Nationalzeitung
- Journal
- Nationalzeitung
- Volume
- 1906
- Issue
- Heft 88 (18.12.1906)
- Date
- 1906-12-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr..Z8 r Mlstsyr und^auf.cher acherMAeite-der anü- Mitisch^Fltzgel mit Herrn. Ochuhmeftr-an,-her Spitze. Mwohl, nur die größten Kälber > wählen ihre Metzger , selbes. Unter suchen Umständen ist es natürlich, daßchen marxistischen Elementen jede?sozialistische Konkurrenz^ruppe unangenehm ist: und ( insbesondere jene sreisozralistischen Elemente, die zur Fahne Franz Oppenheimers sich bekennen. Der seinerzeitige Artikel, den die „Arbeiter-Zeitung" anläßlich des Erscheinens Franz Oppenheimers auf dem Basler Kongreß veröffentlichte, hatte einen.doppelten Zweck->E»nerfeits Franz Oppenheimer vor dem Nichtjuden als Zionisten zu denunzieren, anderseits den jüdischen Sozialisten als jüdisch-chauvinistischen Bourgeois hinzustellen«- Die entsprechende-Antwort darauf hqt Franz Oppenheimer -in feinem Buche „Das Grundgesetz der marxistischen Gesellschaftslehre" gegeben, die wie Donnerkeile auf die marxistischen Häupter niedersauste, und das ganze Netz von Entstellungen und Verleumdungen der monopolisierten -und geeichten Pächter des Sozialismus in Stücke rist. Wir sind ein geknechtetes Volk die Parias unter allen Völkern. Die überwiegende Mehrheit desselben gehört den Besitzlosen, den Ausgebeuteten an. Nimmer können wir daher auf Seiten der Herrschenden, der Unterdrücker stehem Und wenn es auch -wahr-ist, daß wir oftmals bei den sogenannten Verbrüderungen der Völker und den verschiedenen Freiheitskriegen leer ausgegangen sind, so geschah es nur deshalb, weil wir nicht so auftraten, sondern als Individuen uns zum Kaitvnenfnlter für andere hergaben. Aber das darf uns nicht abhalten, der Wahrheit eingedenk zu sein, daß wir auch unsere nationale Arbeit mit Erfolg nur verrichten können im Zeichen der Moderne; dann aber wird diese Arbeit für unser Volk zugleich auch eine bedeutsame Etappe auf dem Wege der Befreiung der gesamten Menschheit sein. («Freie Worte", Falkenau). Zur Wahlbervegüng in Rußland. Bialyftok. Hier wurden sämtliche jüdischen Versammlungen „bis auf weiteres" behördlich untersagt. Dieses Versammlungsverbot erschwert die Agitation zugunsten jüdischer Kandidaten ungemein. Minsk. Hier hat sich ein aus 50 Personen bestehendes allgemein-jüdisches Wahlkomitee gebildet, in welchem Vertreter sämtlicher jüdischer f.OxganisatiMen PW nehmem Das^MaMmitee mfr sichmtm keines der bestehenden lüdtschen aWiprogpamme *-uttb ist bestrebt, die ganze jüdische Wählerschaft der- Stadt zu gemeinsamer^Wahlprbeit zu vereinigen. Witebsk. Ein jüdisches - Arbeiterkomitee, zumeist Mitglieder der „jüdisch-sozialistischen Arbeiterpartei", erließ einen Wahlaufruf, in welchem hervorgehoben wird, daß die Juden ihm nationalen Rechte gleich anderen unterdrückten Nationen ersterben müssen. Die Juden .müssen in die Lage versetzt werden, ihr inneres Volksleben selbständig, ohne Einmischung fremder Nationen zu entwickeln, die Angelegenheiten ihrer Schule, Literatur, ihres Theaters, Kommunalwesens und auch ihrer Emigrationsbewegung selbständig zu regeln, was nur im Wege der nationalen Autonomie möglich ist. _ Rundschau. Kolowea. Wie wir berichteten, wurde der hiesige Advokat Dr. Lasar Zipfer für die demnächst stattfindende Ersatzwahl in den galizischen Landtag kandidiert. Also böses Zeichen für die kommenden Reichsratswahlen wird es gedeutet, daß der in der hiesigen jüdischen Gesellschaft sehr beliebte Kandidat infolge der Indolenz der jüdischen Bevölkerung und auch weil die Zentrale der erst jüngst gegründeten jüdischpolitischen Partei der Wahlbewegung ganz indifferent gegenüberstand, seine Kandidatur zurückgezogen hat. Die politisch weiseren Elemente Hallen dieses Verhalten der kompetenten Kreise in Wien und Lemberg für einen großen Fehler, der sich bei den Reichsratswahlen leicht rächen kann. Selbst Persien hat also früher eine Verfassung erhalten als Rußland. Das Amtsblatt „Habl Mattin“ teilt die Verfassungs- Urkunde mit, deren Bestimmungen jeden Zweifel beseitigen, daß sie für alle „persischen Untertanen" ohne Unterschied des Bekenntnisses und der Nationalität Geltung haben sollen. Die entscheidenden Artikel, welche sich auf die Nichtmoslemen beziehen, lauten wie folgt: „Art. 8: Alle die Landessprache redenden persischen Untertanen, sie mögen welcher Religion oder Abstammung immer sein, sind vor dem Gesetze gleich.