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Nationalzeitung · 1906-12-28 · Heft 90 (28.12.1906) · p. Seite 2

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 90 (28.12.1906)
Date
1906-12-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Nationalzeitung Nr. 90 sie dahin zu beurteilen haben, ob sie vom Gesichtspunkte der jüdischen Interessen entsprechend sind oder nicht. So wird die Kommission z. B. sich bei Beurteilung des oft afrikanischen Anbotes über die Bedeutung der schwarzen Bevölkerung zu äußer» haben,' welche von einigen als eine schädliche Erscheinung dargestellt wirb, die geeignet erscheint, die normale Entwicklung jüdischer Arbeit nachteilig zu beeinflussen. Hieraus eht es klar hervor, daß die politischen Verandlungen nicht zu den Prärogativen der „Geographischen Kommission" gehören, sondern nach wie vor dem Londoner Conseil obliegen. Wir sind auch in der Lage milzuteilen, daß die Arbeit der „Geographischen Kommission" rasch vorwärts schreitet, Liverpool. Hier hat sich eiu neuer territoriallstischer Verein gebildet. Er führt den Namen „Die Arbeiter Jto" und hat den Zweck den Territorialismus unter den jüdischen Arbeitern zu propagieren, ferner die Fortbildung der jüdischen Arbeitermassen zu fördern. Zu letztgenanntem Zwecke hat der bereits 90 Mitglieder zählende Verein eine Lesehalle und Bibliothek eingerichtet, sowie Vortrags- und Uebungskurse für die Vereinsmitglieder eröffnet. Der Verein hat sich auch die Verbesserung der Lage der jüdischen Einwanderer in England durch Arbeitsvermittlung rc. zur Aufgabe gestellt. Manchester. Hier entfalten die Territorialisten eme sehr rege Tätigkeit. Es bestehen hier drei territorialistische Vereine. Der größte dieser drei Vereine, zu welchem die reichsten Juden gehören, zählt 500 Mitglieder und besitzt sein eigenes Haus. Mr. Langdoc, Präsident der Handelskammer, wurde bei der jüngsten Vorstandswahl zum Präsidenten dieses Vereines gewählt. Der zweite Verein „Am Israel" wurde erst vor einigen Monaten gegründet und zählt heute bereits 200 Mitglieder. Ihr Lokal erhält den Namen „Herzl Hall", um auch dadurch zu beweisen, daß die Territorialisten ihre Arbeit dort fortsetzen wollen, wo sie Herzl begonnen hat. Dieser Verein erhält auch verschieden^ Kurse und veranstaltet Diskussionsabende. Das größte Interesse wird den Kursen aus Geschichte entgegengebracht, welche ebenfalls mit Diskussionen verbunden sind. Es besteht auch ein dritter Verein territorialistischer Arbeiter, welcher seine Zusammenkünfte ebenfalls in der „Herzl Hall" abhält. Tiflis. Hier hat sich ein Verein gebildet, dessen Zweck es ist. die Territorialisten, Zio» nisten und unparteiischen Juden zu vereinigen. Der diesbezügliche Punkt des Statuts lautet: „Gemeinsame Arbeit mit allen Institutionen und Organisationen, welche die Gleichwertung des jüdischen Volkes mit den übrigen Nationen fordern und die Erwerbung der Selbständigkeit im eigenen Lande für das jüdische Volk anstreben." Sowohl die Zionisten als auch die Territorialisten bleiben trotz ihres Eintrittes in diesen Verein Mitglieder ihrer eigenen Organisation und haben dies auch durch die Bescheinigung ihrer eigenen Parteiabgaben nachzuweisen. Dafür aber verpflichten sich sowohl die Zionisten als die Territorialisten keinem anderen Tifliser Verein beizutreten. Zum Vorsitzenden wurde unser wackerer Gesinnungsgenosse A. N. Meckel gewählt. Filehne. In der hiesigen zionistischen Ortsgruppe hielt Dr. Jeremias-Posen einen mit großen Beifall aufgenommenen Vortrag über die jüdisch-territorialistische Organisation und ihre Ziele. Er erörterte namentlich die Beziehungen zum Zionismus und erklärte es für die Pflicht jedes Zionisten, an diesem großen Werk mitzuarbeiten, das historisch durch das Ostafrika strahlet, das Dr. Herzl dem Kongreß vorlegte, ja aus dem Zionismus hervorgegangen sei und für das lediglich wegen der Uneinsichtigkeit der Kongr-ß Majorität, die diese wichtigste Gegenwartsarbeit ablehnte, eine eigene Organisation geschaffen werden mußte. Entstehung und Realisierung des Territorialismus. lVortrag gehalten von SKR» Schmidt in der konstituierenden Versammlung der Wiener Territorialisten.) II. Wir treten in die Periode des politischen Zionismus. Herzl organisiert die