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Nationalzeitung · 1906-12-21 · Heft 89 (21.12.1906) · p. Seite 3

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Journal
Nationalzeitung
Volume
1906
Issue
Heft 89 (21.12.1906)
Date
1906-12-21
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 89 Nationalzeitung Seite 3 wohnten gestern Abend einer Versammlung der Jewish Colony Organisation, 62 East 4th. Street bei. Verschiedene Redner, die sich an die Versammlung in englischer, deutscher und jüdischer Sprache wandten, berichteten von dem Plan der Gründung einer jüdischen Kolonie auf einem großen Landstriche in Nassau County, direkt gegenüber dem Belmont Raee Track. Pläne zur Etablierung von 400 Heimstätten sind bereits vorbereitet worden und man erwartet, daß diese Heimstätten Anfang nächsten Jahres zum Beziehen fertig sein werden. Diese 400 teimstätten sind von Juden aus der ganzen tadt und von Long Island gekauft worden. Die Mehrzahl der Käufer kam von der Ostseite, wo, wie einer der Redner sich ausdrückte, „die Leute nach frischer Luft und Sonnenlicht verschmachten." Es ist die Absicht der Philantropen, die an der Spitze dieser Bewegung stehen, abgesonderte Heimstädten für 1685 Familien zu gründen. Die Förderer dieser Kolonie wollen diese Stadt zu einer Mnster-Municipalität machen. — Ansprachen sind gehalten worden von Morris Becker, Max H. Thuna, Max Welkowitz und Samuel Wolkoff, den Haupt-Organisatoren der Kolonie und Professor Beger. (New Jork Times.) Politische Rundschau. Bund der Deutschen in der Bukowina. In einem Aufrufe, den die Proponenten dieses neuen politischen Vereines in der Bukowina soeben erlassen, findet sich auch der folgende beachtenswerte Passus: „Der Bund der Deutschen, der Mitglieder aller Bekenntnisse umfaßt, betrachtet es als eine seiner wichtigsten Aufgaben, die Eintracht und das friedliche Zusammenleben aller Konfessionen zu erhalten und zu fördern und jedem- Versuch, den Samen des Unfriedens auszustreuen, in entschiedenster Weife entgegentreten." Wir zweifeln keinen Augenblick daran, daß es den Gründern dieses neuen deutschen Bundes wirklich ernst ist um den Frieden unter den Konfessionen, aber wir sehen nicht ein, warum dieser Friede nicht auch erhalten bleiben könnte, wenn die Juden sich nicht dem „Bunde der Deutschen", sondern der mit Erfolg arbeitenden jüdischen Partei anschließen'? Entstehung und Realisierung des Terrilorialismus. (Vortrag gehalten von M. Schmidt in der konstituierenden Versammlung der Wiener Territo- '» rialilten). Nachdem der Territorialismus bereits durch die ganze Welt seinen Siegeslauf gemacht hat, tritt Oesterreich als letztes in den Kreis der Länder, welche sich dem Territorialismus angeschlossen haben. Während aber in der ganzen Welt die Diskussion über Territorialismus bereits abgeschlossen ist, und man nunmehr organisatorisch und werbend arbeitet, gehen wir hier in Oesterreich erst daran, die Diskuisiöst über den Territorialismns zu eröffnen, um auch hier die Grundlage für eine territoriaUstische Organisation zu schaffen. Man ist in manchen Kreisen der Ansicht, daß der Territoriälismus uur ans dem Konflikte des VI., beziehungsweise VII. Kongresses hervorgegangen wäre, dem ist aber nicht so. Der Territorialismus ist in der Lage, auf eine 25jährige geschichtliche Entwicklung'hinzuweisen, und stellt das Produkt dieser Entwicklung und der jüdischen Wirklichkeit dar. Als vor ca. 25 Jahren die russischen Inden durch die von Jgnatiew inszenierten Pogrome aus ihrem Assimilationstaumel erwachten und gezwungen wurden, die traurige Lage des jüdischen Volkes mit offenen Augen anzuschauen, ist ihnen zum Bewußtsein gekommen, daß die Judenfrage nicht durch die Assimilation in den Golusländern, sondern nur durch die Selbstemanzipation auf einem selbständigen freien Territorium gelöst werden könne. Einer der hervorragendsten Geister der damaligen Zeitperiode, Dr. Leo Pinsker, hat schon damals die Lage der Juden in den Golusländern prophetenartig erschaut. In seiner denkwürdigen Schrift die „Autoemanzipation" hat Ptnsker dem jüdischen Volke die territoriale Lösung der Judenfrage gepredigt. Er hat richtig erkannt, daß die Hanptnrsache des Bestehens