— Art. 9: Jedem persischen Untertan ist volle Freiheit der Person gewährleistet. — Art. 11:- Die offizielle Staatsreligion ist der Islam schulischen Ritus'; die übrigen Religionen sollen Mer in der freien^ AnHübung ihrer Vorschrift^ und in der Verwaltung. ihrer Angelegenheiten in keiner Wtise beeinträchsigl.werden. — Art. Iß : Jeder persische Untertan hat das Recht, das iytn zusagende Gewerbe oder Handwerk auSzuübe». —.Art. 15: Der. Unterricht ist frei, jedoch darf dadurch den Rechten des Islam kein Abbruch geschehen. — Art. 19: Jeder persische Uiitertan, der dazu befähigt ist, kan,» öffentliche Aemter bekleiden. — Art. 20: Die Wohnstätte jedes persischen Untertans ist unverletzlich. — Art. 64: Alle. die Landessprache beherrschenden persischen Urstertanen sind zu Mitgliedern des Parlaments wählbar." _^_ Mef Ms Rütnäuie«. Bukarest, den 14. Dezember. Wer heute nach zwanzigjähriger Abwesend heit ins Land zurückkehrt, findet unser liebes Rumänien in politischer Hinsicht genau so, wie es vor zwanzig Jahren war. Besonders was die Juden betrifft. Bloß die Form und manche Namen sind andere, sonst blieb alles beim Altem Wie vor 40 oder vor 20 Jahren genügt es auch , heute als Judenfeind aufzutreten, um, als „Nationalist" und „Patriot" zu gelten. Theorien und.Ansichten, die schon tausend- , mal widerlegt wurden, tauchen wieder auf, obgleich selbst diejenigen,. hie sie verbreiten, von ihrer Lügenhaftigkeit überzeugt sind. Bekanntlich dürfen Juden — oder wie sie - das Gesetz nennt „Fremde" — nicht in den Dörfern wohnen. Die Begründung für dieses mittelalterliche Gesetz-ist, daß der Jude den kulturell stark zurückgebliebenen Bauer angeblich stark ausbeute, durch geistige Getränke vergifte u. s. w. Obgleich nun diese Angaben durch | die offizielle Statistik jährlich von neuem widerlegt werden, finden sie dennoch viele Gläubige, und der Antisemit, dessen „Aufgabe es ist, den kleinen Mann vor jüdischem Einflüsse zu schützen", versteht es, jedes kleinste oder größte Ereignis für seine Zwecke auszunützen und als „Retter des Bauernstandes" aufzutreten. So hat denn der jüngste statistische Ausweis festgestellt, daß infolge der traurigen'Zustände in Rußland im letzten Zeitabschnitte 2796 Juden Rumänien passierten, und daß 1026 noch gegenwärtig im Lande sich auf- Josef DLrenbourgs Sohn Hartwig — der .Vorname Hartwig ist eine Verdeutschung des Namens Hirsch und auch jener Hirsch (Zewi), der Großvater Josefs und Verfasser des hebräischen Dialogstückes „Die Weltbewohner", nannte sich zuletzt Hartwig —, Josef Dörenbourgs Sohn Hartwig .setzt als Orientalist die rühmliche...Gelehrtentradition der Familie fort. Er ist jetzt ein Sechziger. Der äußeren Erscheinung nach ein Gegenstück des Vaters, wie die Vergleichung ihrer beiden Bildnisse zeigt. Der Vater von jener ausgesprochenen Physiognomie der jüdischen Theologen in Deutschland während. der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts, bartlos, mit einem strengen Zug umdie schmalen Lippen des festgeschlossenen Mundes, mit Brillengläsern über den forschenden Augen. Der Sohn mit dichtem weißen Bollbart, hellen, nach oben gerichteten Augen, kurzgeschorenem Haar — schon fast ein Franzose und doch in Vielem den deutschen Ursprung nicht verleugnend, wie. er ihn auch nicht in seiner Gekehrtenbildung verleugnet, die er auf den Universitäten Gießen. Göttingen und Leipzig sich angeeignet hat. Trotz