Zionistenkongrrsse, durch welche er die Judenfrage auf die öffentliche Diskussion stellt. Breite Kreise der jüdischen und christlichen Wett werden sür die Jndenfrage interessiert. §erzl erzielt Audienzen bei den mächtigsten otentanten und politischen Persönlichkeiten, welche lyn ihrer Sympathien für den Zionismus versichern. Parallel mit der politischen Tätigkeit Herzls werden die zionistischen Finanzinstrumente geschaffen — die Jüoische Kolonialbank und der Jüdische Nationalfond wurden begründet. Während die Bank als juristische Person zur Führung der Unterhandlungen und Erlangung des Charters dienen sollte, hätte der Nationalfond nach Erreichung des Charters den Boden aufzukaufen. In schneller Reihenfolge folgten 5 Kongresse nach einander: jeder Kongreß bedeutete ein Anwachsen der zionistischen Bewegung, eine Stärkung der zionistischen Organisation. Die Perspektiven einer radikalen und raschen Lösung der Judenfrage haben die großen jüdischen Massen dem Zionismus zugeführt — die zionistische Organisation wurde bald die stärkste unter allen jüdischen Organisationen. Der Charter ließ jedoch lange auf sich warten und mit ihm wurde bie. Möglichkeit einer raschen Lösung der Judenfrage in fernere Zukunft gerückt. Die Massen wurden ein wenig enttäuscht und abgekühlt, die aktiven Zionisten ließen in der Agitation nach, die Vereine schliefen vielfach ein, in der Organisation entstand eine kleine Schwankung. Diesen Moment erachteten die Chowewe Zion, welche innerhalb der Partei standen für gekommen, von der Organisation eine praktische Tätigkeit in Palästina zu fordern. Schon aus den früheren Kongressen haben die Chowewe Zion einen Ansturm aus den politischen Zionismus unternommen, Herzl und seine Anhänger haben jedoch den chowewe-zioni stischen Ansturm immer geschickt zurückgewiesen. Die Lage des jüdischen Volkes hat sich in-' zwischen vielfach verschlimmert. Kischenew erösfnete den Reigen der nunmehr nicht endenwollenden Judenexzesse. Herzt geht nach Rußland, wo er vom Elend und Jammer der russischen Juden erschauert wird. Wenn Herzl ohne die russische Judennot aus eigener Anschauung zu kennen, dieselbe als den Ausgangspunkt des Zionismus erklärte, wurde er jetzt in dieser Begründung des Zionismus noch mehr bestärkt. Unter diesen Auspicien tagte der VI. Kongreß in Basel. In seiner Eröffnungsrede, welche zugleich die letzte Kongreßrede Herzls werden sollte, und welche daher als sein politisches Testament angesehen werden kann, zeigte uns Herzl auf einer Seite die traurige und unhaltbare Lage des jüdischen Volkes in den Golusläudern. Mit besonderem Nachdruck machte er auf das jüdische Emigrationsproblem aufmerkiam und betonte die Notwendigkeit einer dringenden und politischen Behandlung dieses Problems. Auf der anderen Seite konnte Herzl von seinen diplomatischen Unterhandlungen mit den Mächten und dem Sultan nur berichten, daß dieselben trotz aller Sympathien, welche ihm und dem jüdischen Volke bekundet wurden, zu keinem praktischen Resultate geführt haben. Bestenfalls wollte der Sultan den Juden eine z e r st r e u t e, zusammenhanglose Kolonisation in verschiedenen Teilen des türkischen Reiches gestatten.' Herzl wurde nun vor die Alternative gestellt — entweder er wird Chow'we-Zion und leitet die jüdische Einigration nach den verschiedenen Teilen des türkischen Reiches, womit er die jüdischen Emigranten vom Regen in die Traufe bringt oder er bleibt seinem Prinzip der rechtlich gesicherten Heimstätte treu und schaut sich nach einem anderen Territorium um, welches für die Errichtung einer rechtlich gesicherten Heimstätte geeignet ist. Herzl lehnt das Alibot des Sultans als mit den Prinzipien des Baseler Programms unvereinbar ab und macht sich auf die Suche nach einem anderen Territorium. Herzl wird ein Landsucher! In, der Fortsetzung seiner Eröffnungsrede aus dem VI. Kongresse berichtet nun Herzl, daß er nach der Erfolglosigkeit der letzten Unterhandlungen in Konstantinopel und angesichts der wachsenden Not der Juden sich mit einigen Mitgliedern des britischen Kabinetts in Verbindung setzt und ihnen den Vorschlag einer Landkonzession für die Sinai-Halbinsel unterbreitet, damit dort eine Ansiedlung sür das jüdische Volt begründet werden kann. Mit Erlaubnis der