der Jndenfrage nur darin zu suchen sei, daß die Juden in der ganzen Welt zerstreut sind, überall nur machtlose Minoritäten bilden, und als solche den Majoritäten der autochtonen Bevölkerung ans Gnade und Ungnade ansgeliefert sind. Den einzigen Ausweg aus dieser abnormalen Lage hat Pinsker nur darin erblickt, daß man irgendwo auf dem Erdbälle einen Flecken ausfindig macht, auf welchem das in der Wanderung befindliche Judentum nach und nach konzentriert werden sollte. Er hat dabei entschieden davor gewarnt, sich aus ideologischen Motiven für ein bestimmtes Land zu entscheiden und plädierte nur für ein Land, welches aus realpolitischen und ökonomischen Gründen zu empfehlen sei. „Nicht ein heiliges Land", sondern ein „eigenes Land" brauchen'wir! rief Pinsker dem jüdischen Volke zu. Doch die damaligen „Vertreter" des Judentums, welche aus einer Mischung von Assimilation und Haskala hervorgegangen sind, sind auf dem Kattowitzer Kongreß, welcher sich im Jahre 1882 mit der Lösung der Judenfrage befaßte, dem Rufe Pinskers nicht gefolgt und haben Beschlüsse gefaßt, welche wohl ihre ideologische und mystische Veranlagung widerspiegelte, aber mit den realen Bedürfnissen der jüdischen Massen und den realen objektiven Verhältnissen nicht im Einklang waren. Der Kattowitzer Kongreß beschloß die jüdischen Massen nach Palästina zu leiten. Die Massen gingen jedoch dem gesunden Menschenverstände folgend, nach Amerika, in ein Land wo sie ihre realen Bedürfnisse nach Arbeit und Freiheit befriedigen konnten. Nach Palästina ging bloß ein Häuflein von Studenten, welche für das damals aufgestellte Chowewe-Zion-Jdeal begeistert wurden und diese Studenten legten den Anfang zur Kleinkolonisation in Palästina. Es enstanden das Odessaer Komitee und die Chowewe-Zion-Vereine in Europa. Wer die Protokolle des Odessaer Komitees und der übrigen Chowewe-Zion-Vereine genau verfolgt hat, der wird wissen, daß diese Protokolle eine einzige Geschichte von Unterstützungsgesuchen, Unterstützungsgewährungen und Ablehnung von Unterstützungen darstellen. Durch die Hilfe des Baron Rothschild, der für die Kleinkolonisation in Palästina zirka 50 Millionen Francs investierte, ist es gelungen in 25 Jahren 25 Dörfer mit einer Gesamtbevölkerung von 7000 Seelen zu begründen. Während der gleichen Periode hat sich in Amerika ohne jede Agitation, ohne Vereine, ohne Unterstützungen, ohne Millionen eines Rothschild eine arbeitslustige und arbeitskräftige jüdische Bevölkerung von zirka 2 Millionen Seelen gebildet. Während aber die 7000 Seelen in Palästina mit kleinen Ausnahmen noch immer auf Unterstützung angewiesen sind, leben die 2 Millionen Inden in Amer.ka von ihrer Hände Arbeit, und find nicht nur auf eine Unterstützung nicht an gewiesen, sondern unterstützen sogar ihre, in den Golus Ländern zurückgebliebenen Verwandten. Dem Beispiele des Baron Rothschild folgte bald ein zweiter jüdischer Baron, und zwar Baron Hirsch, der ebenfalls eine jüdische Kleinkvlonisation auf philantropischer Basis in Argentinien begründete. Doch weder die Palästinensische, noch die ärgentinische Kleinkolonisationen welche beide auf philantropischer und bürokratischer Basis anfgebaut wurden, konnten den Bedürfnissen der großen jüdischen wandernden Massen entsprechen. Immerhin bedeutete das Unternehmen des Baron Husch insoferne einen Fortschritt, als die Juden in Rußland sich in großen Massen bei den Vertretern des Varon Hirsch meldeten und ihre Bereitwilligkeit erklärten, sich als Erdarbeiter in Argentinien niederzulassen. Die Perspektive eines freien Lebens in der freien argentinischen Republik war für die jüdischen Massen in Rußland nicht minder ein Anziehungspunkt als die Aussicht auf Arbeit und auf eine sichere wirtschaftliche Existenz. Doch der enge Rahmen, ttt welchem Baron Hirsch die argentinische Kolonisation betrieb und die Mißwirtschaft seiner Administratoren, haben bald die Erwartungen der jüdischen Massen, welche sich nach einer breiten volkstümlichen Kolonisation sehnten, enttäuscht. Aber auch die chowewe-zionistische Kleinkolifation in Palästina hat, durch die desolaten politischen und wirtschaftlichen Zustände in Palästina sowie durch das im Jahre 1891 ausaegebene