Allem also ein sujet mixte, aber nicht in dem zornig herabsetzenden Sinne, in welchem Bismarck einst sehr mit Unrecht im deutschen Reichstage das Wort dem Oppositionsführer Ludwig Bamberger zuschleuderte, sondern in dem großen Sinne der Freizügigkeit der Wissenschaft^ und ihrer kosmopolitischen Mission. Auch noch in einem engeren persönlichsten Sinne ein sujet mixte, penn Hartwig Dörenbourg holt sich aus Frankfurt als Gattin die Tochter des angesehenen Buch. Händlers Baer. Ganz in die Fußstapfen seines Vaters Josef tretend, wird Hartwig schon in jungen Jahren ein vielbeachteter Orientalist, ein Liebling Ernst Renan's, auf dessen Betreiben er von der französischen Regierung zur Durchforschung der arabischen Handschriften nach dem Eskurial,.entsendet wird. Auch er ist Mitglied des Vorstandes der Pariser Judengemeinde und des Präsidiums der Union universelle israelits, .auch er wird Mitglied per AkadeWe, und, erfreut sich einer unbestrittenen Autorität als Orientalist, als welcher er nicht blos eine umfangreiche schriftstellerisches, sondern auch eine anerkannte Lehrtätigkeit entwickelt. Das ist der nach Westen zeigende Zweig vom Stammbaume, der Familie Dernburg. Von ihm unterscheidet sich der nach Osten gekehrte Zweig in sehr dezidierter Weise. .Ein jüngerer Enkel jenes Hirsch (Zewi) Dernburg in Mainz, des Dichters der hebräischen Dialogkomödie „Die Weltbewohner", tritt zum Christentum Über. Bon ihm stammen zwei Söhne,. Heinrich und Friedrich. Der erstere studiert die Rechte, habilitiert sich an der juristischen Fakultät in Heidelberg, wird Pröfessor in Halle und dann in Berlin. Er ist jetzt 77 Jahre alt und gilt gegenwärtig als unbestritten erster Pandektist in Deutschland. Als Vertreter der Berliner Universität hat er lange im preußischen Herrenhause einen Sitz eingenommen. Sein jüngerer Bruder Friedrich, jetzt, im 73. Lebensjahre stehend, ist Schriftsteller und Journalist, war durch einige Zeit auch Mitglied des deutschen Reichstages. M Verfasser eines Romans „Die Oberstolze" zählt er zp den geachteten. deutschen Erzählern. Etwas von dem Geiste jenes Hirsch Dernburg ist aus alle Wernburgs übergegangen, nur hat er sich in den Pariser Nachkommen sozusagen anders krystallisiert als in den Berliner Abkömmlingen. Gelehrte im.Talmud und in der orientalischen Sprachwissenschaft dort, ein Rechtsgelehrter und ein Schriftsteller hier. Vielleicht, wenn man genauer Hinsicht, ist die geistige Brücke zwischen den Vettern in Paris und in Berlin nicht gar schwer zu erkennen. Vom Talmud zu den Pandekten ist der Weg nicht sehr weit, er ist es im Grunde "auch nicht von der SpWwlssenschäft zur'Schriftstellerei. . Aber zu Bernhard, dem Sohne Friedrich Dernburgs, dem gewesenen Bankdirektor und jetzigen Chef der. deutschen Kolonialverwaltung, geht der Weg schon'einigermaßen im Zickzack. Es ist ja, wenn man will, der Weg von der Mainzer Talmudschule ' zu dem Palais der Reichskanzlei in der Berliner Wilhelmssttäßer Allerdings über die Deutsche und die Darmstädter Bank, was im Grunde aber auch wieder, wenngleich nicht geradeaus, zu jenem Hirsch (Zewi) Dernburg, dem „Dichter und Kaufcktmn“ in Mainz zurückführt. Im 18. Jahrhundert, dem JahrhÜndert der Aufklärung, ist es gerade unter den Inden keine Seltenheit gewesen, baß Kaufleute zugleich Dichter oder Philosophen waren. Moses Mendelssohn war SeiMhändler und Philosoph, und in der alten Presläuer echtschule wohnte Moses Ephraim Kuh, der aufmänn und Dichter, der Freund LeMgS, von dem Berthold Auerbach in seinem ersten Roman erzählte. Auch in diesem Singe kann man mm sujets mixtes sprechen, und wed weiß, ob Bernhard Dernburg,' der Külonläldifektor, nichts auch, als er noch Bankdirektorwar, pöettsche Anwandlungen gehabt und' lyrische Gedichte gemacht hat. Es soll Mer den Bankdirektoren auch solche Käuze 'schon gegeben haben. Daß aber ein Mann an die Spitze der deutschen Waschbar! Wasserdicht! Geruchlos! 1083