Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 89 (21.12.1906)
- Date
- 1906-12-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nationalzeitung Nr. 89 des folgenden Opponenten aber Huben diese alle vom exotischen Schimmer umwobenen Phrasen und Epitheta an, samt der Schale ganz bedenklich zu steigen und nachdem die Zuhörer noch eine kurze Weile die im blauen Aether gleich leichten Wölkchen zerfließenden Imponderabilien wehmütig verfolgt hatten, kehrten sie ruhig zur Mutter Erde zurück. Und nur zu rasch fanden sie, daß die prosaische Realität ihnen viel besser verständlich ist und konnten mit Faust erleichtert ausrnfen: „Du Geist der Erde bist mir näher!" Nachdem man nun von einem anderen Redner etwas über die rührende „Sympathie" des Sultans den Juden gegenüber noch zu hören bekam, wurde diesem Abende die.Krone durch einen Herrn' aufgesetzt, der es unternahm in durchaus wissenschaftlicher Weise den Begriff „Politischer Zionist" auseinanderzusetzen und diesem Begriffe jede Existenzberechtigung abzusprechen. Er hatte die Sache aber so wissenschaftlich angepackt, daß die Zuhörer vor lauter Wissenschaft nicht mehr wußten, woran sie eigentlich sind. Der Erfolg war durchschlagend Zunächst entfernte sich der Referent selber, ohne die Gäste durch das gewiß mit vielen ganz frischen Imponderabilien gewürzte Schlußwort zu beglücken; daun einige andere diesem weisen Beispiele und unter dem beständigen, gleichmäßigen Regen von verschieden „ismen" und „onen" leerte sich allmählich der Saal und nur die durch das Lokalpersonal künstlich herbeigerufene Dämmerung vermochte die gelehrten Ausführungen über „negative Jntensionen und positive Postulate" ein Ende zu setzen. Die letzten Gruppen verließen gestikulierend den Saal und mir schien, als ob ich in diesem geheimnisvollen, traumhaften Halbdunkel noch die verklärten Jmporderabilien sähe, wie sie in herrlichem Glanze erstrahlend, gleich Gretchens unsterblicher Hülle, ihrer Apotheose langsam zerstieben. Ich fürchte, daß nach der Beschreibung des so poetisch verlaufenen zionistischen Abends der Bericht über den Territoriallstischen etwas zu trocken ausfallen wird. Aber die Wirklichkeit ist leider nicht immer schön, und doch muß man mit ihr rechnen. Also, ruhig vorwärts! Nachdem der Referent den Territorialismus als eine aus deu historischen und momentanen Verhältnissen notwendig, folgende Erscheinung schilderte, ohne aber, dabei (und das ist, meiner Ansicht nach, sehr empfehlenswert) die schon etwas banal gewordenen Schreckensbilder aus Rußland den Anwesenden vor die Augen zu führen, ging er auf das so viel böses Blut machende Verhältnis der „Jto" zum Zionismus ein und suchte darzutun, wie die eine aus dem anderen konsequenterweise entstehen mußte. Gestützt auf diese nahe Verwandschaft, empfahl der Redner in warmen Worten den Anhängern beider Richtungen diealten Streitereien beiseite zu legen und Hand in Hand bei der Lösung der Judenfrage mitzuarbeiten. Am Schlüße betonte der Vortragende ncch, daß es gerade die orthodoxen Juden sind, welche die Bestrebungen der „Jto" unterstützen sollten, da es doch jedem klar sein muß, daß man auf eigenem Boden viel leichter die Religionsgesetze ausüben kann, als im Exil, wo der harte Konkurrenzkampf mit der stärkeren einheimischen Bevölkerung manchem beim besten Willen" es unmöglich macht. Die versöhnliche Tendenz des Referates drückte der ganzen nachfolgenden Diskussion ihren Stempel auf, so daß auch die anwesenden Zionisten die Notwendigkeit eines gemeinschaftlichen Vorgehens betonten, wenn sie auch natürlich mit dem „Jto"-Programm prinzipiell nicht einverstanden waren. Eine nicht unwesentliche Nolle bei diesen gegenseitigen Friedensversicherungen spielte übrigens das Auftreten eines ganz neuen Gegners, der sowohl die Zionisten, wie auch die Zwisten anzugreifen versuchte, Es war nämlich eine stattliche Anzahl von Arbeitern und Studenten bundistischer Färbung anwesend, die