hat auch das ablaufende Jahr abgeschlossen. Die Greuel von Kischinew, Homel, Odessa, Bialysiok und Siedlce bilden im XX. Jahrhundert tiefbeschämende Ereignisse. Ein grauenhaftes Menschenmorden muß es genannt werden, was sich nun in Rnßla>»d seit zwei Jahren abspielt. Im XX. Jahrhunderte flössen Blutströme in einem zivilisierten Staate Europas! Faßt man diese Entsetzlichkeit? Und wenn Seine Exzellenz der Herr Delegierte Gras Schönborn vorhin warme Worte gegen die angebliche oder wirkliche Verfolgung einer Kvitfession in einem anderen Staate (Frankreich) gefunden hat, so frage ich ihn: Warum hat er nicht auch Worte der Verurteilung dieser barbarischen Menschenschlächtereien und Greuel in Rußland im XX. Jahrhundert gefunden? (Delegierter Pastor: Davon sprechen Sie!) Ja, geehrter Herr Pastor, ich warte auch nicht, bis es andere tun, denn da könnte ich lange warten! Das ist auch keine Frage einer Konfession, keine Frage eines einzelnen Volkes! Oder gibt es, Herr Pastor, Menschenmorde wegen der Konfession? Die Greuel, die ich bespreche, bilden eine Frage der Sittlichkeit, der Moral, der Menschlichkeit, der Gerechtigkeit und Menschenwürde! Die brutale, nackte Gewalt, bei der Rußland seine „schwarzen Banden", seine „schwarzen Brüder", die „anderen Horden", oder wie sie imnler heißen mögen, mobilisiert hat, rechtfertigt noch lange nicht, daß Tausende und Abertausende von Menschenleben erbarmungslos hingemordet wurden. Die offizielle Liste weist nach, daß in diesen „Pogroms" nicht weniger als 21.000 Menschen einen entsetzlichen Tod fanden, und da erhebt sich keine Stimme in Europa, keine einzige Stimme in' den zivilisierten Staaten! Wenn die Angehörigen anderer Völker im russischen Reiche die Unterdrückung und Verfolgung nicht mehr zu ertragen vermögen, dann fliehen oder kehren sie in ihre Heimat zu ihren Volksgenossen zurück, da finden sie ibr Heim, Ruhe Mitleid, Förderung. Was sollen aber die Juden in Rußland tun? Selbst in den ruhigsten Zeiten leben sie unter den drückendsten Ausnahmszuftänden. Wie Sklaven sind sie in ein sogenanntes Ansiedlungsgebiet, in einen großen Käfig, gezwängt, und von Zeit zu Zeit werden die wilden Horden Bestien gleich auf die zitternden Sklaven losgelassen, unter denen dann fürchterliche Blutbäder angerichtet werden. Selbst in normalen Zeiten kennen unsere Brüder in Rußland keine ruhige Stunde. Das Leben genießen sie zu 5 %, gemordet werden sie zu 95%. Und wenn es dem russischen Juden gelingt, den blutdürstigen Bestien zu entrinnen, die Grenze zu überschreiten, dann steht er erst recht schutzlos da! Sein Volksstamm vermag ihm nirgends ein Heim, nirgends die Ruhe zu sichern. Wie ein Verbrecher muß er durch die europäischen Einwanderungsverbote und Durchzugsvorschriften schlüpfen, um irgendwo jenseits des Meeres durch die Gnade eines Einwandernngskommissärs landen zu dürfen. Aber auch diefi Möglichkeiten werden immer geringer! Und das Morden der Juden will kein Ende nehmen! Wohin soll sich der verfolgte, von Ort zu Ort, von Staat zu Staat getriebene Jude wenden? Diese Frage muß einmal gelöst werden und gerade weil wir herzliche, freundschaftliche Beziehungen zu Rußland a gebahnt haben, eben weil Seine Exzellenz, nufer gegenwärtiger Herr Minister des Aeußern einem freisinnigen deutschen Geschlechte angehört, weil er kraft seiner ehemaligen Akkreditierung bei der russischen Regierung die dortigen Verhältnisse aus eigener Anschauung kennt, weil er dort intime Beziehungen unterhält, eine porsona gratissima ist, appelliere ich an ihn als Menschen, als Christen, als modernen Mann, daß er seine Stimme erhebe und bei der russischen Regierung in entsprechender Weise vorstellig werde, daß diesen Menschenschlächtereien Einhalt getan werde. Ich will, meine Herren, nachdem die heutige Sitzung bereits 8 Slunden andauert, den Gang der Verhandlungen nicht weiter verzögern und schließe, indeur ich erkläre, daß ich für den Etat des Ministeriums des Aeußery stimmen werde, mit der neuerlichen Bitte, Seine Exzellenz möge , aus Menschlichkeit und Gerechtigkeit meinen dringenden Appell gütigst beherzigen. (Beifall.) Politische. Die Weihnachtshetrachtungen der öfter«« reichischen Presse aller Nationalitäten gipfelten in der von uns bereits wiederholt vertretenen Anschauung, daß die Färbung des neuen österreichischen Parlamentes eine vorwiegend konservativ-christlichsoziale sein wird. Alle Bestrebungen, die auf eine Fusion, respektive Einigung der deutsch-„freiheitlichen" und tschechisch-.,freisinnigen" Gruppen gerichtet find, haben ihren letzten Grund in der Furcht vor dem Amvachsen des Klerikalismus