Jrade des Sultans (welches noch heute zu Recht besteht), das die Einwanderung der russischen Juden strenge untersagt, eine gründliche Enttäuschung erlebt. Den Chowewe- Zionisten ist es klar geworden, daß die Judeufrage auf dem Wege der Infiltration und Kleiukolonisation bei den im Lande obwaltenden Verhältnissen, eine Lösung der Judenfrage nicht herbeigeführt werden kann. Die chowewe-zionistischen Vereine sind langsam eingeschlafen, die Führer haben sich in die Einsamkeit zurückgezogen und vom ganzen Chowewe-Zionismus war nichts mehr zu verspüren. Dieser Zustand herrschte bis Mitte der 90er-Jahre, als plötzlich Dr. Theodor H e r z l durch die antisemitische Bewegung, welche damals durch ganz Mitteleuropa ihren Siegeszug hielt auf den jüdisch-nationalen Boden gedrängt wurde. Herzl schreibt den „Judenftaat", in welchem er, ohne Pinsker zu kennen und ohne von der jüdisch-nationalen Bewegung auch nur eine Ahnung zu haben, ganz intuitiv zu denselben Schlüssen kommt wie Pinsker, nämlich zur territorialen Lösung der Judenfrage. „Argentinien oder Palästina" fragt Herzl in seinem „Judenstaat". — Das jüdische Volk wird nehmen, was man ihm gibt und wofür sich die öffentliche Meinung entscheiden wird", antwortete Herzl. Aehnlich wie Pinsker in seinen „Auto-Emanzipation" hat Herzl in seinem „Judenstaat" ein rein territoriales Programm entworfen. Mit der Veröffentlichung des „Judenstaates" hatte Herzl seine Aufgabe als erledigt betrachtet, doch durch die lebhafte Diskussion, welche sich an diese Schrift knüpfte, wurde Herzl in den Wirbel der jüdisch-nationalen Strömung hineingerissen und ohne daß er es selbst merkte, wurde er Führer der von ihm durch seinen „Judenstaat" begründeten Bewegung. Als Herzl an die Einberufung des I. Kongresses schritt, sah er sich nach Parteien und Elementen im Volke um, auf welche er sich stützen und mit welchen er seine Organisation ausbauen könnte. Hier stieß er auf die ganz brachliegende Chowewe-zionistische Organisation. Herzl erblickte in ihr einen Ansatz für seine nenzubildende Organisation; die letztere erblickte in Herzl den kommenden Mann, der fähig wäre, dem toten Körper neues Leben einzuflößen. Die Chowewe-Zion haben kurz Herzl ihre Bereitwilligkeit erklärt sich ihm anzuschließen, falls er Palästina als das Territorium für seinen Judenstaat wählt. Die dichterische Veranlagung Herzls sowie seine taktischen und diplomatischen Kombinationen bewogen ihm, den Vorschlag der Chowewe-Zion zu akzeptieren und mit ihnen das Kompromiß zu schließen, welches später für beide Teile so verhängnisvoll werden sollte. Aus diesem Kompromiß ist das Baseler Programm hervorgegangen. (Fortsetzung folgt) Züricher Srief. (Zwei Vorträge.) Ich war immer der Ansicht, daß eine kleine Tatsache als Beweis viel mehr Wert hat, als die schönsten und längsten abstrakten Auseinandersetzungen. Und eben deshalb glaube ich die momentane Lage der beiden, das ganze Judentum so tief bewegenden Strömungen am besten dadurch zu charakterisieren, daß ich den Verlauf von zwei Vortragsabenden erzähle und dem Leser selber überlasse, die nötigen Konsequenzen daraus zu ziehen. Der erste Abend war von den Zionisten veranstaltet. Der Referent fing selbstverständlich ab ovo an, nämlich von der glorreichen Vergangenheit des jüdischen Volkes im heiligen Lande, streifte dann flüchtig die Gegenwart' in Form der zionistischen Arbeit in unserer alten Heimat, benützte diese seltene Gelegenheit, um die „Jto" kurzweg mit Hilfe der „historischeu Erinnerungen" und der „idealen Liebe zur Geburtsstätte unserer heldenhaften Väter" ab;nschlachten und legte schließlich in begeisterten Worten die Notwendigkeit, in Zukunft Palästina mehr Aufmerksamkeit zu schenken, dar. Mil voller Hand warf der Redner eine ganze Menge solcher wertvoller Imponderabilien auf die zionistische Schale, um sie durch diese eigentümlichen Dinge, „die nicht wiegen", zum Sinken zu veranlassen. Das war aber, wie aus der Natur der Sache selbst leicht zu ersehen ist, ein ganz hoffnungsloses Unternehmen, und schon der erste in die Diskussion eingreifende Redner erschütterte ganz das labile Gleichgewicht. Bei den ersten Worten

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