jede national-politische Forderung verdammten und vom marxistischen Standpunkt aus beiden Organisatiollen den Vorwurf machten, einen neuen Bourgeosie-Staat, folglich eine neue Leidensquelle für das jüdische Proletariat, gründen zu wollen. Mau hatte leider zu wenig Zeit, um diese unberechtigten Behauptungen gründlich widerlegen zn können (man plant deshalb, einen Jargon- Abend zu veranstalten); die Tatsache aber an und für sich, daß solche neue Fragen angeschnitten worden sind, wird gewiß von vielen begrüßt, da man der ewigen Auseinandersetzungen mit den Zionisten schon wirklich etwas überdrüssig wurde. Außerdem, glaube ich, sollte man wirklich einmal auch das Volk selber, und nicht bloß die Kabinettsautoritäten anhören. Der Abend verlies, dank der energischen Leitung des Präsidenten, in mustergiltiger Ordnung. Ich meine, es wäre ganz überflüssig noch irgend welche weiteren Bemerkungen über die zwei Veranstaltungen beizufügen. Jeder mehr oder weniger objektive Beobachter wird sofort die charakteristischen Merkmale beider Lager herausfinden und den zwischen den letzteren herschenden Antagonismus auf das lebhafteste bedauern. Aber . . . nur nicht verzagen! „bes extrZm63 ss wurrkent", sagen ja die Franzosen. Und wir wollen daher hoffen, daß diese beiden vorläufig auseinandergehenden Strömungen sich nicht nur berühren, sondern nachdem die für jede neue Idee unumgängliche Sturm- und Drangperiode durchgemacht ist, nachdem der Worte genug gewechselt sind. — sie auf dem Gebiete der Tat, der wirksamen Hilfe zum Wohle des Judentums zusammen völlig zusammenfließen werden. Zürich, den 1.9. Dezember 1906. Ing. Gins bürg. 4.bsit omen. (Zur Kolomeaer Landtagswahl.) Wenngleich in diesem Momente die Landtagswahl in Kolomea noch nicht vorüber ist, so kann doch deren Ausgang nicht dem leisesten Zweifel unterliegen, denn die Polen haben den ersten Versuch der Juden, einen Abgeordneten in der Tat zu wählen, in Keime erstickt. Ihr Machtwort befahl den Juden, in Kolomea ihre Stimmen einem allpolnischen Kandidaten, d. h. einem ausgesprochenen Antisemiten zu geben, und die Juden haben, wie immer bisher, Ordre pariert. In einer sogenannten Vertrauensmännerversammlung, will sagen in. einer Versammlung einiger weniger Mameluken, wurde der Beschluß gefaßt, für einen jüdischen Kandidaten nicht einzutreten. Daß infolgedessen Dr. Lpsar Zipfer, der jüdische Kandidat, von der Kandidatur zurückgetreten ist. ist nur selbstverständlich. Dr. Z i p s e r ist ein Kolomeaer Kind, er kennt seine Landsleute ganz gut und weiß, daß ein Kampf gegen die Macht der Polen und ihrer Sklaven, den Gewaltigen der Kultusgemeinden absolut aussichtslos ist. Er hielt es daher für ehrenhafter und angemessener, von der Kandidatur abzustehen, als schmählich durchzufallen. Hiermit ist also der erste Versuch der Juden, ihren Anteil an der Landespolitik geltend zu machen, von den Polen abgeschlagen worden. Daß aber die Teilnahme der Inden an der Landespolitik für sie eine Existenzfrage bedeutet, wird angesichts des Strebens der Polen nach Erweiterung der Landesautonomie sicherlich ohneweiters zugegeben werden. Von der Landespolitik aber haben die Polen ihre „jüdischen Konnationalen", wie sie A b r a h a m o w i c z stets augenverdrehend nennt, stets fernzuhalten ewußt. Von den 140 gewählten Mitgliedern es galizischen Landtages sind bloß vier Juden. Wenn man aber lediglich die Bevölkerungsziffer in Rechnung nimmt, so müßten, da die Inden den siebenten Teil der Gesamtbeoölkerung des Landes repräsentieren, m i ndestens zwanzig jüdische Abgeordnete im Landtage sitzen. Hierbei ist aber zu bemerken, daß die Polen in allen ostgalizischen Städtebezirken in verschwindender Minderheit find und ihre Abgeordneten nur mit Hilfe der jüdischen Stimmen durchdringen. Die Polen können einen plausiblen Grund für die Ausschaltung der Juden aus der Landespolitik gar nicht anführen. Sie geben sich auch keine Mühe, es zu tun. Sie