egyptifchen Regierung hatte Herzl bereits eine Expedition ausgesendet, um dieses Gebiet fachmännisch untersuchen zu lassen; aus ökonomischen sowie auch aus polhtischen Gründen konnte jedoch dieses Projett leider nicht realisiert werden. Die englische Regierung hat hierauf Herzl ein anderes Territorium in Uganda angeboten. Dieses Anbot hat Herzl dem Kongreffe unterbreitet und die Untersuchung, bezw. Annahme desselben empfohlen. Die Majorität des VI. Kongresses unter Führung Herzls hat sich für die Untersuchung dieses Projektes und Absendung einer Expedition nach Uganda entschieden, hiermit hat der Konreß das territoriale Prinzip anktioniert. Die chowewe - zionistische Minorität erblickte jedoch in dieser Sanktion eine Verletzung des mit ihnen vor ihrem Eintritt in die zionistische Organisation geschlossenen Kompromisses und eröffnete gegen das Ugandaprojekt den schärfsten Kampf. Der Charkower Putsch, das Ultimatum an Herzl, das Attentat auf Nordau in Paris, dar waren die Merkmale deS schmutzigen Kampfes, den die Chowewe-Zion gegen den Territorialismus im Ugandastadium geführt haben. Gegen alle parlamentarische Gepflogenheiten wollten die Charkower Herren Herzl zwingen das Votum des VI. Kongresses umzustoßen und das Ugandaprojekt zu begraben. Herzl war jedoch sowohl aus parlamentarischen als auch aus prinzipiellen Gründen zu diesem Schritte nicht zu bewegen. Schließlich. wurde bei einer Konferenz des großen Aktlvnskomitees in Wien der sogenannte „Wiener Frieden" geschlossen, wonach es bei den Parteien, denen es freisteht innerhalb der Organisation pro oder contra, Unganda zu agitleren. Der „Wiener Frieden" hat somit die Gleichberechtigung dieser zwei Parteien innerhalb der zionistischen Organisation anerkannt. Mit dem Tode Herzls wurde jedoch in den höheren zionistischen Regionen der territorialistische Damm weggeschwemmt und die chowewe-zionistische Flut konnte die zionistische Leitung ungehindert überschwemmen. Die Chowewe-Zion haben die zionistische Leitung usurpiert, die Partei- und Schekelgelder wurden für deu Kampf gegen die Majorität des VI. Kongresses verwendet, diese Majorität wurde überhaupt nicht anerkannt und die Beschlüsse des Kongresses nicht respektiert. Man ging sogar soweit den Anhängern Ugandas keine Schekel auszufolgen. Nachdem die „Chowewe-Zion auf diese Weise die Partei bearbeiteten" die Beschlüsse des VI. Kongresses mit den Füßen getreten und die Ugandisten oder Territorialisten durch Verweigerung des Schekels ans der Partei verdrängt haben und ihnen unmöglich machten, sich an den Wahlen zum Kongreß zu beteiligen, schritt man an die Einberufung des berühmten VII. Kongresses. Das Resultat der von dem chowewe-zionistischen Landeskomitee der russischen Landsmannschaft gemachten „Wahlen" war für die Eingeweihten leicht vorauszusehen. Die chowewe-zionistische Majorität wurde für den VII. Kongreß gesichert. Ueber die Qualität dieser Majorität könnte uns der Verifikationsausschuß des VII. Kongresses manches Interessante berichten! Und die Ugandaexpedition? Hier beginnt die größte Komödie des XX. Jahrhunderts. Die Vorbereitung und Ausrüstung dieser Expedition wurde der chowewe-zionistischen Palästina-Kommission übertragen! An der Expedition selbst beteiligt sich ein chowewe-Zionist reinsten Wassers Herr Witbnsch, der also einzige Jude in dieser Expedition, die für den Kongreß ausschlaggebend werden sollte und tatsächlich einen Bericht präparierte, der das Ujandaprojekt in den düstersten Farben darstellte. Vergebens kämpfte Zangwill mit einer Schar Territorialisten und politischer Zionisten für die Durchsetzung des Ugandaprojettes, oder falls dieses nicht geeignet sein sollte, für die Annahme einer Resolution, daß die britische Regierung um ein geeignetes Gebiet angegangen werden soll. Die küttstlich hergestellte chowewezionistische Majorität war allen Argumenten der Logik und auch des Gefühls nicht zugänglich und diese Majorität hat über die Geschicke des jüdischen Volkes entschieden, sie hat das Ujanda» Projekt in Bausch und Bogen abgelehnt. Um aber die kommenden Kongresse vor ähnlichen Projekten zu schützen hat die Majorität beschlossen, daß die zionistische Organisation mit Projekten

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