stehen auf dem billigsten Standpunkte: „Der Jude muß!. .." Wenn speziell für die Wahl in Kolomea ein angeblicher bisheriger Besitzstand geltend gemacht und angeführt wird, daß das Landtags- Mandat stets in Händen des Bürgermeisterwar, daß es »lehr sozusagen als ein Attribut des Bürgermeisters angesehen wurde, so ist dieser Grund tatsächlich unrichtig, denn als sich der Fall ereignete daß für den gewesenen Landsmannminister Z i e m i a t k o w s k i ein Landtagsmandat nicht aufzutreiben war, wurden die Kolomeaer Juden kommandiert, ihn zu wählen, und flugs gehorchen sie Wenn aber aus dem Vorgänge bei der gegenwärtigen Landtagswahl in Kolomea auf die Gestaltung der Dinge bei den bevorstehenden Reichsratswahlen geschlossen werden soll, so sind die Aussichten der'Jnden recht trübe. Die Polen werden sicherlich wie bisher ihre ganze Macht (und diese ist leider sehr groß) aufwenden, um waschechte jüdische Polen ä llr S e i u f e l d rc. durchzubringcn. Leisten ihnen die Juden weiter blind Gefolgschaft und tanzen sie auch weiter nach der polnischen Pfeife, dann ist es für die jüdische Sache für lange hinaus schlimm bestellt. Darum wünsche und hoffe ich: ^bmt omen! Die neugegründete jüdisch-politische Organisation möge sich gut umschauen, ehe sie bindende Beschlüsse faßt. Das bisherige Verhalten der Polen und die jüngste Landtagswahl in Kolomea mögen ihr als warnende Signale dienen. Wohl ist S t r a u ch e r s Wort: „Wir Juden sind keineswegs Feinde des polnischen Volkes" wahr; das polnische Volk ist aber leider unser schlimmster Feind. Sein Verhalten zu uns läßt darüber keinen Zweifel aufkommen. Und die Schrift sagt: „Nach ihren Taten sollt ihr sie richten!" Trotz dieses Ansspruches Strauchers ist sein Wunsch, die Polen mögen auch uns unsere Vertreter frei wählen lassen, weder in B r o d y noch in Kolomea erhört worden. Möge er sich hierdurch gewarnt sein lassen!! Drum nochmals: Äbsit omen! Sereth, den 14. Dezember 1906. Dr. Isaac K o h n. Cm jüdisches Gymnastum in Ludavest. Die Repräsentanz der israelitischen Gemeinde hielt vorigen Sonntag eine außerordentliche Generalversammlung ab, ans deren Tagesordnung das zu errichtende israelitische Gymnasium und die Wahl eines Ausschußmitgliedes standen. Präsident Hofrat Dr. Philipp W e i nm a n n unterbreitete die Angelegenheit des zu errichtenden Gymnasiums. Für diese Anstalt stehen die Anton F r e y ft ä d t l e r sche Stiftung im Betrage von 1,323.000 Kronen, die Alexander Wahrmann sche Stiftung, die samt Zinsen 824 000 Kronen beträgt und die Solomon T a u b sche Stiftung im Betrage von 163.000 Kronen, insgesamt daher 2.310.600 Kronen zur Verfügung. Das Gymnasiuin soll den Titel „Anton v. Freystädtlersches israelitisches Obergymnasium" führen und von einem Kuratoriuin geleitet werden, welches aus dem Freystädtler-Kuratorium und Vertretern der Pester israelitischen Repräsentanz bestehen soll. (Lebhafter Beifall.) *, Dr. Adolf Fenyvessy reicht ein Separatvotnm ein, da er die Errichtung eines konfessionellen G y m n^a s i u m s perhorresziere. Demgegenüber treten Dr. Wilhelm Grauer, Dr. Franz SzSkely und Abgeordneter Dr. Adolf L e i t n e r sehr warm für das zu errichtende Gymnasium ein. Präsident Dr. W e i n m a n n reassumiert den Verlauf der Debatte und e.rivähnt unter anderem, daß von den 165 Gymnasien Ungarns 63 römisch-katholisch, 44 staatlich. 28 reformiert, 22 evangelisch A. K., 2 griechisch-orientalisch, 2 unitarisch sind und 3 den Nationalitäten gehören. während es nur e i n jüdisches Gymnasium gibt, das jedoch auch keine selbständige Anstalt ist, sondern nur ein Annex des Rabbinerseminars bildet. Er empfiehlt nochmals die Errichtung des Gymnasiums. Die Repräsentanz faßte hierauf einhellig folgenden Beschluß: „Die Generalversammlung der Repräsentanz der Pester israelitischen Kultusgemeinde akzeptiert hinsichtlich der Modalität der Errichtung des Waschbar! Wasserdicht! Geruchlos! *g? Reform-ScMveplätter gsg